JW 161.
Montag, den 19. Juli
1886
Fuldaer
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Deutsches Reich.
Berlin, 18. Juli.Z
* Der Bundesrath hielt heute seine letzte Sitzung ab, in welcher die Ausführungsbestim« mutigen zum Zuckersteuergesetz festgestellt wurden.
* * Die Leiter der Strikebewegung unter den Berliner Maurern machen von Woche zu Woche Versuche, öffentliche Versammlungen der Maurer anzuberaumen, um die Bewegung wieder in Fluß zu bringen. Mit diesen Versuchen haben sie indeß kein Glück, da die Behörde consequent die Genehmigung zu diesen Versammlungen ver- sagt. Auch für heute (Sonntag) war eine solche Versammlung wieder in Aussicht genommen, zu der indeß die Genehmigung nicht ertheilt wurde'
* Die diesjährige General. Versammlung des Vereins für Sozial-Politik wird am 24. und 25. September in Frankfurt a. M. abgehalten werden. Am ersten Tage wird Oberbürgermeister Dr. Miquel (Frankfurt a. M.) über die „Wohnungsverhältnisse der ärmeren Klaffen in deutschen Großstädten" referiren; das Correferat hat Pastor von Bodelschwingh (Bielefeld) übernommen. An zweiter Stelle soll die „Innere Colonisation mit Rücksicht auf die Erhaltung und Vermehrung des Mittlern und kleinern ländlichen Grundbesitzes" von Rittergutsbesitzer Sombart (Berlin) und Profeffor Dr. Schmoller (Berlin) eingeleitet und erörtert werden. Der Minister für Lanowirthschaft, Dr. Lucius, hat die von dem Verein angeregte Frage der Bekämpfung nicht nur des Geld- und Credit-, sondern auch des Maaren-, Grundstücks- und ähnlichen Wuchers auf dem Lande in die Tagesordnung der im October oder November d. I. zu haltenden Seffion des Landes- Oekonomie-Kollegiums aufnehmen lassen.
*Breslau, 16. Juli. Gelegentlich der XXXIII. Generalversammlung der Katholik en Deutschlands werden außer den bereits genannten Vereinigungen noch folgende Vereine, unabhängig von der eigentlichen Generalversammlung, ihre speziellen Generalversammlungen hier abhalten: Dienstag, den 31. August, Nachmittags 4 Uhr, der St. Raphaelsverein zum Schutze katholischer deutscher Auswanderer; Mittwoch, den 1. Sept., früh 9 Uhr, der Sammel-
Alt Tochter des Geigers. 35
Roman von C. Armand.
XX.
Im Forsthaufe war es recht still geworden: das verflossene Jahr hatte seinen Bewohnern tiefgehende Veränderungen gebracht.
Auf jenen Abschied im Walde waren lange, schwere Tage und Wochen gefolgt, in denen Walter zwischen Tod und Leben geschwebt, — und kaum ein Schimmer von Hoffnung die Herzen der trostlosen Eltern erhellt hatte. —
In dieser dunklen Zeit war Lia Rose recht eigentlich der Sonnenstrahl des Hauses gewesen, im Feuer des Schmerzes bewährte sich ihr Herz als echtes Gold. — Fromm, mild und stark wie ein Engel des Trostes hatte sie den gebeugten alten Leuten zur Seite gestanden und mit dem eignen muthigen Gottvertrauen das ihre aufrecht erhalten.
Hochherzig den bittern Kummer um die verlorene Liebe unterdrückend, war sie unermüdlich im Pflegen, Trösten und Beten, sie verdoppelte ihre Kräfte in hingebender Sorge um ihre Lieben, iie bangte ja nicht um Walter allein, auch für des theuern ihr kaum erst wiedergeschenkten Vaters Leben mußte sie zittern. Derselbe war, wie sie ihm versprochen, von .den alten Leuten mit offenen
verein für die Provinz Schlesien. Außerdem findet Montag, den 30. August, Nachm. 5 Uhr eine Sitzung des Komitos zur Vorbereitung der Sekundizfeier Sr. Heiligkeit Papst Leo XIII. unter dem Vorsitze des Fürsten Karl zu Löwenstein statt. Im Anschluß daran werden wohl in einer der geschloffenen Generalversammlungen nähere Mittheilungen über die Ovationen zur Sekundizfeier gemacht werden.
