J\£ 171.
Sonnabend, den 31. Juli
1886
Fuldaer
Di« .Fuldaer Zeitung« erscheint tS
^ 8ei-ttoge ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfg., belletristischen «ochenbeilage .Sterne an» Blumen« in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 Mk. 75 Pfa.
Inserate: Di« rinspaltige Zeil« oder deren Raum 15 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
— mit der
Der Sieg der Kirche im Kulturkampf.
Daß der „Kulturkampf" in Form der Gewalt- thätigkeit gegen die Kirche zu Ende ist, bedarf keines Beweises. Fürst Bismarck hat selber Hand angelegt, wieder abzuräumen, was zur Bekämpfung und Vernichtung der katholischen Kirche Deutsch, lands in ihrem Charakter als römisch-katholische gebaut worden.
Wir haben niemals gefürchtet, daß der gigan- tische Kampf gegen die Unabhängigkeit der Kirche zum Siege führen wird; wir haben aber auch nie zu hoffen gewagt, daß Bismarck selber Hand an sein eigen Werk legen würde, um über deffen Trümmer hinweg zum Frieden mit dem Papst- thum zu kommen. Der große Parlamentarier Windthorst scheint allerdings eine Ausnahme zu machen. Die Art und Weise, wie er den Kampf gegen Bismarcks Politik führte, läßt darauf schließen, daß er an der Hoffnung festhielt, nicht immer gegen Bismarck kämpfen zu müssen. Und wenn unser Gedächtniß uns nicht täuscht, hat er einst es ausgesprochen, nur Bismarck selbst könne das große Unglück des Kulturkampfes wie- der heben, weshalb er ihm auch einen möglichst langen Besitz der Regierungsgewalt wünsche. So wie es in Wirklichkeit kam, hat aber wohl auch Windthorst nicht gedacht und gehofft. Zu Beginn des großen Kampfes, so wird absolut glaubwürdig erzählt, haben bei zwei verschiedenen Anlässen zwei Freimaurer erklärt, sie würden selbst katholisch, falls die katholische Kirche den Sturm bestehen sollte, der gegen sie im Anzug war. Diesen Sturm hat sie mit Gottes Hilfe glück- lich bestanden. Ihr „Sieg" ist unbestreitbar. Dieser „Sieg" erhält durch eine Reihe von Um- ständen seine besondere, für die Kirche hocherfreuliche Dekoration. Er sucht Seinesgleichen in der Geschichte der Jahrhunderte. Seit ihrem Emporsteigen aus dem Dunkel der Katakomben gibt es in der Geschichte der Kirche keine Periode, in wel- cher sie mehr verlassen war von jeglicher irdischer Gewalt, als in der Zeit de» Kulturkampfes. Es hat andere Perioden in der Geschichte gegeben in welcher das Schifflein der Kirche noch ge- fährdeter war, als im Jahrzehnt von 1870 auf 1880. Aber so gänzlich verlassen von Allem, was Gewalt hat hier auf Erden, war sie nie. In anderen Perioden hat es wenigstens Mächte ge- geben, die durch das Unglück und Leiden sich mit der Kirche solidarisch fühlten und gemeinsam mit ihr auf eine bessere Zukunft hofften. Während des Kulturkampfes ward nicht einmal dieser Trost ihr beschieden. Sie mußte froh sein, wenn diese oder jene weltliche Macht handelte, wie es in der Erzählung vom barmherzigen Samaritan heißt: „er sah ihn und ging vorüber." Und wie sie in der Drangsal und Roth einsam und verlassen war, so war sie auch einsam und auf sich angewiesen m ihrem Triumph. Sie brauchen mit keiner Macht der Erde ihn zu theilen, bei keiner Macht sich zu bedanken. Die einzige Danksagung, die ihr oblag, war ein „Tedeum laudamus“. Fürst Bismarck hat glänzende Erfolge wie kaum ein anderer Staatsmann errungen: außerordentliche Geschick- lichkeit, staunenswerthes Glück und historischer Beruf sind die Faktoren, die neben dem, was der göttlichen Vorsehung zuzuschreiben ist, mitgewirkt haben, die großartigen Erfolge seiner Arbeit ihm gleichsam in den Schooß zu werfen. Auf der Bahn ferner unerhörten Erfolge ist er aber auch außerordentlich vieler menschlicher Gebrechlichkeit be- gegnet; wenn sein Glaube an Charakter und Treue der Menschen erschüttert wurde, so ist es nicht zu verwundern. Jene unbeugsame Festigkeit und Treue der Menschen, die nicht in menschlicher Ueberzeugung, in Ehrgefühl und Charakterstärke
