Dienstag, den 14, September
1886
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Deutsches Reich.
Berlin, 13. September.
* Der preußische Gesandte beim Vatican, Herr von S ch l ö z e r ist gestern Nachmittag über München nach Rom auf seinen Posten zurückgekehrt.
* Die deutschkonservative und die nationalliberale Fraction des Reichstages treten am Donnerstag Vormittag, vor Eröffnung der außerordentlichen Reichslagssession, zu Fractionssitzun- gen zusammen.
* Der Afrikareisende Robert Flegel ist am Sonnabend zu Braß an der Nigermündung in dem noch jugendlichen Alter von 31 Jahren verschieden. Sein Name reiht sich den kühnsten nnd tüchtigsten Afrikareisenden, die Deutschland gestellt hat, würdig an. Sem Tod wird daher schmerzlich empfunden.
* Aus Rom wird der .Germania' geschrieben: Das ,Reuter'sck e Korrespondenzbureau' brachte am 24. v. M. folgende Meldung: „In Folge der zweideutigen Haltung Bayerns anläßlich der Frage betreffs seiner Kirchenpolitik übermittelte Caroinal Jacobini heute dem päpstlichen Nuntius in München genaue Instruktionen, von der bayerischen Regierung Aufklärungen über den Gegenstand zu verlangen." — Diese Leistung macht dem Gewährsmann des Bureau's ebenso wie diesem selbst sehr wenig Ehre; denn die Nachrich: ist nicht nur erfunden, sondern auch möglichst unge- fäjitft erfunden. Nicht nur hat der Cardinal Jacobini, der schon seit einem Monate der Gesundheit wegen in Genzano weilt und höchstens einmal wöchentlich auf einige Stunden hierher kommt, um von den laufenden Gefchäften Kenntniß zu nehmen, dem Nuntius in München keine Instruktionen ge- sandt, sondern es hat auch schon seit längerer Zeit überhaupt keine derartige Correspondenz zwischen dem Staatssekretariat und der Münchener Nuniatur stattgefunden. Seit dem Schreiben des Prinz- Regenten Luitpold an den Ministerpräsidenten v. Lutz und dem Protest des bl. Vaters gegen die „vollkommene Befriedigung" hat der hl. Stuhl keinen Anlaß mehr gehabt, sich mit der Kirchenpolitik der bayerischen Regierung zu beschäftigen. Es ist ja allbekannt, daß gegenwärtig in Bayern keine kirchenpolitische Frage, welche eine Intervention des hl. Stuhles erheische, vorliegt. Natürlich kann der hl. Stuhl nicht von allen ein-
Der Domvauuiristrr von fiiliii.
Eine Geschichte aus Fulda's Vergangenheit.
(37. Fortsetzung.)
Am Ostersonntage beschenkte Tilchen das Path- chen und den kleinen Heinrich der Sitte gemäß mit Ostereiern und Brezeln. Die Kinder ruhten nicht eher, bis die junge Pathin selbst sich an ihren Spielen munter betheiligte, denn das war eine gar fröhliche Spielgenossin, deren vergnügtes Lachen mit dem der Kleinen um die Wette ertönte.
Leonora sah lächelnd dem harmlosen Treiben zu, als plötzlich Tritte auf dem Haueflur ertönten. Sie eilte hinaus, um zu sehen, wer da sei, und Tilchen hörte, wie sie sagte: „Mein Mann ist leider nicht zu Hause, aber bitte, tretet ein, lange wird er gewiß nicht mehr ausbleiben."
Mit diesen Worten batte sie die Zimmerthür geöffnet und über die Schwelle trat der Fremde, der Tilchen am Gründonnerstag in der Nonnen- gaffe begegnet war.
Ob er es wohl auch wiedererkannte, als er sich leicht verbeugend, sein dunkles, scharfgeschnittenes Gesickt ihm nun zuwandte?
