JV 184
Montag, den 16 August
1886
Fuldaer
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Ain 22. Juni des Jahres 1700 hatten die Glocken mit traurigem Klange das Hinscheiden des FürstabteS Placidus von Droste eingeläutet, der segensvoll und friedlich den Krumm« stab zweiundzwanzig Jahre lang in treuen Händen gehalten hatte. Und in der Thal hatte das Volk Ursache zu Trauer und Betrübniß, denn ein Fürst war hiimgegangen, der weise, milde, gerecht und mit allen edlen R gententugenden geziert gewesen.
Würde sein Nachfolger ihm ähnlich sein? — Und wer war es, der nun an seine Stelle treten sollte, um der Kirche und des Landes Wohlfahrt zu leiten?
Das waren Fragen, die wie die düstereren Gewitterwolken drohend über dem geistlichen Fürsten- thum hingen, und die doch ungelöst eine Zeit lang in der Luft schweben mußten. — Die Entscheidung der Zukunft ruhte ja jetzt noch in der Wahlurne.
Wie tiefe, stille Trauer hing es um das alte Schloß, in dessen Vorhof ab und zu ernste, fchwei- genve Gestalten traten und mit leisen Schritten und betrübten Mienen an der Wache vorüber eilten.
Ein abendlicher Sonnenstrahl glitt durch de» Schlöffe» Fenster in ein hohe», weites Gemach hinein; er drang durch blaue Weihrauchwolken, bis er den Weg gefunden zu einem stillen Menschenantlitze, welche» hier ruhte, geschloffenen Auge»,
Deutsches Reich.
Berlin, 15. August.
* Der französische Botschafter Baron v. Co ur- cel, verläßt Berlin und seinen bisherigen Posten definitiv Ende dieses Monats und begiebt sich nach Paris. Der russtsche Botschafter, Graf Schuwalow, tritt Anfang September einen längeren Urlaub an, den er in Rußland zubringen wird. Er wird während dieser Zeit vom ersten Botschaftsrath, Grafen Murawiew vertreten werden.
* Dem „Reuter'schen Bureau" wird gemetoet: „Der Papst hat aus Wien eine vertrauliche Mittheilung erhalten, welche ihm die Versicherung gibt, daß der Lage des heiligen Stuhles bei der Kaiserbegegnung in Gastein Rechnung getragen wurde. Der Papst hat sofort den beiden Kaisern seinen Dank zukommen laffen."
* Der dritte deutsche Radfahrer-Bundestag ist gestern Abend durch einen festlichen Begrüßungsakt in dem Wintergarten des Centralhotels eingeleitet worden. Heute früh l1/2 Uhr fand ein Corso statt, an welchem etwa 150 Radfahrer und viele Deputationen in Wagen theilnahmen. Der Corso bewegte sich vom Schloßplatze aus durch die Straße „Unter den Linden" und das Brandenburger Thor, die Charlottenburger Chaussse entlang nach der „Flora" in Charlottenburg. In dem Zuge, welchem zwei Musikcorps vorausfuhren, befanden sich viels grüß«»« unb *»«««.-,
zum Theil von Radfahrern getragen. Auf dem ganzen Wege wurde der Zug von der sehr zahlreich zusammengeströmten Bevölkerung mit sympali« schen Zurufen begrüßt.
* Der ,Reichsanzeiger' publicirt eine Bekanntmachung, betreffend die Einziehung der Ein- hundertmarknolen der Commerzbank in Lübeck. Diese Roten hören am 1. Februar 1887 auf Zahlungsmittel zu sein, werden jedoch als einfache Schuldscheine bis Ende 1889 bei der Commerzbank in Lübeck eingelöst.
* Zwischen dem Auswärtigen Amte zu Berlin und Gastein, wo der Reichskanzler noch immer weilt, findet dem Vernehmen nach ein recht lebhafter Verkehr statt. — Die .Kreuzzeitung' tritt der Angabe entgegen, daß die gleich- zeitige Anwesenheit des Staatsministers von
Bötticher mit dem Reichskanzler in Gastein mit innerpolitischen Angelegenheiten in Verbindung gestanden habe. Das Zusammentreffen des Ministers mit dem Reichskanzler in Gastein sei ein ganz zufälliges.
