JV 190.
Montag, dm 23. August
1886
Zeitung
Fuldaer
in Frankreich, ein Heer von Menschen, welche lesen und schreiben iönnen, aber weder das Feld zu bestellen wissen, noch in irgend einem Handwerk etwas zu leisten im Stande sind, eine ganze Armee von „Gebildeten" im Lande umher. Und trotz dieser Erscheinung wird der Zudrang zu den Gymnasien immer stärker, e« ist nöthig, neue Anstalten zu gründen, und das trotz erhöhten An- forderungen, trotz verschärfter Disciplin! Das Institut der Einjährig-Freiwilligen sorgt schon, daß die Frequenz nicht sinkt. Daraus stammt die Masie von Halbgebildeten nnd das vermehrte geistige Proletariat, welches unsere Gesellschaft und Literatur vergiftet und das Volksgemüth ertödtet. Die Zahl z. B. Architekten, Techniker, Ingenieure, Zeichenlehrer rc. ist so unverhältnißmäßig angewachsen, daß die bestehenden technischen Bildungsanstalten mindestens 12 Jahre leerstehen könnten, ehe alle absolvirten Techniker in irgend eine Stelle eingerückt sein werden. Und wohin soll es mit der gegenwärtig in'8 Maßlose gesteigerten Frequenz unserer Universitäten kommen?
Durch da» Vielstudium wird die Wissenschaft nicht gefördert. Wenn, wie die Kunstgeschichte zeigt, die Malerei und die Skulptur, je mehr sie an fabrikmäßiger Ausdehnung gewann, desto mehr verfiel, so kann man ein analoges Verhältniß auch beim Vielstudium voraussetzen, und das umsomehr, wenn, wie heute, die Wissenschaft in ein immer mehr zergliedertes Fach- und Detailstudium ausartet. Wo bleiben übrigens alle Ideal: der Wissenschaft, wenn der Magen seine Rechte verlangt, wenn der Hunger täglich an die Thüre des Studierzimmers klopft?
Roth macht den Menschen allenthalben unzu- frieden und wühlerisch, und das doppelt, wenn ihm der Grad seiner Bildung das Elend in ganzer Nacktheit vor die Seele führt. Will daher der Staat für seine eigene Sicherheit besorgt sein, will er der rothen Revolution nicht die thätigsten und gefährlichsten Agitatoren liefern, so muß er helfen, wo noch zu helfen ist! Nachdem er durch stete Neugründung von Schulen dem Volke die Ausbildung seiner Söhne in den verschiedenen Sparten seines Gebietes auf jede Weise erleichterte und sie damit für jede andere, gewerbliche Thätig- keit unbrauchbar machte, hat er auch die mora
lische Verpflichtung übernommen, diesen Leuten einen ehrlichen Lebensunterhalt zu ermöglichen. Man kann nicht Knaben und Jünglinge jahrelang auf öffentlichen Schulen unterrichten, ihnen das Glück der Prüfung preisen, um sie schließlich zum Betteln zu zwingen. Die geistigen Bedürfntffe der Menschheit sind nur dann befriedigend geordnet, wenn zugleich die physischen ihre Berücksichtigung finden. r
Die Kalamität der Ueberfüllung unserer Lehr- anstalten hängt so enge mit unserer übrigen sozialen Misere zusammen, daß eine endgiltige Abhilfe nur mit einer befriedigenden Lösung der sozialen Frage überhaupt erzielt werden kann. Und diese Abhilfe wird nur succesfive, in Dezennien erfolgen können. Den Landtagen Sparsamkeit zuzurufen, ist aller- dings sehr einfach, das Nebel wird aber dadurch nicht gehoben. Auch in einer beschränkten Zulassung zu den unteren Schulen vermögen wir keine eigentliche Lösung zu erblicken. Solange nicht der Gewerbebestand aus seiner wahrhaft bemitleidens- werthen Lage befreit wird, so lange sich die ehrliche, produktive Arbeit nicht mehr lohnt und der Arbeit nicht ihre von Gott gewollte Würde zurückerstattet wird, so lange wird man es selbst bei den ungünstigen Aussichten vorziehen, die Kinder in die höheren Staatsschulen zu schicken und das gebildete Proletariat vermehren zu helfen. (A.Pstz.)
