Donnerstag, den 19, August
M 187.
1886
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Der »katholische" Dr. Sigl, eine Haupt- sänle des liberalen Ministeriums Lutz.
Mrensigl' nannte die liberale und gouvernemen- tale Presse schon seit Jahren den Herausgeber des .Bayerischen Vaterland', Kraftproben seines Stils kehrten regelmäßig von Zeit zu Zeit in der Journalrevue der „gesinnuugstüchtigen" Presie wieder, und männiglich bemühte man sich, die journalistischen Sünden dieses von dem größten Theil der katholischen Presie längst desavouirten Mannes trotzdem und all dem als Belastungsbeweis gegen die „ultramontane Hetzpresie" im Allgemeinen in's Feld zu führen. Seit Kurzem hat sich das Blatt gewendet. Sigl ist in seiner Derbheit und in seinem Preußenhaß derselbe geblieben, aber er ist aus purer Abneigung, aus blindem Groll gegen die „Patrioten" eine Hauptsäule des liberalen Ministeriums Lutz geworden. Und so kam er denn alsbald zu der Ehre, von Blättern, die früher von Sigl- schen Kraftartikeln nur mit allen Zeichen des Ekels und der Entrüstung zu sprechen gewohnt waren, regelmäßig in der Journalrevue oder sonstwo als klassischer Zeuge und Sachverständiger citirt zu werden. Wer aber glaubt, das Sigl'sche .Vaterland' sei in der vornehmen Gesellschaft der „Herrenleute" auch selbst „vornehm" geworden, der lese zu seiner Information folgenden neuesten Artikel gegen die .Germania'. Wir rathen aber Jedem, sich vorzusehen für den Fall, daß es ihm bei der Lektüre dieser Gemeinheiten übel werden sollte. Dadurch, daß Ehreustgl die Autorschgft ^n dieser Sudelei einem „katholischen Geistlichen" in die Schuhe schiebt, fügt er dem geistlichen Stande eine Beleidigung zu. Man höre:
„Das preußische Org an für zweckdienliche Lügen, die große Klapperschlange ,Ger- mania', ist unermüdlich in ihren vorlauten Plaudereien über bayerische Zustände, für welche ihr. wie sie wenigstens versichert, „Männer von Rang" aus Bayern das Material liefern, während ihre bayerisch-patriotischen Zöglinge theils zu etwas Vernunft gekommen, theils — nach Konfiskation einiger „bester Leistungen" portefeuillelüsterner hervorragender Männer" — sich knurrend in ihre Bretterbude zurückgezogen haben/ aus der sie nur noch hie und da hervorfahren, um Irgendwem nach denBeinenzuschnappen
Der Pombaumtifltr von Fulda.
Eine Geschichte aus Fulda's Vergangenheit.
(15. Fortsetzung.)
Heiliger Sankt Bonifatius!" lief sie, die Hände zusammenschlagend, „da ist es schon ein Viertel auf Zwölf. So spät ist er ja noch nie gekommen, denn er ist doch sonst die Pünktlichkeit s-lber. Tilchen, was mag das sein? Und heute Nacht hat mir's von dürrem Obste geträumt, das bedeutet stets was Böses und ganz besonders, wenn's Freitag ist."
„Ei, Base," entgegnete Tilchen schelmisch, „Euer Traum kam davon, daß wir gestern Abend spät noch die Schnitzen aus der Vorrathskammer vom Boden geholt haben, das Böse aber, was es zu bedeuten hat, ist, daß wir heute so lang mit dem Esien warten muffen."
Die Base schüttelte bedächtig den Kops.
O Du leichisinniges Kind," seufzte sie, „Dir wird Dein Muthwillen schon vergehen." Dann hob sie mit einem Male die Hand und wandte den Kopf horchend nach der Thüre, wo von der Treppe her jetzt laute Tritte hörbar wurden. „Endlich kommt er!" ,
Das ist der Vater nicht," verneinte Tilchen. Es klopfte an die Thüre. In die Stube trat,
und da>'n eiligst wieder unter das bergende Dach 'ich zurückzuziehen, sobald Gefahr droht, und von )a aus das unterbrochene Knurrkonzert ingrimmig fortzusetzen.
