JV 177
Sonnabend, den 7, August
1886
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* Frankreichs Wehrkraft.
Mit größter Aufmerksamkeit, aber auch mit ruhiger Ueberlegenheit verfolgten die hohen militärischen Kreise Deutschlands die kolossalen Anstrengungen, die Frankreich auf dem militärischen Gebiete macht. Während die offiziellen Beziehungen zwischen Berlin und Paris fortdauerd von einer kühlen Höflichkeit sind, die jeglichen Anlaß zu begründeten Beschwerden hüben wie drüben vermeidet, empfindet man in Deutschland immer mehr, wie Recht Moltke hatte, als er sagte, Deutschland müsse fünfzig Jahre lang gerüstet sein, um die zurückerworbenen Neichslande zu schützen.
Im vergangenen Jahre hatte Frankreich seine im Jahre 1872 begonnene Heeresreorganisation beendet. Frankreich war also, technisch ausgedrückt, kriegsbereit und ängstliche Gemüther erblickten denn auch schon in einzelnen Ausbrüchen des französischen Chauvinismus die Vorboten eines neuen Krieges. Im Frühjahre dieses Jahres erschien in Paris eine aussehenerregende Broschüre, die den Titel führte: „Vor dem Kampf". Die durchaus eingehenden und wohl auch äußerlich zutreffenden Angaben derselben über die Wehrkraft Frankreichs deuteten unzweifelhaft darauf hin, daß der Verfasser sein Wissen aus amtlichen Quellen schöpfte, und deshalb kann ein Eingehen auf das Werk, wenn auch nur vom Laienstandpunkt aus, Nicht, ohne Jntercssc fehl.
Nach jener Broschüre verfügt Frankreich gegenwärtig über mehr als 4 Millionen Soldaten; davon sind rund 2,025,000 Mann vollständig ausgebildet, 700,000 Mann haben ein Jahr gedient, ebensoviel sind „oberflächlich" ausgebildet und die gleiche Zahl von verwendungsfähigen Mannschaften befindet sich noch ohne Ausbildung. Die nahezu P/2 Millionen der letzten beiden Klassen kommen nun kaum in Betracht, denn die „oberflächliche" Ausbildung der ersteren davon besteht nur in dem gelegentlichen Zusammentritt zu „Appells" (etwa unsere Kontrolversammlungen); die zweiten figuriren nur in den Listen. Diejenigen, die ein Jahr gedient haben, entsprechen etwa unseren Ersatzreservisten 1. Klasse.
Die Riesenziffer der französischen Armee im Vergleich zur deutschen vermindert sich aber noch
Der Dombaumister von Fulda.
Eine Geschichte aus Fulda's Vergangenheit.
(5. Fortsetzung.)
Wie Sonnenschein glitt es über ihre schmerzverzogenen Züge, und aus den dunklen Augen, die sie langsam hob, brach ein volles, tiefes Vertrauen, aber sie erwiderte kein Wort.
„Und was wollt Ihr jetzt thun?" fragte Johannes nach einer kurzen Pause, indem er den Kopf an einen vorspringenden Mauerpfeiler lehnte und gespannt auf sie herabblickte. „Wollt Ihr Euch dem despotischen Willen Eures Vaters unterwerfen oder wollt Ihr — ?"
„Da gibt es kein Entweder — Oder," unterbrach ihn Lea mit matter, zitternder Stimme. „Man fragt die Töchter unseres Stammes nicht nach ihrem Willen, — was mein Vater verlangt, dem muß ich mich fügen. Ich will es ja auch," — fuhr sie leise fort, indem sie angstvoll und demüthig die Hände in einander faltete — „es fällt mir nur noch so schwer, mich in den Gedanken hinein zu finden, denn ach, es kam so unerwartet."
