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JM 201. Sonnabend, den 4, September 1886

Fuldaer

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BW" Die sämmtlichen bis jetzt erschienenen Fortsetzungen des Feuilletons „Der Dombaumeister von Fulda" wer­den hinzutretenden Abonnenten auf Wunsch nachgeliefert.

Deutsches Reich.

Berlin, 3. September.

* Der Reichstag soll in Kurzem, etwa in 3 Wochen, zur Rotificirung des deutschen Handels« Vertrags mit Spanien berufen werden. Zuvor hat natürlich der Bundesrath zusammenzutreten.

* Der russische Minister des Auswärtigen, Herr v. Giers, ist auf seiner Rückreise nach Peters­burg vergangene Nacht hier eingetroffen. Der­selbe wurde heute vom Kaiser sowie vom Kron­prinzen empfangen.

* Das Mainzer Journal' beschäftigt sich mit der kleinen aber feinen Merkwürdigkeit des Ful­da er Schlüssel! ochs, durch welches die liberalen Blätter so viele Weisheit beziehen und daher, während die katholischen Blätter von den Ver­handlungen in Fulda Nichts zu berichten wissen, ihren Lesern so Vielerlei erzählen können, dieses Mal vor Allem, daß der Episkopat „im Gegen­sätze zur ultramontanen Hetzpresse sich befinde," und schneidig gegen dieselben vorgehen werde. Das Mainz. Journ.' haben nun diese Lorbeeren libe­raler Berichterstattung nicht ruhen lassen, es hat sich deßhalb kürzlich Gelegenheit zu verschaffen ge­wußt, einen Mann zu sprechen, dessen Schwester in Fulda einen bischöfl. Bedienten gesehen hat, der während der Konferenz im bischöflichen Hause einer Putzfrau begegnete, die an dem Konferenz- saale vorbeigekommen war. Und in dem freudig stolzen Bewußtsein, unter diesen Umständen be- züglich de: diesjährigen Fuldaer Konferenz über bessere Quellen zu verfügen, als die sämmt­lichen liberalen Blätter, trotz ihrer angeblichen Vertrautheit mit den Fuldaer Vorkommnissen, be­eilt sich das Mainz. Journ.' den Wissensdurst der kulturkämpferischen Organe vollends zu be­friedigen und ihnen die Beschlüsse haarklein zu verrathen. Man höre! Die wichtigen Beschlüsse berichtet das Mainzer Journal' lauten also:

„Die Berliner ,Germania' wird auf den Index gesetzt;

Der Dombaumkister nau Fulda.

Eine Geschichte aus Fulda's Vergangenheit.

(30. Fortsetzung.)

„Gülden Herzkind, stör' mich nicht im Beten," erwiderte die Alte etwas unwillig, allein sie konnte es sich doch nicht versagen, als sie an der Fremden vorüberschritten, diese ziemlich genau zu mustern.

Sie waren schon lange in der Kapelle ange­langt, als auch die fremde Frau mit dem Knaben hereintrat und sich in die Bank vor Beide nieder­kniete.

Leonora, denn diese war es, war bald in stilles Gebet versunken, der kleine Heinrich aber, dem cs wohl eingeprägt worden, daß man im Hause Gottes ruhig sich verhalten müsse, staunte das Bild der hl. Ottilia an, um das viele Wachs- kerzchen, als Opferspenden der Wallfahrer, brannten.

Dann spazierten die lebhaften Kinderaugen weiter durch den halb dunklen Raum über die beten­den Leute, die in den Bänken knieten, an der nied­rigen Balkendecke und den getünchten Seitenwänden entlang, wo einige sehr buntgemalte Bilder eine Weile sein Interesse fesselten.

Aber hörte die Mutter noch nicht bald mit Beten aus? Die Zeit wurde dem kleinen Burschen

Herrn Dr. Windthorst wird das Consilium abeundi, d. h. der Rath ertheilt, sich vom parlamentarischen Schauplatz ! zurückzuziehen; die „Preßkapläne" werden als Missionäre [ in die Wüste und an den Nordpol geschickt; das Lob der i .Norddeutschen' sowie der ganzen offiziösen und mittel­parteilichen Presse soll von allen Kanzeln verkündigt werden, und den Staatsanwälten wird empfohlen, der katholischen Presse etwas schärfer auf die Finger zu sehen."

