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Freitag, den 10, September

1886

JV 206.

Fuldaer Zeitung

Die ,Fuldaer 8<it*ng' erscheint tialich. Sonn- und Feiertag« ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgelds 1 Mk. 50 Pfg., — mit der belletristischen Wochenbeilage ,Sterne a«6 Binnen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 Mk. 75 Pfg. Inserat«: Di« rinspaltige Z«il« odrr d«r«n Raum 15 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

* Unser Verhältnis zu Rußland.

In den ersten Jahrzehnten der sogenannten Heiligen Allianz, al» ein bornirtes Polizei- und Bureaukratenregiment herrschte und die freiheitli­chen Bestrebungen der Völker mit aller Macht, wenn auch vergeblich niederhielt, da war es Ruß­land, welches die innere Politik Deutschlands lenkte. In Preußen und den Mittelstaaten galt Jahrzehnte der fast allmächtige Wille des russi- fchen Czaren Nikolaus, eines der größten Despo­ten, die jemals auf einem Throne gesessen. Selbst noch nach 1848 war es Rußlands Wille, der Preußen nach Olmütz und Aufgabe seiner Ober­herrschaftspläne führte, wegen deren es damals fast zu einem Kriege mit Oesterreich und Bayern gekommen wäre. Preußen wurde nun, wie sich bei dem polnischen Aufstande in den sechsziger Jahren und bei vielen Anlässen zeigte, noch un­terwürfiger gegen Rußland und der Lohn blieb nicht aus. Es durfte i. I. 1866 Oesterreich und die Mittelstaaten, i. I. 1870 sogar Frankreich niederwerfen (dem auf diese Weise der Krimkrieg heinigezahlt wurde) und die Kraft der deutschen Stämme in einem mächtigen Kaiserreiche zusam- menfasien, das die lange gehegten und sehr berech­tigten Wünsche des deutschen Volkes auf Einigung, so weit als dies möglich war, erfüllte. Wer aber glaubte, nun sei die Zeit gekommen, Deutschlands mächtige Jnteresien an der Lösung der orienta­lischen Frage in die Wagschale zu werfen, der s hat sich sehr geirrt. DaS haben die jüngsten Ereignisse deutlich gezeigt.

Die Politik von Preußen-Deutschland befindet sich jetzt erst recht im Schlepptaue Rußlands. Eine Zeitlang schien es anders geworden zu sein. Fürst Bismarck hatte auf dem Berliner Congresse dem Willen Europa's auf Zurückhaltung Rußlands von der Balkanhalbinsel Ausdruck gegeben und der volle Zorn der russischen Kreise bis hoch hin­auf traf das junge Deutsche Reich. Mit schmach­vollem Undank, so wurde ihm vorgeworfen, habe es die Dienste gelohnt, die ihm Rußland 1866 und 1870 durch seine vollkommene Neutralität erwiesen; Fürst Gortschakoff, der langjährige Lei­ter der russischen Politik, sagte den Franzosen so deutlich, daß man e» in Berlin hören sollte, Ruß-

ötr Aombaomkistrr voll Fulda.

Eine Geschichte aus Fulda's Vergangenheit.

(35. Fortsetzung.)

„Nun, so schafft sie Euch selbst herbei, Herr Gerüstmeister, oder laßt es Euren allmächtigen Baumeister thun," sagte der Wildmeister ärger­lich. „In unfern Wäldern sind sie nicht zu fin­den; hat schon schwer genug gehalten, die nöthi- gen 223 Rüststangen aufzutreiben. Potz Wetter i"

„Ja, da werdet Ihr freilig manches Donner­wetter dabei unferm Baumeister auf den Hals geschickt haben," lachte gutmüthig der Gerüstmei­ster, „man muß nur Eure Art kennen, da weiß man, daß es nicht gar schlimm gemeint ist. Aber den Baumeister solltet Ihr doch nicht schmähen, der ist ein Mann so bieder und rechtschaffen, wie es hier keinen besseren gibt."

„War doch früher die Rede davon, daß er sich nicht lange in Fuld' halten würde," fiel der Wildmeister ein.

