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JV 174.

Mittwoch, den 4» August

1886

Fuldm

1

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Di» ,Fuldaer getttrng* erscheint täglich, Sonn» und Feie^aze ouigertomnten. Vierteljährlicher Abonneinentspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfg., — mit der iellrtristische« WochenSeilag« .Sterne und Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg.. auswärts 1 Mk. 75 Pfg.

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WsAWk" Bestellungen auf unser Blatt pro August und September werden noch fortwährend von allen Postanstalten und Landbriefträgern, sowie in unserer Expedition entgegengenommen. Bereits er­schienenen Nummer werden nachgeliefert.

* Ueber die „Auzeigepflicht" bringt die „Niederrh. Vztg.' in einer Erörterung der Frage: wie viel Dank für die Vcrgangenheit, wie viel Vertrauen für die Zukunft die preu­ßische Regierung von den Katholiken fordern dürfe, folgenden sehr nüchtern und sachlich gehaltenen Artikel:

„Die Motive, welche den Fürsten Bismarck bei seinem Verhalten (dem Eintreten für die kirchen­politische Novelle) geleitet haben, sind zur Zeit noch nicht klar gelegt, und wir enthalten uns jeder Muthmaßung nach dieser Seite. Wir muffen aber anerkennen, das das katholische Volk dem Reichs­kanzler um so mehr zu Dank verpflichtet ist, je schwerer der Schritt, den er gethan hat, ihm werden mußte. Ec hatte vor zwölf Jahren die gegen die katholische Kirche gerichtete gesetzgeberische Aktion als eine That höchster Vaterlandsliebe hin­gestellt; er hatte „seiner Seele Seligkeit" in dem Kampfe gegen das Papsttfun wahren zu müssen ge­glaubt ; er hatte den Beifallsjubel nahezu aller prote­stantischen Kreise innerhalb und außerhalb Deutsch­lands entgegengenommen. Die von dem Kampfe gehofften Resultate hatte er freilich nicht erlangen können; aber er wußte sich, schon weil er den Kampf unternommen, „geleitet von dem Genius Deutschlands", so weit es eben protestan­tisch oder national-liberal war. Und nun zer­trümmerte er mit Einem Schlage das Werk einer Gesetzgebung, die ganz neue Bahnen für die Zu­kunft Deutschlands hatte öffnen sollen. Die Selbstverleugnung, welche in diesem Schritte liegt, sichert dem Reichkanzler die Bewunderung des katholischen Volkes, und die Vortheile, welche er dadurch der Kirche zugewendet hat, geben ihm ein wohlbegründetes Anrecht auf den Dank des katholischen Volkes. Indem wir das rückhaltlos aussprechen, wollen wir aber nicht unterlassen, darauf hinzuweisen, daß die von dem Reichskanzler

Der pombnnmrißfr so« Fulda.

Eine Geschichte aus Fulda's Vergangenheit.

(2. Fortsetzung.)

Wie seltsam kontrastirte sie doch in ihrem stillen, dunklen Ernste mit den lebensfrohen, schalkhaften Töchtern seiner Vaterstadt, ja, wie ganz anders geartet erschien sie selbst neben ihrer jüngeren Schwester Judith, welche beim Verkauf im Laden sich mit lebhaftem Eifer thätig zeigte und dabei die bunten Putzartikel ihres Geschäftes an dem eigenen Persönchen möglichst wirkungsvoll zur Schau zu stellen liebte.

Lea hingegen, die ruhig den häuslichen Ver­richtungen nachging, war immer schmucklos und einfach gekleidet, dre cedernschlanke Gestalt nur züchtig von einem dunklen Wollenkleide umschloffen, doch war an ihre ganze Erscheinung ein Ausdruck reinen Seelenadels gebannt, welcher wundersam anziehend auf das feingestimmte Gemüth des jungen Künstlers wirkte. Ec hatte noch kein Wort mit ihr gesprochen — nur einige Male hatte sie ihn mit ihren dunklen Augen strll angeschaut, daß ihm der Buck bis in die Seele gedrungen war — und doch fühlte er sich von einem Eindrücke be­fangen, von dem er sich selber keine Rechenschaft zu geben wußte. Eine seltsame Stimmung legte

