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Montag, den 30. August
1886
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* Reflexionen über den bulgarischen Konflikt.
Die einmüthige herzliche Theilnahme, welche von allen deutschen Blättern ohne Unterschied der Parteistellung dem tapfern Bulgarenfürsten aus deutschem Stamme entgegengebracht wird, die allgemeine Entrüstung über das skandalöse Verhalten Rußlands und seiner Agenten in Sofia liefern wieder einmal einen schlagenden Beweis für die Thatsache, daß allen politischen Parteien in Deutschland ohne jede Ausnahme ein echter Pa trio- ttismus, eine wahrhaft deutsch eG esinnung annewohnt. Während gerade eben der Chef der vuswärtigen Politik Deutschlands in Franzens- ad sich mit dem Leiter des russischen auswärtigen Amtes ein Rendez-vous gibt, tritt die Erbitterung gegen Rußlands Ränke und Jntriguen in der gesammten deutschen Prcffe, soweit fie nicht geradezu in offiziöser Knechtschaft steht, mit elementarer Gewalt hervor und es ist bezeichnend, daß die begeistertsten Verehrer der Bismarck'schen Politik durchweg am lautesten ihre Stimme erheben gegen Rußland. Die Parteiunterschiede treten also,wie gesagt, in dieser Frage zurück, und so sehen wir denn nationalliberale Blätter in dieser Frage selbst mit dem ,R.ichsboten', der.Germania' und der ,Freis. Ztg." gemeinsame Sache machen. Daß unter solchen Umständen, während aus dem deutschen Volke sozusagen ein einziger Entrüstungsschrei über die ruffischen Treibereien sich Bahn bricht, die anscheinend sehr kordiale Begegnung
Giers einen etwas peinlichen Eindruck machen muß, liegt auf der Hand. Jedoch sind wir nicht dazu geneigt, den Fürsten Bismarck, daraufhin wie das dieses und jenes Blatt bereits gethan hat, der Mitschuld an dem schmählichen Verrath zu bezichtigen.
Der Diplomat hat denn doch Rücklichten zu beobachten, an die eine vulgäre politische Kannegießerei nicht einmal denken mag, Rücksichten, von denen das Glück, der Friede von Millionen abhängt, der Diplomat muß nur zu oft seine per- sönlichen Gefühle dem von ihm vertretenen praktischen Interesse unterordnen. So ist denn auch der Umstand, daß Fürst Bismarck nicht gleich im
Per Dombaumeister von Fulda.
Eins Geschichte aus Fulda's Vergangenheit.
(24. Fortsetzung.)
Ec wollte mit diesen Worten eine Thüre öffnen, aber wie plötzlich sich anders besinnend, wandte er sich rasch: „Rein, kommt lieber mit in's Gärt- lein hinaus, dort haben wir einen hohen Besuch: Seine Gnaden den Herrn Probst von Thulba. Wie sich das doch merkwürdig trifft, eben hat er noch von dem neuen Baumeister gesprochen, der heute bei Seiner hochfürstlichen Gnaden Audienz gehabt. Kommt, nun kann ich Euch gleich dem Herrn Probst vorsüllen, der ist ein gar kunstverständiger und gescheitster Herr und hat großes Interesse am Bauen."
Sie traten in ein Terrassengärtlein, dem eine liebliche Blumenfülle farbenprächtigen Reiz verlieh. In einer grünumsponnenen Ecklaube saßen zwei Männer im lebhaften Gespräch zusammen. Der greise Herr in Ordenstracht war der Guardian des Klosters, der Andere aber, ein kleiner Herr von noch sehr jugendlichem Ansehen in einem bis an die Knöchel reichenden feinen, schwarzen Uebercocke war der Propst von Thulba, Friedrich, Freiherr von Buttlar.
„Rathen Euer Gnaden, wen ich hier bringe?" rief Pater Bardo launig dem Probst entgegen.
