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JV 202.

Montag, den 6, September

1886

Die ,Fuldaer Zeitung' «scheint tätlich, Sonn» und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld 1 Mk. 50 Pfg., — mit der beLetrtstischen Wochenbeilage ,Sterne an» Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 Mk. 75 Pfg.

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XXXIII. Generalversammlung der Katholiken Deutschlands in Breslau.

* In Ergänzung unserer bisherigen kurzen Be­richts über die Breslauer Katholikenvsrsammlung lassen wir nunmehr die hervorragendsten Reden, welche bei diesem Anlaß gehalten wurden, in mög­lichst ausführlichem Auszuge hier folgen. Zu diesen gehört unstreitig auch die in der zweiten öffentlichen Generalversammlung gehaltene Rede des Reichs» und Landtags-Abgeordneten Hitze, worin derselbe die Stellung der katholischen Kirche und der katholischen Vereine, insbesondere der Arbeiter­vereine in den Bestrebungen zur Lösung der sozialen Frage erörtert. Herr Hitze sagte in der Hauptsache Folgendes:

„Nicht die Nationalitätenfrage, nicht die Frage der verschiedenen Parteikämpfe, nicht der Kampf mit dem Aus­lande und ob wir gegen einen oder zwei Militärstaaten zu kämpfen haben, ist die dominirende Frage der Zukunft, sondern die soziale Frage. Wenn das deutsche Bürger- thum seiner Aufgabe gerecht werden will, dann muß es diese große Frage erfassen." Diese Proklamation des liberalen Oberbürgermeisters Miquel an seine Partei kann uns von dieser Seite wohl überraschen, aber der Inhalt war uns Katholiken nicht neu. Es ist derselbe Ruf, der seit mehr als zwanzig Jahren von unserer katholischen General-Versammlung ausging, schon ehe wir die mahnen­den Zeichen in Deutschland, in Frankreich, in England, in Amerika, in Belgien und Holland gewahrten. Aber wir wurden verlacht, wenn wir warnten. Vor kaum 20 Jahren glaubte noch das ganze liberale Bürgerthum an die Harmonie von Kapital und Arbeit, da wurde Schulze- Delitzsch noch gefeiert als der König im sozialen Reich, der die soziale Frage gelöst habe.

Run, die Einsicht kommt, wenn auch spät. Wir wollen nicht grollen, sondern freudig Mitarbeiten an oem sozialen Friedenswerk. Die kaiserliche Botschaft vom 17. November 1881 hat warmen Wiederhall gefunden in den Herzen der deutschen Katholiken und die Centrumsfraktion hat freudig mitgearbeitet, der kaiserlichen Botschaft Erfüllung zu geben. Und doppelt freudig schlagen unsere Herzen, wo unserer Kirchs wieder Friede und Freiheit werden soll, um wieder alle unsere Kräfte den Werken sozialer Fürsorge und der christlichen Charitas zu widmen. In den Werken des Friedens soll man bei uns nicht weniger Muth und Opfet- willen finden, wie in dem Kampfe für die Freiheit.

Auch in der sozialen Frage haben wir stets dem Kaiser gegeben, was des Kaisers ist, aber auch Gott gegeben, was Gottes ist, was Gort durch Gründung seiner Kirche dieser als Aufgabe zugewiesen hat. Das Recht und die Pflicht der von Gott gesetzten Obrigkeit, den Schwachen Schutz und Stütze zu leihen, haben die Katholiken stets anerkannt. Miquel ist uns ein positives, greifbares Pro­gramm noch schuldig. (Sehr richtig!) Bischof von Ketteler hat es uns schon vor mehr als 20 Jahren gegeben. (Bravo!) Was uns von der liberalen Partei stets unter»

Der Dombaumeister von Fulda.

Eine Geschichte aus Fulda's Vergangenheit.

(31. Fortsetzung.)