bewiesene Nachgiebigkeit ihm den höchsten Preis eingebracht hat, den er irgend hoffen konnte: die von Seiten der Kirche übernommene „Anzeigepflicht". Es wird immer noch darüber gestritten, in welchem Umfange die Anzeigepflicht zugestanden fei ; unseres Erachtens liegen die Dinge in dieser Beziehung jetzt durchsichtig klar. Der Papst hat — daran kann heute nicht mehr ge­zweifelt werden — den Bischöfen gestattet, daß sie den Ober-Präsidenten diejenigen Geistlichen be­nennen, welchen ste eine Pfarrei übertragen wollen, und zwar unter gleichzeitiger Benennung derjenigen Stelle, welche übertragen werden soll. Das ist die Anzeige, wie sie in den Maigesetzen gefordert wird. Dem zuständigen Ober-Präsidenten bleibt das Recht des Einspruches — wiederum nach Maßgabe der mai- gesetzlichen Bestimmungen — unzweifelhaft gewahrt. Dagegen ist die Behandlung des etwa stattgehabten staatlichen Einspruches nicht mehr maigesetzlich ge­regelt, weil die staatliche Entscheidungs-Instanz — der kirchliche Gerichtshof — in Wegfall gekommen ist; vielmehr sind — wie unwidersprochen behaup­tet wird — die Bischöfe angewiesen, jeden einzel­nen Fall, in welchem Einspruch erhoben ist, dem apostolischen Stuhl vorzulegen. Die weitere gesetz­liche Regelung über diesen Punkt bleibt ja den Verhandlungen zwischen Rom und Berlin vorbe­halten. Mit dieser Errungenschaft kann Fürst Bis­marck zufrieden fein; sie sichert der Staatsregie­rung einen Einfluß auf den katholischen Klerus in so weiter Ausdehnung, daß auch dem kundigsten Auge heute noch unmöglich ist, denselben zu über­sehen. Jeder Geistliche wird in Zukunft in dem Bewußtsein leben und wirken, daß in einem gege­benen Moment seine Beförderung von der guten Meinung abhängt, welche die Regierung von ihm hegt. Die Bischöfe selbst werden sich be­mühen, Konflikte mit der Regierung zu vermeiden; sie werden deshalb Geistliche, deren Mißliebigkeit bei den weltlichen Behörden notorisch ist, gar nicht in Vorschlag bringen. Wir müffen abwarten, wie diese Verhältnisse wirken werden; unsere Befürch­tungen sind aber größer als die Hoffnung, daß die Erziehung des Klerus die drohende Gefahr überwinden könnte. Wenn nun der Reichskanzler preisgab, was ohnehin nicht zu halten war, um sicher einzuheimsen, was für sich allein den höch-

sich über ihn, er wußte nicht, was das für ein Zauber war, der ihn tiefer und tiefer umsponnen hatte, aber wenn ihm jetzt vielleicht Einer gesagt hätte, daß der Umbau des alten Judenhauses nun immer so fortdauern sollte, dann wäre ihm dies sicher recht gewesen. Und wenn der Freitag- Abend kam, wo er vor Anbruch des jüdischen SabbatheS die Stätte seiner Thätigkeit verlassen mußte, dann trug er das Bild, das sich so ganz feiner Seele bemächtigt hatte, mit heim in seine Wohnung, bis der mit Sehnsucht erwartete Sonn­tagmorgen daffelbe ihm wieder neu vor Augen führte.

Die Arbeiten schritten schon sichtlich ihrer Vol­lendung entgegen, als wieder einmal der Freitag seinem Ende sich zuneigte. Drinnen im Hause wurden Zurichtungen für die bald anbrechende Feier gemacht, während die Bauleute sich beeilten, ihr Tagewerk zu beenden.

Johannes Drenzenhofer war ganz allein an der Rückseite des Hauses beschäftigt, wo er, auf dem Gerüste stehend, eifrig an einer Fenstereinfassung meißelte.

