TV 212.
Freitag, den 17, September
1886
W^W
Fuldaer
Deutsches Heidi.
Berlin, 16. September.
** 3» der heutigen 1. Sitzung des Reichstages »erlas ^Staatssekretär v. Bötticher folgend« Eröffnungs-
„Geehrte Herren! Se. Majestät der Kaiser haben mich zu beauftragen geruht, den Reichstag zu eröffnen. Die Berufung desselben ist zu dem Zwecke erfolgt,. M..Mnen zwischen dem deutschen Reich und Spanien abgeschlossenen Handels- und Schifffahrtsvertrages vorzulegen, dessen Geltung mit dem 30. Juni 1887 abläuft. Die wegen Verlängerung dieses Vertrages getroffene Vereinbarung wird Ihnen unverzüglich mit dem Anträge zugehen, derselben Ihre verfassungsmäßige Zustimmung zu ertheilen. Rach der übereinstimmenden Auffassung der verbündeten Regierungen entspricht die Verlängerung des Vertrages den Interessen und Wünschen unseres Handels und unserer Gewerbthätigkeit. In den Beseitigten Kreisen aber wird im Interesse der geschäftlichen Dispositionen Werth darauf gelegt, so bald wie möglich jede Ungewißheit über die Fortdauer des Vertrages ausgeschlossen zu sehen. Um die rechtliche Geltung der vereinbarten Verlängerung endgiltig sicher zu stellen, hat daher die Ratifikation derselben ohne Verzug in Aussicht genommen werden müssen. Die verbündeten Regierungen würden, ebenso wie sie hierzu im Jahre 1883 bereit waren, geneigt gewesen sein, die Ratifikation herbeizuführen, ohne zuvor den Reichstag zu versammeln, in der Hoffnung, daß ihnen für dies Verfahren die Indemnität ohne Anstand nachträglich bewilligt werden
digung wird die Leiche in offenem Sarge durch möglichst viele Straßen geführt, der Sargdeckel wird von zwei Bulgaren dem ganzen Zuge vorangetragen, die Popen veranstalten bei Begräbnissen stets ein großes Wehegeschrei, nach deffen Vehemenz sich auch die Bezahlung richtet. Die Heirathen werden früh geschloffen, weil die Jugend überhaupt frühzeitig entwickelt ist. Schon beim Austritt aus der Schule werden die Mädchen verlobt, müssen aber mit dem Heirathen warten, bis die Mütter sie für heirathsfähig erklärt haben. Bei der Trauung selbst, geht es sonderbar zu. Acht Tage lang dauern die Festlichkeiten, etwa am dritten Tage findet die eigentliche Trauung statt, vorher und auch noch wenige Tage nachher werden Braut und Bräutigam gewissenhaft von einander getrennt gehalten. Als Sonderbarkeit erwähnte der Redner noch die Sitte, daß der bulgarische Professor stets '• seinen Schüler zuerst grüßen muß (indem er mit der rechten Hand an die Stirne greift), der Stu- dent erwidert den Gruß, worauf ihm der Professor mit wiederholtem Gruße dankt.
Die Bulgaren drücken ihre Einwilligung, ihr „Ja" durch Schütteln des Kopfes, das „Nein" durch Verneigen desselben aus, also umgekehrt, wie andere Leute. Redner erwähnte auch ganz besonders den Bildungsdrang der bulgarischen Hausknechte. Jeder Hausknecht bedingt sich beim Dienfieintritt freie Zeit von 8 — 1 Uhr aus; wäh- rend dieser Zeit besucht er das Gymnasium, um dort iremdü y* r-—— 7 o0rrp SR.
