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Mittwoch, den 22, September
1886
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„Bulgarien und die Machtstellung Deutschlands."
* Unter diesem Titel veröffentlicht die ,Weser« Ztg.' einen sehr intereffanten Artikel, dessen Ursprung auf die deutsche Reichskanzlei zurückzuführen sein dürfte und der zur Rechtfertigung der deutschen Politik in der bulgarischen Frage dienen soll. Es ist sehr wahrscheinlich, daß Fürst Bismarck, wenn er im Reichstage Gelegenheit gehabt hätte, über die bulgarische Frage zu sprechen, dieselben Argumente zur Vertheidigung seiner Politik vorgebracht haben würde. In der Einleitung geht der Artikel der .Weser Ztg/ auf die Geschichte des Jahres 1870 zurück und betont, daß die Neutralität Rußlands während des deutsch-französischen Krieges unter der Voraussetzung eingehalten wurde, daß Deutschland den Russen in späterer Zeit im Oriente freie Hand lasse. Auf dem Berliner Kongresse habe nun Rußland in dieser Beziehung eine Enttäuschung erfahren und dies eine große Erbitterung gegen Deutschland hervorgerufen. Der Artikel fährt dann wie folgt fort:
Frankreich hat burch gewaltige Anstrengungen seine Kriegsmacht so erhöht, baß dieselbe an Truppenzahl unb Ausrüstung sich mit der deutschen messen kann, und es brennt vor Begierde, mit Hilfe eines starken Verbündeten Deutschland zur Wiederherausgabe von Elsaß und Lothringen und zu weiteren Entschädigungen zu zwingen. Um dieses zu erreichen, würde es zu Allem und Jedem er- bötig sein, namentlich dazu, Rußland im Orient freie Hand zu lassen. Inzwischen hat Rußland in seiner orien- Politik bei Deu"chla»b nicht diejenige Unterstützung gefunden, die es sich berechtigt glaubte, erwarten zu dürfen. Bismarck hat versucht, zwischen den entgegengesetzten Ansprüchen Rußlands und Oesterreichs zu vermitteln, und schließlich, um den Ausbruch eines Kampfes zu vermeiden, sich genöthigt gesehen, in ein engeres Ver- hältniß zu Oesterreich zu treten. Demgemäß erblickt nunmehr Rußland in Deutschland das Haupthinderniß für seine Pläne, an denen sein ganzes Herz hängt, denen zuliebe es immer die schwersten Opfer an Blut und Schätzen gebracht hat, die es darauf und daran war, zur Ausführung zu bringen, und ausgeführt haben würde, wenn Deutschland ihm die nöthige Rückenstärkung gewährt hätte. Daß Deutschland ihm diesen Dienst nicht geleistet hat, zu dem die Russen es für verflichtet hielten, hat ihm neben andern tiefer liegenden Ursachen den grimmigen Haß derselben eingetragen.
Deutschland hat also jetzt mit der Todfeindschaft Frankreichs und dem Haffe Rußlands, das in ihm seinen mächtigsten Gegner erblickt, zu rechnen; andererseits darf es Oesterreich, mit dem es ein enges Bündniß eingegangen ist, nicht den russischen Plänen aufopfern, selbst wenn es in der russischen Ländergier für sich selbst keine Gefahr
Der Aombaumeister von Fulda.
Eine Geschichte aus Fulda's Vergangenheit.
(44. Fortsetzung.)
27. Kapitel. Die Jagd.
„Keine bess're Lust in dieser Zeit Als durch den Wald zu dringen, Wo Drossel singt und Habicht schreit Wo Hirsch und Rehe springen."
Uhland.
Die Base klagte nicht mehr so viel, seitdem sie es unternommen hatte, den ländlichen Haushalt mehr nach ihrer Fa^on zuzuschneiden. Und da gab es ein Gebiet, das der thätigen Wirth- schafterin ebenso neu als interessant war: das der Landwirthsa aft. Die resolute Viehmagd wies zwar alle Eingriffe in den eigenen Pflichtenkreis unwirsch mit den Worten zurück: „Da habt Ihr nicht hinein zu reden; Stadtleute haben keinen Viehverstand." Und wenn der Hausherr noch dazu lachte: „Potz Wetter, die Lisbeth hat Recht," dann knurrte die gekränkte Seele, sie wolle gar kein Wörtchen mehr sagen, möge auch Alles zu Grunde gehen, ohne sie, ja am besten wär' es, wenn sie ganz fortzöge aus einem Haushalte, in dem man ihr so wenig überlassen wolle, aber
erblicken sollte, die aber doch vorhanden ist; dabei aber i kommt wieder in Frage, inwieweit Oesterreich, von dessen i slavischem Bevölkerungstheile Deutschland noch mehr ge- i haßt wird, als von den Russen, unter allen Umständen t als zuverlässiger Verbündeter gelten kann, und inwieweit i wenn der Wille vorhanden ist, seine Macht dazu ausreicht.
