JV 213.
Sonnabend, den 18, September
1886
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Deutsches Reich.
Berlin, 17. September.
Der Kaiser fühlt sich heute, wie aus Straßburg gemeldet wird, wohler, hat aber den Besuch nach Metz aufgegeben. Am Sonntag reist der Kaiser anstatt nach Metz nach Baden- Baden. ;
* Der BündeSrath genehmigte in seiner gestrigen Plenarsitzung die Anträge Preußens und Hamburgs, betreffend die Verlängerung des kleinen Belagerungszustandes über Berlin-Potsdam und Hamburg-Altona, die Vorlage betreffend die Herbeiführung einer internationalen Vereinbarung über technische Einheit im Eisenbahnwesen, wurde den Ausschüssen für Eisenbahnen, Post und Telegraphen und für das Landheer und die Festungen zur Vorberathung überwiesen. Endlich wurde über den dem Kaiser wegen Wiederbesetzung der Stelle eines stellvertretenden Mitgliedes des Reichsversicherungs-Amts zu unterbreitendeu Vorschlag Beschluß gefaßt.
* Bei den morgen bevorstehenden Verhandlungen des Reichstages über den Rechenschaftsbericht der K. sächsischen Regierung wegen der Ver- g—g— ————
Der Dombaumeister non Fulda.
Eine Geschichte aus Fulda's Vergangenheit.
' , (41. Fortsetzung.)
Und was sollten eigentlich ihre Anspielungen 4uf Artari, gegen den sie ja auf ein Mal ein merkwürdiges Vorurtheil zeigte? Fürchtete sie, daß sein Künstlerruhm ihres Gatten Namen verdunklen werde? — Gestern noch hätte Tilchen wenn Je- mand solche niederen Beweggründe seiner Freundin zugetraut, mit Zorn dagegen gekämpft» heute aber war sein Urtheil allzusehr von heimlichem Aerger getrübt.
Der neubestallte Amtsvogt war nach dem Orte seiner Bestimmung abgegangen. Mit traurigem Lächeln hatte er alle Beglückwünschungen zu der vortheilhaften Beförderung entgegengenommen; ach sie erschienen ihm jetzt, wo er feine süßeste Lebenshoffnung hatte scheitern sehen, doch nur wie eine Ironie.
„Nein, das hält' ich doch nicht gedacht",'sagte Base Annjoseph kopffchüttelnd. „So mir nichts, dir nichts fort zu gehen und kein Sterbenswörtchen weiter zu sagen. Jetzt wo er Amtsvogt geworden, bucht' ich sicher, er käme und würde um Dich freien."
„Aber Base, Ihr habt immer so wunderliche
längerung des kleinen Belagerungszustandes über Leipzig rc. werden der Gesandte und Bundesraths-Bevollmächtigte Graf Hohenthal und der hier eingetroffene Geh. Reg.-Rath v. Ehrenstein den Standpunkt der sächsischen Regierung vertreten.
* Die Socialdemokraten beabsichtigen beim Reichstage eine Interpellation betreffs der bulgarischen Frage einzubringen. Es wird in- deß bezweifelt, daß sie die nöthigen Unterschriften dafür finden werden. Zur Einbringung einer Interpellation sind 30 Unterschriften erforderlich, während die Fraction in Abwesenheit des nach Amerika gereisten Herrn Liebknecht nur über 24 verfügt. Die Besprechung einer Interpellation, nachdem die Regiernng dieselbe beantwortet oder die Beantwortung abgelehnt hat, kann nur erfolgen, wenn der Antrag darauf von 50 Mitgliedern unterstützt ist.
* Der Verein zur Wahrung der Jntereflen der chemischen Industrie Deutschlands ist heute in Berlin zusammengetreten. Aus dem Jahresbericht geht hervor, daß im vergangenen Jahre fast sämmtliche Zweige der Industrie, insbesondere die Großindustrie, stark beschäftigt waren. Die starke Produktion drängte auf den Export und drückte die Rentabilität der einzelnen industriellen Institute herab. Der Export ist von 465,000 Tons auf 578,000 Tons gestiegen, der Werth deffelben aber von 268 auf 226 Millionen Mark zurückgegangen. Am günstigsten stellte sich die Branche pharmazeutische Fabrikate, während die Farbefabrikation sehr schlecht steht, namentlich in Folge der traurigen Lage der Ultramarinfabrikation. Eine lebhafte Debatte rief die Frage der Vorbildung der Chemiker für die Praxis hervor. Der Gegenstand wurde an eine Kommission von 7 Mitgliedern zur Vorberathung überwiesen.
* lieber „Das polnische Elend an der Themse" veröffentlicht der »Kuryer Poz.' einen Artikel, dem der Brief eines in London lebenden Polen zu Grunde gelegt ist und das Elend der durch die Ausweisungen ihres Heims beraubten und nach London ausgewanderten polnischenHand- werker in lebhaften Farben schildert. Auf Grund falscher Vorstellungen und Nachrichten über die englischen Verhältnisse dauerte der Zuzug noch fort, ohne daß die Ankömmlinge auch die geringste
Gedanken, die sonst keinem Menschen in den Sinn kommen", fuhr Tilchen unwillig auf.