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rechtigung hat. Ueberhaupt ist die Sprachenkennt- niß in Bulgarien groß. Schon die Kinder sprechen oft drei Sprachen, eine Folge der gemischten Nachbarschaft. j
Pater Max ist ein begeisterter Verehrer des > Fürsten Alexander, dem auch das Volk treu an- : hänge, während nur die Russen und einige Ver- ' räther und käufliche Seelen gegen ihn gesinnt seien. ’ Redner wird gewiß nicht von eigennützigem Inter- i esse getrieben, denn Fürst Alexander ist Protestant f und so fceigläubig, daß er sich nichts daraus macht, l das Abendmahl in der schismatischen Kirche zu empfangen. Aber der Fürst hat in den sieben Jahren seiner Herrschaft Bulgarien wirklich in die Höhe gebracht, ihm politische Selbstständigkeit ge- f geben, unter seiner Herrschaft hatte Bulgarien die :
schönsten Aussichten. Es sei eine irrige Anschauung, daß die Bulgaren russenfreundlich gesinnt seien, di e Bulgaren ließen sich lieber köpfen, als ganz russisch zu werden. Bulgarien berge auch nach den Urtheilen wissenschaftlicher Autoritäten große Schätze an Kohlen und selbst an Edelmetall, aber nur ein tüchtiger, energischer Fürst werde es dahin bringen, daß diese Schätze ausgebeutet würden.
Die eingehenden Schilderungen aus dem von Serbien frivol begonnenen serbisch - bulgarischen Kriege wollen wir kurz übergehen, nur erwähnen, daß der Schurke Zanko ff, der eben erst den Für- sten Alexander verrieth und stürzte, schon damals eine Verrätherrolle spielte und ohne die Wachsamkeit Alexanders die ganze Armee an Serbien ausgeliefert hätte. Das blutige Gemetzl in dein ser- i bisch-bulgarischen Kriege wird von Pater Max leb- ■ haft geschildert, aber er versichert, daß nur der Rum (ohne h), der den Soldaten reichlich gespendet wurde, den Sieg der Bulgaren entschied.
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— Land und Leute in Bulgarien.
(Schluß.)
Was die Schulen anbelangt, so sind die niederen Schulen deßhalb schlecht, weil verlaufene Studenten und ähnliche Leute in großer Zahl als Lehrer angestcllt sind. Gymnasien gibt es mehrere, so in Sofia, Philippopel, Tirnowa, in den ersteren Städten werden sie von je 900 Schülern besucht. Der Unterricht wird stets mit einem Gebet er- öffnet, und hei der großen Mischung der Reli- gionen macht es ernen I»,» lumqiytK vinvinuf > wie ein Jeder seine rituellen Eigenthümlichkeiten einhält. In dem Schulzimmer sitzt beim Gebet der Osmane mit untergeschlagenen Beinen am Boden, das Gesicht gegen Mekka, der Jude blickt gegen Sonnenaufgang, der Grieche gegen Sonnenunter- gang, Protestanten und Katholiken falten die Hände. Universitäten gibt's in Bulgarien keine, viele Bulgaren studiren in Leipzig u. s. w., während Athen gemieden ist. Von den bulgarischen Schulen sind die protestantischen anerkanntermaßen die besten.
Eigenthümliche Sitten und Gebräuche bestehen in Bulgarien; die Kinder werden thunlich gleich nach der Geburt zur Taufe in die Kirche gebracht und durch völliges Untertauchen in Wasser getauft, die Pathen tragen auf dem Rückwege brennende Kerzen in der Hand. Bei der Beer-
Der Dombaumkister von Fulda.
Eine Geschichte aus Fulda's Vergangenheit.
(40. Fortsetzung.)
„Wie geht's der Tante?" fragte Tilchen jetzt.
„Nun, es geht so — so — mit ihr. Sie kränkelt immer und will gar nicht mehr recht auf den Damm kommen."
„O, das thut mir aber leid," entfuhr es dem Mädchen mit herzlichem Bedauern.
