175.
Donnerstag, den 5. August
1886
Fuldaer Jeilung.
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Deutsches 2Terch.
Berlin, 4. Angust.
* Für die Meldung, daß der russische Minister v. Giers sich zu der Zusammenkunft nach Gastein begeben werde, fehlt hier noch die direkte Bestätigung, es wird aber von beachtenswerther Seite versichert, daß die Theilnahme des russischen Ministers an der Zusammenkunft, der politischen Situation, wie sie sich neuerdings gestaltet hat, zum mindesten nicht widersprechen würde. — Da angesehene Blätter auch heule noch davon sprechen, daß der Kriegs Minister auf eine ausdrückliche Berufung seitens des Kaisers nach Gastein gereist sei und daran Betrachtungen knüpfen, mag nochmals betont sein, daß der Kriegsminister v. Bronsart Berlin nicht verlassen hat.
* Das officiöse französische Telegraphen« bureau „Agence Harms" verbreitet aus einer Depesche aus Semlin folgende Denunciation: „Deutsche Kapitalisten intriguiren in Serbien bet allen Parteien, um verschiedene Concessionen zu erhalten. Diese Jntriguen richten sich vornehmlich gegen österreichische und französische Unternehmungen." Die Tendenz der Depesche ist augenscheinlich die, uns bei Oesterreich zu verhetzen. Dieser Versuch wird hoffentlich erfolglos bleiben und man wird in Oesterreich schwerlich an eine Interessengemeinschaft der österreichischen und französischen Industrie glauben. Nichtsdestoweniger dürfte es angezeigt sein, das Depeschenblättcheu niedriger zu hängen.
* 307 Lehrer sollen, wie der,Wielkopolanin' mittheilt, „im Interesse des Dienstes" aus polnischen nach deutschen Gegenden versetzt werden. Daffelbe Blatt theilt mit: das Namensverzeichniß dieser Lehrer habe bereits dem Herrn Minister v. Goßler bei seiner Anwesenheit in Posen vorge-
Aer Aombaumister von Fulda.
Eine Geschichte aus Fulda's Vergangenheit.
(3. Fortsetzung.)
„Man muß stets darauf vorbereitet sein," sagte er freundlich, „und wenn der Tod Einen im Berufe trefft, so ist dies noch nicht die schlimmste Art za sterben. Aber er wagt sich gar nicht so leicht heran, wenn man ihm furchtlos und ruhig m's Auge blickt," fuhr er lächelnd fort, „und dann stelle ich mich ja jeden Morgen unter den Schutz des Allerhöchsten — was sollte ich da zagen?"
Sie sah einen Augenblick zu seinem ruhigen Angesicht, auf dem der Ausdruck des gläubigsten Vertrauens lag, auf, dann schlug sie die Augen langsam nieder und blickte sinnenv vor sich hin.-
„Lea, Lea!—Wo bleibst Du denn?" rief eine Helle Stimme aus dem Hause.
„Hier steht sie und verschwatzt die Zeit," rief Judith in unwilligem Tone aus, die in den Hof heraustrat und mit verwunderten Blicken die Beiden nebeneinander stehen sah.
„Tadelt nicht Eure Schwester," sagte Johannes; „fte hat mir Beistand geleistet — ich bin von dem Gerüste gefallen."
„Gott der Allmächtige!" schrie Judith laut auf, indem sie mit einer Geverde heftigen Schreckens die Hände erhob. „Vom Gerüst seid Ihr gefallen, und das hat Euch nichts gethan?"
legen; derselbe habe sich mit diesem Schritt der Schulbehörde einverstanden erklärt.