„Ihr wollt Euch fügen?" klang es leise grollend aus seinem Munde. „Ihr wollt es zulassen, daß man Euch opfert, niedrigen Geldinteressen opfert — 0 Lea," bat er flehend, „thut es nicht, laßt Euch nicht hinein stoßen in Verhältnisse, in denen
mehr, wenn man berücksichtigt, daß das französische Kriegsministerium zwanzig Jahrgänge (vom 20. bis zum 40. Lebensjahre) in seinen Listen führt, während die Dienstpflicht in Deutschland nur 12 Jahre, also meist nur bis zum 32. Lebensjahre, beträgt, ohne, daß die älteren Jahrgänge dienstuntauchlich würden; sie gehen bei uns still in den „Landsturm" über, während sie in Frankreich unter dem stolzen Titel „Reserve der Territorial-Armee" in den Listen weiter geführt werden und zur Riesenzahl der Truppen beitragen.
Die Sache ist also trotz allen äußeren Anscheins noch gar nicht so schlimm; Boulanger hat aber wunder was zu thun geglaubt, wenn er 60 Bataillone mit „Repetiergewehren" ausstattete. Es find dies aber nur, wie jetzt berichtet wird, ap- tierte Gewehre alten Modells, welche mit einem Repetiermechanismus versehen wurden. Vor etwa 8 Tagen dagegen wurde in der Spandauer Gewehrfabrik die Fertigstellung des 100,000sten Repetiergewehrs gefeiert und auch die Gewehrfabriken in Erfurt und anderen Städten sind vollauf beschäftigt. So bedauerlich es auch sein mag, daß Deutschland durch den heimlichen Kriegszustand mit Frankreich zu immer neuen militärischen Ausgaben gezwungen wird — es muß auf seiner Hut sein und ist auf seiner Hut.
Ein Krieg mit Deutschland bedeutet für Frank-
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publik. Ist der Krieg, wie wohl sicher anzunehmen, für Frankreich unglücklich, erfüllt die Republik die von ihr künstlich genährte Revanche Idee nicht, so wird sie vom Unwillen des Volkes hinweggefegt. Sollte aber ein solcher Krieg, was der Himmel verhüten wolle, ein für Frankreich glücklicher sein, so steckt der zurückkehrende Ober- kommandirende die Republik in die Tasche. Der alte Römer Cincinnatus und George Washington sind, nachdem sie sich als siegreiche Feldherrn bewährt hatten, zu ihrem Pfluge zurückgekehrt. Solche Tugenden, solche Ueberwindung der persönlichen Eitelkeit kennt die heutige Zeit nicht mehr. Was dürfte sich in Frankreich nicht ein General erlauben, der die verhaßten Deutschen besiegt hätti! Das wissen die jetzigen Gewalthaber in Frankreich sehr gut. Sie werden also immer so Ihr dahin welken werdet wie eine Blume- ohne Luft und Sonnenschein. Bedenkt doch, daß Ihr Euch entscheidet für Euer Leben, ein ganzes, langes Leben, wo freudlos und trostlos Eure Seele langsam dem Erstickungstode entgegen gehen muß."
Sie war sehr bleich geworden, schweigend senkte sie den Kopf auf die Brust herab.
„Und wollt Ihr gar nichts thun, Euch vor solchem Schicksale zu bewahren?" fragte er mit traurigem Ernste. „Sehet, ich selbst befinde mich in ähnlicher Lage wie Ihr. Mein Bruder, von dem ich ganz abhängig bin, verlangt, daß ich jene heirathen soll, die er mir ausersehen hat. Ec hat die beste Absicht, aber sein Sinn ist so herrisch und despotisch, daß, wenn ich ihn durch offenen Widerstand reize, er vielleicht für immer die Hand von mir ziehen wird. Aber dennoch — ich kann mich seinem Willen nicht fügen und ich werde es nicht thun, lieber ziehe ich fort von hier und wenn ich meine Vaterstadt nie mehr sehen sollte."
„Und warum wollt Ihr die nicht, die Euer Bruder für Euch ausersehen?" fragte Lea leise mit gepreßter Stimme.
„Warum Lea?" — Weil das Herz ein närrisches Ding ist und sich zu keiner Wahl zwingen läßt. — Und," setzte er leise hinzu, „weil das meine bereits eine Andere erwählt hat."
