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1886

Montag, den 20, September

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Deutsches Reich.

Berlin, 18. September.

* Der Kaiserhat gestern dem bei Mommenheim abgehaltenen Truppenmanöver beigewohnt. Mor­gen begibt sich der Kaiser nach Baden-Baden. Die königlichen Prinzen, sowie die zu den Straßburger Manövern anwesend gewesenen Fürstlichkeiten ver- laffen morgen gl-ichfalls Straßburg. Der .Reichs- anzeiger' veröffentlicht heute eine lange Liste der anläßlich der Anwesenyeit des Kaisers in Elsaß- Lothringen erfolgten Ordensverleihungen.

• Der Staatssekretär des auswärtigen Amts, Graf von Bismarck-Schönhausen ist vom Kaiser mit der Stellvertretung des Reichskanzlers im Bereich des auswärtigen Amtes betraut worden.

* Der Reichstag trat gestern in die Be« rathung des spanischen Handelsvertrags ein. Abg. .S)r. Brömel (freis.) begrüßte den Vertrag in dem Sinne, als derselbe Handel und Verkehr er­leichtern, wandte sich gegen die Forderung der Eisenproducenten auf Einführung eines Eisenzolles oder Paralysirung der Zollfreiheit für Eisenerz durch Eisenbahntarif-Maßregeln und wies schließ­lich auf den Rückgang unseres Exports als einer Folge der Schutzzollpolitik hin. Staatssekretär von Bötticher verwahrte die Regierung dagegen, daß diese daran denken könnten, die Bestimmungen des Vertrags durch die Art der Ausführung derselben zu paralysiren, erklärte, daß den Interessen der Eisenbahnproduzenten durch Fracht-Ermäßigungen auf Coaks entgegengekommen werde, und bestritt schließlich, daß für den Rückgang des Werthes des Exports im Vorjahre die Schutzzollpolitik verant­wortlich gemacht werden könne, da Freihandels­länder genau dieselbe Erscheinung aufzuweisen haben. Abg. Stöcker (kons.) wies auf dieRothlage der Eisenerzproduktion im Sieger Lande hin und sprach für Eisenzölle. Abg. Dr. Hammacher (nl.) be­kämpfte diese Forderung, durch die zahlreiche wich­tige Industrien schwer geschädigt würden. Abg. Kayser (Soz.) hat gegen den vorliegenden Ver­trag keine Bedenken und fragt, weshalb es der Regierung noch nicht gelungen sei, Rußland bei dem bestehenden FreundschaftSverhältniß zu han­delspolitischen Konzessionen zu Gunsten unserer In­dustrie zu bewegen. Abg. Grad (Els.) befürwor­tete den Vertrag. Abg. Rickert (srs) theilt mit,

Der Domdaumeister von Mta.

Eine Geschichte aus Fulda's Vergangenheit. (^.^Fortsetzung.) ?

„Jetzt kommt Herr Artari," rief plötzlich Til- chens Pathchen, das still für sich am Fenster spielte.

Mit nervöser Angst fuhr Tilchen in die Höhe. Nur ihm nicht begegnen! Und im Nu war es aus dem Zimmer und in's Gärtchen hinabgeeilt, gerade ehe der Bildhauer das Haus betrat.

Artari theilte Leonora mit, daß er sich für einige Zeit von seinen Freunden verabschieden müsse, da eine glückliche Angelegenheit ihn in die Heimath zurückrufe — nichts Anderes nämlich, als die Heimführung der Geliebten seines Herzens.

Schon wollte er das Haus wieder verlaffen, da sagte das kleine Ottilchen: „Meine Döthe ist in'S HauSgärtlein gegangen."

„Da kann ich ihr auch Lebewohl sagen," rief Artari aus, und ehe Leonora es verhindern konnte, hatte er den wohlbekannten Weg iu's kleine Gärt­chen genommen.

Dort saß Tilchen unter dem großen Apfelbaum, dem der Herbst jetzt mit rauher Hand unerbittlich Blatt um Blatt entriß.

