Einzelbild herunterladen
 

* Budapest, 3. Sept. In Gegenwart Sr. Majestät des geliebten Monarchen und unter Theil- nahme aller offiziellen Persönlichkeiten, sowie vie­ler auswärtiger Persönlichkeiten wird in diesen Tagen durch eine Reihe von F stlichkeiten ein historischer Gedenktag von weittragender Be­deutung gefeiert. Es sind nämlich heute 200 Jahre, daß nach langwierigem heißem Belage­rungskampfs die Festung Ofen von dem mit den Ungarn, Bayern, Lothringern und Branden­burgern vereinigten faif. Heere endlich erobert und damit die Macht des Osmanenthums für immer gebrochen wurde. Durch diesen erfreulichen Sieg der christlichen Waffen isi die Gefahr türki­scher Invasion endgiltig von Westeuropa abgewen­det und llngrn mit den angrenzenden Ländern der Cultur wieder gewonnen worden. Es ist da­her begreiflich, daß ganz Ungarn diesen Gedenktag eines großen Sieges feiert und was das erfreu­lichste ist, diese Feier läßt nicht blos alle Partei­unterschiede und sonstige trennende Fragen fallen, sondern sie gestaltet sich auch zu einer Kundgebung für die kaiserliche Armee, die ja vor 200 Jahren die Befreiung Ungarns vom türkifchen Joch mit- erstrnten half. Bei den Festlichkeiten dieser Tage würde von ungarischer Seite der Armee in den wärmsten Ausdrücken gedacht und wenn je die sog. Militärfrage einen vorübergehenden Schatten warf, so ist dieser längst beseitigt und dem Be­streben gewichen, sehr gute und herzliche Beziehun. gen zwischen Armee und dem Volke herzustellen; wie dies auch in der Ansprache unseres Oberbür­germeisters Rath bei der Schlußsteinlegung der Franz-Josef Kaserne an den Kaiser bekundet wurde. Die Gedenkfeier der Befreiung Ofens wird einen neuen mächtigen Kitt zwischen Volk und Heer bilden; sie wird auch das Bewußtsein der Zusam­mengehörigkeit Ungarns zu den übrigen Ländern der Habsburger Monarchie kräftigen.

* Rach dem Depeschenwschfel zwischen dem Fürsten Alexander und dem Czaren gilt die Abdankung des ersteren als in Kürze bevorstehend. Fürst Alexander hat dem Czaren angeboten, dis bulgarische Krone, die er Rußland verdanke, an Rußland zurückzugeben. Der Czar hatte aber in brüskem Tone geantwortet. So lange Fürst Alexander in Bulgarien sei, werde der traurige Zustand dieses Landes fortdanern. Der Fürst wisse nun, was er zu thun habe. In der Ant­wort des Czaren drückt sich ein hoher Grad per­sönlicher Gehässigkeit gegen den Fürsten Alexander aus, und Jedermann wird bei Lesung dieser Ant­wort die Empfindung haben, daß der gegenwär­tige Inhaber des Czarenthrones kein wahrhaft großer Mann jst. Wir wüßten keinen deutschen Fürsten, der in gleicher Lage den Gegner, der sich freiwillig unterwirft, in einem ähnlichen Tone ge­antwortet hätte. — Heute (Freitag) erfolgt der Einzug des Fürsten in Sofia. Nachrichten von Unruhen in Bulgarien, von Kämpfen der

Truppen, an bereit Spitze Fürst Alexander in Sofia einzieht, mit den Aufständischen haben sich nicht bestätigt. Dieselben stammten aus russischen Quellen und waren deshalb schon von vornherein mit Vorsicht aufzunehmen. Voraussichtlich werden nach dem Einzüge des Fürsten Alexander in Sofia die Verräther ihre Strafe erleiden. Infolge eines Schrittes, so meldet die französische Telegraphen­agentur „Havas", des russischen Botschaftes Ha- lidoff soll die Pforte Gadban Effendi angewiesen haben, sich nach Philippopel zu begeben und dem Fürsten Alexander zu empfehlen, gegen die Ur­heber des Staatsstreichs vom 21. August Gnade walten zu lassen. Ferner wird aus Sofia ge­meldet, daß die aufrührerischen Truppen sich auf Gnade und Ungnade ergeben und die Milde des Fürsten angerufen haben. Wlim diesem Appell an die Gnade Folge gegeben werden sollte, würde dies aller Voraussicht nach als Schwäche aufge­faßt werden.____________________________________

Aus Stabt, Provinz und Nachbargebiet.

Fulda, 4. September.

* I. M. die Kaiserin Augusta reist heute von Berlin nach Baden-Baden, wohin sich in einigen Tagen auch der Kaiser begisbt. Der Extrazug, welcher die hohe Frau mit Gefolge nach Baden- Baden verbringt, passirt heute Nachmittag um 4 Uhr 41 Min. die hiesige Station.

