Einzelbild herunterladen
 

Montag, den 2. August

1886

Dir ,Fuldaer Zeitung' rricheint tLglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonuementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfg., — mit der belletristischen Wochenbeilage ,Kter«e und Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 Mk. 75 Pfg.

Inserate: Dir einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

* Zur Weltlage.

Die Wolken am politischen Himmel haben sich wieder zerstreut, und die ganze Presse läutet die Friedensglocke. Es bedarf nicht der besonderen Versicherung, daß der Besuch des österreichisch-un­garischen Ministers des Aeutzern, Grafen Kalnoky, beim Fürsten Bismarck in Kissingen, die am 8. August in Gastein statisindende Zusammenkunft zwischen dem Kaiser von Deutschland und dem Kaiser von Oesterreich, ganz besonders aber auch die Reise des Erzherzogs Ludwig, des Bruders des Kaisers von Oesterreich, zum russischen Kaiserpaare nach Peterhof eine friedliche Bedeutung haben — denn die Kaiser und Minister kommen nicht zusam­men, um sich den Krieg zu erklären; auf der an­dern Seite dürfen wir aber solchen Begegnungen auch nicht einen allzuhohen politischen Werth bei­legen, denn wir erinnern nur daran, daß im vori­gen Jahre den Kaiserbegegnungen in Kremsier, welche als die sicherste Bürgschaft für die Erhal­tung des europäischen Friedens gepriesen wurden, sehr bald die Revolution in Ostrumelien nachfolgte, welche die Eintracht der Mächte auf eine harte Probe stellte. Allem Anscheine nach hat Rußland darauf verzichtet, in der nächsten Zeit den Frieden zu stören, aber von einem eigei tlichen Drei-Kaiser- Bündniß wird nach wie vor keine Rede sein kön­nen. Oder sollte etwa der Minister v. Giers dem Fürsten Bismarck nach Kissingen das Versprechen mitbringen, Rußland habe alle Pläne gegen Kon­stantinopel und gegen die englischen Interessen in Asien aufgegeben? Das glauben wir nicht, denn im günstigsten Falle hat Rußland die Ausführung seiner Pläne nur verschoben. Der Besuch des Erz­herzogs Ludwig von Oesterreich beim Czaren hat offenbar nur den Zweck, die freundschaftlichen Be­ziehungen zwischen Wien und Petersburg, welche die bulgarische Frage gelockert hatte, wiederherzu­stellen ; dagegen müssen wir die Nachricht, der Erz­herzog sei der Träger einer wichtigen politischen Misston, die darin bestehe, den Ruffen bezüglich ihrer Stellung in Frankreich und zur Balkanhalb­insel auf den Zahn ;u fühlen, sehr bezweifeln. Daß in der großen Politik sich etwas vorbereitet, ist zweifellos, und dieses Etwas ist die Erhaltung des europäischen Friedens; dieselbe beruht aber einzig und allein auf einem festen Bündniß zwischen

Der Domdallmeißer m Fulda.

Eine Geschichte aus Fulda's Vergangenheit.

(Nachdruck verboten.)

Erstes Kapitel.

Der Jude und sein Haus.

„My house is my eastle.*

Es hatte eine merkwürdige Physiognomie das hochgegiebelte Eckhaus, das gegen Ende des siebzehnten Jahrhunderts zu Bamberg am Ein­gänge der Judengaffe stand.

Alt, uralt war es gewiß, denn die Wände wollten sich kaum noch in den Fugen halten, das Dach war windschief und zerfallen, und die wunder­lichen Holzsculpturen, fratzenhaft geschnitzte Thier- und Menschenköpfe, die das rissig morsche Gebälk zierten, erschienen ganz schwarz und zerbröckelt.

Obgleich die Frontseite nicht gerade schmal zu nennen war, so hatte doch jedes der übereinander vorspringenden Stockwerke nur zwei Fenster; sie waren unregelmäßig übereinander gesetzt und starrten au« den dunklen Rahmen so trüb und sonnen­blind wie lebensmüde Menschenaugen, welche sich zur ewigen Ruhe schließen möchten.

