JV 194
Freitag, den 27 August
1886
Fuldaer
— mit der
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** Die bulgarische-russische Verschwörung.
Als am Sonntag Mittag die erste Kunde von der überraschenden Umwälzung in Bulgarien nach Deutschland drang, wurde gleichsam als Beruht- gungspulver fast gleichzeitig mit der Nachricht selbst ein offiziöser Stimmungsbericht über das Ereigniß verbreitet, welcher unter scharfer Betonung der Nichtinteroention der Mächte die Entthronung des Fürsten von Bulgarien als eine eigent- liche „Friedensthat" auffaßte. Auch in rufst- schen, österreichischen und englischen Blättern wurde diese angebliche „Friedens"-Bedeutung des Hand- streiches der bulgarischen Hochverräther gebührend hervorgehoben. Wir haben schon bei unserer ersten Besprechung die ernstesten Bedenken gegen diese Auffaffung geltend gemacht, weil es uns mit Recht undenkbar schien, daß die Gesammtheit, oder auch nur der größte Theil des bulgarischen und ostru- melischen Volkes den bisher so gefeierten und verehrten, siegreichen und thatkräftigen Fürsten jetzt mit einem Male verleugnen und das Vivat in ein Pereat verwandeln werde. Andererseits war die zuerst verbreitete Darstellung, wenn mau dieser von interessirter Seite gegebenen Version überhaupt Glauben schenken wollte, sehr geeignet, den ver- rätherischen Staatsstreich als eine im Effekt vorerst den Frieden garantirende Maßregel erscheinen zulasten. Hieß es doch, beide Parteien hätten verein die neue provisorische Regierung übernommen, hieß es ferner, Fürst Alexander habe Angesichts der Lage freiwillig abgedankt. Auch wurde die in der Residenz Sofia selbst vollzogene Absetzung nach Widdin verlegt. Aber diese schlauen Lügen eines Zankoff und Clement haben nicht nur kurze Zeit einen Theil des bulgarischen Heeres und Volkes, sie haben auch einen großen Theil der öffentlichen Meinung in Europa geschickt düpirt. Rur so "ist es zu erklären, daß selbst die Börse das Ereigniß ziemlich kühl aufnahm und die Kurse nirgendwo erheblich davon beeinflußt wurden. Es mag auch sein, daß die Diplomaten der Mächte einen Augenblick geglaubt oder vielmehr gehofft haben, durch das Verschwinden Alexanders von der Bildfläche würde der in neuester Zeit wieder drohender hervor- s
Der DoAdaumeister $on Folda.
Eine Geschichte aus Fulda's Vergangenheit.
(22. Fortsetzung.) Sechszehntes Kapitel. In der Bonifatinsstadt.
„Daselbst zu bau'n ein Gotteshaus Das wünscht' er noch alleine."
Fr. v. Schlegel.
Am anderen Morgen, begab sich Johannes Dienzenhofer zunächst in die Pfarrkirche, um hier nach frommer Gewohnheit eine heilige Messe zu hören und Gott um Gedeihen seines Vorhabens anzurufen. Das alte Gotteshaus, das an Stelle der heutigen Stadtpfarrkirche sich erhob, war eine gothische Kirche, die Abt Hermann von Buchenau im Jahre 1447 zu bauen begonnen hatte; in der Mitte des Platzes, wo jetzt der Steinobelisk steht, befand sich ein Miffionskreuz, welches dem Platze den Namen „zum heiligen Kreuz", gab.
Von hier aus trat der Fremde einen Gang durch die Stadt an. Die geräumigen Plätze und breiten Gasten, die er langsam durchschlenderte, wurden nur von kleinen, anspruchslosen Häusern begrenzt, aber er fühlte sich eigen angeheimelt von der gemüth- lichen Einfachheit und dem heiteren Beh-gen, welches diesem Städtebild als spezifischer Lokalton ausgeprägt war; — ein Gepräge, das, unserer
tretende Konflikt zwischen Serbien und Bulgarien und gleichfalls die Spannung zwischen Bulgarien einerseits und der Pforte und Rußland, den zwei gleichzeitig ihre verdächtige Hohr „Protektorhand" über Bulgarien haltenden Mächten andererseits am besten gelöst werden. Aber wer diese Meinung gehabt hat, machte seine Rechnnng ohne das bulgarische Volk.
