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JW 218.

Freitag, den 2^. September

1886

Fuldaer Jeitung

— mit der

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.0 Sozialdemokratie und Anarchismus.

Die sächsische Regierung begründete ihre Recht­fertigung der Verlängerung des über Leipzig und Umgegend verhängten kleinen Belagerungs­zustandes u. A. auf Nachweise über den Zu­sammenhang der Sozialdemokraten mit den An­archisten. Der sozialdemokratische Abgeordnete o. Vollmar bestritt im Reichstage die Existenz eines solchen Zusammenhanges, indem er behauptete, daß zwischen Sozialdemokratie und Anarchismus und zwischen den Zielen beider der denkbar größte Gegensatz vorhanden sei. Das ist richtig. In ihren letzten Zielen gehen Sozialdemokraten und Anarchisten soweit auseinander, als nur irgend möglich; sie stehen sich in ihren letzten Zielen diametral entgegen. Der Anarchismus ist der in das letzte Extrem getriebene Individualismus. Der Individualismus der Manchesterschule fordert freies Spiel der wirthschaftlichen Kräfte, indem er unter letzteren nur Kapital und Spekulationsgeist ver­steht. Die Anarchisten perhorresziren alle staat­lichen, kommunalen, gesellschaftlichen und Familien­bande. Von der Lösung derselben erwarten sie das Heil Aller, indem sie davon ausgehen, daß sich das Zusammenleben der Menschheit ganz von selbst nach großen Naturgesetzen regele, wie ja auch die Bäume des Urwaldes ohne gärtnerische Pflege gedeihen. Anders die Sozialdemokratie, welche die Freiheit des Individuums vollständig aufheben und demselben in einem künstlich bis aufs kleinste Detail ausgestalteten neuen Staats­wesen die Stelle einräumen will, welche einem Maschinentheilchen in der Maschine, einem Räd­chen in einem Uhrwerk zugetheilt ist. Alle Ar­beitsmittel sollen gleichzeitiges Gemeingut der Ge- sammtheit, d. h. sie sollen verstaatlicht werden.

Der Dombaumister von Fulda.

Eine Geschichte aus Fuldas Vergangenheit.

(46. Fortsetzung.)

Sie wechselten noch einige Worte über das neue Projekt, ehe sie wieder zu der Gesellschaft zurück­schritten. Der lange Bursche aber trat jetzt von seinem Lauscherposten hervor und stieß einen grim­migen Fluch aus. Dann eilte er zu seinen Ge­fährten und theilte denselben mit, daß der Bau­teufel auch ihre Gegend nicht verschonen wolle.

„Ich hab' es deutlich gehört, auf den Bieber­stein soll ein Jagdschloß gebaut werden," berichtete er hastig mit funkelnden Augen. „Nun, da kön­nen wir uns ja freuen auf die vielen Frohnarbei« ten, die dann der Bieber- und Haungrund wird verrichten müßen. Hol' der Teufel die Spann- und Handdienste."

Der Bursche knirschte bei diesen Worten mit feinen weißen Zähnen und auch die Anderen fluch­ten und schimpften in derber Weise.

■' „Ja, und wißt Ihr, wem wir dies allein zu verdanken haben? Dem Baumeister, dem verdamm­ten Kerl, der neben dem Fürsten sitzt und ihn zu ftH’ dem Bauen verleitet, Der ist schuld, ich hab' es orhin selbst gehört, wie er das Maul vollgenom-

Damit würde der Staat logischer Weise auch die Befriedigung aller Bedürfnisse auf sich-nehmen, wobei natürlich jede individuelle Neigung, jedes individuelle Streben und jede Bethätigung indivi­dueller Anlage nahezu untergehen müßte. Daß hiernach zwischen den Endzielen der Anarchisten und Sozialdemokraten eine ungeheure Kluft be­steht, ist unbestreitbar. Aber. die Extreme be­rühren sich. Weder Anarchisten noch Sozialdemo­kraten können darauf rechnen und rechnen darauf, ihre Ziele auf friedlichem Wege zu erreichen. Beide stimmen darin überein, daß die bestehende Staats- und Gesellschaftsordnung über den Haufen geworfen und daß dies, da es auf friedlichem Wege nun einmal nicht geht, mit Gewalt zu ge­schehen hat. Die Interessen beider weisen sie so­nach auf ein Zusammenwirken hin. Erst muß die bestehende Staats- und Gesellschaftsordnung gewaltsam gestürzt sein, bevor beide in die Lage kommen können, sich anders als theoretisch über ihre Ziele auseinanderzusetzen. Es ist unzweifel­haft, daß sie, sobald sie das vorläufige Ziel er­reicht hätten, sich gegenseitig die Hälse brechen würden. Beide sind also einig, in dem Bestreben, jede bestehende Ordnung über den Haufen zu werfen; die Sozialdemokraten verlangen den Um­sturz, um an die Stelle des gestürzten Staats- und Gesellschaftsgebäüdes die von ihnen erträumte so­ziale Republik zu errichten; die Anarchisten, um überhaupt nichts an die Stelle der beseitigten Ordnung zu setzen. Noch ein anderer Umstand zwingt sie zum Zusammengehen. Die große Menge derer, welche ihnen Gefolgschaft leisten, haben kein Verständniß für die letzten Ziele der beiden revo­lutionären Parteien. Das Programm der blinden Maße ihrer Gefolgschaft reduzirt sich auf den Satz: „Cs muß anders werden!" Der einzige Unterschied, den die Menge zwischen Sozialdemo­kraten und Anarchisten macht, ist der, daß sie die Anarchisten für entschiedener, weniger wählerisch in ihren Mitteln hält als die Sozialdemokraten. Herr v. Vollmar hat übrigens bei einer früheren Ge­legenheit im Reichstage den Unterschied zwischen der Most'schen Richtung und der Richtung der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion in ähnlicher Weise fixirt. Nach seiner damaligen Angabe be­steht der Unterschied darin, daß Most und Ge­nossen zuzuschlagen bereit sind, ohne daß bereits der Erfolg gesichert ist, während die Sozialdemo-

men hat." Er hob drohend die geballte Faust nach dem Baumeister hin. Die Anderen aber riefen:

