JV 162. Dienstag, den 20. Juli 1886
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** Kaiser Wilhelm in Bayern.
Se. Majestät der Kaiser stattete am Sonnabend mit dem Großherzog von Baden dem Könige von Württemberg in Friedrichshafrn einen Gegenbesuch ab. Am Sonntag Nachmittag erfolgte die Abreise des Kaisers von der Insel Mainau nach Gastein. In Lindau wurde der Kaiser von der Bevölkerung festlich begrüßt, ebenso auf allen Zwischenstationen von Lindau nach Augsburg. Der Empfang in Augsburg gestaltete sich zu einer großen Ovation, wie sie seit 1870 dort nicht mehr vorgekommen. Auf der Fahrt vom Bahnhofe nach dem Hotel zu den drei Mohren, wo der Kaiser abstieg, wurde er in den festlich beleuchteten Straßen von einer ungeheuren Menschenmenge mit unaufhörlichem Jubel begrüßt. Die Ovationen wiederholten sich, als der Kaiser gestern Vormittag in bayerischer Uniform Augsburg wieder verließ, um nach München weiter zu reisen. Auch bei der Ankunft in München wurde der Kaiser mit unendlichen Hochrufen bewillkommnet. Auf dem Perron waren der Prinzregent Luitpold, die Prinzen Ludwig, Leopold, Arnulf, Alfons, Ludwig Ferdinand, Herzog Ludwig, die ersteren in den Uniformen ihrer preußischen Regimenter, die übrigen in bayerischen Galauniformen versammelt. Der Prinz- Regent reichte dem Kaiser, welcher die Uniform seines bayerischen Jnfanterie-Regiments trug, im Coupo die Hand und, nachdem der Kaiser ohne Mühe das Coupe verlassen, fand eine viermalige Umarmung statt; der Kaiser erwiderte die Küsse des Prinzregenten mit großer Rührung. Von den Prinzen gleichfalls herzlichst begrüßt, begab sich der Kaiser in den Empfangssalon zur Begrüßung der dort versammeltenn Prinzessinen. Nach einem viertelstündigen Cercle begann im Königssalon das dejeuner dinatoire. Die Minister wurden dem Kaiser einzeln vorgestellt. Der Kaiser unterhielt sich während des Diners in eifriger Conversation nut der königlichen Familie, besonders mit dem Prinzregenten und der Prinzessin Gisela. Er schilderte den entsetzlichen Eindruck, welchen die Geschicke der Junitage auf ihn gemacht und belobte de» Bayernvolks loyale Gesinnung; den Minister Lutz beehrte der Kaiser
Die Tochter des Geigers. 36
Roman von C. Armand.
Die neue Dienstwohnung des nunmehrigen Oberförsters gab indeß an Schönheit der Lage und Behaglichkeit der innern Einrichtung der früheren nichts nach, und „sie lag ja auch im Walde", womit der Förster sein Waldprinzeßchen trösten zu müssen glaubte.
Als die Novemberstürme über den Forst dahinbrausten und die letzten Reste des bunten Blätterkreises von den fast kahlen Stämmen unbarmherzig heiunterfegten, da nahmen die scheidenden Bewohner Abschied von dem kleinen Haus, in dem nun Walter allein zurückblieb und zogen in die neue Heimat.
Der junge Förster sah ihnen nach mit einem bangen, düsteren Blick. Der Nordsturm, der dichte Massen grauer Nebelwolken in tollem Wirbel am Horizont vorüberjagte, schüttete die ersten Schneeflocken auf sein unbedecktes Haupt, langsam trat er in's Haus zurück, und indem sein Blick über den leeren Platz am Fenster glitt, auf dem fortan Lias holde Gestalt fehlen würde, murmelte er leise vor sich hin: „der Winter kommt !"
