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M 166

Sonnabend, den 24. Juli

1886

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ei« .Fuldaer Zeitung' erscheint tü

»HS, Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher «bonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfg., — mit der belletristischen »ochenbeilage .Sterne und Blume«' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 Mk. 75 Pfg.

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Zweites Blatt.

Air Tochter -er Stigrrs. "

Roman von E. Armand.

Es war ein weihevoller Moment, ein Moment der vieles Weh und viele Thränen aufwog.

Fürst Edgar und Lia Rose schauten einander in die Augen. Die Brust der Fürsten hob ein unbeschreibliches Hochgefühl: er sah das strahlende Lächeln auf ihrem süßen Antlitz, die Freuden- thränen an des Blinden Wimpern und empfand zum ersten mal voll und ganz den Segen der Macht. Der Fürst, er fühlte es, durfte heute sühnen, was Edgar Norden an dem Glück dieses jungen Wesens verschuldet.

Lia streckte ihm in überströmendem Gefühl beide Hände entgegen. „Dank!" — hauchte sie leise, — „o, unaussprechlicher Dank —"

Er zog die schmalen weißen Hände mit fast scheuer Ehrfurcht an seine Lippen.

„Mein Stern!" flüsterte er. Die Bewegung erstickte seine Stimme. Ec griff hastig in die Brust­tasche und zog ein zusammengefaltetes Papier hervor. Einen Augenblick schien er zögernd zu schwanken, wie wenn er innerlich einen schweren Kampf ausmachte, dann reichte er es ihr dar.

„Es enthält eine Bitte."

„Derjenige, der meinen Vater so hoch beglückt, darf alles von mir fordern."

Des Fürsten Blick fchweifte hinüber zum Ende des Saales wo eine Männergestalt an einer der letzten Säulen lehnte, den blonden ausdrucksvollen Kopf von einem hellen Lichtstrahl beleuchtet.

„Nun denn," sagte er weich, „Glück um Glück; was ich erbitte, es ist auch das G ück eines mir theueren Menschen."

Zitternd, ahnungsvoll schlug sie das Auge zu ihm auf. Einen Moment tauchte sein Blick hinein, als ob er durch die blauen Tiefen bis auf den Grund ihrer Seele schauen wollte.

Es mußte wohl etwas Gutes sein, was er darin las, denn seine Brust hob ein tiefer er­leichternder Athemzug. Ein leiser Gruß noch, und er trat zurück.

Um Lia Roses Nacken schlangen sich jetzt zwei weiche Arme, sich umwendend sah sie der jungen Fürstin thränenschimmernde Augen.

„Achsa — Lia Rose, Gott lohne Dir Dein Opfer, bete Du für mich, daß es mir gelinge, ihn glücklich zu machen," flüsterte sie leise in ihr Ohr.

Lia antwortete mit einem innigen Schwesterkuß — — eine andere Erwiderung gestattete der Augenblick nicht, denn der Hof, der der Fürstin nachgedrängt, umringte jetzt das gefeierte Künstler­paar. Em Jeder wollte ein Wort, einen Blick der jungen Sängerin erhaschen, in der man bereits ein "neues Gestirn begrüßen zu können glaubte. Keiner wußte ja, daß dieses Gestirn gleich einem Meteor nur aufgegangen, um für immer wieder zu verschwinden.

Fürst Edgar hatte sich aus dem Kreise zurück- gezogen und war vor das Bild der heiligen Eäcilia getreten. Es war fein Bild, dar Werk seiner Kunst; der Maler, den die Hofgesellschaft vergebens zu entdecken gesucht, war er selbst.

Während er der Verlorenen theueres Bild auf die Leinwand übertrug, und in ihr die fromme christliche Märtyrin verkörperte, deren Namen sie führte, wurde sie ihm selber zu etwas Heiligem, Unantastbarem.

Wie der Glorienschein der Heiligkeit Lia Rosens Gestalt auf seinem Bilde über die Erde erhob, so erhob das Eigenthumsrecht eines Andern — seines theuersten Freundes — das er selber diesem zuzu­wenden strebte, sie über seine Liebe.

