Montag, den 27. September
1886
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O Das Vagabondenwesen.
I" einer der Sektionssitzungen der Naturforscher- Versammlung wurde üder das Vagabondenwesen vom Standpunkte der Medizin verhandelt. Inte« reffant sind Mittheilungen, welche hierbei Professor Mendel, Besitzer einer Berliner Privat-Jrren- Änstalt über die Ursachen des Bagabondenwesens machte. Er hat sich vor einiger Zeit behufs Beobachtungen rm Berliner Arbeitshause nach und nach 80 Bagabonden vorführen lassen und ihren Geistes- zustand untersucht. Es ergab sich hierbei folgendes: Bon diesen 85 Leuten waren 6 vollständig geisteskrank, 5 waren im hohen Grade schwachsinnia 8 waren Epilektiker, 14 litten an schweren chronischen Krankheiten und bei den übrigen 52 waren ohne Ausnahme Störungen der Geistesthätiakeit bei einigen sogar in sehr bedenklichem Grade zu erkennen., In den meisten Fällen ist der Alkohol- dieser Erscheinungen; einen Therl der Schuld hieran trägt aber auch die Mangelhaftigkeit unserer öffentlichen Einrichtungen. Herr Mendel hat mehrfach die Wahrnehmung gemacht, daß Leute, die nach überstandenem Gelenk- rheumatismus, Typhus u. s. w. als geheilt aus den Krankenhäusern entlaffen worden und sogleich m Arbeit getreten waren, zumeist ihrer Stellung wegen Arbeitsunfähigkeit wieder verlustig gingen und alsdann dem Bettlerthum anheim gefallen ,rnd. Wenn auch bei vielen Bagabonden Mangel an Erziehung, Ansteckung durch schlechte Beispiele die Ursache ihrer Vagabondage ist, so drängt sich angesichts der erwähnten Thatsachen die Noth- wendlgkeit auf, alle Personen, die sich der Land- streicherei, Bettelei u. s. w. schuldig gemacht haben, zunächst von dem Gerichtsarzte untersuchen zu laffen. Es ist nothwendig, alle Paralytiker, Epi- i leptiker, chronische Alkoholisten u. s. w. einer An-
। für Epileptiker zu überweisen. Wenn man emwendet, daß dies zu viel Kosten verursacben dürste, zumal diese Leute, als unheilbar, ihr ganzes Leben lang in diesen Anstalten zuzubringen haben, so ist zu erwidern, daß für die Insassen m den Arbeitshäusern so wie so die Provinzen zu sorgen haben und daß die Leute, die in epileptischen Anstalten untergebracht werden, mit geringen Zwischenräumen ständige Insassen der Arbeitshäuser sind. Wenn man die fortwährenden Transportkosten, die diese Leute verursachen, und außerdem in Er- wägung zieht, daß diese Menschen, wenn sie die Freiheit genießen, unaufhörlich das Publikum be- lästigen, ja oftmals beunruhigen, so dürften die durch das vorgeschlagene Verfahren erwachsenden Mehrausgaben für die epileptischen Anstalten sich ; ausgleichen. Es kommt noch hinzu, daß die be- j zeichneten Bagabonden sehr nützliche Mitglieder j für eine Jrrenkolonie werden dürften, daß sie sehr wohl zu leichteren Arbeiten in vortheilhafter Weise verwendet werden können und daß sie unter ärzt- | Ucher Aussicht und Pflege stehen. Ein derartiges ' Verfahren ist auch vom Standpunkte der Humanität ! geboten. Man darf niemanden bestrafen, wenn er | 91'^3 unzurechnungsfähig ist. Solche Leute müssen I lediglich der Heimathsbehörde überwiesen und ihr I Aufenthalt beschränkt werden. Im Weiteren müssen > aber auch Einrichtungen geschaffen werden, daß i Rekonvaleszenten nicht ohne Weiteres aus den i Krankenhäusern entlassen werden. * '
SW*, Bei dem bevorstehenden Quartalswechsel (1. Oktober 1886) werden die verehrlichen Abonnenten gebeten ihr Abonnement bei den kgl. Postanstalten rechtzeitig zu erneuern, damit in der Zusendung des Blattes keine Unterbrechung eintritt. Auf die nach dem 1. October erfolgenden Zeitungs-Bestellungen berechnen die Postanstalten eine um 10 Pfg höhere Gebühr.