* Die Ueberfüllung unserer Staats- schnlen rrnd die sociale Frage.
Die dermaligen Absolutorialprüfungen an den Gymnasien, die große Zahl junger Leute, welche, nun in das Fachstudium eintretend, sicy ihrem ge- wählten Berufe nähern, legen uns wieder die Frage über die Zukunft der studirenden Jugend, die Gefahr der unverhältnißmäßigen Ueberfüllung der humanistischen und technischen Lehranstalten nahe. Die Frage der „Ueberproduction" von Gebildeten — wie man sich auszudrücken beliebt — ist eins sociale Frage im eminentesten Sinne des Wortes. Es gilt aus den Wirkungen nach den Ursachen zu forschen und nach vorurtheilsfrei festgestellter Diagnofe eine der ernstesten Gefahren von unserem Volke abzuwenden.
Unter den vielen Ursachen, welche die große französifche Revolution hervorriefen, wird gewöhn- eine verschwiegen, die in das Concept unserer modernen Geschichtschreiber sich nicht zu fügen scheint: die unverhältnißmäßige Zahl stellensuchender „Stu- dirter". Obwohl Frankreich im Jahre 1789 13 Millionen Seelen weniger zählte, war die Zahl der Schüler der Staatsanstalten damals bedeutend höher als heute. Ein Heer halbgebildeter Proletarier mußte jährlich unter den ungünstigsten Aussichten in das Land hinauswandern und bildete dann, auf der einen Seite durch die Noth, auf der anderen durch die gesteigerten Ansprüche des Gebildeten unzufrieden gemacht, thätige Verbreiter der neuen Ideen von „Gleichheit und Brüderlichkeit!" Und wenn nicht in gleicher, so doch in ähnlich bedenklicher Lage befinden wir uns heute in Deutschland, und wenn fich das von Niebuhr vor bereits 50 Jahren gesprochene Wort von den Hunnen und Vandalen, welche die Civilisatton und Bildung des 19. Jahrhunderts vernichten werden, erfüllen sollte, so werden die Armeen des ge- blldeten Proletariats thätige Pioniere bilden. In welcher Weise die Krisis eintreten wird, wiffen wir nicht, wir wissen nur Eines, daß die Menschen aus der Geschichte nichts lernen. Trotz der ungünstigen Aussichten, welche die „allgemeine Versorgungsanstalt Staat" bietet, vermehrt sich täglich die Frequenz der mittleren und höheren Unterrichtsanstalten. So wandert denn, wie einst
Deutsches Reich.
Berlm, 22. August.
♦ Trotz der bekannten offiziösen Versicherung, daß diefem Reichstage keine Branntw einst euer- Vorlage wieder zugehen werde, wird jetzt von verschiedenen Seiten gemeldet, daß man im Fi- nanzministerium mit Vorarbeiten zu einem neuen Branntweinsteuer-Entwurf beschäftigt sei. Die Andeutungen, die über den Inhalt desselben gemacht werden, erscheinen indeß wenig glaublich, denn es ist doch kaum denkbar, daß die Regierung nochmals den ganz aussichtslosen Versuch machen werde, eine Majorität für einen Entwurf zu gewinnen, der sich von dem letzten, einstimmig ab- gelehnten nur in nebensächlichen Bestimmungen, in seiner Grundlage aber wenig unterscheidet.
* Aus Cooktown (Quensland) wird der
Di« »Utet ädtrnf „W« ‘«{“j;. «"■» aKTSWÄ*'“ W’"
Der Domtlaumeister von Fulda.
Eine Geschichte aus Fulda's Vergangenheit.
(18. Fortsetzung.)
So bewegte sich der imposante Zug zu der Wohnung des Stiftsdechantes Adalberts von Schleif- ras, wo bereits sämmtliche Pröpste und Kapitulare, sowie auch der Kanzler mit den Geheimen Räthen und alle hohen Staatsbeamten versammelt waren.