Sie wurde ihm immer mehr zum Sterne, der zwar unerreichbar fern, aber in unvergänglich mildem Glanze über ihm und seinem Lebenswege strahlte, und wie er jetzt ernst sinnend, auf die lieblich reinen Züge schaute, die sein Pinsel so treu der Wirklichkeit nachgebildet, da überkam ihm jenes selbe Empfinden wie damals im Traume, als die heißbegehrte Blume vor seinen Augen sich zum Sterne verwandelnd, ihm entschwebte und er doch kaum einen Schmerz über den Verlust fühlen konnte, weil der Stern gar zu freundlich leuchtete; leise ihm selber unbewußt, wie wenn eine fremde Stimme sie spräche, flüsterte er die Worte, die Lia R)se damals gesprochen, nachdem er ihr den Traum erzählt:

„Das Ende war ja doch glücklich." — XXII.

Auf der weinumrankten Veranda der Oberförster- wohnung ihrer jetzigen Heimath saß an einem son­nigen Maimorgen Lia Rose an einem zierlichen Gartentischchen, auf dem ein weißes Briefblatt ge­öffnet vor ihr lag. —

Ihre Hände ruhten gefaltet auf dem Papier, auf das sie mit einem Ausdruck ernst wehmüthiger Freude in den schönen Augen niederblickte.

Die Nachricht, die es enthielt, trug der Tele­graph wohl in diesem Augenblicke durch die beiden Nachbarländer, überall frohe Aufregung verbreitend: Dem Fürsten Edgar von S. hatte seine junge Gemahlin einen Sohn und Erben geboren! — Der Tag der Geburt war ein Sonntag.

„Ein Sonntagskind", flüsterte Lia Rose vor sich hin, und den Blick zum frühlingsblauen Him­mel über ihr erhebend, bewegte sie die Lippen wie im leisen Gebet, nach einer Weile zog sie aus ihrem Gewände einen zweiten Brief jenes wohl schon tausendmal gelesene Blatt, das Fürst Sogar ihr am Schluß des Konzertes gegeben, und legte ihn neben den heutigen.

Vor diesen beiden Briefen, die gleichsam den Abschluß eines ereignisvollen Kapitels in ihrem jungen Leben bildeten — bilden mußten — saß sie lange in ernster Selbstprüfung. Durfte sie die Bitte erfüllen, die der eine von ihnen ihr so warm an's Herz legte? Vor ihren Augen tauchten jetzt ein paar blaue Augen auf, die in letzter Zeit so oft mit einem Ausdruck banger verzweifelnder Frage auf ihr geruht hatten. —

Walter war häufig herübergekommen in dem verfloffenen Winter: er hatte ja nun sein Ziel vor sich, deffen dereinstige, wenn auch noch so ferne Erreichung, als leuchtender Hoffnungsstern über seinem Leben strahlte. In seinem Verkehr mit Lia beobachtete er indeß eine gewisse zarte Zurück­haltung die sür sie ungemein wohlthuend war: es war kein stürmisch leidenschaftliches Werben — vor einem solchen hätte sich ihr nur langsam von schweren Wunden heilendes Herz wohl scheu in sich selbst verschlossen — nein langsam mit uner­müdlicher Geduld mit immer gleicher, zartsinniger Schonung des Vergangenen, aus der indes gerade seine ganze tiefe, treue Liebe sprach, suchte er sich den kostbaren Schatz ihrer Neigung zu er­ringen.

Lia Rose vermochte sich dem Einfluß des ed): männlichen und dabei so viel Gemüth verrathenden Wesens nicht ganz zu entziehen; mehr und mehr mußte sie erkennen, welch' edlen Kern bei ihm die einfache unscheinbare Schale verbarg. Sie konnte nicht mehr an ihn denken, wie an einen Bruder: die heiße Zärtlichkeit, die trotz seiner Zurückhaltung doch wie ein warmer Hauch durch alle seine Worte wehte, wenn er mit ihr sprach, hatte auch ihrem Gefühl für ihn allmählich den geschwisterlichen Charakter genommen.