Einen Wust von Dummheiten und Gemein h e i t e n, die selbst dem sanstmüthigen,Bayer. Kur.' zu viel und zu gemein wurden, einen täglich wohlgepackten Bündel Lügen und Ungezogenheiten, die einem Schuljungen eine ungezählte Menge von Tatzen eingetragen hätten, brachte die „mit allen Wassern gewaschenes Dame .Germania' über bayeri'che Angelegenheiten rc., von denen jedenfalls das nicht bestritten werden kann, daß sie die .Germania' nichts angehen. Was will denn das preußische Reptil im bayerischen Garten? Was hat es da zu schaffen? Wer hat es gerufen? Es will lügen, es will stänkern, es will sich ausgrimmen wie ein kneifendes altes Weib über getäuschte Hoffnungen. Daß es dabei frech wird, daß es selbst vor dem bayerischen Staatsoberhaupt nicht Halt macht, daß es auch gegen ihn den Ton impertinentester Schulmeisterei und beleidigenster Arroganz anschlägt, kennzeichnet die P r e u ß i n, gibt den Gradmesser für die Größe ihres Zornes und ihrer getäuschten Hoffnungen auf die Erreichung preußischer Zwecks durch bayerische — Gutmüthigkeit. Wenn irgend etwas, so muß der ohnmächtige Zorn und das unablässige Gekneife gerade der .Germania' beweisen, daß es sich für sie und ihre bayerischen und sonstigen Hintermänner „von Rang" nicht um bayerische, londecn vorzugsweise um preußische Jnteresien handelte, daß der Kampf in der Centrums- und der von Berlin aus geleiteten und inspirirten „patriotischen" Presse unter der falschen Parole: „Hie Franckenstein — hie Lutz" einem ganz anderen als cem vorgeschobenen Zwecke galt: an der Isar sollte entschieden werden, was in Berlin geplant war."
Ob eine gewisie Presse, welche jüngst mehrfach Sigl'sche Angriffe gegen die .Germania' unter ihren „Zeitungsstimmen" abdruckte, auch diese Perle ihren Lesern vorsetzen wird? Sollte sie sich dazu entschließen, so muß man sie bitten, im Inter« sie der Wahrheit und um den katholischen Namen vor unverdienter Schmach zu bewahren, die Mit- theilung beizufügen, daß Sigl der einzige fast athemlos, doch artig grüßend, ein gutgekleideter junger Mann, dessen bescheidene Miene einen eigen bestürzten Ausdruck zeigte.
„Ah, der Herr Kammersekretarius Weiß erzeigt uns die Ehre seines Besuches," sagte die Base und erwiderte höflich knixend den Gruß des Eingetretenen.
„Verzeiht, daß ich zu so ungelegener Zeit hier eindringe, und Euch zu molestiren wage", stammelte dieser verlegen, — „ich muß, — ich wollte — es thut mir leid, der Ueberbringer einer Nachricht zu sein, die für Euch betrüblich —"
„Um Gottes Willen, ist dem Vater etwas passiert?" rief Tilchen erbleichend; die Base aber erhob laut jammernd die Hände: „Ach mein Traum, mein Traum! Tilchen, was hab' ich gesagt!"
„Wollt Euch nicht so alteriren," wandte sanft der junge Mann ein, „es wird ja dem Herrn Kammerrath nichts geschehen." —
„O Herr Weiß, — hat ihn der Schlag getroffen ?" schrie die Base, die beruhige: den Worte überhörend, während Tilchen die Hände voc's Gesicht hielt und in heftiges Weinen ausbrach.