Das Mainzer Journal' hofft, dies werde ge­nügen, um die preußischen Bischöfe bei den Kultur­kämpfern in guten Geruch zu bringen. Sicher tst es also nicht einmal, daß dies genügen werde — und darin könnte, es bei der Natur der kultur­kämpferischen Gesellschaft wohl Recht haben. Aber es wird ja nichts im Wege stehen, den Herren noch einige weitere — Nachrichten dieser Art zu liefern. Die „Putzfrau" wird ja hoffentlich noch am Leben bleiben.

* Die ,Köln. Vztg.' brachte vor einigen Tagen einen längeren Artikel über das „Bischofs-Pro­gramm von Fulda", welches im September 1872 festgestellt wurde und von welchem die Bischöfe felber in feierlicher Weise sagten, daß es „immer die Richtschnur ihres Handelns sein werde". Die­ser Artikel hat nun in Berlin, München und an­deren Orten schweres Unheil angerichtet, indem die ,Kreuz;tg.', ,Allgem.Ztg.' rc. darin die Beschlüsse der neuesten Konferenz gefunden haben. Die am Schluß beigefügte Jahreszahl (1872) haben sie offenbar im Drang der Nedaktionsgescyäfte übersehen. Nun, das Unglück ist so groß nicht, da das Programm des deutschen Episkopates im August 1886 jeden­falls dasselbe ist, wie im September 1872.

* Köln, 2. Sept. Vorgestern starb im hiesigen AlexianeUloster Fridolin Hoffmann, von 1860 bis 1869 Chefredakteur der Kölner Blätter (,Kölnische Volkszeitung'). Später redigirte er den .Deutschen Merkur', ein altkatholisches Organ, trat jedoch bald vom t ffentlichen Leben zurück. Er überwies der Stadt Köln seine umfangreiche Bibliothek, wofür ihm Aufnahme in das Hospital zugestanden wurde. Von da siedelte er in's Alexianer- kloster über, wo er, 58 Jahre alt, starb.

Ausland.

* Wien, 3. Sept. Die bulgarischen Er­eignisse stehen noch immer im Vordergründe der politifchen Diskussion und knüpfen sich hieran die verschiedensten und theilweise auch recht unrichtigen lang, denn es war doch immerhin eine schwere G.« duldsaufgabe, so lange ruhig zu verharren.

Da traten neue Ankömmlinge in die Kapelle und ließen die Thüre offen, durch welche jetzt ein Strom des goldenen Sonnenlicht, s hereindrang.

Der Kleine setzte zögernd einen Fuß vor den. anderen, — leise kam er der Thüre näher, ohne daß cs die Mutter in ihrer Andacht bemerkte.

Wie schön war es doch draußen auf dem sonni­gen grasbewachsenen Platze! Und jetzt mußte auch noch gerade em farbenprächtiger Schmetterling vorüber gaukeln; rasch war der Knabe draußen und hinter ihm her.

Aber der leichtbeflügelte Falter ließ sich so leicht nicht erhaschen. Ec neckte seinen kleinen Ver­folger erst eine Weile, dann ließ er sich auf einer Mauer nieder, welche die Kapelle und den Vor­hof umzog; hier konnte ihn Heinrich nicht mehr erreichen, aber der gab sein Verfolgungswerk doch so rasch nicht auf. Die zerbröckelte Mauer bot ja viel Stützpunkte für Hände und Füße, er versuchte, sie zu erklettern und wirklich, obgleich sie ziemlich hoch war, er kam hinauf.

Doch wehe! — der schöne Schmetterling wollte sich nicht fangen lassen; er hob die Schwingen und flog weiter.

