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J\® 180.

Mittwoch, den 11» August

1886

Jalung

Fuldner

Die ,Fuldaer Zeitung' erscheint tiiglich. Sonn» und Feiertag« ausgenommen. Viertsljiihrlichsr Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfg., — mit der belletristische« Wochenbeilag« ,Sterne and Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 Mk. 75 Pfg. Inserat«: Di« «inspaltige Zeil« oder d«ren Raum 15 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

4s- Frauenarbeit u. Lehrlingsfrage in Industrie und Handwerk.*) lieber den sozialen und sittlichen Werth und Unwerth der Frauenarbeit ist schon viel geschrieben und gesprochen worden, und die gesetzgebenden Faktoren richten auf diesen Gegenstand schon lange ihr Augenmerk, — jedoch ist in dieser Frage bis­her noch wenig erreicht worden, was den wirklichen oder angeblichen Mißständen Abhilfe zu schaffen geeignet wäre.

Die Frau gehört in'S Haus, in die Familie, das ist der Kardinal-Grundsatz, den man bei der Frage der Frauenarbeit unter keinen Umständen außer Acht lasten darf. In der Familie ist ihr Wirkungskreis, den ihr Gott und die Natur zu­gewiesen, und deshalb erscheint es nicht der Be­stimmung der Frau und Mutter angepaßt, wenn sie außerhalb des Hauses ihren Lebenserwerb zu suchen genöthigt ist. Zumal die Fabrikarbeit eignet sich wenig zum weiblichen Wesen und Ge- müthe. Die Frau oder das Mädchen tritt da­durch in Verkehr mit oft rohen, wüsten Gesellen, der einen sittlich schädlichen Einfluß auf das weib­liche Wesen ausüben muß, und das „ewig Weib­liche" gar zu leicht untergräbt. Man braucht bloß Zeuge von einem solchen Verkehr gewesen zu sein, um seine traurige Wirkung sofort zu erkennen und tief beklagen zu lernen. Und zumal für junge Mädchen erachten wir den Besuch der Fabrik für durchaus bedenklich. Was sie dort sehen, hören und lernen, erscheint wenig geeignet, sie auf ihren Beruf als Hausfrau und Mutter vorzubereiten, und deshalb sollten die Eltern sich nur im äußer­sten Nothfalle dazu entschließen, ihre Tochter in die Fabrik zu schicken.

Aber doch können die Verhältnisse dazu zwingen, daß die Frau Nebenverdienste suchen muß und auf die Fabrik als einzige Verdienstquelle sich angewie­sen sieht. Bei unseren heutigen Erwerbsverhält­nissen reicht ja das Verdienst des Mannes nicht immer hin, eine zahlreiche Familie zu ernähren, und da muß die Gattin durch ihre Arbeitskraft die fehlende Einnahme zu ergänzen suchen oder

*) Nachdruck nicht gestattet.

Der Dontbaumistkr m Fulda.

Eine Geschichte aus Fulda's Vergangenheit.

(8. Fortsetzung.)

Sie blickte hinab über den Weg, der sich zur Höhe heraufzog, dann schüttelte sie lächelnd den Kopf und leise kam es über ihre Lippen: „Es ist ja noch viel zu frühe; Johannes kann noch gar nicht kommen."

Und weiter glitt ihr Blick über die schöne Stadt mit ihrem alten, vierthürmigen Dome; suchend irrte er über alle die sonnenbeschienenen Dächer, die sich in bunter Regellosigkeit aneinander dräng­ten, bis er plötzlich an einem hohen, wunderlichen Giebeldache haften blieb, das in neuer Bekleidung stolz über seine ärmliche Umgebung emporragte.

Wie ein Schatten flog es jetzt über das schmale, schöne Antlitz der jungen Frau, das einen wunder­sam anziehenden Ausdruck trug und ein schmerz­licher Seufzer entfuhr ihrer Brust.