Verein mit Kalnoky einen geharnischten deutsch- österreichischen Protest vrm Stapel gelaffen hat, daß der deutsche Reichskanzler im Gegentheil eine gewisse äußere Ruhe bewahrt, nicht nothwendig als ein Beweis einer inneren russenfreundlichen Gesinnung aufzufassen. Bismarck scheint uns auch diesmal wieder in allererster Linie für die Erhaltung des europäischen Friedens zu wirken, und ,zwar mit allen Mitteln. Ob er in seiner kalten diplomatischen Berechnung, in der Unterdrückung natürlicher Gefühle nicht vielleicht die erlaubte Grenze überschreitet, ob er vielleicht selbst die Aufopferung des Bulgarenfürsten für ein Opfer hält, mit dem der europäische Friede nicht zu theuer erkauft wird, das ist eine andere Frage. Wir glauben, daß aus der th a ts äch l ich en Haltung des Fürsten keineswegs mit Rothwendigkeit eine unberechtigte, mit der Volksanschauung nicht harmonirende „Ruffenfreundschaft" oder gar eine Mitwissenschaft an dem bulgarischen Komplot gefolgt werden muß. Wir fragen diejenigen, welche bei dieser Gelegenheit alsbald Steine auf den Fürsten Bismarck geworfen haben, wie sie sich zu der Eventualität eines Krieges mit Rußland und seinen unabsehbaren Folgen stellen würden. Man verlange also nicht von einem Diplomaten, dessen auswärtige Politik uns anderthalb Jahrzehnt unter schwierigen Konstellationen den Frieden erhalten hat, eine Politik des überströmenden Gefühls an Stelle kalter, nüchterer, realpolit scher Berechnung, j
Die öffentliche Meinung hat in ganz, gen"RuEandgartet"ergriffen. Das hat vielleicht bester gewirkt in St. Petersburg, als die schärfste Rechtsverwahrung der Mächte. Der russische Bär zieht sich bereits unverständlich knurrend in seine Höhle zurück. Die einlaufenden Petersburger Depeschen zeigen nur zu deutlich das Bestreben der russischen offiziellen Kreise, die offen am Tage liegende Schuld Rußlands aus der Welt zu dis- putiren, sei es auch mit Lügen. So wird jetzt hartnäckig versichert, schon vor der Ankunft Aüxan- ders auf russischem Boden sei Befehl gegeben worden, ihn frei gehen zu lassen. Aber daß die unerwartete Niederwerfung der Verschwörung, das Fiasko der russischen Zet-
Dieser wandte sein Gesicht — und es war ein sehr anziehendes Gesicht von fast weiblicher An- muth — fragend dem Fremden zu, dann zuckte er leicht die Achseln, während ein liebenswürdiges Lächeln um seine Lippen spielte. „Ei, Pater Bardo, Ihr gebt schwierige Räthsel auf, an deren Lösung ich mich vergeblich wagen dürste."
„Run, dann gestattet mir, Herr Probst, unfern zukünftigen Hofbaumeister, Herrn Johannes Dienzen- hoser vorzustellen", sagte Pater Bardo mit trium- phirender Freude.
Ah, Lupus in tabula!“ rief der junge Prä.at überrascht aus. Soeben sprachen wir von Euch, Herr Dienzenhofer und auch Seine fürstliche Gnaden haben heute schon in huldvollen Worten Eurer gedacht.
Nun mußte sich Johannes Dienzenhofer ebenfalls in die schattige Laube niedersetzen, wo der Blick über dichte grüne Baumwipfel nach dem prächtigen : Zug der Rhön hinüber schweifte.