„Ihr seid die Tochter desH^rn Kammerrathes Herzing," sagte Dienzenhofer erfreut zu dem jun­gen Mädchen. „Ich kenne zwar Euren Vater nicht persönlich, aber ich habe ihn rühmen hören, als den größten Ehrenmann der Stadt Fulda, der das hohe Vertrauen des verstorbenen Fürstabtes in so außerordentlicher Weise gerechtfertigt hat."

„Ja, Herr Baumeister," fiel die Alte rasch ein, „und den sie deshalb in die Harnifchkammer ge­steckt haben. Einen Mann wie Gold in die Har­nischkammer!" Und lebhaft verweilte ste bei der Schilderung jener „himmelschreienden Ungerechtig­keit."

Da es schon ziemlich spät war, so hielt sich die kleine Gesellschaft nicht länger bei dem Brünnchen auf, sondern Alle traten zusammen durch das Dorf Horas den Heimweg an.

Johannes Dienzenhofer aber neigte sich jetzt zu seiner Frau und sagte leise: „Leonora, mein letzter Bauplan soll genehmigt werden. Der Herr Propst von Thulda war selber bei mir und Hal mir das freudige Ereigniß mitgetheilt. Ec und Pater

schieden hat und stets unterscheiden wird, ist, daß für uns neben der Selbsthilfe und Staatshilfe noch ein dritter Faktor existirt — die Kirche. (Bravo!) Ihr sittlicher Ein­fluß reicht hinein in die Herzen, heilend und versöhnend wirkend. Wir haben seit mehr als 20 Jahren an die Gesetz­gebung um Sicherung der Sonntagsruhe appellirt und um Schranken gegen übermäßige Ausdehnung der Arbeits­zeit; wir wollen die verheirathete Frau durch Verbot der Beschäftigung in den Fabriken ivieder dem häuslichen Herde zurückgeben, wir wollen das Kind so lange als mög­lich von der Fabrikluft fernhalten. (Bravo!) Wer baut das Heiligthum der Familie auf, wenn nicht die Kirche? Wir wollen mit der kaiserlichen Botschaft das Zusammen­fassen der realen Kräfte des Volkslebens in der Form korporativer Genossenschaften unter staatlichem Schutze. Es ist ein eminent christlicher Gedanke, der Gedanke der Solidarität zwischen Arbeitgeber und Arbeiter, welcher in der Krankenversicherung, in der Unfallversicherung zum Ausdruck gekommen ist und in der Alters-, Wittwen- und Waisen-Versicherung weitere Ausgestaltung finden soll. Was helfen alle Anstrengungen zur Hebung der arbeiten­den Klassen — ein irdisches Eden werden wir nie bieten können. Den Arbeiter, welcher für die Erde sein Glück sucht, weil er an ein Jenseits nicht glaubt, werden wir nie befriedigen können (Sehr richtig), er wird mit psy­chologischer Nothwendigkeit die Ketten zu zerreißen suchen, die ihn an die irdische Ordnung fesseln. Wer die gesell­schaftliche Ordnung der Dinge als Menschenwerk betrach- trachtet und nicht an einen Ausgleich im Jenseits glaub t, wird die sociale Ungleichheit als Werk von Gewalithat und List betrachten und sich dagegen aufbäumen. (Sehr gut!) Wer aber soll in einer Welt voll Augenlust, Flei­scheslust und Hoffart des Lebens noch aufpflanzen das Zeichen des Glaubens an ein Jenseits, wer noch predigen von Entsagung und Pflicht, wer anders als die Kirche und ihre Orden nnd Priester? Ei ie barmherzige Schwe­ster wird mehr Trost und Ergebenheit in ein trotziges Herz einpflanzen als zehn Professoren der Nationalöko­nomie auf dem Katheder. (Lebhafter anhaltender Beifall.) Wo der Kaplan nichts wehr ausrichten kann, da braucht der Landrath auch nicht hinzugehen. (Lebhaftes Bravo.) Umfaffend, schwierig und dringend sind die Aufgaben, welche der Kirche gestellt sind. Die Lockerung des Fami­lienlebens, Unglaube und Sittenlosigkeit sind in erschre­ckendem Wachsthnm. Außerordentliche Rothstände erfor­dern außerordentliche Mittel. Der hl. Vater, der mit so wunderbarer Weisheit die Kirche lenkt (Lebhafter Beifall), hat uns einen außerordentlichen Weg gezeigt: Neben den Gnadenmitteln — speciell dem Rosenkranzgebet — ist es die Gründung katholischer Vereine. Auch unser Hochwür­digsten Bischöfe, und in erster Reihe der Hochwürdigste Herr Fürstbischof dieser Diöcese haben diese Mittel wieder und wieder empfohlen. Die Bestrebungen sich berufsge- nossenschaftlich zu sammeln und zu gliedern, stellten sich als das specifische Heilmittel der Gegenwart dar, wenn sie durch die Verbindung mit der Kirche die wahre innere Kraft und Läuterung erhalten. So mannigfaltig die Le­benskreise der Kirche sind, so mannigfaltig werden sich auch die Vereine gestalten. Wir haben eine große Reihe von charitativen Vereinen, von Erziehungsvereinen, wir

