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Freitag, de« 30. Juli

1886

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Fukda« Stitung' »rschrmt tS-lich, «omr- und Feiertag» aulgenommen. Vierteljährlicher «bonnemsntsprers ohne dnng-rtohn und Bestellgeld bellLiftischen Wochenbeilage ,Sterne nutz Blume»' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg, auswärts 1 Mk 75 Pfg.

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cf Arbeits - Verdienst und Lebens- Bedürfnisse.

Es ist nicht zu verkennen, daß alle Verhältnisse aus sozialem und gewerblichem Gebiete in den letz­ten Dezennien einen gewaltigen Aufschwung oder bester Umschwung erfahren haben. Auch in den Kreisen des Arbeiters und schlichten Landbewoh­ners hat sich dieser Umschwung bemerklich gemacht. Die Erwerbs- und Ernährungsverhältniste bewegen sich in ganz ander m Bahnen als früher und die Umwälzungen, welche die moderne „Kultur" ge­schaffen, haben ihre Wellen bis in das entlegenste Dörfchen geworfen.

Der Verdienst, der mit Hände Arbeit erzielt wird, ist in den letzten 30 Jahren fast um das Dreifache gestiegen. Wer früher 2 Thaler ver­diente, verdient 5—6 Thaler, und man zerbricht sich wohl den Kopf darüber, wie ein Familienvater damals mit seinem nach heutigen Begriffen ganz erbärmlichen Einkommen seine Familie zu ernähren vermochte. Und dennoch haben die Leute vor 30 Jahren ebenso gut, vielleicht viel besser mit Dem geringen Verdienst auskommen können, als heute mit dem Doppelten und Dreifachen. Sprünge ließen sich allerdings damals mit der kargen Ein­nahme nicht machen und von Luxus war keine Rede — das leuchtet ein. Aber die Ansprüche an das Leben, die Lebens-Bedürfnisse waren den Verhältnissen angepaßt, und so balan- cirte das Brutto doch in Einnahme und Ausgabe ganz gut.

Heute aber liegen die Dinge ganz anders. Han­del, Industrie und Verkehr, Kunst und Wissenschaft sind in ganz andere, früher ungeahnte Bahnen eingelenkt und haben die alte Zeit geradezu auf den Kopf gestellt. Die moderne Kultur hat die Welt mit Riesenschritten durchmesten und viel Licht, aber auch viel Schatten gebracht. Die Ansprüche und Bedürfniste — wirkliche und ein­gebildete — die Genußsucht und der Luxus haben mit der kulturellen Entwicklung gleichen Schritt gehalten, ja dieselbe noch überflügelt. Das Geld hat seinen Werth verloren, und in gleichem Maße das Leben seine alte Genügsamkeit in Stadt und Land eingebüßt.

Trotz der gesteigerten Werthbemestung der Ar-

Alt Tochter der Schers. 43

Roman von C. Armand.

Schluß.

Auf den blüthenweißen Kisten ihres von duftigen Vorhängen umgebenen Lagers, ruht die junge Herrin des freundlichen Gemaches und läßt ihre Blicke mit dem Ausdruck seliger Freude auf der zierlichen Wiege haften, die neben ihrem Lager steht.

Vorsichtig streckt sie die schmale Hand aus und hebt leise den Schleier von derselben, um einen Augenblick den holden, kleinen Schläfer zu betrach­ten, der drinnen im schneeigen Linnen träumt und auf besten rundes Gesichtchen der Schlummer zarte Rosen gemalt.

Wenn die Gattin vielleicht noch nicht immer ungetheilt glücklich zu sein vermochte — die junge Mutter, die dort entzückt die Hände faltet, um Gott für das holde Wunder zu danken, das er ihr bescheert, sie ist es sicher voll und ganz.