; „Herr Baumeister, wenn wir Euch hier behalten, • so werdet Ihr alle Hände voll zu thun bekommen, i Hub Herr von Buttlar an, „denn unser gnädiger ■ Fürstabt will eine rege Bauthäsigkeit in seiner i Residenz wach rufen. Und warhaftig jetzt, wo ' alle Fürsten so eifrig bauen, ist es auch Zeit, : daß man anfängt, Fulda ein würdiges Gewand
telung dazwischen liegt, wird wohlweislich außer Acht gelassen. Die Wiener und Londoner Preffe tritt mit der deutschen lebhaft für eine Rückkehr Alexanders auf den bulgarischen Thron ein, die russischen Offiziösen dagegen vertreten energisch die Anschauung, daß eine Restauration unmöglich sei. Man möchte sich also von aller Schuld und Mitschuld reinwaschen, aber trotzdem das beabsichtigte Ziel erreichen. Ob dies gelingen wird? Im englischen Parlament wurde die Meldung von den Bemühungen des bulgarischen Volkes um die Rückkehr des Fürsten mit lautem Beifall ausgenommen. Die Königin von England soll sich auch persönlich für die Freilaffung Alexanders verwandt haben.
Deutsches Reich.
Berlin, 29. August.
* Anläßlich der Anwesenheit des Königs von Portugal fand heute bei den Majestäten auf Schloß Babelsberg ein größeres Gartenfest statt. Vormittags nahm der König von Portugal an einer Pirschjagd auf Rothwild im Wildpark bei Potsdam Theil. Soweit bis jetzt bekannt, gedenkt König Dom Luiz bis Montag Abend in Berlin zu verbleiben.
* Der Reichskanzler Fürst Bismarck ist vergangene Nacht mit seiner Gemahlin und dem Staatssekretär Grafen Herbert Bismarck aus Franzensbad in Berlin ... —
des Nordostseekanals nach Kiel begeben.
* In Plock in Russisch-Polen war kürz- lich von ruffischen Behörden ein preußischer Offizier verhastet worden, der aus Versehen die Grenze überschritten hatte. Derselbe ist, wie über Thorn gemeldet wird, inzwischen wieder in Freiheit gesetzt worden und in seinem Garnisonort Bromberg an- gelangt.
* Trier, 28. Aug. Einem Priv.-Telegr. der ,K. Vzt." zufolge wurde Caplan Follert in Euren gestern gesperrt. Die ,K. Vztg." bemerkt dazu: „Wir geben die Meldung unter Vorbehalt, da wir weder bei: Zusammenhang noch den Absender der Depesche kennen."
bei einem Gang durch die Gaffen schon ausgefallen, wie arm es an allem architektonischen Schmucke ist. Es wundert mich, daß eine Stadt von solcher Bedeutung, doch so wenig stattliche Bauwerke aufzuweisen hat."
„Und doch ist dies zehr erklärlich," sagte Pater Bardo, „denn Ihr müßt wissen, daß Fulda nie ein geldmächtiges Patriziat, das seinen Reich - thum in Palästen zur Schau zu stellen liebt, besessen hat, der Adel des Landes aber, welcher sich um den Hof schaarte, hat sich nur solide steinerne Wohnsitze ohne allen architektonischen Aufwand errichtet. So hat Fulda allerdings keine großartigen Profanbauten aufzuweisen, doch dächr' ich, unsere Kirchen, Kapellen und Klöster, die über die schlichte Häuserumgebung emporragen, gäben ihm immerhin ein ganz stattliches Ansehen."
„Allerdings," erwiderte Johannes Dienzenhofer. „Tie vielen Kirchen und Kapellen heben sich wie aufgereihte Perlen von dem indifferenten Grunde ab, um in schönen Farbenglanz ein bestimmtes
zu geben.' . .
„Ja" versetzte Johannes Dienzenhofer, „mir ist
Muster hinein zu zeichnen."
„Euer Vergleich gefällt mir, Herr Dienzenhofer," sagte der Prälat freundlich, „und in diesem Muster wie Ihr sagt, könnt Ihr deutlich die Geschichte Fulda's ausgeprägt finden. D.nn seine ganze ; Bedeutung — was Fulda einst war und was es besaß — kam ihm ja einzig von der Kirche, welche