213. Sonnabend, den 18 September 1886
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Zweites Blatt.
* Der Wahnsinn auf den Thronen.
Nach dem Tage, an welchem Ludwig II. von Bayern einen so traurigen Tod fand, mag es zeitgemäß erscheinen, an die historischen Schicksalsgenoffen des unglücklichen Wittelsbacher Fürsten zu erinnern. Wir wollen uns nicht mit dem Baby- Ionierkönig Nebukadnezar beschäftigen und dessen siebenjährigen Wahnsinn (bekanntlich wurde er, der Schrift zufolge im Wahnsinn zum ersten gekrönten Vegetarianer) noch mit dem römischen Imperator C a l i g u l a, dem wahnwitzigen Wüthe- rich. der sich für Jupiter hielt und sein Reitpferd zum Konsul ernannte. Die letzten Jahrhunderte bieten näher liegende Beispiele in trauriger Fülle. Da ragt aus dem 14. Jahrhundert die düstere Erscheinung des französischen Königs Karl VI. herüber. Seine Höflinge nannten ihn den Geliebten, die Weltgeschichte gab ihm den Beinamen des Wahnsinnigen. Schon in seinen Jünglingsjahren zeigte er die sonderbarsten Neigungen und die Spiele, in denen er sich mit seinen Höflingen, den Marmousets, wie ihr Spitzname lautete, gefiel ließen den Wahnsinn, der ihn später um- nachtete, vorausahnen. Die furchtbare Krankheit kam zum Ausbruch, als Karl im 24. Lebensjahre stand. Da wurde er zum Visionär und hielt einen harmlosen, bei einer Prozession ihm in den Weg tretenden Greis für eine überirdische Erscheinung. 1393 wußte er die Zügel der Regierung aus der Hand legen und eine Regentschaft ward, die Reichsgeschäfte zu versehen, eingesetzt. Eine der Konsequenzen seines Irrsinns — es mag dahingestellt sein, ob es eine glückliche oder eine leidige gewesen — war die Erfindung des Kartenspiels. Um nämlich die Langeweile des armen Königs zu bekämpfen, wurde die Piquetkarte erfunden. Im 15. Jahrhundert war es wieder ein franzöfischer König, der Enkel Karl VI., der grausame, aber staatskluge Ludwig XI., der in den letzten Tagen seiner Herrschaft vom Wahnsinne befallen wurde. • Furchtbare Fantasmagorien und Halluzinationen peinigten den König, der schließlich vor dem ; eigenen Schatten erschrak und halb irrsinnig im Schloß Plessis la Tour seine Tage beschloß, ohne ! daß es aber zu einer Regentschaft gekommen wäre, i An der Schwelle des 16. Jahrhunderts sehen wir , abermals ein Reich durch eine Regentschaft ge- ' leitet, es war das hispanische. Diesmal war es kein König, sondern eine Königin, die von der Geisteskrankheit befallen war — Johanna, in der Geschichte die Wahnsinnige genannt, hieß jene unglückliche Königin von Kastilien. Das 17. Jahrhundert weiß uns nur von einem Beispiele ' eines geisteskrank gewordenen Fürsten zu erzählen. Es war dies Mu st ap ha I., der Osmanenkaiser, der nach Achmeds I. Tode im November 1617 zum Throne gelangte und wegen notorischen Irrsinns durch einen Erlaß des Scheik-ül-Jslam vier Monate später abgesctzt und in den Garten des alten Serails eingesperrt wurde. Ec 1 vertrieb sich die Zeit damit, daß er die Goldfische mit Golddublonen fütterte. Im Mai 1622, nach der Ermordung seines Neffen Osmann II. durch die Janitscharen, kam Mustapha wieder auf den Thron (der einzige Monarch in der Geschichte, der, obwohl für wahnsinnig erklärt, doch wieder auf den Thron gelangte). Aber schon nach einem Vierteljahr vertauschte er den königlichen Palast wieder mit der Zelle des Irrsinnigen. Im 18. Jahrhundert veifiel König Ferdinand VI. von Spanien dem traurigen Schicksale des Wahnsinns. Nach dem Tod seiner heißgeliebten Gemahlin