Da aber senkte sich ihr Blick herab auf das Kind, das sanft in ihrem Arme eingeschlummert war. Ein Strahl der reinsten, glücklichsten Mut­terliebe brach aus den dunklen Augen und mit inniger Zärtlichkeit das Köpfchen de« Kleinen an der Brust bergend, trat sie rasch in das Haus zu­rück. Sanft und behufam legte sie das Kind in die Wiege, um dann in die Küche zu eilen, wo

als Wittwe allein für sich und die Ihrigen Brod schaffen. Leider liegen also unsere sozialen Ver­hältnisse einmal so, daß die Frauenarbeit nicht aus der Welt geschafft werden kann, ohne die Inter­essen und Existenzfähigkeit der Familie in bedenk­licher Weise zu gefährden.

Deßhalb gehen auch die Schutzanträge des Centrums durchaus nicht darauf hinaus, die Frauenarbeit gänzlich abzuschaffen. Wohl aber muß Bedacht darauf genommen werden, daß die Frau nicht sittlich und körperlich durch ihre Arbeit in der Fabrik Schaden leide, oder gar zu Grunde gehe, und so erscheint die Beschränkung der Frauenarbeit auf ein Maß, wobei jene Gefahren ausgeschlossen sind — wie es das Centrum an­strebt, — durchaus geboten und Jeder, der es mit dem arbeitenden Stande wirklich wohl meint, wird dieser Bestrebung des Centrums seine volle Zustimmung nicht versagen können.

Die weibliche Arbeitskraft bleibt für manche Industriezweige sehr gesucht und die Arbeitgeber ziehen sie der männlichen vor, weil sie billiger ist. Aus diesem Grunde finden die Schutzanträge des Centrums, soweit sie diesen Gegenstand berühren, nicht die Billigung der Arbeitgeber, welche weib­liche Arbeitskraft benutzen und sie oft in gewissen­loser Weise ausbeuten.

Die Frage, ob die Frauenarbeit nicht für die Industrie zu entbehren ist, müssen wir ent­schieden verneinen. Denn ohne diese würde die Industrie doch durchaus nicht erliegen und lebens­unfähig werden, wenn 'Such der Arbeitgeber in seinem wohlverstandenen Interesse sich daran fest­zuklammern sucht. Die weibliche Arbeitskraft würde jederzeit durch die männliche etsetzt werden können. Die Stelle, welche die Schwester aufgibt, wird der Bruder einnehmen, und zwar zu höherem Lohne und der Schluß-ffekt würde für die Gesammtheit schließlich derselbe bleiben.

Wer mit dem heutigen Zustande ter Frauen­arbeit irgendwie vertraut ist, wird sich ber lieber« zeugung nicht verschließen können, daß Vieles auf diesem Gebiete im Argen liege, und daß Remedur dringend noth thut, damit die Gattin und Mutter nicht der Ausbeutung gewiss nloser Arbeitgeber schutzlos preisgegeben, und sie wenigstens zum

sie bald ein lustig knatterndes Holzfeuer unter dem Herde entzündet hatte und mit rascher Hand zwischen den Töpfen hantirte, um die Abendsuppe zu bereiten.

Plötzlich knarrte die Hausthür und kräftige Män­nertritte erschallten auf dem Flur.

„Johannes, bist Du schon da?" tief die junge Frau mit freudiger S imme.

Die Küchenthür öffnete sich und in bestaubten Arbeitskleidern, die unschwer die Spuren hand­werksmäßiger Arbeit erkennen ließen, trat Johan­nes Dienzenhofer in den engen, halbdunklen Raum.

„Ich komme heute früher als gewöhnlich," sagte er, nachdem er mit inniger He rzlichkeit seine Gat­tin begrüßt und sich dann den Schweiß von dem heißgerötheten Gesichte gewischt hatte; „aber wir sind mit der Arbeit fertig geworden."

Er griff in die Tasche und zog ein Häuschen kleiner Geldmünzen heraus, d er auf den blank­gescheuerten Küchentisch aufzuzlhlen begann.