Von ihres Kindes Wiege, über die Lia Rose nur zögernd wieder den Schleier breitet, gleiten ihre Blicke durch den geschmückten Raum, in dem sich ihr überall des Gatten sorgende Hand verräth. — Die beiden Ecken gegenüber hat er, während sie schlief, mit Gruppen dreiblätteriger Farren, aus denen hier und da der träumend geneigte Kelch

beit hat sich im Laufe der Zeit doch zwischen jener und den Lebens - Bedürfnissen ein großes M iß- verhältniß herausgebildet. Heute macht jener Mann, der das Dreifache gegen früher verdient, auch weit höhere Ansprüche; er will nicht mehr so bescheiden und eingeschränkt leben, wie anno dazumal; dazu kommt, daß alle wirklichen Bedürfniste, Nahrung und Kleidung und Wohnung bedeutend kostspieliger geworden sind und allein schon den Durschnittsverdienst des Arbeiters absor- biren. Gehen die Ansprüche, wse das heute fast allgemein der Fall ist, über die wahren Bedürfniste hinaus, so bleibt es nicht aus, daß in der Lage des arbeitenden Standes Zustände eintreten, welche sich auf die Dauer als unhaltbar erweisen und in der sozialen Frage eine große Rolle mitspielen. So lange die Sucht nicht schwindet, über Ver- diest und Mittel hinaus der modernen Strö­mung des Genustes und der Verschwendung zu folgen, sich von ihr mit fortreißen zu lasten, wer­den alle sozialen Reformen nur äußerlich hel­fen, aber die eigentliche bedenkliche Wunde am Volkskörper nicht zu heilen vermögen.

Die Vergnügungssucht hat in den Groß­städten und Jndustrieorten einen Grad er­reicht, der bedenklicher ja trauriger Natur ist und gerade das ost namenlose Elend, die entsetzliche Armuth und Noth herbeiführt, welche in der Stadt in so nackter Gestalt hervortritt. Es ist ein Skandal, wenn man sieht, wie oft 8—10 Tage hindurch Schützenfest« gefeiert werden, wie sich Fest an Fest, Vergnügen an Vergnügen reiht. Und wer spielt in der Regel den Haupthelden da­bei — nun, der „gedrückte" Handwerker, der den verlorenen goldenen Boden des Handwerks so bit­ter beklagt, der „arme" Arbeiter, der sinken muß, weil er von seinem Verdienste sonst nicht mehr leben zu können glaubt. So sehr wir uns für das Loos des Arbeiters und Handwerkers inter« essiren und ihm eine Besserung von ganzem Her­zen wünschen, so nehmen wir doch keinen Anstand, solche Auswüchse unseres modernen Lebens auf das Schärfste zu verurtheilen und in Wort und Schrift zu bekämpfen. Der Verdienst ist den un­nötigen Bedürfnissen in keiner Weise mehr analog. Alles will genießen und höher hinaus, als die

einer Kala hervorschimmert, gefüllt, damit ihr Auge beim Erwachen sich in's Grüne versenken könne.

Und weiter schweifen ihre Blicke durch die epheu- umlaubten Bogenfenster hinaus in den blühenden Garten und darüber hinweg in's dämmernde Wald­dunkel.

Sie haften lange auf einer hohen im Sonnen­licht purpurn schimmernden Baumkrone, die, alle andern Wipfel überragend, weithin sichtbar ist, und während sie unverwandt darauf hinschaut, tritt ein wehmüthiger Zug in Lia Rosens frohes Antlitz.

Drüben die Rothbuche am Waldsee rauscht ja über ihres Vaters Grab! — Giulio Goldini hat noch viele schöne Tage, voll unvergeßlicher Stunden mit seinen Kindern erlebt und ist dann sanft und kampflos eingeschlafen. —

Vor seinem Tode ist ihm noch ein hohes Glück zutheil geworden: In seinen letzten Augenblicken sank der Schleier der Blindheit von feinen Augen und er sah — feine Cacilia, sein schönes, heiß­geliebtes Kind! Den glänzenden Blick bis zuletzt auf ihr süßes, liebverklärtes Antlitz gerichtet, ist er still hinübergegangen zum ewigen Licht.

Seine Kinder haben ihn auf feinen Wunsch unter dem Hügel am Weiher gebettet, wo er Lia Rose wieder gefunden, und täglich gehen sie dort­hin, fein Grab mit Blumen zu schmücken.