Es war jene» eigenartig melancholische Gepräge orientalischer Verlassenheit, das dem alten Juden­hause anhaftete; — wie ein Klagelied Jeremiä

Deutschland und Oesterreich; bestände daffelbe nicht, so würde es mit dem Frieden Europas sehr win­dig aussehen. Die Annäherung Rußlands an Deutsch­land und Oesterreich hat nothwendig eine Entfrem­dung zwischen Rußland und Frankreich zur Folge gehabt, und in Rußland gibt man sich gar nicht einmal die Mühe, zu verbergen, wie wenig Werth man auf freundschaftliche Beziehungen zur gegen­wärtigen französischen Regierung legt. Den Fran­zosen ist dieses Verhältniß natürlich höchst unan­genehm, aber sie tragen ihr Geschick mit berechnen­der Mäßigung und suchen die peinliche Lage mög­lich zu vertuschen.

Ein Berliner Blatt bespricht die Veränderung, welche die politischen Verhältniffe durch die An­näherung Rußlands zur deutsch-österreichischen Politik zu nehmen scheinen und meint, Niemand könne erwarten, daß Rußland, da es auf eine kriegerische Einmischung in die Entwicklung der Balkanstaaten für jetzt offenbar verzichtet hat, damit auch auf die Zettelungen verzichtet hätte, die es beständig im Orient spinnt. Im Gegentheil, diese werden wieder mit verdoppeltem Eifer aus­genommen. Man wird alles aufbieten, um nament­lich die Erstarkung Bulgariens zu verhindern und den ruffischen Einfluß dort sicher zu stellen. Die Feindschaft Serbiens gegen das aufstrebende Bul­garien gewährt diesen Bemühungen eine vollkom­mene Unterstützung. So ist der Preis, der für die Wiederannäherung Rußlands an Dentsckland und Oesterreich gezahlt werden muß, in erster Linie die unheilvolle Verhinderung gesunden poli­tischen Lebens in den kleinen Staaten der Balkan­halbinsel. Je weniger aber dort ein gesundes Leben sich entfalten kann, desto geringer wird die Hoffnung, auf die Dauer einen orientalischen Krieg zu vermeiden. Die Erstarkung Bulgariens wäre ein nicht zu verachtender Damm gegen die Gelüste Rußlands, nach Konstantinopel vorzudringen. Ginge es nach dem Wunsche Rußlands, so dürfte Bulgarien nichts fein, als eine russische Satrapie, und es scheint, daß die mitteleuropäischen Mächte nicht viel dagegen einzuwenden haben würden, wenn Rußland ohne Krieg Bulgarien dazu zu machen verstände. Uebrigens ist allem Anschein nach der ruffische Angriffsplan auf Konstantinopel endgültig verändert. Wenn Rußland den kühnen Versuch machen sollte, sich Konstantinopels zu be-

muthete es an, in seltsamem Kontraste zu dem bunten, heiteren Straßenleben der lebensfröhlichen Frankenstal t, in welches es so düster und ernst hineinragte.

Das Haus gehörte dem reichen Juden Aron, einem strengen Anhänger de» mosaischen Gesetzes, der bei seinen Glaubensgenoffen in hohem Ansehen stand und den Ruf eines geschäftsgewandten und weltkundigen Mannes genoß.

Und in der That, Aron besaß in hohem Grade die seinem Stamme eigenen Talente und hatte es darum verstanden, das kleine Vermögen, das er theils von väterlicher Seite ererbt, und das theils feine Frau ihm zugebracht hatte, zu verzwölffachen, denn der kleine Laden im Ecdgeschoffe seines Hauses, in dem er schöne, bunte Tücher und Gchnittwaaren feil bot, war eine Goldgrube, die unversiegbar reiche Ausbeute lieferte.

Gern kehrten die ehrenwerthen Bürgersfrauen von Bamberg darin ein, wußten sie auch, daß oft schon der schlaue Verkäufer ihnen manch' Stück Maare aufgeschwätzt hatte, an das sie beim Ein- tntt in den Laden gar nicht gedacht, so hatten sie doch andererseits die Ueberzeugung, daß sonst in ganz Bamberg keine so schöne und reiche Aus­wahl zu finden war, wie brt dem Aron.