„Ja, ein paar Neidhämmel hatten dies au°- gesprengt, die ihn gern forthaben wollten. Und selbst heut" ist er noch Vielen ein Dorn im Auge, aber Meister Dienzenhofer sitzt fest im Sattel, das heißt in der Gunst unseres gnädigen Herrn, der ihm noch andere wichtige Baupläne anvertraut.

land wünsche ein starkes Frankreich. Das Er- gebniß war Fürst Bismarcks Reise nach Wien (1879) und die Allianz mit dem einst so viel gehaßten und beschimpften Oesterreich, in welcher der großdeutsche Gedanke wieder seine Aufersteh­ung fand.

Aber selbst mit diesem Bunde mit Oesterreich ist Fürst Bismarck immer noch im Banne der russischen Politik. Er hat Oesterreich viel zu sehr schwächen helfen, als daß es jetzt ein Bun­desgenosse von jener Stärke für uns sein könnte, wie wir ihn für den Orient brauchen. Wenn man sich bis jetzt noch einer Täuschung darüber hingeben konnte, so haben die letzten Wochen die­selbe gründlich beseitigt.

Bulgariens junger Fürst, ein deutscher Soldat und leiblicher Vetter des Kaisers Alexan­der von Rußland, hatte sich durch Erziehung seines Volkes zur Selbstständigkeit den ganzen Haß Rußlands zugezogen. Rußland will die südslavischen Völker nicht selbstständig, son­dern als seine Unterthanen. Die Bulgaren wollen von ihrem Fürsten, der sie auf den Schlacht­feldern von Sieg zu Sieg geführt, nicht lassen, da dingt Rußland einige Verschwörer, diese über­fallen in feigster Weise nächtlicher Weile den Fürsten, erklären ihn für abgesetzt, verhaften ihn und schleppen ihn auf ein Schiff, das ihn außer Landes bringt. Aber das bulgarische Volk und die bulgarische Armee erheben sich in gerechtem Zorne über die Schmach, die man ihnen ange- than, stürzen die Verschwörer, setzen eine Regierug ein, die im Namen des davongeschleppten Fürsten das Land verwaltet, rufen den Fürsten selbst zurück, der unter dem Jubel seine» ganzen Lan­des wieder Besitz ergreift von seinem Throne. Man sollte nun glauben, die deutsche Politik müßte sich des so schmählich von Rußland be­handelten und so glänzend von seinem Volke ge­rechtfertigten Fürsten annehmen, — statt dessen aber läßt sie ihn fallen, weil Rußland es so will.

Ein Sturm der Entrüstung durchbrauste Deutsch­land, als die Kunde kam von dem Bubenstück zu Sofia. Was aber that die Presse, in der man, und, wie sich bisher stets gezeigt hat, meist mit Recht gewohnt ist, die Politik Bismarcks zu er-

So soll er jetzt ein neues Residenzschloß erbauen, und im Convent zwei neue Flü­gel. Er ist aber auch ein Mann, der seine Sach" aus dem Grund versteht, und dabei doch dernü- thig und bescheiden und so freundlich gegen den geringsten Handlanger. Wie fromm und gottes­fürchtig er ist, könnt Ihr daraus schon erkennen, daß er täglich ein hl. Meßopfer für alle bei dem Bau beschäftigten Leute darbringen läßt."

Der Wildmeister brummte einige Worte in den Bart, welche nicht leicht verständlich waren, aber die doch wie Anerkennung klangen, dann verließ er den Gerüstmeister und trat auf eine Gruppe zu, die sein scharfes Auge jetzt erspäht hatte.

„Bei St. Hubert, da ist ja auch die Base Annjoseph," rief er lachend aus. „Gelt, Euch hat es auch nicht zu Haus gelassen, Ihr wolltet das Plaistr doch gründlich mit ansehen?"