„Ach, Signorina! Ich fteue mich, Euch zu sehen, wir sind uns seit Langem nicht mehr begegnet!"

daß der Alkalde von Madrid die Verwendung von Kartoffelspiritus zu Liqueuren aus Gesundheitsrück­sichten verboten habe und fragt, was die Regie- rung event. dagegen zu thun gedenke. Redner greift ferner die heutige Wirthschaftspolitik fcharf an. Geh. Rath Sch raut und Abg. Dr. Fr ege (kons.) vertheidigten die gegenwärtige Handelspoli- kik. Staatssekretär v. Bötticher erwidert, daß ihm die von Rickert erwähnte Verfügung des Al- kaden von Madrid nicht bekannt sei. Abg. Stolle (Soz.) bestreitet, daß in Folge der Schutzzollpolitik, die Löhne gestiegen seien. Hierauf wird der Ver­trag in erster und zweiter Lesung angenommen. Es folgt Berathung des Rechenschaftsberichts der königl. sächsischen Staatsregierung über die Ver­längerung des kleinen Belagerungszustandes über Leipzig. Abg. v. Voll mar (Soz.) erklärte die Motivirung der Maßregel für so.ungenügend, daß es wichtiger sei, den Reichstag mit derartigen Be­richten überhaupt zu verschonen. Abg. Viereck (Soz.) erblickt in der Aufhebung der Fachoereine die Vernichtung der Koalitionsfreiheit.' Sächs. Bun­desbevollmächtigter Graf Hohenthal bestreitet dem Vorredner gegenüber, daß die sächsische Re­gierung in der bulgarischen Frage eine Haltung im Gegensatz zu der der Reichsregierung eingenom­men. Mit den Artikeln der Leipziger Zeitung stehe die sächsche Regierung nicht in Beziehung. Abg. v. Stauffenberg (frs.) erblickt in der Denk­schrift den besten Beweis für die Wirkungslosigkeit des Sozialistengesetzes. Nachdem noch Abg. Bebel (Soz.) die Antwort der Arbeiter auf die Ausfüh­rung des Sozialistengesetzes bei den nächsten Wah­len in Aussicht gestellt, wird die Debatte geschlos­sen. Montag: 3. Lesung des spanischen Vertrags.

* Der Benutzung des Luftballons Jür militärischeZwecke wendet die Heeresverwaltung fortgesetzt ihre Aufmerksamkeit zu. Wir lesen darüber neuerdings:

Bonder Luftschiffer-Abtheilung des Eisenbahn-Regiments sind die von den einzelnen Regimentern kommanditt ge­wesenen Mannschaften, soweit sie ihrer aktiven Dienst­pflicht in diesem Jahre genügt haben, zu ihren resp. Regimentern zurückgekehrt, um dort zur Reserve entlassen zu werden. Einige Unteroffiziere sind als Lehrer zurück­geblieben. Die Abtheilung, welche bisher 30 Mann zählte, ist auf eine Stärke von 50 Mann gebracht worden. Von den Unteroffizieren, welche für den Jahresdienst ausge­bildet wurden, haben bisher erst zwei die Qualifikation zur selbstständigen Führung eines Ballons in freier Fahrt

rief der Bildhauer lebhafk aus, indem er dem Mädchen die Hand entgegenreichte. „Misericordia, was habt Ihr aber kalte Hände! Und Ihr zit­tert ja! Wißt, Signorina, daß es Leichtsinn ist, jetzt noch im Freien zu sitzen?"

„Ja, es ist schon kalt geworden," kam es matt von den Lippen des bleichen Mädchens.

„Kalt und öde, der Madonna sei's geklagt, nickte er, indem er mit dem Fuße das gelbe Laub rau­schend bei Seite schob. „Aber preiset mich glück­lich," fuhr er mit einem stolzen, freudigen Lächeln fort, „ich reise morgen in die Heimath, in mein Land voll Sonnenschein. Und einen Sonnenstrahl will ich mir dort einfangen und mitbringen, daß er mir das deutsche Winterdunkel erleuchte. Addio Signorina, A buon rivederci!"

Und wieder streckte er die Hand aus, aber seine dunkelen Augen leuchteten zu voll von dem eigenen Glücke, um das Leid aufzufangen, welches ihm stumm aus den blauen Mädchenaugen entgegen.