* Kreuznach, 2. August. Das Komitö zur Errichtung eines Hutten-Sicking en-Denkmals hielt am 28. v. M. auf der benachbarten Ebern- bürg eine Sitzung ab, in welcher der anscheinend für dieses „nationale" Werk zwiefach begeisterte Landrath Knebel (denn er gehört sowohl dem Berliner wie dem Kreuznacher Komits an) Bericht über die Thätigkeit des Berliner Komilös erstattete. Herr Geschäftsführer Stockfeld hat den Norden der Rheinprovinz bereist und dort, wie die .Köln. Ztg.' mit hoher Befriedigung verkündet, allenthalben das regste Jntereffe für den Gedanken gefunden, „denjenigen Männern ein Denkmal zu setzen, welche zuerst ein einiges, freies großes Deutschland unter einem starken, von äußeren kirchlichen und inneren feudalen Sonderbestrebungen unabhängigen Kaiserthurn träumten und erstrebten". (Vergl. Janffen's Geschichte des deutschen Volkes!) Herrn Stockseld ist es gelungen, an verschiedenen Orten der Rheinprovinz Lokalkomitös zu gründen oder mehr oder weniger Personen dazu zu bestimmen, Sammlungen für den „national-patriotischen" Zweck durchzuführen. Die .Köln. Volksztg.' bemerkt dazu: „Die burlesken Anstrengungen, sich für den Raubritter und den revolutionären Lumpen zu begeistern, könnten fast so etwas wie Schadenfreude erregen; aber dafür sind wir zu „national- patriotisch". und deßhalb schämen wir uns für das Konnte."
* Trier, 3. Aug. Zu der angeblichen Fabri- zirung Römischer Telegramme erklärt Hr. Kaplan Dasbach in Trier: „Soeben von einer Erholungsreise zurückgekehrt, sehe ich, daß die .Neuesten Nachrichten' in München die Behauptung aufgestellt haben, ich hätte „schon Jahre lang in Trier Römische Telegramme sabrizirt". Es ist nie in Trier weder von mir, noch von einem meiner Herren Redakteure ein Römisches Telegramm „fa- brizirt" worden. Es gibt in Rom mehrere Korrespondenten für katholische Blätter, welche nicht bloß Briefe, sondern auch Telegramme versenden. Bei uns wenigstens werden sämmtliche amtliche Ausfertigungen der Telegramme längere Zeit auf»
„Nein, durch Gottes Gnade nichts."
„Aber welch' ein Unglück hätte das geben können!" rief Judith mit lebhaftem Entsetzen, die Augen weit aufreißend. „Und hast es mit angesehen, Lea! Mich hält' getroffen der Schlag vor i Schrecken und Du stehst so da — Ihr Beide seid i so ruhig?"
„Es ist ja, Gott fei Dan k, gut abgelaufen," lächelte Johannes, während die lebhafte kleine Jüdin voll Verwunderung das schwarze Lockenhaupt schüttelte.
„Nun, bann komm aber endlich in's Haus, Lea," sagte sie dann rasch, „wir suchen schon die ganze Zeit nach Dir."
Sie verschwand hastig, wie sie gekommen, in der offenen Thüre, die in's Haus führte. Lea folgte ihr schweigend und langsam, aber noch einmal wandte sie den Kopf und blickte mit ihren ernsten, sinnenden Augen nach Johannes zurück.
Drittes Kapitel.
Pläne.
Gebundene Schwingen, Das Ziel, ach so fern, Wolken so viele, Nirgends ein Stern.
G. Fr. Säumer.
„Zu jung — meinst Du — et, et, Du glaubst, Du seist noch zu jung, Johannes? Hm, hm, das ist Thorheit. Bist jetzt fünfundzwanzig Jahre alt und ich sage Dir, es ist Zeit, daß Du Dir einen eigenen Hausstand gründest. Ja, ja. Und was
bewahrt; man kann sich also jederzeit noch durch Einsicht derjenigen, welche das Datum „Rom" tragen, davon überzeugen, daß unsere telegraphischen Nachrichten wirklich aus Rom stammen."