„Eine Andere? wiederholte sie und ihre Stimme
thun, als wenn sie den Krieg gegen Deutschland vorbereiten, vor dem Kriege selber aber, der das Ende ihrer Herrschaft bedeutet, hüten sie sich, wie vor dem Feuer!
Deutsches Reich.
Berlin, 6. August.
* Kommenden Sonntag findet in dem schönen Alpen-Curort Gastein eine Monarchen-Ent- r evue statt, die einen geradezu ergreifenden Charakter besitzt. Oesterreichs Herrscher Franz Josef der Gütige begrüßt an diesem Tage den greifen Kaiser von Deutschland, mit dem ihn innige Bande persönlicher Freundschaft verknüpfen, und das eben in Kissing en neu bekräftigte Freundschaftsbünd- niß zwischen Deutschland und Oesterreich erhält durch diese Begegnung einen öffentlichen Ausdruck. Begleitet von den wärmsten Sympathieen ihrer Völker reichen sich die beiden Monarchen die Hände und mit ihnen die Völker, denn es dokumentirt sich in dieser Begrüßung das feste und treue Zu- sammenstehen der beiden Nachbarreiche und es liegt hierin eine gewisse Garantie für Erhaltung des Friedens. In weiten Kreisen des Volkes in Deutschland hat man den Glauben, daß so lange der greise deutsche Kaiser lebt, man so lange auch keine unmittelbare Kriegsgefahr zu fürchten braucht. Diese Anschauung findet ihren Wiederhall auch in wiHer^wenn^ dec ^greise "Deutsche Monarch oie Thermen von Gastein aussucht, man erblickt eben in dieser Entrevue stets ein Symbol des Friedens. In dieser Intention begrüßen wir auch die Zusammenkunft am nächsten Sonntage und wir hegen nur den Wunsch, daß sie nicht die letzte ist, sondern daß den beiden Monarchen es noch wiederholt vergönnt ist, den Völkern das schöne Bild inniger Freundschaft zweier erlauchter Herrscher mächtiger Reiche zu bieten.
* Eine Zusammenkunft des russischen Ministers von Giers mit dem Fürsten Bismarck, wenn auch nicht in Gastein, gilt nunmehr für sehr wahrscheinlich. Beachtung verdient, daß der russische Botschafter in Paris, Baron Mohrenheim, der während der Begegnung zwischen Bismarck und Kalnoky in Kissingen anwesend war, sich von da ^lang seltsam tonlos. Sie erhob die Hand und faßte langsam, wie im Traume, nach den herab- hängenden grünen Weinranken, die ihr um den Kopf und um die Stirne schwankten. „Und könnt Ihr diese nicht heimführen und glücklich werden?"
Er sah sie traurig an. „Nein! — nie! nie! Zwischen uns liegt eine Kluft, die uns ewig scheiden muß."
„Dann ist sie wohl die Tochter eines stolzen Patriziergeschlechtes? Aber wenn sie nicht jede Schranke übersteigt, welche sie von Euch trennt," fügte sie rascher hinzu und eine heiße Gluth stieg ihr in's Antlitz, „0, dann, dann verdient sie Eure Liebe nicht."
Johannes schüttelte langsam den Kopf.
„Nicht Rang- und Standesunterschied ist es, der sie uneri eichbar über mich stellt; im Gegen- theil — denn wenn ihr auch an Adel und Größe der Seele vielleicht keine Jungfrau der Stadt gleich kommt — das Beste fehlet ihr dennoch: es ist der wahre Glaube; — die Religion ist es, die uns für immer trennt. Die ich liebe ist eine Jüdin, - Lea - Ihr seid es selber."
War das ein Schrei, was zitternd und fast unhörbar Lea's Lippen entfuhr? Johannes blickte ihr erregt in's bleiche Antlitz, aber er vernahm kein Wort; in ihren dunklen Augen nur leuchtete es wie ein strahlendes Licht auf, im nächsten