Trotz aller gewaltthätigen Vorsichtsmaßregeln — bis zur Sperrung des Eisenbahn- und Tele- graphenverkehrs — haben die Hochverräther in Sofia ihr frevelhaftes Ziel nicht erreicht, trotz aller springenden Rubel, und trotz der Entgegen- nähme der Huldigungen eines (vor dem Konsulat in Sofia) buchstäblich auf den Knieen rutschenden feilen Pöbels hat der russische Agent in Sofia mit seiner völkerrechtswidrigen Zettelung Fiasko gemacht. Heute steht die Thatsache fest, daß die in Ostrumelien begonnene Gegenmanifestation des Heeres und Volkes für den Fürsten Alexander sich rasch auch über Bulgarien und seine Städte ausgedehnt und mit erstaunlicher Schnelligkeit die provisorische Schurkenregierung bereits hinweggefegt und wieder ein fürstentreues Regiment installirt hat. Das eigentliche Volk und der Kern des Heeres in Bulgarien scheint die wahre Situation gar nicht gekannt zu haben, denn selbst die Truppenkörper, denen Minister Zankow, Major Gruew, Metropolit Clement unter dem lügnerischem Vorgeben, der Fürst habe freiwillig ebgedankt, den Eid auf die neue Regierung abnehmen ließen, haben jetzt der Verrätherbande den Rücken gekehrt und ec« warten die Rückkehr des Fürsten, zu deffen Auf- suchung die neue Regierung Deputationen nach Bukarest, Wien, Berlin. Darmstadt geschickt haben soll. Das Kleeblatt Clement-Gruew-Zankoff dagegen hat man vorläufig hinter Schloß und Riegel gesetzt. Bei dem ganzen Putsch scheint der ortho- doxe Metropolit Clement die zweideutigste Rolle gespielt zu haben, ihn schob man mit kluger Berechnung in den Vordergrund, um dem Volke Sand in die Augen zu streuen.
Aber: wo ist Fürst Alexander, wohin hat ihn die „provisorische Regierung" abführen taffen ? Das war die Frage, die nicht nur in Bulgarien, alles gleichmachenden Zeit zum Trotz, sich selbst bis heute noch nicht ganz und gar verwischt hat, wenn auch die bunte lebhafte Staffage, die das Hof- und Restdenzleben einst Altfulda lieh, leider zerronnen ist.
Dann war die Stunde gekommen, wo er sich dem Fürsten vorstellen konnte. Nicht ohne Befangen- heit schritt er durch die Menge der Höflinge, Lakaien und Haiducken, welche die Vorsäle belagerten, und von dem dienstthuenden Kammerherrn angemeldet, trat er bald, mit etwas stärkerem Herzklopfen in's Kabinet des Fürsten ein.
Es war ein im Geschmacks jener Zeit prunkvoll ausgestattetes Gemach, in dem Adalbert I. auf und abwandelte, und in deffen Mitte er nun aufrecht stand um mit scharfen, prüfenv en Blicken den Eintretenden zu messen.
Das längliche Geficht des Fürsten, von einer mächtigen Allongeperrücke umwallt, zeigt hagere, eingefallene Züge, die besonders an den Schläfen jäh abfielen und dadurch das Aussehen des angehenden Fünfzigers weit älter erscheinen ließen. Stark sprang das Kinn vor, über der etwas langen Nase aber leuchteten unter dichten Brauen ein paar scharfe, lebhafte Augen. An seiner Brust erglänzte, an einer goldenen Kette hangend, ein diamantenbesetztes Kreuz, und an seiner Hand funkelte ein großer Ring mit bl-tzendem Steine.