„Ja, gelt, aber zu uns hinaus kommen willst Du doch nicht wieder? Potz Wetter, ich kann's ja auch nicht verlangen. Aber was hab' ich denn gehört," fuhr er mit einem schlauen Lächeln fort, „der Herr Weiß soll ja nun Amtsvogt werden, nun, ein gestrenger Herr Amtsvogt, dem die Bauern Fastnachtshühner und Jägerhafer abliefern müssen, hat gar keine üble Stellung — und Frau Amtsvögtin hört sich auch nicht schlecht an. Gelt, Kleine?"
„Ich versteh' Euch nicht," stammelte Tilchen.
„Verstehst mich nicht?" lachte der Wildmeister. „Potz Wetter, Mädel, ich freu' mich auf Deine Hochzeit, auf die wir jetzt wohl nicht lange mehr zu warten brauchen."
„Laßt Euere Neckereien, Onkel," schmollte Tilchen erröthend. „Ihr müßt immer als die Leute ärgern."
„Millionenschockschwernoth! — Dann ist's Zeit, \ daß ich mich Heimtrolle. Ich wünsch' vergnügten ’ Abend — und allerseits nichts für ungut." -
„Das ist ein wunderlicher Kauz, dieser alte ■ Waldmensch," sagte Johannes Dienzenhofer, dem j rüstig Davoneilenden nachsehend, „aber böse kann ’ man ihm doch nicht sein."
Nur Tilchen hatten die neckenden Anspielungen des Onkels ein wenig verstimmt. Warum auch mußte er in Artari's Gegenwart solchen Scherz treiben?
Es war schon spät, als die Gesellschaft aufbrach. Sie gingen paarweise und der Bildhauer bot dem jungen Mädchen galant den Arm, denn der schmale Pfad, der durch die Felder führte, war sehr abschüssig und holperig.
Mit zögernder Scheu legte Tilchen die Hand in seinen Arm und dann schritt es durch das Abenddunkel demüthig an der Seite des hochgewachsenen Mannes hin, der nicht müde wurde, seine Heimath mit dem ganzen Glanze seiner Darstellungsgabe der stilllauschenden Zuhörerin zu schildern.
„Um Gotteswillen, seht Ihr denn den Abhang nicht?" rief Tilchen mit einem Male angstvoll aus. indem es seinen Führer hastig zur Seite zog.
„Corpo di Bacco, ich wäre hmabgestürzt, wenn Ihr mich nicht hinweggezogen," sagte Artari er
schrocken. „Bella mia, Ihr seid mein Schutzengel und wahrhaftig, der Schutzengel, den ich für die Kirchenkuppel bilden werde, er soll Eure Züge tragen." Und er faßte die schmalen Finger, die so leicht und bebend aus seinem Arine ruhten und führte sie inbrünstig an die Lippen.
Der Baumeister und seine Gattin folgten den Beiden. „Johannes," Hub die Letztere leise an, „ich glaube, es wäre besser, wenn dii beiden jun- gen Leute sich nicht so oft bei uns sehen würden; Tilchen scheint Huldigungen unbedachten Artari's tieferen Inhalt zu geben."
Johannes Dienzenhofer, der, immer seinen Kunst- ideen nachhängend, wenig auf das achtete, was ihn in der Wirklichkeit umgab, blickte seine Frau überrascht an. „Du meinst, Leonora?"
„Ja ich habe schon seit längerer Zeit bemerkt, wie es jeder seiner Worte im Gedächtnisse bewahrt, heute aber schwand mir der letzte Zweifel, als ich die glücklich aufleuchtenden Augen bei seinem Erscheinen sah. Und doch scheinen seine Aufmerksam- keilen ohne Bedeutung, es ist wohl nur gewohnte Courtoisie bei ihm; Tilchen aber, das in den hiesigen steifen Sitten aufgewachsen, fehlt der Maß- stab für diese südländischen Formen. Und wenn er auch oft seine seuiigen Augen mit so sprechender Bewunderung auf dem schönen Mädchen haf-