Mittel es erlauben. Niemand kann und mag auf ein Vergnügen verzichten, und zwischen Arbeitsver­dienst und Lebens-Bedürfnissen entwickelt sich ein, schreiendes Mißverhältnis. Wie soll das enden?

Auch auf dem Lande, im Dorfe, im Land- städtchen hat die „Kultur" Fortschritte gemacht, und „Europens übertünchte Höflichkeit" und Civili- fation hat das Dampfroß auch dorthin getragen, wo früher ein patriarchalischer Zustand herrschte und man nur durch die Postkutsche etwas aus der großen Welt erfuhr. Man rückte näher an einan­der, der Raum verschwand durch dem Dampf und die Elektricität; das Land trat in engeren Kontakt mit der Großstadt und trug von dort manches Schöne und Gute, aber noch mehr Schlechtes heim. Der patriarchalische Zustand ist fast überall geschwunden, eine moderne, verfeinerte Lebensweise hat sich Bahn gebrochen, und der Bauer von dazu­mal ist ein anderer gewesen, als der Bauer von heute. Die Welt lebt schneller, auch auf dem Lande.

Aber in Bezug auf Genußsucht steht das Land und die Kleinstadt doch noch wie ein un­schuldiges Kind da, gegen die vom wilden Strudel der Genüsse fortgerissenen Bewohner der Groß­städte — speziell, soweit sie dem arbeitenden Stande angehören. Auf dem Lande fehlen eben die Reizun­gen und Verlockungen, es fehlen auch die raffinirten Mittel der Großstadt, die meist über die mora­lische Seite erhoben sind. Schon der gesundere Sinn und die harte Abeit des Landbewohners sorgt dafür, daß die Vergnügen, das bleiben, was sie sein sollen, eine Erholung, eine Abspannung für Körper und Geist, und so sehen wir auf dem Lande nur in seltenen Fällen wirklich bittere Noch oder ein Elend, wie es die Großstadt auf­weist. Daß heute die Landleute nicht mehr leben, wie vor 50 Jahren, das liegt in den Zeitverhält­nissen begründet. Aber dennoch finden wir das Verhältniß zwischen Arbeitsverdienst und Ansprüchen an das Leben weit mehr und besser geregelt, als in bet Stadt, wo Handel, Industrie und Verkehr blüht.

Es liegt uns durchaus ferne, demjenigen, der sich die Woche hindurch Schwielen in die Hände arbeitet, nach getragener Last der Arbeit ein an»

Dorthin ist auch Walter soeben gegangen, um die reichen Lorbeerspenden, die zum Jahrestage seines Todes für des Künstlers Gruft aus der Residenz gesandt worden, darauf niederzulegen.

Lia Roses Blicke wenden sich der Thüre zu, die jetzt leise geöffnet wird. — Der junge Förster erscheint auf der Schwelle und nähert sich vor­sichtig auftretend dem Lager seines Weibes, das er schlummernd glaubt.

„Ich schlafe nicht, Walter," klingt es ihm freund- sich entgegen und lächelnd winkt sie ihn zu sich heran.

Mit wenigen Schritten ist er an ihrer Seite und reicht ihr einen duftigen Strauß von Veilchen, Anemonen und Schlüsselblumen.

„Da ist ein Lenzgruß für Dich," sagt er innig und drückt die kleinen Hände, die dankbar nach den Blumen greifen, voll tiefer Zärtlichkeit an feine Lippen.

Als er sie endlich frei läßt, hebt Lia Rose aufs neue den Schleier von der Wiege. „Sieh' unfern Knaben, Walter," flüstert sie glückselig, „sag', wie soll er heißen?"

„Edgar —", klingt es ohne Zögern zurück, indem Walters blaue Augen sich voll und frei auf sie richten.

Sie nickt ihm zu, streckt ihm nochmals beide Hände entgegen und lächelt — da tönt von draußen das Rollen eines Wagens herauf. Waldmann,