JV 208.
Montag, den 13 September
1886
Die ,Fuldaer erscheint tStzii-, 6c«n» und Feiertag« ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld 1 Mk. 50 Pfg-, — mit der
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Jfulbacr
Deutsches Reich.
Berlin, 12. September.
* Der Kaiser ist gestern unter Kanonendonner und Glockengeläuts mit seiner erlauchten Gemahlin in Straßburg eingetroffen und von der Bevölkerung jubelnd begrüßt worden. Gleichzeitig mit dem Kaiser trafen der Kronprinz, Prinz Ludwig von Bayern und die Großherzogin von Baden ein. Heute hielt der Kaiser in Gegenwart der Kaiserin, der königlichen Prinzen, des Königs von Sachsen und der anderen anwesenden Fürstlichkeiten über die in Straßburg zum Manöver zusammengezogenen Truppen des XV. Armeecorps die große Parade ab. Morgen wird der Kaiser im Statthalterpalais den Staatssekretär, die Unterstaatssekretäre, die Ministerialräthe, die Mitglieder des Slaatsraths, des Landesausschuffes von Elsaß-Lothringen, sowie der Bureaux des Bezirkstages und des Gemeinderathes von Straßburg empfangen. Am Montag beginnen die Korpsmanöver bei Brumath. Die Kaiserin wird bereits am Dienstag von Straßburg nach Baden-Baden zurückkehren.
* Der Reichskanzler Fürst Bismark ist noch immer leidend, lieber seine Abreise sind deshalb auch noch keine Bestimmungen getroffen.
• Der preußische Gesandte beim Vatikan, Herr von Schlözer, der gegenwärtig noch in Berlin weilt, kehrt anfangs nächster Woche nach Rom zurück.
* Der bekannte freisinnige Abgeordnete Ludwig Löwe ist heute Vormittag am Unterleibstyphus gestorben. Der Verstorbene, mosaisch, ist 1837 in Heiligenstadt geboren. 1870 etablirte -r in Berlin eine große Maschinenbauanstalt und Waffenfabrik nach amerikanischem System. Seit 1878 betrat er den Wahlkreis Berlin I im Reichstage, während er dem Abgeordnetenhause seit 1877 an- gk hörte. Die freisinnige Partei erfährt durch sein Ableben einen empfindlichen Verlust.
* Zum französischeuBotschafter in Berlin wurde der Direktor der politischen Abtheilung im französischen Ministerium der äußeren Angelegenheiten, Staatsrath Jules Her bette, ernannt. Derselbe ist 1839 geboren. Seit 26 Jahren befindet er sich in der diplomatischen Laufbahn. Im
Der Domdallmeister von Fulda.
Eine Geschichte aus Fulda's Vergangenheit.
(36. Fortsetzung.)
Der Kammerrath Herzing konnte jetzt nicht mehr die Grabesstätte seines theuren unvergeßlichen Fürsten Placidus besuchen, dafür aber ging er täglich auf den Michaelsberg und sah traurig und mit verhaltenem Grolle das Werk der Zerstörung mehr und mehr fortschreiten. Und als endlich die letzten Steine polternd niederpraffelten und der alte Bau nun ganz in Trümmern lag, da stand der alte Herr wieder oben und blickte, ein Bild stummen Grames, hernieder. Er hatte das Gefühl, als ob die Steine, die jetzt niederfielen, alle auf sein Herz sich wälzten, um ihn unter ihren Trümmern zu begraben.
„Run haben sie's ja vollendet das Werk ihrer heillosen Zerstörung," rief hinter ihm mit bitterem Ausdrucke eine bekannte Stimme aus. Er wandte fich und sah den Hofrath Thomas, der sich keuchend auf seinen Stock mit dem großem Elfenbeinknopf stützte. „Ja, ja jetzt haben wir unser altes, Gotteshaus gehabt," fuhr dieser seufzend fort, „es paßte nicht mehr in die neue Zeit, in welcher der Wahlspruch unseres hochseligen Fürstabtes Placidus: Pietate et constantia, ein überwundener Standpunkt ist."