Hier nun hielt der Gesandte, mit bedecktem Haupte unter dem Throne stehend und bei geöffneten Thüren, eine Rede an das Stiftskapitel, in der er im Namen und aus Vollmacht des Kaisers die Ursache seiner Anwesenheit bekannt machte. Sie bezog sich aber nur auf eine allerhöchste Schutzverleihung und Zusicherung der kaiserlichen Gnade, ohne damit ein kaiserliches Bewilligungsrecht zum bevorstehenden Wahlgeschäft zu erklären.
Nachdem der Stiftsdechant hierauf im Namen des hochwürdigen Stiftskapitels seine allerunter- thänigste Danksagung ausgesprochen hatte, begab sich der feierliche Zug wieder in das Residenz- fchloß zurück.
Endlich war der bestimmte Wahltag gekommen, und wieder versammelte sich das Kapitel in der Kirche, um hier den heiligen Geist anzurufen und gemeinschaftlich die heilige Communion zu
empfangen. Die Wählenden zogen sich dann in das Kapitels-Zimmer zurück, wo der Vorschrift gemäß Einer eine Ansprache hielt, in der er sie aufforderte, nur demjenigen ihre Stimme zu geben, den sie nach ihrem Gewiffen für den Würdigsten und Tauglichsten hielten.
Das Scrutinium hatte begonnen, der apostolische Notar, der als Scrutator zugegen, mußte die Abstimmungen untersuchen und eröffnen.
Mit fieberhafter Erwartung blickten die Prälaten auf; wer wohl unter ihnen war der neuerwählte Fürstabt?
Da öffnete der Scrutator den Mund; — die Majorität der Stimmen hatte sich jetzt vereinigt. Alle neigten fich ehrfurchtsvoll vor Ad albert von SchleifraS.
Mit gemessenem Tone erklärte sich derselbe zur Annahme der hohen Würde bereit. Rasch wurden nun zwei Kapitulare in'S Schloß beordert, um dem kaiserlichen Gesandten das Resultat mitzu- theilen, während der apostolische Notar, von der Kanzel der Stiftskirche herab, den neuen Landes- Herrn dem in gespannter Erwartung harrenden Volke verkündigte. Dieser aber wurde jetzt selbst von dem Kapitel in die Kirche geführt, wo nun auch der Gesandte in prachtvoller Amtskleidung mit seinem stattlichen Hofgefolge erschien und alle vor-
schriebenen Cermonieu vorgenommen wurden. Dann brauste durch die hochgeweihten Hallen ein feierliches Tedeum, das frohlockend den höchsten Lenker der Geschicke pries; Helles Glockengeläute, von allen Thürmen und krachender Donner der Gefchütze klang dazwischen, jubelnd den neuen Landes- Herrn zu grüßen.
Als die kirchliche Feier zu Ende war, verfügte sich der Gesandte mit seinem Gefolge miet er an den Hof zurück; bald nachher aber machte ein zweiter glanzvoller Zug denselben Weg, um den Fürsten in seins nunmehrige Residenz zu überführen.
Daß die Fuldaer nun nicht unterließen, ihrer Freude fröhlichen Ausdruck zu verleihen, und daß Ovationen und Festlichkeiten aller Art zu Ehren des neugewählten Fürsten veranstaltet wurden, ist natürlich. Die Kunde von dem glücklichen Ereignisse zog rasch durch das ganze Ländchen, und sie drang auch in die sogenannte Harnischkammer im Schlosse, wo ein stiller, alter Mann geftssett saß, der mit christlicher Ergebung sein ungerechtes Schicksal trug. Sehnlicher und banger wie er hatte wohl Keiner im ganzen Land auf diese Knude gewartet, und als er sie jetzt vernahm, da schickte er einen stilldankenden Blick nach oben, bann aber begehrte er, man möge ihn sogleich vor den neu- gewählten Fürstabt treten lassen.
„Wo denkt Ihr hin?" sagte der Kerkermeister,