England, zugleich mit Oesterreich am unmittelbarsten durch die orientalischen Pläne Rußlands bedroht, ist durch die Sorge seiner inneren Politik zur Zeit völlig in An- i spruch genommen und hat große Abneigung, sich auf i einen europäischen Krieg einzulassen; auch bieten die gegen- : wärtigen Parteiverhältnisse im Parlament und im Lande i nur geringe Sicherheit für die Festigkeit und Stetigkeit ' der Entschlüsse seiner Regierung. Auf thatkräftige Unter« i stützung Englands würde Deutschland daher bei einem j Widerstand gegen Rußland zur Zeit nicht rechnen können. ! So liegen die Dinge, und weil sie so liegen, hält Ruß- i land den Augenblick für günstig, wieder einen Schritt nach : seinem unverrückbar verfolgten Ziele zu thun. Der Bul- 1 garenfürst, welcher sich daran gemacht hatte, Rußland den ; Weg nach Konstantinopel zu verlegen, wird beseitigt, und ■ man ist erstaunt und unwillig, zu sehen, daß bet deutsche i Reichskanzler sich nicht bewogen findet, dem entgegen}«« i treten. Wenn es sich darum handelt, einem mächtigen
Staate bei der Verfolgung von Plänen, deren Durchführung er für sein Lebensinteresse ansieht, energisch entgegenzutreten, so kann das nur geschehen mit der festen ; Absicht, es nöthigenfalls auf einen Krieg ankommen zu ■ lassen, sonst führt das energische Entgegenkommen unfehl- j bar zu einem wenig ehrenvollen Rückzüge. Also, der Entschluß zu einem Kriege hätte dem Auftreten gegen Ruß- ; land zu Grunde liegen müssen, zu einem Kriege, der ohne ! Zweifel der schrecklichste geworden wäre, den die Welt । seit langer Zeit gesehen hat. Deutschland den Gefahren und Schrecken eines solchen Krieges preiszugeben, liegt aber nach Ansicht des Reichskanzlers ein zwingender Grund nicht vor. Selbstverständlich weiß er so gut wie Jedermann, daß jeglicher Fortschritt Rußlands auf der Balkan- Halbinsel eine Gefahr für Oesterreich, für Deutschland, ■ für das ganze übrige Europa, ja für die Gesittung der Welt - ist; der beste Beweis dafür liegt in seinem bisherigen Ver- i halten gegenüber den russischen Plänen, das ihn den Russen ; als ihren gefürchtetsten Gegner erscheinen läßt. Die Aeuße- ; rungen, mit denen Regierungsblätter die erste Nachricht von i dem Sturze des Bulgarenfürsten begleiteten, daß Deutsch- : lands Interessen dadurch nicht berührt wurden, bedeuten ‘ nichts gegen diese Thatsache; in der Politik, und nicht i allein in ihr, muß man häufig gute Miene zum bösen ; Spiele machen, wenn man dieses nicht hat verhindern
Ginnen. Daß es für nothwendig gehalten worden ist, : die Ereignisse in Sofia ihren Gang gehen zu lassen, ist : gewiß höchst unerfreulich; aber der deutschen Politik darf j man daraus keinen Vorwurf machen, denn die Politik ist j die Rechnung mit dem Möglichen; unmöglich aber ist es, i dem geschichtlichen Entwicklungsgänge, der Gewalt that- , sächlicher Verhältnisse auf die Dauer anders als mit Ge- i walt entgegenzutreten. Sicher ist Eines — es lohnt sich ! gar nicht, darüber ein Wort zu verlieren — daß Ruß
land gegenwärtig zur Durchführung seiner Pläne aus der Balkan-Halbinsel außer seiner eigenen, in den letzten Jah- ■ ren außerordentlich gestiegenen Heereskraft auch diejenige
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diese Drohung war doch so recht ernst nicht gemeint.
Auch Tilchen nahm jetzt an Allem, was im Hause vorging, freundlichen Antheil, freilich die harmlose Fröhlichkeit von früher kam nicht wieder, aber der Zauber, den die Natur mehr und mehr entfaltete, sprach beruhigend und tröstend zu seinem Gemüthe. Und wie wohlthuend war die stille Abgeschiedenheit' Jetzt war die Einsamkeit des jungen Mädchens beste Freundin; mit ein paar Schritten war es im Wald und da konnte es : stundenlang liegen und sich beim leffen Rauschen ; der Baumwipfel in die Vergangenheit versenken, i So war der Sommer ereignißlos an dem alten > Jägerhause vorüber gezogen, aber als sich im Laub hier und da ein gelbes Blatt schon zeigte, da erhielt der Wildmeister eines Tages eine Botschaft, die ihn in freudige Aufregung ; versetzte.
i Großes Treibjagen, an dem der Fürst theilneh- men wollte, war durch sein Revier angesagt worden, wozu er die Treiber entbieten und alle Vorkehrungen treffen sollte. Und das mußte eine lustige Jagd werden, galt sie doch einem prächtigen Sechzehn, nder, den er wie einen Schatz in seinen Wäldern gehegt hatte.