Jahre 1864 war er Vice-Konsul in Neapel, 1869 Konsul in Stettin, 1870 Sekretär von Jules Favre, 1876 Delegirter der europäischen Donau- Kommission, 1878 D rektor der Abtheilung für Personalien im Ministerium Freycinet, 1885 Direktor des Kabinets. Herbette, ein Vertrauensmann und diensteifriger Mitarbeiter Freycinets, wird sich wahrscheinlich Mitte Oktober auf feinen Berliner Posten begeben.
* Der Bundesrath hält am Montag eine zweite Plenarsitzung ab, in welcher über die Verlängerung des kleinen Belagerungszustandes für Berlin-Potsdam und Hamburg-Altona Beschluß gefaßt wird.
* Durch die neuerliche Bestimmung des Kaisers, betreffend in Führung ausländischer Fürsten in der Rangliste, wird der Name des bisherigen Fürsten von Bulgarien, abgesehen davon, ob derselbe wieder nach Bulgarien zurückkehrt ober Fürst ober bezw. Prinz von Battenberg bleibt, allerbings wie alle auslänbischen (nichtbeutschen) Fürsten in ber Anciennetätsliste fortbleiben. In bet Rangliste wirb aber, wie bis .Kreuzzeitung' hervorhebt, fein Name nicht gestrichen werben, fonbern er wirb a la suite bes Regiments ber Garbes bu corps unb bes zweiten Großherzoglich Heffischen Dragonerregiments (Leib-Dragoner- Regiment) Nr. 24 nach wie vor geführt werden; nur fällt künftig die Angabe des militärischen Ranges als General-Major fort.
* Ein junger Mann Namens Bloch ist gestern in Berlin unter dem Verdachte, Frankreich Spiondienste zu leisten, verhaftet worden.
* In mehren Blättern ist folgende vernünftige Betrachtung zu lesen. Wir laffen es gelten, wenn bei großen nationalen Festen oder hochpolitischen patriotischen Versammlungen Telegramme an d en K aiser und seinen Kanzler abgesendet werden. Daß es aber jetzt Mode werden will, bei jeder beliebigen Zusammenkunft irgend welcher Vereine, deren in ber heurigen Gurkenzeit fast täglich eine Anzahl tagt, bei jeher Versammlung von ein paar hunbert Leuten zu Zwecken bes Vergnügens ober finanziellen, gewerblichen Interessen Telegramme an ben Kaiser unb Bismarck abzulassen, dieselben dadurch zu Antworten zu nöthigen, vielleicht um nebenbei dem für die Allgemeinheit höchst gleich-
„Herr, vergieb ihnen, denn sie wiffen ja nicht, was sie thun," sagte der Kammerraty langsam, die welken Hände zusammen legend.
„Ach, alter Freund, auch wir paffen nicht mehr in diese Zeit, wo man so gründlich mit dem Alten aufräumt," Hub der Hofrath wieder an. „Ist es nicht als ob ein böser Dämon den Fürstabt verblendet, und ihm alle Pietät aus der Seele geriffen habe, daß er solchen Frevel vollbringen kann. Aber ich kenne ihn, den Dämon, der ihn umgarnt hat und deffen Versuchungen er unterliegt: ber Baumeister, biefer Johannes Dienzenhofer ist es, ber wahrhaftig zu unserem Fluche nach Fulba gekommen "
„Verbammt nicht ihn," entgegnete Herzing traurig ben Kopf fchüttelnb, „denn er ist ein Frember. Ihm, bem Architekten, war unsere Stiftskirche ja nur bas Dokument eine« ungebildeten Geschmackes, aber was sie unserem Herzen galt, das fühlt er und versteht er nicht. Was weiß er von den taufend großen Erinnerungen, von denen sie durchwebt und verflochten war und was liegt ihm an den theuren Grabstätten unserer Fürstäbte?"
„Um so schlimmer," unterbrach Thomas heftig die mit zitternder Stimme gesprochenen Worte des Freundes, „um so schlimmer, daß ber Fürst ihm sein Ohr leiht! Er müßte boch bas Ver- mächtniß unserer großen Vergangenheit behüten, wie
gültigen Congreßchen einen Nimbus zu geben, bas muß als eine große Unsitte, um nicht zu sagen Aufdringlichkeit gerügt werden und verdient eigentlich ein Mal statt der stets erfolgenden liebenswürdigen Antwort ein» gelinde Abfertigung. Auch hier sollte die bekannte Regel stets beobachtet werden: „Gehe nicht zu deinem Fürst, wenn bu nicht gerufen wirst."