Bardo sind meine wärmsten Fürsprecher, Gott möge sie dafür segnen!"

„Dem Herrn sei Dank!" sagte Leonora, und aus ihren dunkeln Augen sprach ein Strahl der innigsten Freude, da trat Base Annjoseph hinzu und ersuchte den Baumeister, ihr doch ein Bischen von Rom zu erzählen.

Erheitert beantwortete er ihre naiven Fragen; Leonora und Tllchen aber führten den kleinen Hein­rich, und als dieser beim Auseinandergehen zutrau­lich zur Letzteren sagte: „Du, komm doch einmal zu uns," da stimmten der Baumeister und seine Gattin dieser zwanglosen Einladung mit freund­lichen Worten bei.

20. Kapitel.

Der Wildmeister.

„Jrn Wald und auf der Haide, Da such' ich meine Freude, Ich bin ein Jägersmann."

Wenn der Baumeister gehofft hatte, nun bald seinen Entwurf in fester, steingewordener Form erstehen zu sehen, so mußte er doch noch lange auf ; die Erfüllung warten.

Der Propst von Thulba und Pater Bardo hat­ten zwar den Fürsten überzeugt, daß Dienzenhofer zur Lösung der bedeutsamen Aufgabe durchaus befähigt sei, auch hatten sie seinem zuletzt entwor-

haben Kongregationen für Männer, für Jünglinge, für Jungfrauen und Müttervereine; wir haben kaufmännische Kongregationen und Vereine, Lehrlings-, Gesellen-, Mei­stervereine; wir haben Bauernvereine und Vereine für Arbeiter und für Arbeiterinnen, sowie für jugendliche Arbeiter. Die letzteren Vereine sind eigentlich zuletzt in die Reihe eingetreten und verhältnißmäßig am schwächsten in der mächtigen Phalanx des katholischen Vereinswesens vertreten. Wenn aber die Arbeiterfrage die dringlichste der socialen Fragen ist, wenn der Arbeiterstand vor allem des genossenschaftlichen Zusammenschlusses, der Anlehnung an die Kirche bedarf, so werden sie es gewiß begreifen, wenn ich vor allem für die Gründung katholischer Arbei­tervereine ein Wort einlegen möchte.