Da« sagte sie sich jetzt, al« sie da« Gesicht in

beide Hände gelegt, so da saß in stiller Einkehr in sich selbst. Freilich, wenn sie ihr Empfinden :ür Walter, mit dem stürmischen Aufjubeln ihre« Herzens in der Seligkeit ihrer ersten jungen Liebe verglich, da erschien es ihr arm und matt — ärblos wie die bleiche Anemone gegen eine strah- ende Purpurrose, aber es war doch genug, um chr zu erlauben, ihre Hand in die des treuen, elbstlosen Mannes zu legen, der derselben einst um des Freundes willen kampflos entsagt und nun darum geworben in langem Hoffen und Harren.

Ja, sie wollte die Seine werden und ihn glück­lich machen! Sie fühlte es, daß er ein Recht auf sie hatte, ein Recht geheiligt auch durch Edgars Wunsch und Bitte! — Und sie durfte sie er­füllen diese Bitte: Ihre Liebe ruhte wie eine ver­sunkene Märchenwelt auf dem tiefsten Grunde ihres Herzens; dem schweren, schmerzlichen Kampfe, den sie mit starker Seele muthiz jeden Tag aufs Neue gegen sich selbst gefochten, war der Lohn nicht ausgeblieben. Sie hatte nicht vergessen — das konnte sie niemals — aber sie hatte überwunden: Die Liebe, in der ihr Herz jetzt noch für den Fürsten schlug, mußte rein und selbstlos sein, denn sie umfaßte ja nicht mehr ihn allein, -sie umfaßte zugleich sein Weib und von heute an auch — sein Kind.

Dennoch konnte sie nur schwer sich an den Ge­danken gewöhnen, einem andern Manne anzuge­hören. Aber sie durfte ja nicht an sich allein denken. Es galt, ihre Lieben zu beglücken. Die beiden guten, alten Leute! Welch' schöne Hoff­nungen hatte sie ihnen zerstört, und doch hatte sie kein Wort der Klage ober des Vorwurfs von ihnen vernommen, nur doppelte Liebe hatten sie dein geliebten Pflegekinds erwiesen, wie durfte sie sich besinnen, ihnen dieselbe zu vergelten? —

Es zog doch wie ein Sonnenstrahl in ihr Herz, als sie an die Freude dachte, die ihr Entschluß verbreiten würde.

Noch ein anderes war es, was sie antrieb, diesen Entschluß zu fassen. Eine innere Stimme sagte ihr, daß, so lange sie frei war, der Kampf in des Fürsten Brust nicht zur Ruhe kommen könne, es mußte ihm leichter werden, zu überwin­den, wenn er sie erst als da» Eigenthum eines Anderen wußte. Sie wußte auch, daß er sich an- klagte, dem Freunde sein Glück geraubt zu haben, zu seinem hohen Berufe aber bedurfte er einer freien Seele.

„Ich thue es um deinetwillen, Sogar," flüsterte sie, seinen Brief an die Lippen drückend, während Thränen in ihren Augen schimmerten, „um Deines Frieden» willen."

Sie dachte auch an ihren Vater, wie glücklich würde es ihn machen, sein Kind im Schutze eine» edlen, von ihm hochgeachteten Mannes, geborgen zu wissen, und für sie, welch' eine süße Freude, ihm eine Stätte bereiten zu können im eigenen Heim.

Aber sie durfte nicht zögern, wenn sie ihm und sich selbst diese» Glück bereiten wollte, denn, sie wußten es beide, lange würden sie nicht mehr zu­sammenbleiben; ein Brustleiden, wozu er den Keim schon stets in sich getragen, das aber durch die entbehrungsreiche Zeit, die et jenseits des Oceans verlebt, beschleunigt worden, zehrte langsam an Giulio Goldinis Leben. Er fühlte, daß er in nicht allzu ferner Zeit würde sterben müssen, aber diese Eckenntniß bereitete ihm keinen Schmerz, er sehnte sich au» der Nacht seiner unheilbaren Blindheit hinweg in ein bessere» Land.

(Fortsetzung folgt.)