Unter ihm befand sich ein kleiner Hof, der von drei Seiten von hohen, baufälligen Hintergebäuden eingeschloffen wurde und, nur nach einer Seite offen, in einen abwärts ziehenden Garten sich fort- setzte. Ein Lattenzaun, der Hof und Garten ehe­

sten Werth hatte: wie wäre dann seine Nachgie­bigkeit zu beurtheilen? Die Gegner der Kirche haben die Nachgiebigkeit Bismarck's so aufgefaßt und darum sind die Klagen über den Gang nach Kanoffa so bald verstummt. Die katholische Preffe würde gegen die Regeln christlicher Klugheit han­deln, wenn sie behaupten wollte, daß Fürst Bis­marck „auf diesem Schleichwege die Ziele der Mai- gesetzgebung erreichen wollte". Mit der Möglich­keit aber, daß es so sein könnte, muß ste rech­nen und danach muß sie für die Zukunft sich einrichten. Sie kann deshalb auch dem katholischen Volke nicht eher „Vertrauen" empfehlen, bis über jeden Zweifel feststeht, daß die Regierung nicht bloß die Maigesetzgebung revidiren will, daß sie vielmehr auch die Ziele der Maigefltzgebung voll­ständig und für immer aufgegeben hat."

Thatsächlich ist allerdings eine Form der An­zeige zugelassen worden, welche der maigesetzlichen Form der Anzeige entspricht. Dagegen ist das maigesetzliche Einspruchsrecht von kirchlicher Seite nicht anerkannt worden, vielmehr enthält tie oft citirte Jacobini'sche Note eine wesentliche Ein­schränkung des maigesetzlichen Einspruchsrechts nach Umfang und Inhalt, sowie hinsichtlich der Konse­quenzen. Die endgültige Regelung dieser gan­zen hochwichtigen Materie ist der weiteren Revi­sion ausdrücklich vorbehalten.

Deutsches Reich.

Berlin, 3. August.

* Der Kaiser beendet, wie nunmehr feststeht, seine Kur in Gastein am 10. d. M. und wird am 12. hier, resp. in Babelsberg eintreffen und dort bis zu den Mauöoern Wohnung nehmen.

* Die ,Germania' erörtert die Frage, wo im nächsten Jahre die Generalversammlung der Katholiken Deutschlands stattfinden soll. Sie theilt mit, daß man das Augenmerk auf die Gegend der Rheinpfalz, des oberen Theil Badens und Bayerns gerichtet habe und empfiehlt schließlich als geeigneten Versammlungsort Lud- wigsh af en am Rhein.

* Cassel, 3. August. Heute haben sämmt- liche Arbeiter der hiesigen Bodenheim'scheu Faß­fabrik die Arbeit wegen Lohndifferenzen ein­gestellt.

rnals von einander abgetrennt hatte, erinnerte nur noch in schwachen Trümmern an feine ein­stige Existenz; der ganze Garten aber verrieth wenig Pflege, nur einige in reicher Blüte stehende Rosenbüsche gereichten ihm zur Zierde.

Die Sonne senkte stch zum Niedergänge, und über dem Hofe tag schon leise Dämmerung. Eine fast traumhafte Abgeschiedenheit herrschte in diesem stillen Winkel, in den kein Laut des tosenden Straßentreibens hereindrang; nichts vernahm man als das eintönige Rauschen des Brunnens, der sein laufendes Wasser in die Steinkufe nieber# plätschern ließ.

Johannes arbeitete mit emsiger Hand, aber plötzlich hielt er inne und blickte hinab: Lea war aus dem Haufe getreten, sie schritt in ihrem leichten, gazellenartigen Gang durch den Hof nach dem Brunnen, um dort einen Steinkrug unter die strömende Rinne zu halten.

Und wie sie so da stand, von träumerischem Dämmerlicht umwoben, hinter ihr aber die warmen Gotdlöne der Abendsonne, welche reich den Garten Überflutheten, da gedachte Johannes eines Bildes, das im Refektorium des Beneviktinerklosters auf dem Mrchelsberge hing und das er dort oft be­wundernd angeschaut hatte: Rebecca am Brunnen l Smnd da unten nicht dieselbe plastische Mädchen­gestalt mit jener anmuthigen und zugleich so sitttgen