Winter und Frühling waren still vorübergegangen, sie hatten Walter hin und wieder ein flüchtige« Wiedersehen mit den Seinen gebracht, die
mit einer längeren Unterredung. Punkt 1 Uhr bestieg der Kaiser nach überaus animirter Verabschiedung von den höchsten Herrschaften, den Expreßzug, und dieser verließ München, begleitet von den stürmischen Hochrufen des auf dem Perron anwesenden Publikum». Die Ankunft in Salzburg, wo Nachtquartier genommen wird, findet um 4 Uhr statt. Von hier aus setzt der Kaiser heute (Dienstag) Vormittag seine Reise nach Gastein fort.s
Deutsches Reich.
Berlin, 19. Juli.
** Der Kaiserzusammenkunft in Gastein wird eine Zusammenkunft des deutschen Reichskanzlers mit dem österreichischen Minister des Auswärtigen Grafen Kalnoky vorausgehen. Graf Kalnoky begiebt sich dieser Tage zum Besuch des Fürsten Bismarck nach Kissingen.
* Der französische Botschafter am Berliner Hofe, Baron v. Courcel, hat beim PräsidentenGrevy seine Demission nachgesucht. Es heißt, der französische Botschafter in London Waddington werde Courcel in Berlin ersetzen, während Courcel den Londoner Posten übernehmen werde.
* Gegenwärtig sind die Augen wieder auf Elsaß-Lothringen gerichtet. Die sog. Reichslande stehen bekanntlich unter der Diktatur. In Straßburg war vor vierzehn Jahren der Gemeinderath aufgelöst worden und seitdem die Selbstverwaltung vollstuudig suSpendirt. Die Stadt wurde, wie die ,Köln. Ztg.' schreibt, von einem aufgezwungenen Regierungs-Kommissar", dem Bezirks-Präsidenten Back, „ohne Gemeinderaths- Kollegium verwaltet in einer durch die Roth gebotenen, dem Gesetze nicht entsprechenden Form". In Metz hatte zwar schon früher ein Gemeinderath bestanden; ein großer Theil seiner Mitglieder hatte aber vor Kurzem das Mandat niedergelegt wegen Streitigkeiten mit der Verwaltung, dem Bürgermeister Halm. Der Gemeinderath in Straßburg zählt 36, der in Metz 32 Mitglieder. Der Landesausschuß im Elsaß hatte wiederholt Ge« meinderathswahlen beantragt, aber ohne Erfolg, bis der neue Statthalter, Fürst Hohenlohe, nach langen „Verhandlungen, die hinter den Coulissen demHgnzen Witlter hindurch spielten", endlich „den auch in der neuen Heimath an dem alten trauten Zusammenleben festhielten und sich darin glücklich und zufrieden fühlten. Alle? War auch sie glücklich? Walter wußte, daß sie es zu scheinen sich bemühte, um ihrer Lieben willen, daß sie unter einem Lächeln die tiefe, brennende Wunde ihres blutenden Herzens verbarg. Freilich, wenn das Bewußtsein, einem anderen Menschen Alles zu sein, ihm seines Daseins ganzes Glück zu geben, glücklich machen kann, so mußte sie es sein; sie goß ja über den Lebensabend ihres Vaters den vollsten Sonnenschein. Giulio Goldini, der arme blinde Künstler, genoß in der sichern Hut ihrer Liebe, was er während seines ganzen Lebens entbehrt. Süßen, ungestörten Frieden und begeisterte Anerkennung seiner Kunst. Dem armen Herzen seines »Kindes durfte er rückhaltlos alle die großen Gedanken vertrauen, nach deren Ausdruck seine ringende Künstlerseele so unablässig gestrebt und mit wie tief ergreifendem Ausdruck sang chre weiche Sttmme ihm seine Lieder, deren Vortrag „zu viel Seele" erfordern sollte! Mit glühender Hingebung machte sich Lia Rose jene» große Tonwerk zu eigen, da» ihr Vater mü seinem Herzblut geschrieben und au» dem erst voll und ganz sein Genius zu ihr sprach. Wie sie ihn verstand! Zwischen diesen beiden Menschen bestand eine Seelengemeinschast, die Walter den Blinden