An dem bestimmten Tage stand der Alte, als
Frankreichs gegen Deutschland zur Verfügung steht; ob . Oesterreich gesonnen ist, sich auf einen solchen Krieg ein- ; Massen, ob es kriegsbereit ist, Über diesen Hauptpunkt weiß das Publikum nichts; darüber können nur die Leiter der Politik unterrichtet fein; sicher ist ferner, daß dieser Krieg Deutschlands die unerhörtesten Opfer kosten und, selbst siegreich durchgefochten, Deutschland einen neuen I Todfeind in seinem östlichen Nachbar zu dem im Westen i erwecken würde, so daß es von nun an auch gegen jenen i immer auf seiner Hut sein müßte, während doch der i Ausgang eines solchen Krieges immerhin zweifelhaft ist. ; Ob aber, wenn der Krieg jetzt vermieden wird, er doch früher oder später geführt werden muß, das ist jedenfalls fraglich; es kann sein, und in diesem Falle ist es ja auch möglich, freilich auch nicht gewiß, daß die Verhältnisse dann günstiger für Deutschland liegen; es ist aber auch denkbar, daß der Krieg überhaupt zu vermeiden ist, indem zwischen den hauptsächlich bei der Frage inter« essirten Großmächten eine friedliche Verständigung herbeigeführt wird und daß die deutsche Politik hieran arbeitet, ist wohl nicht zu bezweifeln. Jedenfalls ist die Gefahr, daß die Balkan-Halbinsel unter russische Botmäßigkeit ge- räth, für Deutschland eine minder drohende, als die, unter gegenwärtigen Verhältnissen gleichzeitig gegen Rußland und Frankreich kämpfen zu müssen. Für das künftige Schicksal Europas ist Deutschland nicht allein verantwortlich. Um die künftige Ruffengefahr von Europa abzuwenden, kann sich Deutschland nicht aufopfern, wenn andere Großmächte stillsitzen oder auf den Augenblick lauern, um Deutschland in die Flanke zu fallen; können i sich die europäischen Mächte Rußland gegenüber nicht so ; weit einigen, daß Deutschland den Rücken frei hat, so i muß Deutschland das Verderben seinen Gang gehen lassen;
seine Macht reicht nicht so weit, dies zu hindern. Daß die Sage so ist, ist nicht die Schuld der deutschen Politik; es ist die unvermeidliche Folge vorangegangener Ereignisse, in erster Linie der deutschen Siege über Frankreich, die dieses Land zu einem allzeit bereitwilligen Bundes- k genossen Rußlands gemacht haben. Selbstverständlich ist \ damit nicht gesagt, daß, wenn unmittelbare und dringende
Interessen Deutschlands in Frage kommen, es nicht auf alle Gefahr hin den Kampf aufnehmen und durchfechten müsse; daran denkt auch wohl innerhalb und außerhalb Deutschlands kein Mensch. Wenn es gilt, die Unabhängigkeit und die Ehre des Vaterlandes zu vertheidigen, so bleibt keine Wahl, alle Bedenken müssen schweigen. Etwas Anderes aber ist es, wenn zur Entscheidung steht, ob es rathsam sei, allgemeiner Machtverhälnisse halber oder wegen einer mehr oder weniger entfernten europäischen Macht das Schwert zu ziehen. Denn es ist Pflicht der Staatsleitung, bei ihrer Entscheidung sich durch die vorsichtigste Erwägung aller dabei auf irgend eine Weise in Betracht kommenden Verhältnisse leiten zu lassen und zum Aeußersten nur zu schreiten, wenn hinreichende Gründe vorhanden sind, auf einen günstigen Ausgang des Kampfes zu rechnen, selbst auf die Gefahr hin, für den Augenblick die nationale Eigenliebe zu verletzen. Ob es gelingt, mit dem jetzt Rußland gebrachten Opfer den Krieg zu beschwören oder doch auf eine für Deutschland günstigere Zeit zu verschieben, das allerdings muß die Zukunft lehren.
kaum der Tag gegraut, bereits vor dem Dorfe, um die Jagdgesellschaft zu erwarten.
Nicht lange dauerte es, und die mit stolzen muthigen Rappen bespannten Jagdwagen rasselten durch den Morgennebel heran.
Im ersten Wagen saß der Fürst, heute einen Rock von grünem Sammet nnd einen flotten Jägerhut tragend. Der stattliche Herr ihm zur Linken, war sein Bruder, Freiherr Johann Martin Ludwig von Schleifras, fürstlich fuldgischer Oberjägermeister und Kur- mainzischer Kammerherr. Zwei junge Cavaliere saßen den beiden hohen Herren im Wagen gegenüber; es waren ihre Jagdjunker. Dann kamen mehrere Wagen mit stolzen Hofherren, worunter auch Pröpste und Capitulare in eleganten Jagd« costnmen sich befanden, — unter Anderem der junge Propst von Thulba, Friedrich von Buttlar. Eine kleine Zahl von bürgerlichen Beamten, welche allergnädigst zur Jagd geladen, kamen nach diesen, und ein ansehnliches Gefolge von Propster- und Revierjägern bildete den Schluß.
Der Wildmeister begrüßte ehrerbietig seinen_Lan« desherrn und seinen obersten Vorgesetzten, den Ober« jägermeister, dann schwang er sich behende auf den