* Zwischen der deutschen und englischen Eisenindustrie ist ein Kampf auf Tod und Leben im Gange. Ohne den Zoll würde die deutsche Industrie sicher unterliegen, während sie gegenwärtig den Kampf aufnehmen kann, dessen Ausgang freilich mit Sicherheit noch nicht anzugeben ist. Aus London wird gemeldet, daß die Eisengießerei von Kinnerslest u. Co. in Kidsgrove in Rord- staffordhire wegen Darniederliegens des Handels ihre Arbeitsstätten geschloffen habe; es sind dadurch gegen 1000 Arbeiter außer Verdienst gesetzt
* Hamburg, 11. August. Die Untersuchung gegen den angeblichen Literaten und Afrika- reisenden Siegmund Israel nimmt immer größere Dimensionen an und immer mehr stellt sich heraus, daß man es hier mit einem Schwindler und Hochstapler ersten Ranges zu thun hat, der in der geriebensten Weise die Leute zu täuschen gewußt hat. Gestern wurde derselbe aus der Untersuchungshaft dem Schöffengericht vorgeführt, das ihn wegen unbefugter Führung des L i e u- tenantstitel vorläusig zu zehn Tagen Haft verurtheilt hat. Seine Strafe wegen seiner Betrügereien dürfte eine recht schwere sein, da Israel feit soinsp SffitrffpFir nnn 91»w . x.,... sal
zigen Orte in Afrika, deü et wirklich besucht zu haben scheint, außer mit einigen journalistischen Arbeiten nichts verdient, trotzdem aber auf ziemlich großem Fuße gelebt hat, wozu ihm seine Schwindeleien die Mittel geliefert haben.
* Crefeld, 13. August- Das gegen den ver- : antwortlichen Redacteur der „Niederrheinischen ■ Volksztg." Herrn Neuwiem verkündete Urtheil ; der hiesigen Strafkammer wegen Majestäts- und | Bismarck-Beleidigung lautete auf 3 Monate i Festung. Auch ein nettes Vergnügen!
Ausland.
* Der französische Ministerpräsident Frey- cinet theilte heute im Ministerrathe mit, daß der Papst noch keine endgültige Entscheidung, betreffs \ der Errichtung einer vaticanischen Gesandtschaft
Der Aomdallmeister m Fulda.
Eine Geschichte aus Fulda's Vergangenheit.
(12. Fortsetzung.)
So waren dem strebsamen Manne bereits drei Jahre in angestrengter Kunstthätigkeit dahingegangen, eine Z it voll der bedeutsamsten Anregungen, in der sein Geist die beste Bereicherung gewonnen, sein Talent die schönste Entwicklung genommen hatte. Aber sie war ihm hingegangen ' fern von den Seinen, und die Verkehrsverhält- niffe waren noch so wenig entwickelt, daß auch nur selten eine Kunde aus der Heimath zu ihm \ gelangen konnte. Da wurde die Sehnsucht nach Weib und Kmd mit einem Male übermächtig in ihm, und wenn er sich auch eingestand, daß er noch viel, viel lernen müsse, und daß ein längerer Aufenthalt in Rom ihm dazu nur förderlich sein könne, so wurde doch das Heimweh jetzt stärker, als alle Vernunftschlüsse, ernstlich trug er sich mit dem Gedanken an eine nun baldige Heimkehr. Er hatte sich tüchtige Kenntnisse erworben — dies Zeugniß gab ihm ja sein Meister Carlo Fontana selbst! — wie die Zukunft sich dann weiter gestalten werde, das stellte er vertrauensvoll dem lieben Gott anheim, ohne zu ahnen, daß auf fernem deutschen Boden bereit» die Fäden gesponnen
waren, an welche sich sein künftiges Schicksal knüpfen sollte.