„Ihr seid der Baumeister, den uns der heilige 1
sondern auch namentlich in Deutschland die Herzen bewegte. Wir sagen absichtlich: die Herzen; denn im Volke brach sich das natürliche Gefühl der Sympathie für den Fürsten aus deutscher Familie immer mehr und mehr Bahn, mit jeder neuen Depesche wuchs selbst in den unteren Volksschichten die Theilnahme für das Schicksal des ehemaligen Berliner Garde-Offiziers, den man jetzt unter dem Banne — russischen „Einflusses", russischer Willkür vermuthete.
„Fürst Alexander ist am Dienstag in Remi an Rußland ausgeliefert worden," so meldete gestern eine Bukarester Depesche, der freilich von anderer Seite sofort widersprochen wurde. „A u s g e l i e f e r t" ? Auf welchen Rechtstitel hin? wird sich Jeder gefragt haben. Hat denn Rußland die ganze Revolution nicht nur unter der Hand, sondern sogar offiziell und amtlich in's Werk gesetzt, daß es sich den entthronten Fürsten als Staatsgefangenen „ausliefern" läßt. Doch unterdrücken wir vorläufig die empörten Gefühle über die Eventualität eines solchen Schrittes. Rußland hat sich nachträglich eines Besseren besonnen. Nach einer Neuerdings von Petersburg verbreiteten Depesche ist Fürst Alexander am Dienstag in Reni angelangt und über Wolocs- hiska nach Oesterreich weitergereist, und zwar frei und unbehindert, nicht als Gefangener. Fürst Alexander hat in Bestätigung dieser Petersburger Meldung an seinen Vater nach Jugenheim (Hessen) depeschirt, daß er auf der Lemberger Bahn über Breslau nach Darmstadt reife. Somit wäre der Fürst wieder in sicheren Freundeshänden. Trotzdem wirft schon die mit so großer Bestimmtheit verbreitete Nachricht von der bevorstehenden „Auslieferung" an Rußland, welche jedenfalls den Intentionen der bulgarischen Hochver« räther und den hinter den Koulissen verborgenen russischen Regisseure entsprach, ein Helles Schlaglicht, auf die Beziehungen Rußlands zu dem bulgarischen „Staatsstreich", Beziehungen, wovon bereits die Spatzen auf den Dächern erzählen. Es steht auch jetzt schon fest, daß der Fürst in Reni an russische Gendarmen abgeliefert und erst auf einen Befehl von Petersburg hin freigelassen wurde. Vielleicht hat man unterdessen der öffent«
Vater empfohlen hat?" begann Adalbert, und seine etwas strenge Miene milderte sich freundlich beim Sprechen.
Der Gefragte verbeugte sich tief: „Ja, Eure Hochfürstliche Gnaden, ich bin Johannes Dienzenhofer."
„Und Ihr wisset, warum wir Euch an unseren Hof berufen haben?" fuhr in lebhaftem Tone der Fürst fort. „Wir stehen vor dem Beginne eines bedeutungsvollen Unternehmens, indem wir den Plan hegen, die alte, an vielen Stellen baufällige Kirche unserer hochberühmten Abtei in neuem, würdigem Glanze wiederherzustellen. Ueberhaupt thun unserer Residenz an allen Orten Neubauten noth, doch wir wollen vor allem Anderen mit dem, was Gottes ist, den Anfang machen — zuerst ein Werk zu Seiner Ehre! Manches, was noch fest und dauerhaft an der Stiftskirche ist, mag erhalten bleiben; aber das Langhaus mit seinen vier Mauern muß niedergerissen werden, damit in völliger Umgestaltung ein Gotteshaus erstehe, welches alle Tempel, die sich seit frühsten Zeiten über der hochgeweihten Grabesstätte unseres großen Glaubensapostels erhoben haben, an Pracht und Herrlichkeit weitaus überstrahlen soll."
Der Fürst schwieg eine Weile, sein leuchtendes Auge aber verkündete, wie sehr er von seiner Idee durchdrungen und begeistert war.
„Der aber, den wir mit einem so großen Werke