Dann schritt er mit seinem stolzen Gange rasch und elastisch von dannen, über das raschelnde Herbfflaub hin. Leonora gab ihm das Geleite durch den Garten, bis an das Mauerpförtchen, das indieHabsburgerGasfe führte. Als sie zurück­kam, saß Tilchen noch immer regungslos unter dem Apfelbaum, seine Augen aber blickten, wie

erhalten, nachdem sie die hierzu vorgeschriebene besondere Prüfung bestanden hatten. Dieselben sind auch bei der Luftschiffer-Abtheilung verblieben, um als Instruktoren für die neu eingetretenen Mannschaften zu werden. In Frankreich wird der Benutzung des Luftballons für militärische Zwecke ebenfalls immer größere Aufmerksam­keit zugewandt. Es sollen daselbst auf Verfügung des Kriegsministenums 8 Stationen für Militär-Luftschifffahrt errichtet werden: in Epinal, Toul, Gard, Belfott und in den vier Regimentsschulen des Geniekorps in Montpellier, Grenoble, Arras und Versailles.

* Frankfurt, 18. Sept. Von Jugenheim kommend traf heute Nachmittag der Fürst Alexan- d e r hier ein und fuhr ohne Aufenthalt nach Fried­berg. — Der Herr Erzbischof von Freiburg ist mit der Taunusbahn hier angekommen, auch wird derselbe Montag früh (20. Sept.) mittelst der Main-Neckarbahn 8.20 die Reise über Heidel­berg und Karlsruhe nach Freiburg antreten.

* Straßburg, 19. Sept. Die Abreise des Kronprinzen nach Metz ist auf morgen früh 8 Uhr 20 Min. festgesetzt Mit dem nämlichen Zuge begeben sich auch Prinz Wilhelm und der Großherzog von Baden nach Metz. Prinz Albrecht tritt bereits heute Mittag die Reise dahin an.

i * München, 17. Sept. Unlängst wurde mit- getheilt, die Königin-Mutter sei seit Jahren durch den verstorbenen König selbst von dessen Leiden unterrichtet gewesen. Selbstverständlich gaben verschiedene Blätter ihrem Befremden Ausdruck, daß die Minister von dem Zustande Ludwigs 11. nichts sollten gewußt haben. Die .Neuesten Nachr/ bemerken hierzu: „Es ist uns neu, daß, wie die Blätter vorauszusetzen scheinen, zwischen Ihrer Majestät der Königin-Mutter und dem Ministerium irgend ein Verkehr bestanden haben soll. Dagegen können wir auf'S neue versichern, daß König Ludwig II. schon seit etwa vier bis fünf Jahren wiederholt, schriftlich wie mündlich, seiner beküm­merten Mutter über sein Kopfleiden geklagt und sogar die Befürchtung ausgesprochen hat, daß ihm einstmals das Schicksal seines Bruders Otto be- schieden sein könne. Selbstverständlich hat die hohe Frau damals solche für sie äußerst schmerzliche Bekenntnisse im Innersten ihres Herzens verschlossen und den Sohn zu trösten und zu beruhigen ver­sucht. Aus den Erklärungen des bei Ihrer Maje­stät in hohem Vertrauen stehenden Bischofs Dinkel von Augsburg, bei seiner letzten Anwesenheit in

wenn sie von der äußern Welt nichts mehr sähen.

„Tilchen, Tilchen," bat sie leise, „mach' nicht so feltsame Augen," und mit mütterlichem Er­barmen legte sie Arme um den Nacken des Mäd­chens, das ihr nun laut schluchzend an die Brust sank. -

26. Kapitel.

Schicksalswandlung.

„Laß fahren die Träume Der Mond scheint durch Bäume, Die Wälder nur rauschen. Die Thäler still lauschen, Wie einsam die Räume!

Ach, Niemand ist mein!" Eichendorff.

Die ersten Schneeflocken wirbelten in heftigem Gestöber vom Himmel hernieder und hüllten die Gaffen und Dächer der Stadt in eine weite, weiße Decke ein.

„Heilige Muttergottes, was für ein Wetter ist das heute; man schickt keinen Hund hinaus", seufzte die Base Annjoseph, die im traulich er­wärmten Wohnzimmer saß und emsig das Spinn­rad schnurren ließ. „Wahrhaftig, da ist's kein Wunder, daß Ihr Euch erkältet habt, Herr Vetter, eine so bitterböse, scharfe Luft bringt einem ja nichts Gutes. Ich spüre auch meinen Reißmatis- mus wieder in der linken Schulter. Gelt, der