ihren Grund hat, sondern in religiöser Ueber- zeugung, in lebendigem Glauben und wachsamen Gewissen, war ihm fremd. Er war es zu wenig gewohnt, mit unbekannten Größen zu rechnen und mit Gegnern zu kämpfen, deren Streitkräfte er nicht« genau kannte, als daß er in diesem Kampfe hätte siegen können. Er, der eminente Realpolitiker hat erfahren müssen, daß es noch gewichtigere Faktoren in der Weltgeschichte gibt als die, mit welchen der Realpolitrker zu rechnen gewohnt ist. Er konnte nicht gewinnen, weil er von vornherein falsch rechnete. Er glaubte, mit menschlicher Klugheit und irdischer Gewalt gegen menschliche Schwäche und Gebrechlichkeit zu kämpfen, während er einen Kampf heraufbeschworen hatte gegen religiöse Ueberzeugung und gläubig erleuch- tetes Gewissen, getragen von der zuversichtlichen Hoffnung und dem gläubigen Vertrauen auf Gottes besondere Hilfe. Und einen solchen Kampf kann menschliche Energie und Staatsklugheit nicht durch- dringen.
Das ist es, was den Sieg der Kirche charakte- risirt: es ist nicht ein Sieg des Papstes und der Bischöfe über den deutschen Reichskanzler und dessen Gefolgschaft; es ist vielmehr ein Sieg des Glaubens und des christlich erleuchteten Gewissens über die Berechnungen kluger Staatspolitik.
Sicherlich hat aber Bismarck einen guten Theil der Achtung vor den Menschen dabei verloren. Im Kulturkampf sollte er erfahren, daß es noch Menschen und Volksbestandtheile gibt, welche die Achtung beanspruchen dürfen. Ein von bedeutenden Erfolgen begeistertes und durch politische Leidenschaften erhitztes Volk ist eben etwas ganz anderes als ein Volk, das Glaube und Gewissen zum Widerstand durch Opfer und Leiden begeistert. Das ist es, was ferner den Sieg der Kirche im Kulturkämpfe charakterisirt. Und wenn der Kulturkampf eine segensreiche Folge hat, so ist es die, daß er unserer materialistischen Gesellschaft die Berechtigung des Glaubens an eine höhere Gewalt als diejenige, welche auf Geld, Soldaten und Kanonen sich stützt, wieder deutlich vor Augen geführt hat.
Im Protestantismus aufgewachsen, kann Fürst Bismarck kaum eine Vorstellung davon haben, daß es auch eine Kirche gibt, die existiren und Gutes wirken kann, ohne von der weltlichen Gewalt gestützt und getragen zu sein. Und so wie ihm, ist es wohl den Meisten gegangen, die als seine Ge- folgschaft den Kulturkampf ausfechten zu können glaubten. Eine lange Reihe von Beweisen für die Unüberwindlichkeit und Dauer der Kirche ist in der 1800jährigen Geschichte der Welt und Der Kirche niedergelegt. Der Kulturkampf hat in den vielen bisherigen Beweisen einen neuen beigefügt. Das ist es, was ferner den Sieg der Kirche charakterisirt.
Der Zug der Zeit geht auf Loslösung aller gesellschaftlichen Verhältnisse von der Kirche und ihren Ordnungen. Der Kutturkampf hat diesem Zuge im allerweitesten Umfang Vorschub geleistet. Die Kirche und ihre Ordnungen waren verfehmt. Nunmehr geht das Gedränge wieder der Kirche entgegen, um bei ihr Rath und Hilfe in den Röthen der Zeit zu finden. Sie ist eben der sicherste und zuverlässigste Hort göttlicher und menschlicher Ordnung. Das hat der Kulturkampf eindringlicher gelehrt, al» die größten Theologen es vermochten.