* Freiberg, 4. August. Im Sozialistenprozeß wurden sämmtliche Angeklagte für schuldig erklärt und zu Gefängnißstrafen verurtheilt, Bebel, Vollmar, Auer, Frohme, Viereck und Ullrich zu 9 Monaten, Heinzel, Dietz und Müller zu 6 Monaten. Der Gerichtshof nimmt an, daß die systematische Verbreitung des Züricher „Socialdemokrat" zweifellos auf eine Verbindung im Sinne der Anklage schließen laffe. Durch die Theilnahme an dem Wydener und Kopenhagener Kongreß, wie durch Auslaffungen und Erklärungen, welche die Angeklagten gemacht, sei deren Theilnahme an der Verbindung erwiesen. Der Begriff einer Verbindung erfordere nicht ausdrückliche Beitrittserklärung; auch Handlungen und Unterordnung des Einzelnen unter den Gesammt- willen erfüllten den Begriff einer Verbindung. Die Verlesung der Gründe dauerte eine Stunde (Fr.Z.)
* Heidelberg, 4. Aug. Heute früh halb neun Uhr versammelten sich die Ehrengäste der Universität und die hiesigen Profefforen in der Aula, sowie eine große Zahl Studirenden auf dem Ludwigsplatz, um in feierlichem Zuge um 9 Uhr zur Heiliggeistkirche zu ziehen, woKunoFifcher die Festrede halten sollte. Unter Vorantritt eines Musikkorps und 15 Vertreter der Heidelberger Studentenschaft mit dem neuen Banner eröffnete den Zug der Prorektor, dem die Pedelle voranschritten. An die Mitglieder des Senats schloffen sich die D.putirten der ausländischen und deutschen Universitäten und Akademien, weiter die akademische Körperschaft nach Fakultäten geordnet und wiederum 15 Vertreter des studentischen Ausschuffes an. Die auf dem Ludwigsplatz versammelten Studenten schlossen sich dem Zuge an. Unter den Klängen der Kaiierhymne erfolgte, nachdem die Kirche gefüllt war, der Einzug des Großherzogs, der Großherzogin und des deutschen Kronprinzen. Die vereinigten akademischen Gesangvereine trugen Händels Halle- lujah vor, darauf hielt Geheimrath Fischer die Festrede, welche 2 volle Stunden währte. — Das
brauchst Dich da zu besinnen? Der Zimmermeister nimmt Dich mit Freuden als Eidam an; er weiß die Ehre zu schätzen, mit einer Familie wie die unserige in Verbinvung zu treten — und Jungfer Käthchen ist ein schmuckes, tüchtiges Mädel, dem der Alte auch schon eine schöne Mitgift mitgeben wird. Hm, hm. Was willst denn Du mehr? Wirst dann ein angesehener Bürger und wie seither führen wir vier Brüder alle Arbeiten gemeinsam ans; ja, ja — ich als das Haupt, Ihr als die Glieder — wobei Du stets Dein gutes Auskommen finden wirst. Also mach' zu und entschließe Dich, Johannes. Hm, hm."
Der Baumeister Leonhard Dienzenhofer war es, der diese Worte laut und lebhaft zu seinem jüngsten Bruder sprach, während er mit wuchtigen Schritten die Länge seines Wohnzimmers durchmaß.
„Leonhard," entgegnete Johannes jetzt ruhig und bescheiden, der schweigend am Fenster gelehnt hatte, „Du meinst es gut mit mir und willst immer mein Bestes, das weiß ich; warum aber willst Du mich durchaus in ein Joch zwingen, das nur drückend, ja unerträglich fein würde."
„Das sind alberne Reden sarten!" unterbrach ihn der Baumeister heftig. „Ein drückendes, unerträgliches Joch, wenn man ein hübsches, braves Mävel heimfuhren kann, vas einzige Kind eines wohlhabenden Mannes? Ei, ei, Du weißt halt selbst nicht, was Du eigentlich willst, ich habe immer für Dich gesorgt und will auch jetzt nichts