„Es ist Signor Artari, der Bildhauer, den der Fürst hierher berufen hat, damit er die Stiftskirche
zelnen Maßnahmen einer Regierung, selbst m Sachen, welche die katholischen Jntereffen berühren, wie z. B. Schulangelegenheiten, Notiz nehmen. Da ist es Pflicht der einheimischen Katholiken und ihrer berufenen Führer, ihre eigenen und der Kirche Rechte zu vertheidigen. Dem Papste liegt fehr viel daran, daß ebenso wie in allen andern Ländern, auch in Bayern die Katholiken diese Pflicht erfüllen, und ihnen diese besonders ans Herz zu legen wird er bei sich bietender Gelegenheit gewiß nicht unterlaßen. _ Was Leo XIII. immer den Katholiken empfiehlt, ist die Eintracht unter einander. Da in diesem Punkte gegenwärtig in Bayern Manches zu wünschen bleibt, so glaube ich, daß binnen einiger Zeit ein darauf bezügliches Mahnwort vom hl. Vater an die dortigen Katholiken gerichtet werden wird."
* Aus Westpreußen, 11. September. Zur Bekämpfung des Polonismus wird jetzt an Den höheren Lehranstalten Westpreußens ebenfalls ein Sichtungsprozeß vorgenommen. Die Versetzung zweier Gymrr: siallehrer in Kulm und eines in Könitz mit polnischen Namen nach Schleswig- Holstein ist schon mitgetheilt worden. Weiter ist Gymnasiallehrer Dr. Leopowski in Nenstadt nach Segeberg versetzt worden, Gymnasiallehrer Jakowicki in Nenstadt wird pensionirt, Gymnasiallehrer Moczynski in Dt. Krone ist nach Rendsbnrg versetzt worden.
* Breslau, 12. Sept. Das fürstbischöfliche Clerical-Seminar wird am 5. Ottobri eröffnet.
-r? Danzig, 12. Sept. (Schlußbericht über die X. Generalversammlung der G ö r r e s g e s e l l- schaft.) Die wissenschaftliche Thäligkeit der Generalversammlung ist in Kürze scizzirt worden. Es bleibt nur übrig, auf die Veranstaltungen der Lokalkomite's hinzuweisen, welche der geistigen Abspannung dienen sollten. Fast darf man sagen, sie waren überreich. Dem Begrüßungsabend (Montag) folgten am Dienstag die Ve.- sammlung aller katholischen Vereine Danzigs, und am Mittwoch der Studentencommers. Besonders am Dienstag und Mittwoch war der riesige Saal, selbst auf den großen Tribünen überfüllt und mancher Spätling leitete rasch seine Schritte wie- der heimwärts, weils ein Plätzlein für ihn nicht mehr gab. Das Leben war ein sehr animirtes und reges. Toaste und Reden wechselten in gro- mit den Gebilden seiner Kunst schmücke," sagte Leonora.
Dann wandte sie sich mit liebenswürdiger Freundlichkeit an den Fremden selber: „Mein Mann hofft viel von Euerem Mitwirken, denn Eurer Kunst ist es vorbehalten, sein Werk wirksam zu beleben."
Der Bildhauer zog die Schulter in dre Hohe. „Beleben?" wiederholte er langsam. „Oh Dio mio! Ja, wenn ich Marmorbilder schaffen dürfte, da kann man Leben einhauchen, aber Gyps, Signora," — und ein Zug von Geringschätzung kräuselte seine edelgeschnittenen Lippen, — „Gyps ist und bleibt eine starre, tobte Masse."
„Das würde einen enormen Kostenaufwand verursachen," versetzte Leonora, „und der Fürst kann nicht über den Reichthum Eurer hermathlichen Marmorbrüche verfügen. Italien freilich besitzt dieses kostbare Gestein in unerschöpflicher Fülle, meines Mannes Augen leuchten noch heute, wenn er von der Pracht der Statuen und Säulenhallen erzählt, die er in Rom und in Florenz geschaut hat — fein Geist weilt ja immer noch an jenen Stätten." Ä .