Von den Thürmen der Stadt hatten die Uhren

mächtigen, so wird dies nicht von der Landseite her, sondern mit überwiegendem Nachdrucke vom Schwarzen Meere her geschehen. Darum ist jetzt Batum seiner Eigenschaft als Freihafen entkleidet worden und wird unzweifelhaft zum Kriegshafen umgestaltet werden. Das ist der zweite Preis, der für die Wiederannäherung Rußlands an den Kaiserbund gezahlt worden ist. Der dritte Preis wird die Entfremdung Englands sein, das im Begriffe war, sich mit den mitteleuropäischen Mächten enger zu verbinden, das jedoch durch den Beitritt Rußlands zu dem Kaiserbunde in eine mehr isolirte Lage gedrängt wird. Die Zukunft wird zeigen, ob die Opfer, welche die neue An­näherung Rußlands an Deutschland und Oesterreich gekostet hat, nicht zu hoch waren. Der Gewinn ist die augenblickliche Rettung des Friedens. Daß derselbe nicht für immer gewahrt bleiben kann, erscheint bei den bekannten Bestrebungen Rußlands außer Zweifel. Die Frage ist, ob die Aussichten eines Krieges für Rußland in Zukunft günstiger oder ungünstiger liegen werden, als sie es gegen­wärtig waren.

Deutsches Reich.

Berlin, 1. August.

* Der König und die Königin von Sach­sen statteten gestern Nachmittag den Kconprinz- lichen Herrschaften in Potsdam einen Besuch ab, unternahmen einen Ausflug in J?ie Umaebuno Potsdam's und kehrten Abends nach Dresden zurück.

* DerKronprinz tritt morgen Sonntag seine Reise nach Heidelberg an, begiebt sich aber erst nach Bayreuth, wo er bis Montag Abend ver­weilt. Die Ankunft in Heidelberg erfolgt am 3. August früh.

* Fürst und Fürstin Bismarck sind heute Mittag von Kiffingen nach München abgereist.

• König Georg von Griechenland trifft dieser Tage zum Kurgebrauche in Wiesbaden ein. Seine beiden Söhne befinden sich auf der Reise nach Petersburg.

* Nachträglich wird bekannt, daß Erzbischof Dinder in den ersten Tagen dieser Woche ineog- nito in Berlin verweilte und bei dieser Gelegenheit mit dem Kultusminister v. Goßler konferirt haben soll.

eben die zehnte Morgenstunde geschlagen, al» Aron, sorgfältiger wie gewöhnlich gekleidet, seine Wohnung verließ.

Mit raschen Schritten eilte er durch mehrere Gaffen, bis er endlich am Glünemarkt vor einem schönen, stattlichen Hause, das so recht wie be­häbiger Bürgerstolz und bewußte Würde aussah, Halt machte und in dasselbe eintrat.

Hier aber wohnte kein Geringerer, als der fürst­bischöfliche Oberbaumeister u. Rathsherr Johann Leonard Dienzen Hofer, der hervorragendste jenes durch ein gleiches Kunststreben vereinten Doppel- brüderpaares, auf welches die Stadt Bamberg mit gerechtem Stolz blickte.

Johann Leonard war ein stattlicher, breit­schulteriger Mann, im Alter von etwas über vierzig Jahren, der schon in der äußeren Erscheinung die bewußte Gewichtigkeit seiner Lebensstellung reprä- fentirte und in Haltung und Bewegungen eine Würde zeigte, welcher die starke Wohlbelerbtheit feines Körpers keinen Abbruch that. Ob die leb­hafte Röthe seines intelligenten Gesichtes mit den feurigen Geistern des Frankenweines in Verbin­dung zu bringen war? Nun, der Baumeister hätte tein Franke fein muffen, wenn er den Saft der vaterländifchen Traube verachtet hätte; gutmüthig wenn auch etwas schalkhaft blickten seine kleinen,