„Ein schönes Plaistr, Vetter," ächzte die Base. „Da wird man gezerrt und gestoßen und geschoben und sehen thut man doch nichts. Ach, du heiliger St. Bonifatius, meine Hühneraugen spür' ich fast kaum noch, so haben sie mich auf die Füße ge­treten. Und wie sind sie mit meinem geblümten seidenen Kleid, da» noch von meiner Großmutter selig ist, umgegangen! Blaue Flecken hab' ich an den Armen, so bin ich gestoßen worden. Und das nennen die Leute ein Plaistr! O, hätt ich's doch

kennen? Sie gab den Fürsten preis! Man kann dies als einen Act bitterer politischer Noth- wendigkeit begreifen; aber sie ging noch weiter, sie suchte dem deutschen Volke vorzumachen, daß es an den bulgarischen Händeln kein Interesse habe. Bei Durchführung dieser Rolle scheute die „Nordd. Allg. Ztg." sogar vor der Behauptung nicht zurück: weil die Centrumspresse und die Presse der freisinnigen Partei für den Fürsten von Bulgarien eintreten, also Parteien, die dem Deutschen Reiche, wie das Blatt weiter schrieb, feindlich seien, so müsse man daraus schließen, daß der Fürst von Bulgarien für Deutschland eine Gefahr bilde. Nun hat aber die gefammte deutsche Presse mit ganz vereinzelten Ausnahmen ihre Sympathien für den Bulgarenfürsten offen geäußert. Das aber hat die „Nordd. Allg. Ztg." einfach unterschlagen, um den Fürsten als Feind Deutschlands hinstellen zu können. Das deutsche Volk hat indessen seine officöse Presse schon genü­gend kennen gelernt und weiß, daß in der Regel das Gegentheil von dem wahr ist, was sie mit Eifer uns beizubringen sucht. Und so ist es auch diesmal. Die ch u l g a r i s ch e n Dinge sind für das deutsche Volk und seine Interessen im Orient von der allergrößten Bedeutung. Denn dort wird jetzt entschieden, ob die südslavischen Völker frei sich gestalten oder Unterthanen Rußlands werden sollen. Im ersten Falle, der sich mit unserem und dem ganzen europäischen Interesse deckt, werden sich die Südslaven allmälich an das Abendland und seine Culturentwicklung anschließen, im letzteren Falle wird sich mit der Zeit die ganze slavische Fluth gegen das deutsche Volk heran­wälzen und im Bunde mit Frankreich uns in eine bedenkliche Sage bringen. Bereits haben Ruß­lands Söldlinge unter den slavischen Völkern Oest­erreichs mächtig vorgearbeitet und klug die Unter­drückung benutzt, welche der deutsch-östereichische Liberalismus jenen Völkern angedeihen ließ. — Während Rußland die Czechen, Slovenen, Serben u. f. w. für sich zu gewinnen sucht, wurden sie von deutscher Seite abgestoßen. Wenn nun Ruß­land die Balkanhalbinsel beherrscht, wird es ihm noch leichter als jetzt sein, die österreichischen Sla- oen an sich zu ziehen, und wenn sich bann von Istrien und Dalmatien aus, durch Steiermark,

gemacht, wie der Herr Vetter und wär' zu Hau» geblieben!"

„Ja, warum geht Ihr nicht heim, wenn es Euch so schlimm hier ergeht?"

„Ach, wegen dem Tilchen," versetzte die Base. „Das Kind ist noch so jung und wird ein solches Fest wohl nie wieder sehen, da muß ich ihm doch den Spaß gönnen."

„Ja, Base, meinetwegen solltet Ihr Euch nicht opfern," lächelte Tilchen schelmisch, so daß die Grübchen in den Wangen sichtbar wurden. „Ihr könnt recht gut nach Haus gehen, wenn es Euch so wenig intereffirt."

„Ja wohl, das Mädel scheint ja hier den nötigen Schutz schon zu haben," fiel der Wildmeister, mit schalkhaftem Augenzwinkern nach dem Kammer­sekretär Weiß ein.

„Tilchen, das verstehst Du nicht," eiferte er­schrocken die alte Jungfrau. „Wo werd' ich Dich hier allein mit dem Herrn Kammersekretarius um­her streifen lassen? Das sollte in ein schönes Ge­rede geben; man weiß ja, wie die Leute in Fuld' gleich sind. Nein, Vetter, Ihr versteht so was auch nicht."

„Tilchen, willst Du nicht bald einmal wieder nach Hofbieber zu uns kommen? Gelt es hat Dir aber nicht bei uns gefallen? Hast Deine Sache zwar gut gemacht und meine Alte brav gepflegt, aber