Zehntes Kapitel.
Des Fürsten Tod.
Alle Schmerzenskeime fühlt' ich sprießen, Im Herzen sich entfalten, Statt um Blatt, Und allen Segen fühlt' ich niederfließen Um eines Christen heil'ge Schlummerstatt.
Annette von Droste-Hülshoff.
Ueber der alten Abtei Fulda brütete schon seit mehreren Tagen eine drückende Gewitterschwüle. Die Ackerfelder waren ganz ausgetrocknet und die Wiesen der Fuldau lagen versengt, denn obgleich über dem Vogelsberge düstere Wolken aufge- thürmt waren, so schien doch noch immer kein erquickender Regen kommen zu wollen. Still beklommen lagen die Gassen und P ütze der Stadt und man begegnete nur bekümmerten, erwartungsbangen Mienen.
Doch war es nicht nur die Schwüle der physischen Atmosphäre, die diesen allgemeinen Druck bewirkte, nein, ein tragisches Ereigniß, welches die Wolken am politischen Horizonte zusammen gezogen und mit dumpfer Schwere über Die alte, geistliche Residenz sich gelagert, belastete ungleich mehr die Gemüther von Fulva's Bewohnern.
Das Ereigniß war nichts Geringeres al» der Tod de» feither-gen Landesfürsten.
in Peking, getroffen habe und daß die Verhrnd hingen noch fortbauerten.
* Paris, 13. Aug. In nächster Zeit steht in Frankreich das Aufhören des Instituts der Einjährig-Freiwilligen bevor. Diese Aussicht hat nun eine Folge hervorgerufen, welche für das französische Heer von großem Werthe ist. Da es vielen jungen Leuten bessern Familien, oder solchen, die eine höhere Bildungsschule durchgemacht haben, nicht verlockenb erscheint, drei Jahre in der Kaserne inmitten der Mannschaften zubringen zu müssen, so ziehen sie es vor, zwei Jahre die Militärschule von St. Cyr zu besuchen, dann als Lieutenant in das Heer zu treten, ein Jahr als Offizier zu dienen und hierauf ihren Abschied zu nehmen. Es ist begreiflich, daß dieselben lieber die Epauletten des Lieutenants als den Tournister des gemeinen Mannes tragen wollen. ,Le Progrö's Mililäre' glaubt, daß schon in diesem Jahre die erwähnte Maßregel Ursache des erhöhten Zuganges von jungen Avantageuren wurde; 1885 meldeten sich 1400, in diesem Jahre 1700 junge Leute zur Aufnahme in St. Cyr. Die .Deutsche Heeresztg.' schreibt zu dieser Nachricht: „Wenn die mit Absichten, wie die skizzirten, zum Heere kommenden ’ungen Offiziere für dasselbe auch nach einem Jahre wieder verloren gehen, so biiben sie doch eine ausgezeichnete Ergänzung des Offizier-Korps des Territorialheeres. Wir wären fÄs Än'ÄiiÄungsgan^dÄ'Ätwen^ElKere durchmachen und ein volles J chr bei den Regimentern als Lieutenants dienen würden. Den Vortheil dieser Einrichtung hat man in Frankreich gut erkannt und deshalb äußert sich die Fachpresse mit vollem Recht für eine Vergrößerung der Schule von St. Cyr." (Köln. Vztg.)
* Rom, 10. Aug. Im Kollegium Germanicum sind alle Hände vollauf beschäftigt mit dem Umzug nach dem neuen Heim. Kardinal Mazzella hat bereits seinen Wohnsitz dorthin verlegt und auch Kardinal Melchers wird nach seiner Rückkehr aus Tyrol daselbst Wohnung nehmen. Die Alumnen werden, wie alljährlich, gegen Ende dieses Monats die Villa S. Pastore bei Palestrina beziehen und erst bei ihrer Rückkehr von dort, gegen Allerheiligen, in's neue Lokal einziehen. Leider