Maria Barbara verfiel der unglückliche König in unheilbare Melancholie. Die Krankheit artete immer ärger aus und gestaltete sich zu vollständigem Blödsinn. Ferdinand wurde in die Villa Viyosa gebracht und starb dort nach einjährigem Auf nt- halt 1759. Auch Dänemarks Thron wurde von dem unheilvollen Geschick heimgesucht. König Christian VII., derselbe, der seine Gattin Mathilde einkerkern ließ und seine Minister Stru- ensee und Brandt auf's Schaffot schickte, wurde 1784, als an unheilbarer Geistesumnachtung leidend, auf das Rendsburger Schloß gebracht, wo er nach 24 Jahren, am 13. März 1808, aus dem Leben schied. Sehr viel wurde über den Geisteszustand Ludwigs XV. von Frankreich gestritten. Obwohl es von der Mehrzahl der Geschichtschreiber bestritten wird, daß er je irrsinnig gewesen sei, ist man doch heute ziemlich klar darüber, daß Ludwig XV. in den zwei letzten Lebensjahren seiner Sinne nicht mehr mächtig war. Das 19. Jahrhundert hat drei Vorläufer Ludwigs II. Da war vor Allen Georg III. von England der am 10. Januar 1811 wegen Wahnsinns den Thron räumen und ins Windsorer Schloß unter die Hut des Herzogs von Dock wandeln mußte. So manches Attentat hatte die Geisteskrankheit des greisen Monarchen, der ein Jahrzehnt später im Alter von 82 Jahren starb, vorgezeigt. Der andere war König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen, der ältere Bruder des deutschen Kaisers. Der hochgelehrte und reich begabte Monarch, welcher vergebens in der Schweiz und in Italien Heilung für seinen zerrütteten Geist suchte, begab sich im Oktober 1857 der königlichen Macht und legte sie in die Hände des Prinzregenten Wilhelm, der 4 Jahre später den Hoherzollernthron bestieg. Der dritte ist Murad V., der Nachfolger des ermordeten Sultans Abdul Aziz, der nach dreimonatlicher Herrschaft die glanzvollen Räume des Kaiserpalastes von Dolma Bagdsch mit den Souterrains von Tschiragan vertauschen mußte, um seinem Bruder Abdul Hamid II. Platz zu machen. Der vierte ist der unglückliche Bayernköifig Ludwig II., der geschieden ist von den sonnenbeglänzten Höhen des Thrones, welchen er so lange als einer der schwärmerischsten Förderer ves Kunstsinns und der Kunst inne gehabt.
Vermischtes.
* lieber die Herstellung der Kunstbutter hielt Herr Anton Jurgens vor Kurzem einen interessanten Vortrag in der Londoner Society of Akts. In England ist die Nachfrage nach Butter so groß, daß die Produktion des Landes ungenügend ist, den Bedarf zu decken. 1883 besaß Großbritannien etwa 3,400,000 Milchkühe, welche etwa 8172 Millionen Liter Milch lieferten. 5/12 davon (3,518,500,000 Liter) wurden in natura verbraucht, 5/i2 (2,111,100,000 Liter) dienten zur Käsebereitung und das übrigbleibende Drittel, mehr als 21/g Milliarden Liter, wurde zu Butter verarbeitet. Da ll'/g Liter Milch ungefähr ein Pfund Butter geben, so beträgt die Gesammt- Produktion ungefähr 248 Millionen Pfund Butter. Der Verbrauch pro Kopf beträgt nun aber 13 Pfund, die 45 Millionen Einwohner Großbritanniens verbrauchen mithin 455 Millionen. Das Defizit von 207 Millionen wird durch die Kunstbutter gedeckt. Die Kunstbutter ist billiger und hält sich länger, als die echte Butter. Ihr Hauptbe- j standtheil ist das Oleo-Margarin, welches man folgender- ’ maßen bereitet: Man nimmt den besten Theil des Fettes ; frisch geschlachteter Thiers, indem man sorgsam alle Theile ' entfernt, welche dem Erzeugniß einen schlechten Geschmack ertheilen könnten; man bringt es in eine Maschine, welche es in einen Brei von crtzmeartiger Beschaffenheit verwandelt. Dieser wird in hölzerne Bottiche gebracht unv darin durch Dampf und heißes Wasser auf eine mäßige Temperatur erhitzt. Das geschmolzene Fett fließt in Gefäße, wo es erkaltet und sich langsam klärt. Nach einigen Stunden beginnt das Stearin fest zu werden, seine weiße Farbe bildet einen deutlichen Gegensatz zu der gelben Farbe des . Oleo-Margarins. Wenn die Masse eine genügende Festigkeit gewonnen hat, wird sie in kleine Stücke zertheilt, die :
sauber in weißes Zeug eingehüllt und in einer Hydraulk' scheu Presse einem Drucke von 100,000 Kilo ausgesetzt werden, wodurch das ganze Oleo-Margarin ausgezogen wird. Das Stearin wird an die Lichtfabrikanten verkauft. Das so gewonnene Oleo-Margarin erhält noch einen Zusatz von Butter, Milch und feinstem vegetabilischen Oel. Diese Mischung wird in Eis abgekühlt, zwischen gerieften Walzen gestreckt und während dessen mit Salz versetzt. Wohl bekomm's!