Und jetzt mußte die Kletterkunst noch einmal

Combinalionen. So ist namentlich die Haltung de- deutschen wie der österreichischen Regierung gegen über der Entthronung des Fürsten Alexander sehr mißverständlich aufgefaßt worden und ein Theil der Presse hat sich von den persönlichen Sym­pathien für den jungen Fürsten zu Muthmaßungen und Kritiken hinreißen lassen, die mit der eigent­lichen Sachlage im Widerspruche stehen. Die Ge­fühlspolitik ist eben nicht immer die maßgebende, sondern die Diplomatie muß mit concreten That- sachen rechnen und diese liegen in Bulgarien so. Fürst Alexander hat sich die Ungnade der leiten­den Persönlichkeiten des Czarenreiches zugezogen und man wünscht in Petersburg die Entfernung desselben von der Regierung Bulgariens. Die Rückkehr des Fürsten gibt ferner leider keine Garantie für eine dauernde Ordnung der Dinge und erhöht die Schwierigkeiten der Situation. Man muß sich diese Thatsachen vor Augen halten, um darnach die Stellung der Kabinete von Wien und Berlin richtig zu beurtheilen. Bei aller Sympathie für den mit einer Reihe hervorragen­der persönlichen Eigenschaften ausgezeichneten Für­sten Alexander kann weder Oesterreich noch Deutsch­land seine Politik auf denselben stützen und dadurch I den Groll Rußlands herausfordern. Die Berufung Alexanders zur Regentschaft in Bulgarien bedeu­tete von jeher nur ein Provisorium und die Mächte konnten sich bei der Lage der Dinge nie­mals für eine dauernde Regierung desselben enga- giren, sie konnten es nm so weniger, als Rußland mit dem Fürsten — ob mit Recht oder Unrecht sei dahingestellt — unzufrieden wurde und dessen Entfernung wünschte. Die Politik der leitenden Staatsmänner Oesterreich - Ungarns, wie die des deutschen Reiches ist darauf gerichtet, den Frie­den zu erhalten, und dies war im gegebenen Falle nur möglich, wenn man sowohl in Wien als in Berlin den Dingen in Bulgarien ihren freien Laus ließ. Jede Parteinahme für den Fürsten hätte die Lage erheblich komplizirt und wäre in ihren Fol­gen vielleicht gar nicht absehbar. Wenn sich bie Wogen der Erregung etwas verlaufen haben wer­den, dürfte man auch im großen Publikum ber Haltung der beiden Kabinete Verfall zollen und er­kennen, daß durch Vermeidung jedes Konfliktes mit Rußland dem Weltfrieden ein unschätzbarer Dienst, geleistet wurde.

abwärts vorgenommen werden, aber das war nicht so einfach; es schwindelte dem kleinen Bur­schen, als er hinabblickte und ängstlich dem Wu­nen nahe, klammerte er sich nun an die Stcine.

Da trat Tilchen mit der Base aus der Kapelle. Das junge Mädchen sah die gefährliche Situation des Knaben und entschlossen eilte es hin und hob ihn von der Mauer herab, in demselben Augen­blicke, als auch Leonora, — vielleicht getrieben von dem Jnstincte der Mutterliebe, — in dem dunklen Rahmen der Thüre erschien und erblei­chend herübersah.

Mit dankbaren Worten wandte sie sich an das junge Mädchen, während Heinrich für seine kecke Aben­teuerlust einen mütterlichen Verweis hielt.

„Ach, so scheltet doch den lieben Kleinen nichts die Buben sind ja alle wild und klettern gern," entschuldigte die Base Annjoseph mitleidig, — „und dann ist er ja auch gar nicht von der Mauer herabzefallen," fugte sie als mildernden Umstand mehr gutmüthig als logisch, zu.

Tilchen aber trat zu keiner der in dem Vorhofe auf­geschlagenen Buden, in denen Wachskerzen unb Wachsaugen zum Opfern, sowie auch Obst und Backwerk zur Erfrischung für die Wallfahrer feil- geboten wurden, und kaufte einige schöne gelbe Birnen und ein gcback.nes Hörnchen.