Der Bildhauer stützte leicht den Kopf m die Hand. „Meine Vaterstadt ist fast ganz von Mar- mor erbaut," sa(.te er dann mit einem stolzen Aus-
ßer Manigfaltigkeit ernsten und heiteren Inhalts, natürlich die heiteren zumeist bei vorgeschrittener Stunde. Dem Referenten hat eine wesentliche Tugend für solche Feste gefehlt: die Ausdauer, darum weiß er nicht Alles bis zu Ende zu erzäh- len. In der Versammlung der kathol. Vereine, die bei Gelegenheit der Generalversammlung gehalten wurde, hielt der Abgeordnete Bachem eine größere mit vielem Beifall aufgenommene Rede. Zum Studentencommers hatten sich die Mitglieder der katholischen Studentenverbindungen und Vereine aus Ost- und Westpreußen zusammengefunden. Sie hielten bei Gelegenheit der Generalversammlung ihren jährlichen Feriencommers. Gewiß eine glückliche Idee, die angehenden Jünger der Wiffenschaft, von vornherein in die Bestrebungen der Görres-Gesellschaft einzuführen. Den Glanzpunkt des Vergnügungsprogramms.btt- bete zweifelsohne die Dampferfahrt von Danzig über die Weichsel rach Neufahrwasser und von da über die Ostsee nach Zoppot. Die Theilnehmerzahl war eine sehr große, da kaum einer der Gäste sich ausgeschloffen und die Danziger kathol. Männerwelt sich wie überhaupt, sehr rege betheiligte. Tas Leben und die Toaste beim Diner im Kurhause zu Zoppot, Mittags nach 2 Uhr, bewiesen, daß die Erholung nach der geistigen Arbeit bereits ganz und voll in ihr Recht eingetreten war. Nun das Mittagsmahl war ja auch zuvor verdient bei der Besteigung der
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Nähe von Zoppot. Allerdings wolle sich bet Leser keinen gewaltigen Bergriesen vorstel- len; die Gebirge sind in den endlosen Ebe- nen Norddeutschlands überhaupt zu kurz gekommen , was jener nur bedauern kann, der zwischen zwei Gebirgszügen groß geworden. Ein Extrazug brachte die Festtheilnehmer nach Oliva zur Besichtigung der großen früheren Elfter» zienserorden-Kirche mit ihrer gewaltigen Orgel, die denn auch ihre Stimme in voller Kraft erschallen ließ, was ihr wohl nicht so oft vergönnt ist, da eine Anzahl Kräfte erforderlich ist, sie in Thätig- leit zu versetzen. Ganz Oliva war wohl auf den Beinen und hatte, wie es scheint, eine bessere Meinung von den Görresg.ffellschaftern, als sie es verdienten, denn sehr Viele trugen ihre Gebet- und Gesangbücher unter dem Arme oder in der Hand.
druck. „Was käme ihr auch gleich? Rom, — ja, es ist gewaltig und erhaben, Florenz ist herrlich, Neapel reizend — aber Venedig — Venedig ist unvergleichlich, denn es ist ein Wunder der Welt!
„O, erzählet uns ein wenig von Eurer Wun- derstadt und beschreibt sie uns," bat Leonora. „Wir hören das gar so gerne — nicht wahr, Tilchen?"
Tilchen nickte schweigend.
„Beschreiben kann man sie nicht," entgegnete Artari mit einem Überlegenen Lächeln, indem er sein großes Auge von der Einen zur Andern gehen ließ. „Man muß Venedig sehen, wie es, gleich einer prächtigen Wasserrose der Fluth entsteigt, mit seinen stillen Straßen ohne Wagengeraffel, ohne Staub, wo nur die flüsternden Wellen an die Mauern der hohen Paläste plätschern und kleine schwarze Fahrzeuge pfeilschnell vorübergleiten. Ihr müßt sie sehen, alle diese wundervollen Marmorpaläste, wie sie sich in der dunklen Fluth spiegeln! O, und der Markusplatz — dieses feenhafte Bild — bei Mondesglanz oder Sternenschimmer mit seinen herrlichen Arkaden, erfüllt von Musikklängen und belebt von einer buntfarbigen Menschen- menge! Sehen müßtet Ihr dies Alles, denn meine Beschreibung gibt Euch keine Vorstellung von ihren Herrlichkeiten," sagte er seuszend, aber er fuhr