* Köln, 17. Juli. In der neuesten Nummer des .Kirchlichen Anzeigers' bringt das erzbischöfliche General-Vikariat zur Kenntniß, daß die Prüfungen für den Eintritt in das Priester-Seminar am 9., 10., 11. uno 12. August dieses Jahres im Lokale des hiesigen Priester-Seminars in der dafür früher vorgeschriebenen Weise abgehalten werden.
* München, 17. Juli. Bezüglich des bekannten kirchenpolitischen Paffus im Handschreiben des Prinzregenten wird neuerdings aus Rom geschrieben: Der Prinzregent hat bereits offizielle Erklärung gegeben. Man versichert, daß wenn günstige Docu- mente existirten, sie auf Mißverständnissen und falscher Auslegung der Worte des VaticanS beruhten, vielleicht gibts günstige Worte über einen bestimmten Fall, die auf die allgemeine Politik angewandt sind. Die Zweideutigkeit wird sicher aufgeklärt werden. Zur Zeit werden die Katholiken Genugthuuug erlangen.
* Rottenburg, 15. Juli. Vorgestern wurden hier 35 Alumnen des Pliesterseminars durch den hochw. Bischof v. Hefele zu Priestern geweiht. Es ist dies ein erfreuliches Zeichen für jeden Katholiken, welcher seine Kirche liebt.
Ausland.
* * Ueber Warschau kommt die Kunde, das russische Kaiserpaar werde Ende August im Schlöffe Lubuchenko in Polen den Besuch des Prinzen Wilhelm von Preußen, sowie des österreichischen Kronprinzenpaares empfangen. Dagegen werde in diesem Jahre keine Dreikaiserzusammenkunft stattfinden.
* * Das Duell zwischen dem französischen Kriegsminister und dem Senator La- reinty, welchem mit großer Spannung entgegengesehen wurde, hat am Samstag früh stattgefunden. Veranlaßt war das Duell bekanntlich
Armen ausgenommen und im Forsthaus mit liebender Sorgfalt umgeben worden, aber Giulio Goldinis schwache Gesundheit hatte den vorausgegangenen Stürmen doch nicht zu widerstehen vermocht, sie brach zusammen als er das schützende Asyl erreicht hatte, zu dessen Gewinnung er seine letzte Lebenskraft eingesetzt und es bedurfte einer sehr langen und aufopfernden Pflege seiner Tochter um sie ihm noch für eine Zeit lang wieder zu geben.
Lia Rose eilte mit nimmermüder Geduld von einem der theuern Kranken zum Andern. Wenn sie das Zimmer ihres Vaters betrat, so verbannte sie jede Trauer aus ihrer Stimme, jeden Hauch von Angst und Schwermuth aus ihren Worten, ihn zu erheitern und zu zerstreuen war dann ihre einzige Sorge. Sie wurde nicht müde, mit ihm stundenlang von seiner geliebten Frau Musika zu sprechen, ihm vorzulesen und — zu fingen. Ja, sie fang, sie preßte die Hand auf ihr zuckendes Herz und fang ihm jene Lieder, die sie mit den seligsten Empfindungen, denen eine Menschenbrust fähig ist, dem Geliebten gesungen hatte.