* Se. Excellenz Herr Generallieutenant von Amelunxen, welcher, wie wir in Berichtigung und Ergänzung unserer gestrigen diesbezüglichen Notiz heute mittheilen, f. Z. Divisionskomman- beur in Frankfurt a. M. war, unb gegenwärtig j Stadtkommanbant von Stettin ist, wurde auf sei­nen Antrag um Pensionirung vom 1. October l. Js. ab, zur Disposition gestellt und wird in Folge dessen von diesem Zeitpunkt ab Wohnung in hiesiger Stadt nehmen.

* Während unsere Feuerwehr noch damit be­schäftigt war, einem weiteren Ausbruche des fort« glimmenden Brandes in der Löhersgaffe vorzubeu­gen, entstand gestern Nachmittag gegen 1/a2 Uhr abermals Feuersgefahr in der sogen. „Krirnrn" nächst der Wiesenmühle, indem in einem neben der z. 3. außer Betrieb befindlichen Fabrik stehenden Bau durch unvorsichtige Behandlung des Herd­feuers einige Küchengeräthe in Brand gerieten, so daß die Flammen bereits zu den Fenstern her« ausschlugen. Durch rasche Hilfeleistung wurde das Feuer noch rechtzeitig erstickt und größerer Schaden verhütet. — Des Abends gegen 10 Uhr ertönten abermals Alarm-Signale, welche die Befürchtung hervorriefen, daß ein neuer Brand ausgebrochen sei. Dieselben hatten indessen nur den Zweck, die Ab­lösung der Feuerwehrmannschaften zu bewerkstelli­gen, denn auch die Nacht hindurch mußten an der Brandstätte alle Vorsichts - Maßregeln getroffen

werden. Am angestrengtesten arbeiteten die Spritzen 1, 2 und 3, welche von gestern Morgen 6 bis Mittags 2 Uhr und des Nachmittags von 5 bis Abends 10 Uhr unausgesetzt mit Pumpen thätig waren. Heute ist man mit den Ausräumungs- Arbeiten beschäftigt. Weitere Brand - Gefahr dürfte jetzt nicht mehr zu befürchten sein. Schließlich sei noch erwähnt, daß sich bei diesem Brande die ,Bauer'sche Feuerlöschmasse, welche bei Herrn Kaufmann Eller Hierselbst be­zogen werden tarnt, ausgezeichnet bewährt hat und ihre vorzügliche Brauchbarkeit auch von Seiten des Herrn Oberbürgermeisters bei diesem Anlaß rühmend hervorgehoben wurde. Der Eigenthümer eines der vom Feuer bedroht gewesenen Häuser in der Löhersgaffe schreibt sogar einzig dieser Löschmasse die Rettung seines Hauses zu. Wir können deßhalb allen Feuerwehren und Privaten von hier und auswärts die Anschaffung dieses vortrefflichen Löschmittels in ihrem eigenen In­teresse auf's Beste empfehlen.

* Heute wurden auf dem Schweinemarkt die ersten diesjährigen Spanferkel verkauft. Der Preis stellte sih auf durchschnittlich 2 M. pro Stück. Im Uebrigen war der Handel sehr ft tu.

* Nach einer Zusammenstellung der Königlichen Lotterie-Kollekten bestanden bis jetzt in der Pro­vinz Hessen - Nassau 2 Kollekten mit zusammen 1800 Loosen und zwar in Kassel eine Kollekte mit 800 Loosen, in Frankfurt a. M. eine mit 1000. — Durch die Vermehrung der Loose sind neu hinzugekommen 6000 Loosen und zwar in Kassel 1 Kollekte mit 700 Loosen, in Fulda 1 mit 300, in Hanau 1 mit 500, in Marburg 1 mit 300, in Frankfurt a. M. 5 mit 2500, in Homburg v. d. H. 1 mit 200, in Wiesbaden 2 mit 1500.

" Der Landesausschuß wird am nächsten Dienstag den 7. September, Vormittags 10 Uhr, in Cassel zu einer Sitzung zusammentreten. Da derselbe zuletzt am 22. Juli er. zu einer außer­ordentlichen Sitzung versammelt war und an die­sem Tage nur wenige dringende Sachen erledigt hat, so wird in der September-Session über eine größere Anzahl Vorlagen zu berathen unb zu be­schließen sein.

• Gersfelb, 3. Sept. Der 14 Monate alte Zuchtbulle des Bauers Lubwig Spiegel von M el- , perts bei Wüstensachsen erhielt zu Neustadt a. S. j beim letzten Markt die höchste Prämie von 100 M., ' für das Thier selbst löste der Eigenthümer 663 M.;

ein Sporn zur weiteren Hebung der Viehzucht in unserem Kreis.