„Hier ist der Wochenlohn," sagte er dabei seuf­zend — „ein armseliger Bei ienst — und doch gebe nur Gott, daß ich balv wieder andere Arbeit finde. Ich will ja gerne damit zufrieden sein, nur als Handwerker zu schaffen, wenn ich uns damit das tägliche Brod erringen kann. Aber wie wird die Zukunft für uns werd n! Ich kann kaum noch etwas Gutes davon erwarten, denn seitdem sich

Theil dem Hause und der Familie erhalten bleibt — ohne auf der anderen Seite ihr die Möglich­keit zu nehmen, sich den Lebensunterhalt zu er­werben in einer dem weiblichen Wesen angepaßten Weise. Die Frage ist eilte überaus schwierige, wenn der ethischen Seite und den Bedürfnissen gleichzeitig Rechnung getragen werden soll, aber wir sind überzeugt, daß noch Vieles geschehen kann, wenn man nur den ernsten Willen, wie das Centrum, hat, ernsthaft an die Lösung dieser Auf­gabe heranzutreten.

(Schluß folgt.)

Deutsches Reich.

Berlin, 10. August.

* Der Kaiser hat mit heute seine Kur in Wildbad Gastein beendet und tritt Nachmittags die Rückreise nach Potsdam an, woselbst die An­kunft Donnerstag früh erfolgt. Gleichzeitig mit dem Kaiser verläßt Prinz Wilhelm Gastein, um nach Reichenhall zu seiner Gemahlin zurück« zukehren. Dieselbe war nur deshalb von Gastein fern geblieben, weil dort schlechterdings für die hohe Frau keine geeignete Wohnung mehr aufzu­treiben war. Von Reichenhall begeben sich Prinz und Prinzessin Wilhelm nach Bayreuth, von wo sie am 23. d. Mts. wieder in Potsdam eintreffen werden.

* Der General der Infanterie und General- Adjutant des Kaisers, von Werd e r, Militär- Bevollmächtigter in St. Petersburg, ist laut aller­höchster Kabinetsordre zum Gouverneur von Berlin ernannt worden.

* Der russische Minister des Auswärtigen, Herr von Giers, der gestern Abend hier eintraf und vom russischen Botschafter Grafen Schuwaloff, bei feiner Ankunft begrüßt wurde, ist heute Nach­mittag halb drei Uhr nach Franzensbad abgereift. Vormittags hatte er einen Besuch im Auswärtigen Amte abgestattet und mit dem Unterstaatssekretär Grasen Berchem konferirt, der auch dem russischen Staatsmann bis zum Bahnhof das Geleite gab.

* Der Kultusminister hat unterm 3. Aug. d. I. an die königlichen Regierungen der Provin­zen Ost- und Westpreußen, der Rheinprovinz und

mein Bruder gänzlich von mir gewandt, will mir auch Niemand mehr Arbeit geben. O &onora," fügte er mit einem Anfluge von Bitterkeit bei, „wie Viele, die früher meine Freunde fein woll­ten, weichen mir jetzt aus und wollen mich nicht mehr kennen."

Die junge Frau trat an ihn heran und legte begütigend die Hand auf seine Schulter.

„Sei nicht so kleinmüthig, Johannes," tröstete sie sanft, „der liebe Gott wird uns nicht verlas­sen, und wer weiß, ob nicht bald eine Wendung zum Besseren für uns eintritt. Wir Haden ja auch noch keine Noth gelitten, denn was Du ver­dient hast, hat immer für unsere einfachen Bedürf­nisse ausgereicht. Und da hast Du ja wieder ein ganz ansehnliches Sümmchen heimgebracht," fuhr sie lächelnd und in ermnthigendem Tone fort, indem sie die Silbermünzen vom Küchenttsche mit der Hand einstrich, „ich werde es recht zu­sammenhalten und keinen Pfennig unnöthig ver­ausgaben — weiß ich doch, daß an jedem der­selben ein saurer Schweißtropfen von Dir klebt."

Ihre Stimme hatte bei den letzten Worten einen fast wehmüthigen Klang angenommen, und wehmülhig auch war der Blick, den sie dabei aus ihren dunklen Augen auf ihren Mann richtete, der schweigend neben ihr an der Wand lehnte, nnd mit ernstem Gesicht, nachdenklich in die Flamme des offenen Heerdes starrte.