„Nein, min," entgegnete rasch Herr Weiß, das weinende Mädchen mit schüchterner Theilnahme anblickend. „Der Herr Kammerrath ist ganz wohl — ängstigt Euch nicht — er kann nur nicht kommen, weil" — er drehte verlegen an den Rock- knöpfen und schien mühsam nach Worten zu suchen
„katholische" deutsche Journalist ist, der einmal direkt vm Rom aus eine Zurechtweisung erhalten hat. Daß gerade der Mann zum Schützling und Eideshelfer der „gesinnungstüchtigen" Presie werden mußte zu einer Zeit, wo dieselbe Presse Papst und Bischöfe gegen die katholischen Zeitungen aufruft, ist auch eine Ironie des Zufalls!
Deutsches Reich.
Berlin, 18. August.
* Heute Mittag 1 Uhr fand eine längere Sitzung des Staatsministeriums statt, welche sich der ,Post' zufolge neben anderen dringlichen Vorlagen mit Angelegenheiten der Anstede- lungs.Commifston für Westpreußen und Posen beschäftigt haben dürfte. Bisher haben Ankäufe nur bei Gelegenheiten von Zwangs-Verkäufen stattgefunden, nachdem nun aber die Commission con- stituirt ist, wird man mit freihändigen Ankäufen vorgehen.
* Die deutsche Kolonial-Ge sellschaf t für Südwestafrika hat, nach der deutschen Kolonial-Zeitung, durch Erkenntniß des Auswärtigen Ämter das bisherige streitige Kaokofeld zugesprochen erhalten und befindet sich dieselbe nun- mehr im Besitz der ganzen Küste des südwestafrikanischen deutschen Schutzgebietes zwischen der englischen Kapkolonie im Süden und der portugiesischen Kolonie Angola im Nordin.
* Der Minister fü. Landwirthschast, Dr. Lucius tritt morgen eine größere Reise nach Skandinavien an.
* Der Unterrichtsminister hat auf eine an >hn gerichtete Anfrage unter dem 9. d. entschieden, daß auf preußischen Universitäten Frauen weder als Studirende aufgenommen, noch als Hospitanten zugelassen werdet dürfen. Vermuthlich bezieht sich die Entscheidung des Ministers auf zwe i in letzter Zeit an der Berliner Universität vorgekommene Fälle.
* Breslau, 16. Aug. Die Mitglieder der Generalversammlung der KatholikenDeutsch- lands, welche ihre wohnliche Unterbringung betreffende Anfragen hierher gerichtet Haben, wollen im Allgemeinen auf schriftlichen Bescheid nicht — „ja weil die hohen Herren ihn nicht eher frei- lassen wollen, bis — das vom hochseligen Fürsten hinterlasiene Geld, — das auf eine unerklärliche Weise verschwunden ist, — sich vorgefunden hat."
Die Base r ß ihre Keinen Augen weit auf, Tilchen abtr ließ langsam die Hände vom Antlitz fallen und starrte den KammeisekrUär, desien Worte ihr unfaßbar waren, mit rathlosem Entsetzen an.
„Ich kann das Räthsel nicht eruiren," fuhr dieser bekümmert fort. „Es ist bis dato eine unaufgeklärte Sache, wo das Geld hingekommen ist, aber daß der Herr Kammerrath ganz unschuldig ist, das
„O Du grundgütige Barmherzigkeit! Und da glauben sie wohl, daß er, der die lautere Treue und Redlichkeit selber ist, sich an dem Gelbe vergriffen habe?" unterbrach ihn händeringend die Base.
„Nein, das werden die hochwürdigen He>ren wohl selbst nicht glauben, aber sie sind nun einmal voller Alteration über den Defekt unb wissen sich an Niemand zu halten als an den Herrn Kammer- rath, sintemal derselbe in alle Ca bmetsgeheimnisie eingeweiht war. Er soll Ausweis über den räthelhasten Fall geben ober so lange in festem Verwahrsam bleiben, bis das Geld sich gefunden hat." Es hatte dem jungen Mann Mühe gekostet, den Satz zu vollenden.