* Hersfeld, 3. Sept. Von einem plötzlichen Tod wurde gestern ein Passagier des um 4 Uhr ! hier ankommenden Schnellzuges ereilt. Der dem ! Vernehmen nach aus Wiesbaden zurückkshrende ; Kaufmann Wenige aus Gotha wurde unter» 1 wegs von einem Unwohlsein befallen, welches arg s überhand nahm und auf hiesiger Station den Tod

„Darf ich dies dem Kleinen geben?“ bat es bescheiden die fremde Frau. i

Leonora war erfreut über das freundliche I Entgegenkommen des hübschen jungen Mädchens, ! der Kleine aber biß herzhaft in eine der bärge- | reichten Birnen womit Tilchen noch mehr als mit bem Rettungswerk feine Freundschaft erlangt hatte.

Sie gingen nun zusammen weiter; und als Leonora sagte, deß sie den Heimweg über das Dorf Horas einschlagen wollte, da ihr Mann versprochen habe, ihnen dort entgegen zu kommen, da sagte die Base rasch: „Nun seht ein­mal da, diesen Weg wollten wir ja auch neh­men, und da könnten wir zusammen gehen, wenn es Euch recht ist."

Plaudernd schritten sie weiter. Die Base, die sich wie bisher gern um ihre Nebenmenschen küm­merte, sorgte dafür, daß eS keine Pausen in der Unterredung gab.

„Ihr seid wohl noch nicht lange hier?" begann sie, „daß Ihr nicht aus der hiesigen Gegend seid, das hört man ja an Eurer Sprache."

„Wir sind noch nicht ganz ein Jahr in Fulda, seitdem mein Mann vom Fürstabte hierher berufen wurde, um den Stiftskirchenbau zu üvernehmen."

„Heiliger Sankt Antonius! da seid Ihr wohl gar die Frau des fremden Baumeisters? sie sagen ja, der sei aus dem Lande Italia gekommen."

„Ja, mein Mann war in Rom und hat dort studirt, nickte Leonora."

„In Rom wäret Ihr? „Wirklich in Rom?"

staunte die Base. „Ja, da müßt Ihr ja auch den hl. Vater gut kennen!" Und sie riß die Aeuglein weit auf und starrte Leonora an wie ein Meer- wunder.

Diese verneinte lächelnd. „Ich bin niemals in ' Rom gewesen."

„Ihr nicht und Euer Mann ist doch dort ge­wesen, wie Ihr sagt? Aber gelt, aus dem Lande Italia seid Ihr doch, das sieht man Euch an."

„Aber Base —" flüsterte Tilchen erröthend, indem es die Alte leise am Kleide zupfte.

„Tilchen, das verstehst Du nicht, die Italienischen haben alle so schwarze Haare und Augen. Weißt Du nicht, gülden Herzkind, wie der welsche Gewürz­händler aussieht, der jedes Jahr zu uns kommt und uns Citronen, Handschuhe, Kräuteressig und andere Gewürze verkauft."

Unterdessen waren sie unter den Kalvarien­berg, den Zwillingsbruder des Frauenberges, ge­kommen, dessen mächtige Buchen und Ahornbäume im letzten Abendschein glänzten, und vor ihnen lag ein Moor, aus dem hohes, hellgrünes Schilf starkduftend emporragte.

Nicht weit iavon sprudelte im Baumschatten eine kleine steingefaßte Quelle, —" ein Brunnen, den der hl. Bonifatius selber gegraben; zur Er­innerung daran war ein schlichter Altar errichtet und einige Ruhebänke luden zum Sitzen ein; auf einer derselben saß ein Mann, es war Johannes Dienzenhofer.

„Hurrah — der Vater!" jubelte der kleine

Heinreich und eilte auf den Ruhenden zu, der sich j tzt erhob und die Ankommenden begrüßte.

Leonorens Antlitz röthete sich freudig als sie ihrem Gatten die Hand reichte, und forschend blickte sie in fein Gesicht, das heute so klar und entwölkt aussah

„Ihr seid also der fremde Herr Baumeister, der uns eine so schöne Stiftskirche bauen will," sagte Base Annjoseph, höflich vor Dienzenhofer ihre Knixe machend. „Es freut mich sehr die Ehre, Eure ehrenwerthe Bekanntschaft zu machen."

Leonora schrak leicht zusammen. Die Stifts­kirche — das war ja der wunde Fleck in ihres Mannes Seele, seitdem alle seine Baupläne von dem Fürsten verworfen wurden; und diese schwatz­hafte Alte mußte nun mit plumper Hand gerade daran rühren.

Aber auf feinem Gesichte erschien nicht wie sonst der bittere Zug, sondern ruhig und mit freu­digem Ausdrucke erwiderte er: „Ja, ich hoffe eine schöne Kirche zu bauen, so Gott mir nur Kraft und Gesundheit läßt."

„Nun, Geld ist genug dazu vorhanden, Herr Baumeister, und was braucht es sonst noch viel," meinte Base Annjoseph. „Das Geld aber verdankt Ihr nur hier bem Tilchen seinem Vater, eigentlich dem Herrn Kammerrath Herzing, der mein leib­haftiger Vetter ist," fügte sie mit erhobenem Haupte hinzu.

(Fortsetzung folgt.)