Deutsches Aeich.
a ,,, , Berlin, 26. September.
* Ueber das Befinden des Kaisers und der Kaiserin laufen aus Baden-Baden fortgesetzt erfreuliche Nachrichten ein. Der Kaiser unternimmt bei schönem Wetter täglich Spazierfahrten.
* Im Befinden des Reichskanzlers Fürsten Bismarck ist, seitdem sich derselbe auf seinem Landsitz, Varzin, befindet, eine wesentliche Besser- ung eingetreten. Die Blätter melden, Fürst Bis- marck werde vor Ablauf des Jahres nicht nach Berlin zurückkehren.
* Der Beginn der ordentlichen Reichs- tagssession ist, wie es heißt, für den 22. Ro- vember in Aussicht genommen.
* Der ,Germania' ist heute vom Staatssekretär von Bötticher im Auftrage des Reichskanz- | lers folgende Berichtigung zugegangen:
„Die ,Germani<ü enthält in ihrer Nummer vom 21
Der Dom-allmejstrr von Fulda.
Eine Geschichte aus Fulda's Vergangenheit.
. (48. Fortsetzung.)
O, rote anders geartet war doch Herr Weiß, der liebe, treue, sanfte, bescheidene Herr Weiß! — Tilcyen fuhr erröthend zusammen, denn der, dessen Namen es eben in Verbindung soviel guter Eigenschaften heimlich genannt, kam eben die Freitreppe
Aber heute zog er sich nicht gleich wieder zuruck wre sonst, um ein Alleinsein zu vermeiden. Ne,n, das Beisammensein hörte ja morgen doch für immer auf, und so oft er sich auch gewünscht, aus dem Jägerhause fortzukommen, jetzt, wo die Trennung in Wirklichkeit nahe lag, da empfand er erst die ganze Wonne, mit dem geliebten Mädchen unter einem Dache zu weilen, die nun für immer vorüber gehen sollte.
„Ihr sitzt ja hier so allein?" begann er schüchtern.
„Ich höre dem Liede zu, das die Burschen singen", stammelte Trlchen beklommen.
Nun lehnte er sich schweigend an einen Baum- flamm, und das melancholisch gefärbte Volkslied, vas so recht mit seiner Stimmung harmonirte, er- klang weiter Wort für Wort verständlich:
I Dilchen stufte. „Ihr denkt wohl recht schlimm und niedrig von mir?" lächelte cs gezwungen nach I einer kleinen Weile.
„Ich — schlimm und niedrig von Euch?" Der Ausdruck seiner Stimme sagte mehr als die höchste Betheuerung.
„Ihr seid ja so ganz anders gegen mich geworden als früher," klang es mit leisem Vorwurf zurück. I „Als früher?" wiederholte er traurig. „Ach Gott, da hatte ich noch andere Illusionen. Da konnte ich mir noch imaginiren, daß wir unfern Lebensweg gemeinsam Hand in Hand —" Verwirrt und wie von Schmerz überwältigt brach er ab.
„Und sitzt freilich denkt Euer Sinn anders," jetzt liegt Euch nichts mehr an mir."
„O Tilchen" grollte er vorwurfsvoll, „Ihr wisset, daß ich Euch respektire und adorire, wie sonst Niemand auf der Welt, aber habt Ihr denn nicht selbst mit Euren schlimmen Worten jede Hoffnung mir genommen?"
„Und warum wollt Ihr denn'diese bösen Worte, die ich so oft und so bitter bereut habe, gar nicht vergessen?" klang es mit ausbrechendem Schluchzen zurück.