* (Alarmschloß.) Der Schlossermeister Schael in Berlin hat ein von ihm erfundenes, durch Reichspatent vom 12. Februar d. I. geschütztes Alarmschloß der Kriminalpolizei zur Besichtigung und Begutachtung vorgelegt. Die Einrichtung dieses Schlosses ist eine derartige, daß, wenn ein anderer als der zur ordnungsmäßigen Eröffnung bestimmte eigenartig geformte Schlüssel, beziehungsweise ein anderes Instrument, mit dem Schlosse in Berührung gebracht wird, die mit dem letzteren verbundene Lärmvorrichtung sofort in Bewegung gesetzt wird und bis zur Abstellung derartig fortarbeitet, daß der Lärm auch den in den entferntesten Theilen der Wohnung befindlichen Personen nicht entgehen kann. Auch das Einstoßen der Thür oder das Ausschneiden der Thürfüllung setzt die Vorrichtung in Bewegung. Die Anbringung des Schael- schen Alarmschloffes an den Eingangsthüren zu Wohnungen oder den Geschäftsräumen wird seitens der Kriminalbehörde empfohlen, weniger an den Hausthüren, weil zu besorgen steht, daß durch Muthwillige die Hausbewohner ohne Grund erschreckt werden können.
* (Neue Lohnzahlungsmethode.) Wie die Zeitschrift „Arbeiterversorgung" mittheilt, hat man im „Fa- milisterium" zu Guise in Frankreich, einer 1400 Arbeiter zählenden, höchst originell eingerichteten Fabrik gußeiserner Waaren, zur Förderung der Mäßigkeit mit einer interessanten Lohnzahlungsmethode vortreffliche Resultate erzielt. Die Arbeiter dort erhalten ihren Lohn nicht wöchentlich, sondern alle 14 Tage. Die Auszahlung findet nicht an einem bestimmten Tage, sondern innerhalb 14 Tagen an vier verschiedenen Wochentagen statt. Das Personal des „Familisteriums" ist nach dem Alphabet geordnet und in vier gleich große Abtheilungen getheilt. Die eine Abtheilung empfängt ihren Lohn am Dienstag, die zweite am Freitag, die dritte am Dienstag der nächsten Woche und die vierte am Freitag darauf. Die Auszahlungsweise hat den Vortheil, daß von den in einer Werkstätte zusammen arbeitenden Leuten stets nur ein Viertel Geld hat. Die Verführung zum Trinken, welche dadurch, daß das gesummte Personal auf einmal Lohn erhält, außerordentlich begünstigt wird, wird durch diese Maßregel erschwert.
* (Angebrannte Cigarren gut zu erhalten.) — Soll eine angerauchte Cigarre auch am anderen Tage noch gut schmecken, so muß man nach dem letzten Zuge den in den Luftwegen der Cigarre befindlichen Rauch hinausblasen und die Cigarre über Nacht mit dem brennenden Ende etwas nach aufwärts legen, so daß der sich etwa entwickelnde Rauch nicht wieder in die Cigarre ein« dringen kann. Dieser Rauch verdirbt Über Nacht die chemische Beschaffenheit des Stummels und macht ihn beißend und übelschmeckend. Wer den Rauch vor dem Weglegen der Cigarre hinausbläst, wird am anderen Morgen einen viel besser schmeckenden Stummel vorfinden, als wenn er ihn einfach nach dem letzten Zuge hin- legt wie er ist. Freilich mit der Güte der neuen Cigarre kann sich auch ein so behandelter Stummel nicht messen.
(Eisenbahn-Billet mit Annoncen.! Auf der norditalienischen Eisenbahn besteht seit einiger Zeit eine Einrichtung, die so praktisch und so einfach zugleich ist, daß man sich wundert, warum dieselbe nicht schon weitere Verbreitung gefunden hat. Die Eisenbahn-Billets, welche auf größere Orte lauten, sind nämlich dort auf der Rückseite mit einer Tasche versehen, in welcher sich ein ans dünnem Papier hergestelltes Zeitungsblatt befindet. Dasselbe enthalt in Form von Annoncen zahlreiche.Nachrichten über die Hotels, die Sehenswürdigkeiten und bergt, derjenigen Stadt, auf welche das Billet lautet. Auf diese Weise wird dem reisenden Publikum die Annehmlichkeit geboten, sich unterwegs Über mancherlei Wiffenswerthes der Stadt, nach welcher man reift, zu unterrichten. Das Blatt enthält 40 Abtheilungen, 20 auf jeder Seite, von denen jede zur Aufnahme einer Annonce bestimmt ist. Neben der Annehmlichkeit für das Publikum hat die Einrichtung aber auch eine angenehme Seite für die Eisenbahnverwaltung. Für den Raum einer jeden Abtheilung, also für jede der 40 Annoncen, ist der Jnsertionspreis auf 15 Franken für je 10,000. Blätter festgesetzt. Ist nun das ganze Blatt bedruckt — und dies ist fast ausnahmslos der Fall — so erzielt die Eisenbahnverwaltung aus der Einrichtung eine außerordentliche Einnahme von 600 Franken auf je 10,000 Stück verkaufte Billets. Ließe sich das, wenn bewährt, nicht auch bei uns einführen?
§ Same: „IhrHund ist doch geradezu unausstehlich, er heult die ganze Nachtj" — Herr: „Dafür spielt er aber auch am Tage kein Klavier."