Wenn sie bann an Walters Leidensbett zurück- kehrte, so zeigte sie keine Spur von Ermüdung oder Erholungsdürftigkeit. Die Energie, ihres Willens schien dem zarten Mädchen Kraft und Ausdauer zu verleihen, das Schwerste zu über«
durch eine Steigerung Sareinti)’8, welcher dem Kriegs- Minister in der Kammer Feigheit vorgeworfen hatte. Darauf hatte Boulanger Lareinty auf Pistolen gefordert und alle Bemühungen, die beiden kampflustigen Herren zu verft' n, scheiterten. So ein französisches Duell ja uch in der Regel wenig gefährlich. Auch das Duell Bou- langer-Lareinty nahm einen vergnüglichen Ausgang. Lareinty schoß vorbei und Boulanger in die Luft, darauf gingen beide zufrieden nach Hause, die verletzte Ehre war gerettet.
* * Die Türkei macht jetzt Ernst mit der Abrüstung. Durch Dekret des Sultan werden die an den Grenzen Rumeliens und Griechenlands toncentrirten Truppen auf ihre normale Stärke redncirt, bezw. die repuläre Armee auf Friedensfuß gesetzt und die Redifs sowie Mustahafiz (Reserven) in ihre Heimath entlassen.
* * Nachdem Gladstone bei den englischen Wahlen eine Niederlage erlitten hat, dürfte sein Rücktritt unmittelbar bevorstehen. Die diffentirenden Liberalen sind entschlossen, in das neue Cabinet nicht einzutreten, wodurch das in Aussicht stehende Ministerium Salisbury von vornherein in eine gewisse Zwangslage geräth insofern, als es in feinen Entschließungen von einem außerhalb des Cabinets stehenden Factor abhängig wird. Ob sich dieser Zustand auf die Länge der Zeit als erträglich erweisen wird, entzieht sich heute noch der Beurtheilung.
Aus Stadt, Provinz und Nachbargebiet.
Fulda, 19. Juli.
+ Die Einführung des Herrn Stadtpfarrers Rh ie l durch denBischöfl. Kommissar, Herrn Geistl. Rath Engel, hat am gestrigen Sonntag in feierlicher Weife stattgefunden. Unter Absingung eines passenden Liedes ward der neue Herr Pfarrer von seiner Wohnung in die Kirche geleitet. Freude über die Besetzung der seit längerer Zeit verwaisten Stadtpfarrei hatte die Gläubigen in großer Zahl herangezogen, um der Einführung des Pfarrers beizuwohnen. Vor dem Altäre angekommen, stimmte der Herr Geistl. Rath das „veni sancte spiritus“ an und übergab dann dem Herrn Pfarrer
winden. Es war fast ein Wunder, daß sie den Anstrengungen der Krankenpflege nicht erlag, die sie getreulich mit der unglücklichen Mutter theilte, ja deren schwersten Theil sie stets auf sich zu nehmen suchte. —
Der Kranke schien sich in ihrer Gegenwart auch stets am glücklichsten zu fühlen; er wurde unruhig sobald sie sich entfernte und die Gluth des Fiebers fänftigte sich stets, wenn ihre Hand sich auf feine Stirn legte.
„Wenn wir ihn durchbringen, gnädiges Fräulein, so haben Sie ihn dem Tode abgerungen," pflegte der ihn behandelnde Arzt, Hofrath von Werth, der Leibarzt der Fürstin zu sagen, der vom Hofe zu R. eigens herübergeschickt worden, einestheils weil der junge Erkens die Wunde, als deren Folge man allgemein seine Krankheit betrachtete, im Dienste seines Herrn empfangen, hauptsächlich aber, weil die hohe Frau dadurch ihre Dankbarkeit beweisen wollte, für die gastliche Ausnahme und aufopfernde Pflege, die ihre Tochter, Prinzeß Therese im Forsthause gesunden.
In den langen Nächten, die Lia Rose an Walters Lager wachte, enthüllte sich ihr auch das streug- verwahrte Geheimniß seiner Liebe, das er um des Freundes Willen in den tiefsten Tiefen feines Herzens verborgen, es strömte ihr heiß entgegen aus den Fieberphantasien des Besinnungslosen und