Schritt wagte". Am Samstag und Sonntag der vorigen Woche fanden die Wahlen unter großer und lebhaftester Betheiligung statt. Der Kampf wogte zwischen den Eingewanderten oder „Altdeutschen", den „gemäßigten" Elementen unter den Eingeborenen und der französisch gesinnten „Protestpartei". In Straßburg hatte, entgegen der bisherigen Praxis, die Regierung die Zahl der Ge- meinderäthe auf mehrere Bezirke in der innern Stadt und auf äußere Bezirke vertheilt, was nach der dort geltenden französischen Kommunal-Gesetz- gebung zulässig ist, und den eingewanderten Deutschen von vorn herein die Aussicht sicherte, mit sieben Kandidaten durchzudringen. Was das Gesammt-Ergebniß der Wahlen betrifft (in Metz haben noch mehrere Stichwahlen stattzufinden), so gehen die Ansichten über die Folgen derselben auseinander. Die Nachrichten, welche die Straßburger Post' aus andern Gemeinden von Elsaß- Lothringen zusammengestellt, bestätigen, daß dort alles beim Alten geblieben, d. h. ein irgendwie erheblicher politischer Fortschritt in deutschem Sinne in den Gemeinderathrwahlen von Elsaß-Lothringen leider noch nicht zu erkennen ist.
"München, 17. Juli. Heute telegraphirt der hiesige Korrespondent der .Franks. Ztg.: „Die Regierung wird dem Wunsche nach Veröffentlichung der Aktenstücke, die den Beweis liefern, daß der Papst sich vollkommen befriedigt mit den kirchlichen Zuständen in Baiern erklärt hat, nicht nachgeben. Sie ist der Ansicht, daß des Prinz- Regenten Wort genügen muß. Ebenso ist man der Meinung, daß von Seiten des Vatikans nach dieser Richtung nichts geschehen wird. Daß dem Prinzregenten die Aktenstücke vorgelegen haben, und daß er auf Grund persönlicher Einsichtnahme sein Urtheil gefällt hat, wird an zuständiger Stelle mit aller Bestimmtheit versichert. Nach dieser Sachlage ist man geneigt, den in Rom sich geltend machenden Strömungen keine besondere Bedeutung beizulegen." — Der Moniteur de Rome' meldet: „Deutsche liberale Journale leugnen die Thatsache, daß der Vatican der baierischen Regierung eine Bemerkung über den bekannten Passus im Briefe de» Prinz-Regenten Luitpold gemacht hat. Wir sind in der Lage, die Richtigkeit jener Thatsache zu bestätigen."
fast beneiden ließ. Er hatte erfahren, daß sie jenes große Tonwerk abgeschrieben und bei seinem letzten Besuch bat er sie, e» ihm zu leihen, um es kennen zu lernen. Er vermochte es nicht zu ertragen, daß ihm etwas fremd blieb, was ihre ganze Seele erfüllte.
Sie hatte feiner Bitte mit Freuden willfahrt und ihm dabei leuchtenden Auges versichert, daß sie an den einstigen Ruhm ihres Vaters glaube, wie an ein heiliges Evangelium.
Es war an einem Spätsommerabend, kurze Zeit, nach dem Fürst Edgar sein junges Weib in seine Residenz geführt. Auf dem Dache des Forsthauses spielten die letzten abendrothen Strahlen der sinkenden Sonne und warfen warme Streiflichter auf die Rasenfläche de» Vorplatzes, wo auf der Bank unter dem Lindenbaum gedankenverloren der junge Förster saß.
Walter Erkens hatte sich sehr verändert, sett er an jenem Junimorgen an der Seite seines fürstlichen Freundes dem lieben Elternhause zugeschritten.
Da» sind die heitern, blühend frischen Züge nicht mehr, au» denen damals soviel kecker Jugend- muth geblitzt. — Sie würden bleich erschienen sein, wenn Wind und Wetter sie nicht so stark gebräunt hätten, und zwischen den dunklen Brauen hatte sich eine tiefe Falte eingegraben.