* Limburg, 10.Sept. Gestern Morgm 11 Uhr überbrachten bas hochw. Domkapitel unb bie übrigen Geistlichen ber Stabt Limburg, sowie als Vertreter bes Diözesanklerus bie Dekane von Aß- mannshausen, Cronberg, LiN'-enholzhausen unb Nie- berlahnstein laut bem .Nass. Bote' dem hochwürb. Herrn Bischof in offizieller Weife bie Glückwünsche zu seiner Ernennung zum Erzbischof von Freiburg unb Metropoliten ber oberrheinischen Kirchenprovinz unb überreichten Hochbemselben zugleich als Anbeuten an bas Domkapitel und ben Klerus seiner Heimathbiözese einen kostbaren Ring unb ein kunstvolles Brustkreuz mit goldener Kette. Se. Ex- cellenz ber Herr Erzbischof war sehr gerührt von ben Beweisen ber Siebe unb Anhänglichkeit bes Kapitels unb bes Klerus unb bankte in bewegten Worten ben beiden Rednern für bie ausgesprochenen Glückwünsche, sowie für bie werthvollen Anbenken, welche ihm stets eine liebe Erinnerung an feine Diözese fein würben. Gestern Abend reiften Se. Erzbischöfl. ©naben von hier ab, um für 8 bis 10 Tage an einem ruhigen Orte unserer Diözese in stiller Zurückgezogenheit zu leben. Sonntag, den 19. September wirb von allen Kanzeln ein Hirtenbrief, als Abschiebswort bes hochw. Herrn an seine Diözesanen, verlesen werben.
* Ein nationalliberaler Parteitag für Thüringen soll in biesem Jahre zu einem noch näher zu bestimmenden Termin in Gera stattfinden.
* Kassel, 10. Sept. Wie Dem ,K. Jl.' zuverlässig mitgetheilt wird, hat Herr Hofprediger Stöcker die neuerdings wiederholt an ihn gerichtete Einladung, noch tm Laufe dieses Herbstes einen politischen Vortrag in unserer Stadt zu halten, mit größtem Entgegenkommen angenommen. Von seinem Kehlkopfleiden ist der Herr Hofprediger vollständig wieder hergestellt. Der Tag, an dem die Versammlung stattfinden soll, wirb noch bekannt gegeben werben.
seine Vorfahren es gethan haben. Sie ließen, was auf bie Gewalt ber Elemente an unseren theuren Hort zerstörte, Alles immer roieber pietätvoll in ber alten Form errichten. Fluch aber biefer jetzigen Baumode mit ihren welschen Mustern, die unseren nationalen Werken das Grab graben. Seht hier bas Michelskirchlein — blickt es nicht wie richtenb unb mahnend hinab auf diese Zerstörung, und wer weiß, ob nicht ein so blinder Vandalismus über kurz ober lang auch diesen ältesten Zeugen unserer gnadenreichen Geschichte vernichten wird. Sie haben ja nicht einmal die Dreikönigskapelle geschont."
„Ja, die Dreikönigskapelle," nickte Herzing weh- müthig. „Auch sie mußte geopfert werden und mein hochseliger Herr hatte sie doch erst wieder Herstellen und prächtig auszieren laffen! O Gott, wie wenig hat man fein Gedächtniß und feinen erhabenen Willen geehrt!"
Der Kammerrath wandte sich um unb schritt langsam mit seinem Freunbe unb Gesinnungsgenoffen von bannen.
„Base, warum ist ber Vater nur gar so traurig, baß bie alte Stiftskirche abgerissen worben?" fragte Tilchen oft. „Herr Dienzenhofer will ja boch eine neue unb viel schönere Kirche bauen, unb er ist so glücklich barüber, daß bie alte weg ist."
„Tilchen, bas verstehst bu nicht," erroiberte bie