Wir sind in der Aera der Scheidung der Geister für und gegen Christus und den Glauben an ihn. Wer bei dieser Scheidung auf die Seite Christi sich stellen will, den hat der Kulturkampf belehrt, an wen er sich anlehnen muß, um einen sichern Halt und eine sichere Stütze zu haben. Das Centrum und der Hort alles positiven Christenthum« ist die katholische Kirche, da« hat der Kulturkampf
den Protestanten eindringlich zu Gemüthe geführt und so die Rückkehr der getrennten Brüder, die an Christus glauben, angebahnt. Das ist die schönste Seite des Sieges der Kirche im Kulturkämpfe.
Deutsches Reich.
Berlin, 30. Juli.
* DerKönig und die Königin vonSachse n weilten gestern in Berlin und statteten der Jubiläums-Kunstausstellung einen Besuch ab.
* Der Kronprinz hatte sich gestern auf dem Manöverfelde von Kunersdorf beim Anzünden eines Streichhölzchens einige kleine aber schmerzhafte Verwundungen an der inneren Handfläche zugezogen. Ec ließ sich die Wunden an der könig- lich chirurgischen Klinik zu Berlin auswaschen und verbinden. Die Verletzungen sind nicht gefährlich, Vorsicht war aber am Platze, da derartige Verletzungen in vielen Fällen in der That bedenkliche Folgen gehabt haben.
* Der französische Botschafter am Berliner Hofe, Baron von Courc el, ist nach Berlin zurückgekehrt.
* Die internationale Grenzkommission für Ostafrika tritt dem Vernehmen nach demnächst in Berlin zusammen. Die Kommission konnte ihrer Aufgabe, Grenzfeststellungen an der Küste von Ost-Aequatorial-Afrika zu treffen, infolge von Machinationen des Sultans von Zanzibar, nicht nachkommen und mußte sich mit bloßen Erhebungen begnügen. Ueber diese macht sich eine eingehendere Berathung unter den Mächten, zunächst Deutschland, England und Frankreich, deren Vertreter die Kommission bilden, nothwendig.
* In Spandau ist am 24. d. das hunderttausendste Repetirgewehr fertiggestellt worden und damit ist Frankreichs Vorsprung in der Gewehrfrage von Deutschland eingeholt. In Frankreich werden im nächsten Monate 60,000 Magazingewehre ausgegeben sein. Wahrscheinlich ist es die auf der Schießschule des Lagers von Chalons, sowie auf dem Schießstande bei Sens erprobte Erfindung des Lieutenants Robin vom 21. Linien« Infanterie-Regiment, die man angenommen hat. Darnach ist das System Kropatfchek als vollständig beseitigt anzusehen und die Robin'sche Erfindung wird ohne besondere Schwierigkeiten an dem französischen Infanterie-Gewehr, System Gras, angebracht. Dieselbe besteht in einem Patronenmagazin, welches an der linken Seite des Bodenstückes angefügt ist; durch eine besondere Anordnung des Knopfhebels kann man 7 Schüsse ohne Adsetzen verfeuern, nämlich einen Schuß unmittelbar aus dem Lauf und sechs Schüsse aus dem Magazin. Im Innern des Magazins befindet sich eine besondere Vorrichtung, der Vertheiler genannt, welcher den Uebergang der Patronen aus der Kammer in das Magazin regelt. In 4 Sekunden können die sieben Patronen abgefeuert weroen, bei ruhigem Zielen in 9 bis 10 Sekunden. Die Dauer des Ladens überschreitet nicht 10 Sekunden, so da ß ein geschickter Schütze unter vorzüglichen Bedingun- gen und mit Ausschluß jeder Störung der Maschmen- theile zwanzig Schüsse in der Minute abgeben kann. Z m Laden dienen besondere Ladenkästchen, welche ihres geringen Werthes wegen nach gemachtem Gebrauch fortgeworfen werden; das Magazin kann mit diesem Kästchen durch einen einzigen Griff geladen werden. Es ist selbstverständlich, daß das Gewehr nach wie vor al« Einzellader benutzt werden kann. Der Ei sinder dieses Magazins soll auch eine Verminderung des Gewichtes der Patronen erreicht haben, so daß ein Soldat, der heute 78 Patronen bei sich trägt, in Zukunft - deren 110 tragen kann. Die Einführung eine« Repetir- bezw. Magazingewehres beim französischen