V 166.
1886
Sonnabend, den 24 Aili
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Erstes Blatt.
MC* Wege« des «reisturnfestes wird unser" Blatt am Montag nicht erscheine«.
t Das Centrum in der Social- und Wirthschaftspolitik.
Unter den Gebieten, denen das Centrum neben der Kirchenpolitik seine ganze Sorge nnd Aufmerksamkeit zuwendet, nimmt die Social« und Wirthschaftspolitik wohl den ersten Rang ein. Und wenn irgend eine Partei vermöge ihrer Stärke und ihres Ansehens in der Lage ist, auf diesem wichtigen Gebiete spruchlos und mit Erfolg thätig zu sein, so dürfen wir mit gerechtem Stolze das Centrum als diejenige bezeichnen, welche das materielle und geistige Wohl des Volkes unentwegt im Auge behält und zu fördern bestrebt ist. Und daß es bisher so hervorragende Leistungen aufzuweisen hat, das verdankt es seiner Energie, seiner Ausdauer und konsequenten Haltung, welche Eigenschaften wir bei anoeren Parteien vergeblich suchen, oder doch nur in sehr schwachem Maße vorhanden finden.
Die Kaiserliche Botschaft vom 17. November 1881, in welcher die Grundzüge der S ocial- politik zum Besten der arbeitenden Bevölkerung niedergelegt sind, konnte auch für das Centrum eine Richtschnur des Handelns bilden — wenn es auch ohne diesen Allerhöchsten Impuls doch die Wege verfolgt hätte, welche es sich in seinem Programme in großen Zügm vorgezeichnet hatte.
An allen großen Aufgaben zum Besten des Volkes hat das Centrum mitgewirkt und einen hervorragenden Antheil an ihrer Lösung. Ohne das Centrum hätte manches Projekt scheitern müssen. Greifen wir hier in die Hauptpunkte zu einer kurzen Erörterung heraus.
Um die Krankenversicherung hat das Centrum sich große Verdienste erworben. Wer im Arbeiterstande verkehrt, oder ihm selbst ange- hört, wird diese Wohlthat voll und ganz zu würdigen wissen. Die Willkür der Arbeitgeber gegen den erkrankten Arbeiter hört nunmehr auf und er findet Schutz und Unterstützung in seiner bedrängten Lage, die sich früher bei Erkrankungen zu einer geradezu verzweifelten gestalten konnte.
Auch die Unfallversicherung, die dem Arbeiter bei Unglücksfällen ausreichende Hilfe gewährt und unschätzbare Wohlthaten für ihn in sich birgt, fand im Centrum die weitgehendste Unterstützung. Anfangs bloß auf die Arbeiter in industriellen Betrieben gerechnet, wurde sie im vorigen Jahre auf die Personen des Soldatenstandes und die in der Post-, Eisenbahn-, Heeres- und Marineverwaltung beschäftigten Arbeiter ausgedehnt, und in diesem Jahre folgten die Reichsbeamten und die land- und forstwirthschaftlichen Arbeiter. Das Eentrum hat es sich angelegen sein lassen, seine ganze Kraft aus das Zustandekommen dieses wichtigen Gesetzes cinzusetzen, und das Ziel ist glücklich erreicht. Leider ist in letzter Zeit das Interesse für die weitere Verfolgung sozialpolitischer Aufgaben bei der Regierung durch andere Dinge in den Hintergrund gedrängt worden — besonders durch die Branntweinsteuer — und so bleibt die schwierige Frage der Alters- Versorgung noch eine offene. Man ist hierin über mancherlei Projekte, oder „allerlei Bilder", um mit dem Minister zu sprechen, noch nicht hinausgekommen. Aber einschlafen wird das Projekt sicherlich nicht, dafür wird schon da» Centrum sorgen! es wird zur Zeit daran rütteln und nicht ruhen, bi» auch dieser Stein in die Lücke de» sozialpolittschen Bauwerks eingefügt ist.