Wer die Jugend hat, hat die Zukunft. Die Jugend bedarf vor allem des sittlichen Schutzes. Die Vereine für jugendliche Arbeiter sollen ähnlich wie die Lehrlingsvereine die Rekruten heranbilden für die kriegstüchtigs Armee der Arbeitervereine. Die Jugend bedarf vor allem des Schu­tzes. Die tiefe Wunde aber, an der die Gesell­schaft sich verblutet, ist die Auflösung des Familien­lebens. Der Schutzgeist der Familie ist die Frau, dieMutter, es kommt darauf an, die Arbeitertöch­ter zu tüchtigen Hausfrauen auszubilden. Darum sammelt unsere Arbeitertöchter um Euch, lehrt sie Liebe zur Tugend, richtet Kochschulen, Nähschulen und Haushal­tungsschulen ein — damit baut ihr für die Zukunft. Be­deutungsvoll ist es, daß durch die neue kirchenpolitische Novelle diese Thätigkeit den weiblichen Ordensgenosfen- schaften wieder freigegeben worden ist. Es ist dies ein dankbares Arbeitsfeld, das für die Zukunft eine reiche Ernte verspricht. Aber in Zeiten des Krieges kann es noch dringlichere Aufgaben geben, als die Bestellung des Ackers für die Zukunft, und das ist heute unsere Sage. Der Feind ist eingedrungen in unsere Städte und Dörfer, wir müssen unsere Mannschaften mobil machen, müssen unsere katholischen Arbeiter sammeln und organifiren und die Feld­zeichen aufrichten gegen die Armee des Unglaubens, sonst dürfen wir uns nicht wundern, wenn wir eines Tages unsere Leute im Lager der Gegner finden.. Die Arbeiter wollen sich genossenschaftlich organifiren, wollen Erholung und Belehrung über ihre Jntereffen. Wenn wir uns ihnen nicht als Berather und als Stütze anbieten, dann wenden sie sich dorthin, wo ihre Bestrebungen Befriedigung finden. Ich bin kein Freund von Hilfskassen, aber wenn die Ar­beiter jetzt von dem gesetzlichen Rechte Gebrauch machen und einer sozialdemokratischen ober fortschrittlichen Hllfs- kasse beitreten und dadurch die Machtmittel dieser Parteien verstärken; bann stellen wir ihnen lieber eine katholische Hilsskasse zur Verfügung. Wir beschweren uns, baß bie schlechten Bücher so große Verbreitung finben. Warum stellen wir ben Arbeitern nicht gute Bücher zur Verfügung? Warum bieten wir ihnen keine veredelnbe Unterhaltung unb Erholung in einem angenehmen unb schönen Lokale - Warum bieten wir ben Arbeitern keine Gelegenheit, zu sparen, indem wir bie Sammlung ber Sparpfennige selbst übernehmen unb sie so zum Sparen anleiten ? Wir be­klagen uns, baß bie Arbeiter bie bezahlten hohlen Dekla­mationen ber Sozialdemokraten anhören. Warum bieten wir ihnen nicht Gelegenheit, ebenso bequem bei einem

fenen Plan ihre volle Anerkennung gezollt, indeffen Adalbert wollte doch noch viel daran geändert wißen und ließ es an künstlerischen Vorschlägen nicht fehlen, die alle der damaligen Baumode ge­mäß auf eine mehr prunkvolle und phantastische Wirkung ausgingen.

Was er aber in die Pläne hineinbrachte, störte die Harmonie und so wurde die endgültige Bestimmung des Bauplanes immer noch hinausge- schoben, wenn auch bereits alle nöthigen großen Werk­zeuge und Geräthschasten, sowie die erforderlichen Materialien herbeigeschafft wurden.

Der stille StfftSplatz war nun mit einem Male der Schauplatz eines bunrbewegten Treibens ge­worden. Zahllose Wagen kamen, schwerbeladen mit gewaltigen Quadersteinen, welche die Stein­brüche der Umgegend geliefert hatten und die jetzt fein behauen wurden. Kalksteine, die in der Nähe des Frauenberge« gebrochen und gebrannt worden, Sand aus dem Fuldaflufse, Lehm, Back- und Schie­fersteine, Gerüstholz aus den Waldungen, kurz Alles, was zu einem großen Baue erforderlich war, wurde in großen Vorrälhen theils durch Fcohn« fuhren, theils durch die herrschaftlichen, die soge­nannten Ältenhöfer Geschirre angesahren.

Da gab es viel zu thun sür unseren Baumei- ster, der alles Material erst an Ort und Stelle