„Tilchen, Tilchen I Könnt Ihr mir denn gut
„Ach Gott, wie weh thut scheiden, Hat mir mein Herz verwund't, So trab' ich über die Haiden Und trauer' zu aller Stund'; Der Stunden der sind also viel, Mein Herz trägt heimliches Leiden, Wiewohl ich oft fröhlich bin. „Sollt' mich meines Lieb' erweqen. Als oft ein And'rer thut, Sollt' führ'n ein fröhliches Leben, Darzu ein leichter Muth;
Das kann und mag doch nit gesein; Gesegen' Dich Gott im Herzen, Es muß geschieden sein!" —
„taen’ Gott im Herzen, es muß geschieden sein! wiederholte er leise die letzten Worte, die ihm roehmüthig im Herzen nachhallten. Dann war Alles still, nur oben in den Kronen der alten Bäume flüsterte leise der Abendwind.
„Wollt Ihr wirklich morgen schon fort?" brach Tuchen endlich zaghaft das bange Schweigen.
„Ja, und es ist auch Zeit, Euch von meiner Gegenwart zu befreien. Ich habe Euch so lange schon mclestirt, es war freilich wider meinen Willen, aber verzeiht mir," sagte er unsicher.
! « ei”en Artikel, in welchem mitgetheilt wird, daß die f Entmündigung des Königs Ludwig von Bayern schon frü- - sem würde, wenn nicht der Reichskanzler ent-
. schieden diesem Plane widersprochen hätte. Er habe in die I Einsetzung einer Regentschaft gewilligt, nachdem die Ga- i feiten geboten waren, daß eine Aenderung in der Haltung I ^/"Zerischen Regierung dadurch nicht erfolgen würde." i entbehrt ;eder tatsächlichen Unterlage und
i beruht auf Erfindung, wie schon daraus hervorqeht, daß ! ??!*. bfi>er „Einwilligung" des Reichskanzlers in einer aus- i Mißlich inneren Angelegenheit Bayerns gar nicht die I Aede sein kann. Auf Grund des § 11 des Preßaesetzes
&bafhLehtf(5%9ieic§ 7- Mai 1874 ersuch/ ich die der .Germania die vorstehende Berichtigung in ihre Zeitung aufzunehmen. Der Stellvertreter des Reichs-
। kanzlers: v. Bötticher."
! tx.Ausbreitung der Cholera wird offiziös 1 geschrieben: „Seitens der Reichsregierung, welche unablässig ihr Augenmerk dem Fortbestehen der Epidemie tm südlichen und südwestlichen Europa Mgeroandt hat, sind bereits vor längerer Zeit die Bundes: egterunzen aufgefordert worden, mit dem Naherrucken der Choleragefahr diejenigen präpa« ^hlschen Maßregeln zu ergreifen, welche behufs einheitlichen Vorgehens im ganzen deutschen Reiche vor zwei Jahren seitens der in Berlin zusammen- berufen gewesenen Cholera-Kommission in Vorschlag gebracht worden sind. Diese Maßregeln sind bekanntlich sehr umfassend und tragen zugleich den sanitären roie den Verkehrs-Interessen vollauf Rech- nuna. Sie nehmen die Besitzung der Hauptein- ÖWfeHf.n mit AerPen in Aussicht, machen die Bildung ron Gesundheits:Kommissionen an jedem ^rte zur Pflicht, schreiben genaue Kontrolen der sanitären Verhältnisse vor, ordnen die Bereithaltung von Cholera-Lazarethen an, führen eine strenge Ueberwachung der ankommenden Schiffe ein, wen- den dem Verkehr auf den Eisenbahnen besondere Aufmerksamkeit zu u. s. ro., kurz, sie umfassen wohlerwogene Maßregeln, welche sowohl dem Einschleppen der Cholera von auswärts vorbev en, als auch der Weiterverbreitung der Epidemie, falls rUrolbem über unsere Grenze treten sollte, möq- Ilchst Einhalt thun können. Von einzelnen >un- desregierungen sind die betreffenden Bekanntmachungen nebst eingehender Belehrung des großen Publi- Nlms kürzlich erneut zur Kenntniß gebracht worden. Es unterliegt keinem Zweifel, daß unter dem ge- wisienhaften Zusammenwirken von Behörden und Privaten es auch diesmal gelingen wird, der Gefahr vorzubeugen und vor Allem jegliche Beun- ruhigung hintanzuhalten."
* Die Betriebsergebnisse deutscher
anfetct«, Dir «inspaUige Zette oder deren Raum 15 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.^