Der Arbeiterschutz ging au» der eigensten
Initiative des Centrums hervor. Wie hat es gegen ganze Wogen von Bedenken, gegen den Spott und Hohn der Liberalen, gegen da» hartnäckige Widerstreben des Fürsten Brsmarck ankämpfen müssen, als es mit diesen Schutzreformen hervortrat und die Sonntagsruhe, den Maximalarbeitstag, die Beschränkung der Frau en-u. Kinderarbeit in den Fabriken zur Hebung und zum Wohle der arbeitenden Klasse forderte und als Hauptbedingung eines körperlich und geistig gesunden Volke» hinstellte. Da zeigen sich so recht der Kontrast zwischen Centrum und den Liberalen. Sie, die geborenen „Volksbeglücker" par excellence, welche an schönen Worten stets überfließen und der Arbeiterklasse goldene Berge versprechen, spöttelten und zogen sich feige zurück, als Fürst Bismarck seine Augenbrauen zusammen- zog und die Anträge des Centrums für undurchführbar erklärte. Aber was hat das Centrum mit seinen Bestrebungen denn erreicht? wird man fragen. Gewiß, noch wenig, denn man windet und krümmt sich gegen diese einschneidenden Reformen, und was der Reichstag angefaßt hat, das ist über die Kommissionsbcrathung nicht hinausgekommen und bis jetzt noch unvollendet geblieben. Aber einen moralischen Effekt hat das Centrum doch erzielt. Die A r b e i t e r f ch u tz f r a g e ist in Fluß gekommen und sie hat so weite Kreise gezogen, daß sie nicht eher von der Tagesordnung verschwinden wird, bis sie einen praktischen Erfolg erzielt hat, mag auch noch geraume Zeit darüber vergehen. Das Centrum wird nicht nachlassen, die Schutzfrage immer wieder in den Vordergrund zu ziehen, und wir hoffen, um so mehr mit Erfolg, al» hinter ihm die Millionen Arbeiter stehen, welche bei diesen Bestrebungen des Centrums ihre höchsten Interessen wahrgenommen sehen.
In der Wirthschaftspolitik ist das Centrum von jeher als äußerst thätige, rüstig schaffende Partei aufgetreten, und zwar mit einer Umsicht, einer genauen Abwägung aller Vortheile und Nachtheile, die man bewundern muß. Aus dieser gewissenhaften Prüfung aller in Betracht kommenden Verhältnisse motivirt sich auch eine theils zustimmende, theils ablehnende Haltung zur Regierung, womit allerdings meistens die Projekte zu Stande kommen, oder scheiterten.
Die 1879 durchgeführte Schutzzollpolitik fand am Centrum den eifrigsten Förderer, nnd die Schutzzollgesetze, welche den heimischen Markt vor der ruinirenden Ueberfluthung fremder Produkte sichern sollen, sind wesentlich mit Hilfe des Centrums zu Stande gekommen. In der Kolonialpolitik hat das Centrum sich sehr reservirt gezeigt, und die Erfahrung scheint ihm Recht zu geben, denn offenbar hat man in der kolonialen Begeisterung die Erwartungen viel zu hoch gespannt. Dagegen fanden die überseeischen Dampfer, welche Deutschland seiner Machtstellung entsprechend in die Reihe der großen Kolonialmächte einreihen soll, vom Centrum Unterstützung, und auch die projektirten großen Kanalbauten konnten auf das Wohlwollen desselben rechnen, mit Rücksicht auf die Interessen der Industrie und Landwirthschaft. Daß daß Centrum zur Jnscenirung der Polenhetze keine Millionen übrrg hat, brauchen wir hier nicht näher zu erörtern, darüber ist genug geschrieben und gesprochen worden.