„Tilchen, das verstehst Du nicht, wenn ein lediger Kammersecretarius so oft in ein Haus kommt, wo ein junges Mädchen ist, — ich meine Dich, Tilchen, "schaltete sie erklärend ein, „dann muß ein Jeder so was denken —".
„Kauft Citronen, Pommeranzen, Gewürze, Kräutereffig, Handschuhe, Goldsachen!" rief plötzlich draußen im Flur eine heisere Stimme und unterbrach ein Gesprächsthema, welches dem jungen Mädchen sehr unangenehm war.
„Ach, der welsche Gewürzhändler! Ist der auch wieder da? Tilchen laß ihn herein", sagte die Base.
Das Mädchen öffnete die Thüre und herein trat eiu kleiner Mann, schwer bepackt mit einem großen Ranzen und Ledersack. Die gelbe Gesichtsfarbe, sowie die tiefschwarzen Haare und Augen ließen unschwer den Italiener, oder doch mindestens den Südländer in ihm erkennen.
„Das ist gut, daß Ihr wieder da seid, mein Vorrath geht zur Neige", sagte die Base zu dem Manne, der mit großer Lebhaftigkeit seine Maaren auskramte und sie mit viel Zungenfertigkeit, wenn auch in fremder Aussprache anpries.
Aussicht hätten, Beschäftigung und Brod zu finden. Eine große Anzahl sei völlig subsistenz- und obdachlos. Die Redaktion de» .Äurpet' lenkt die Aufmerksamkeit des polnischen AuSweisungskomits» auf die traurige Lage dieser Auswanderer und bringt den Gedanken in Anregung, ob denselben nicht durch Verschiffung nach anderen Ländern zu helfen wäre.
* Trier, 15. Sept. Eine Freudennachricht verbreitete sich heute in hiesiger Stadt, nämlich: daß die königl. Regierung die von ihr am 20. Februar 1874 mit Beschlag belegten, dem bischöflichen Priester-Seminar gehörigen Gebäude rc. heute Nachmittag dem genannten Seminare zurückgeben werde. Bekanntlich hat das Priester- Seminar den von ihm gegen den königlich preußischen Fiscus wegen jener Beschlagnahme erhobenen Proceß auch am königlichen Oberlandesgerichte in Köln gewonnen und wurde ihm, dem Seminar, fragliche Gebäude rc. als Eigenthum zuerkannt. Dem Vernehmen nach wird das Priester-Seminar im Monat November rc. wieder eröffnet werden, während die Eröffnung des bischöflichen Knaben-Convictes schon am nächsten Sonntag erfolgt. Zum Eintritt in dasselbe haben sich bereits mehr als 50 junge Leute gemeldet. (K. Vztg.)
* Metz, 17. Sept. Eine Deputation von 8 Mitgliedern des Gemeinderaths wurde für morgen Abend an das kaiserliche Hoflager in Straßburg entboten.
* Würzburg, 16.Sept. Gemeinderath Bauch, 1874—77 Reichstagsabgeordneter für Schweinfurt (Centrum) ist vorgestern in dem benachbarten Veitshöchheim gestorben.
Ausland.
• Wien, 17. Sept. In Triest sind an der Cholera 11 Personen erkrankt und 2 gestorben, in Istrien in 6 Orten 9 erkrankt. In Budapest sind 4 erkrankt und 3 gestorben, unter den letzteren 2 von den früher Erkrankten.
♦ Sofia, 17. Sept. Die Sobranje nahm per Akklamation den Entwurf der Antwort auf die Rede der Regentschaft an. Die Antwort spricht tiefe Entrüstung über den Staatsstreich aus, verlangt strenge Bestrafung der Schuldigen und gibt der patriotischen Opferwilligkeit des Fürsten Alexander durch die Thronentsagung bewundernden
Damals war es nämlich mit dem Spezereihandel in Fulda noch schlecht bestellt. Im sogenannten „Schwarzen Mann" im „Schwarzen Krämer" in der „Gelben Luft", int „Schwanen" und wie die alten Kaufhäuser sonst hießen, die alle einen gewissen individuellen Charakter trugen, befanden sich zwar schon im Erdgeschoß kleine Kramläden, wie die bescheidenen Bogenfenster verriethen, hinter denen man hölzerne Zuckerhüte, Feuersteine, Zündlappen und bergt ausgestellt sah, aber man fand da auch nicht mehr, als was den allereinfachsten Bedürfnissen entsprach. Die Familien, deren Lebensweise eine mehr verfeinerte war, konnten ihren Bedarf in diesen untergeordneten Geschäften nicht finden; sie mußten warten, bis die durchziehenden Italiener kamen, welche mit den Erzeugnissen ihres Landes und anderen ausgesuchten Artikeln hausiren gingen und damit namentlich am Hofe und bei den Pröpsten eine gute Kundschaft fanden.
Im Hause des Kammerraths Herzing war man nun zwar jedem Luxus abhold, aber der schlaue Italiener, der alljährlich dort vorsprach, verließ es doch nie, ohne ein Geschäft gemacht zu haben, wenn dieses sich auch nur auf ein Paar lederne Handschuhe und etwas Gewürz beschränkte.
Auch jetzt hatte die Base Annjoseph wieder einige Kleinigkeiten erstanden, da wandte sich der