„Nun, laß ihn nur anfangen mit seinem Jagd- schloß, zu dem wir uns wie die Hunde abrackern sollen, dann wollen wir ihm einen Denkzettel geben, daß er die Leut in der Rhön seiner Lebtag' nicht vergeffen soll — durchbläuen wollen wir ihn, den elenden Hallunken, den —"

Ein Hornruf unterbrach die Schimpfreden der zornigen Bauern und verkündete, daß die durch den Imbiß unterbrochene Jagd fortgesetzt werden sollte.

28. Kapitel.

Herzenswandlung.

„O, junge Seelen sind Königen gleich. Sie können ein Peru vergeuden, Im braunen Haid, unter'm grünen Zweig, Ein Peru an Lieben und Leiden!"

Annette von Droste-Hülshoff.

Es war seltsam- was Tilchen auch heute begin­nen mochte, immer und immer wieder tauchte die Gestalt des ehrlichen Weiß mit der tiefbetrübten Miene vor ihm auf, -—ein Bild, das wie ein stil­ler Vorwmf vor das junge Mädchen trat.

t Auch jetzt, wie es in der weiten, düstern Wohnstube saß, wo die Büumzweige zu den -Fenstern herein-

kraten den Moment zur Verwirklichung ihrer Ziele noch nicht für gekommen erachten. Daß sich die Gesellschaft in gleicher Weise vor beiden Theilen schützen muß, ist klar. Ja nach der zitirten Voll- mar'schen Äeußerung möchte man veranlaßt sein, die vorsichtigeren Sozialdemokraten noch für ge­fährlicher zu halten, als die ungestümeren Anar­chisten, die sich selbst die Köpfe einrennen.

Deutsches Reich.

Berlin, 23. September.

* Die Berufung des Reichstages zur ordent­lichen Session soll, wie verlautet, für die . zweite Hälfte des Novembers und diejenigen des preußi­schen Landtages für Mitte Januar in Aussicht genommen sein. Dem Landtage wird, wie es heißt, außer dem Etat auch die Kreisordnung für die Rheinprovinz zugehen; von weiteren Vorlagen ist bis jetzt noch nichts bekannt.

* Der .Reichsanzeiger' publizirt die Verlänge­rung des kleinen Belagerungszustandes über Berlin-Potsdam und Hamburg-Altona bis zum 30. September 1887.

* Der deutsche Botschafter in Rom, Herr von Keudell, weilte gestern beim Reichskanzler in Varzin und ist am Abend nach Berlin zurückgekehrt.

* Feldmarschall Graf Moltke ist zu mehr­wöchentlichem Kurgebrauch in Bad Ragaz einge­troffen.

* Reisende aus Preußen und Oesterreich müssen, wie ausWarschau gemeldet wird, Attest haben, daß sie aus chokerafreien Ortschaften kom­men; das Attest muß vom russischen Konsul oder Gesandten beglaubigt sein.

* In einem Spezialfalle war es in Frage ge­kommen, ob dem Gesuche einer Lehrerwittwe, ihr das Gehalt ihres verstorbenen Mannes für ein volles Gnaden-Quartal zu gewähren, zu entsprechen sei. Im Gegensatz zu der Auffassung der betreffenden Provinzialregierung hat der Kultus­minister sich für die Gewährung des Gnaden- Quartals ausgesprochen und dabei hervorgehoben, daß in neuerer Zeit wiederholt anerkannt worden, daß den Hinterbliebenen solcher Schullehrer, welche als Mitglieder zu einem Lehrer-Kollegium gehört haben, das Gehalt des Verstorbenen nicht bloß für den auf den Sterbemonat folgenden Monat, fondern ein Gnaden-Quartal in analoger An­wendung der Bestimmung der Kabinets-Ordre vom

nickten und große Familienporträts, — altmodische Gestalten im Brautstaat — die Wände zierten, weilten seine Gedanken wieder bei dem heute schon so oft verscheuchten Gegenstände.

Mit einem Male ertönte ein lauter Schrei im Hausflur, die Thüre wurde aufgerissen und Base Annjoseph schrie mit entsetzenerfüllter Stimme: „Jesus, Maria, Joseph! Sie bringen einen tobten Menschen in's Haus. Tilchen, Lisbeth, es muß ein Unglück passirt sein! —"

Erschrocken eilte Tilchen hinaus, und in der That, da traten vier Männer von der Jagdgesellschaft herein und trugen eine improvisirte Bahre, auf welcher eine leblose, blutbefleckte Gestalt ruhte.

Tilchen warf einen Blick darauf, dann brach es zitternd in die Knies: — der Verunglückte war der junge Amtsvogt Weiß.

„Tragt ihn die Stiege hinauf, in's obere Zim­mer," sagte der Wildmeister mit gedämpfter Stimme. „Potz Wetter! Wenn nur das Weibsvolk das verfluchte Geschrei sein lassen wollte, das hilft chier nichts."

„Ach Gott, und daß es gerade auch Herrn Weiß treffen mußte; wenn doch ein Unglück geschehen sollte, konnte es auch ein Anderer sein!" jammerte