In der St euer frage suchte das Centrum bisher jede neue Belastung de» Volke» zu vermeiden, und es perhorrescirt auch solche Steuern, welche gewisse Judustrieen und Betriebe lahm legen würden. Daher seine Abneigung gegen da» Branntweinmonopol, daher auch die Verweigerung, einer übermäßig hohen Branntwein-Konsumsteuer,
obwohl es den Branntwein für ein steuer- fähiges Objekt hält, und nur die Höhe und Form der Steuer, wie sie die Regierung beliebte, nicht genehmigen konnte. An den höherenGetreide- zöllen zum Schutze der Landwirthschaft hat das Centrum erfolgreich mitgewirkt und durch die lex Huene erreicht, daß die Ueberschüffe aus dieser Steuer, den Gemeinden wieder zu Gute kommen — ein Verdienst, welches die belasteten Gemeinden wohl zu würdigen wissen werden. Auch auf dem Gebiete des gewerblichen Lebens verdankt man manche wohlthätige Einrichtung entweder der Initiative oder der energischen Unterstützung des Centrums.
Auf die Bedürfnisse des Handwerkerstandes hält das Centrum stets ein wachsames Auge. Manches schon ist für den Handwerkernge- schehen, daß er den goldenen Boden vergangener Zeiten wiederfinde — so im Jnnungs- und Lehrlingswesen — und scheint auch momentan eine Stagnation in der Handwerksreform eingetreten, so kann dieselbe doch nicht don Dauer sein; denn auch hier wird das Centrum nicht stille stehen, sondern mit Kraft und Ausdauer, die Sache des Handwerkers weiter vertreten, für den es bisher mit rastlosem Eifer seine Kräft eingesetzt hat.
Wir können hier nicht alle Einzelheiten auf dem großen Gebiete der Sozial- und Wirthschaftspolitik ausführen, in denen die Vertretung des Katholischen Volkes sich Verdienste erworben. Durch seine eminenten Leistungen hat das Centrum sich al» die eigentliche wahre volksthüm« liche Partei gezeigt, die Großes vollbracht hat und noch Großes vollbringen wird, so lange das katholische Deutschland mit altbewährter Liebe und Treue hinter ihr steht.
Deutsches Reich.
Berlin, 23. Juli.
** Bei der schon gemeldeten Zusammenkunft des österreichischen Ministers Grafen Kalnoky mit Fürst Bismarck in Kissingen handelt es sich zweifelsohne um sehr ernste und wichtige Fragen der hohen Politik und deshalb bringt man dieser Ministerbegegnung in Oesterreich wie in Deutschland das größte Interesse entgegen. Die bei dieser Conferenz zur Besprechung gelangenden Fragen entziehen sich allerdings der öffentlichen Kemtniß, aber sie lassen sich errathen. Der Bündniß- und Freundschafts-Vertrag zwischen Oesterreich und Deutschland, der sich in den Jahren her als so förderlich für beide Nachbarstaaten erwies und wesentlich dazu beitrug, Europa vor größeren Störungen des Friedens zu bewahren, neigt sich, soweit er auf handschriftlichen Abmachungen beruht, seinem Ende zu und da liegt es auf der Hand, daß über seine Erneuerung eingehende Berathungen stattfinden, zumal auch die politische Constellation betreffs der orientalischen Frage sich wesentlich geändert hat. Wohl ist es gelungen, eine kriegerische Auseinandersetzung zwischen der Türkei und Griechenland zu verhindern; aber dafür ist ein anderer und noch gefährlicherer Zündstoff aufgetaucht. Die Verletzung des Berliner Vertrags durch die seitens Rußland» einseitig erfolgte Aufhebung der Freihafenstellung von Ba- tum, die Animosität, die in Rußland gegen den Fürsten von Bulgarien herrscht, die eigenthüm- lichen Beziehungen, die Rußland mit Rumänien anzuknüpfen bestrebt ist, endlich die neueste Spannung zwischen Serbien und Montenegro sind Dinge, die den polittschen Horizont bewölken und die jedenfalls auch in den Kreis der Erörterungen zwischen den beiden Staatsmännern in Kissingen gezogen werden. Zweifelsohne wird