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1886

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Erstes Blatt.

t Zur Situation in Oesterreich.

Wir sehen in Oesterreich jetzt merkwürdigen Verschiebungen in den Konstellationen der Par­teien entgegen. Zunächst bemerken wir, daß der sog. „deutsch-österreichische Klub", der die ge­mäßigten Deutschliberalen umfaßt, eine bedeutende Schwenkung nach Rechts macht und sich immer mehr bemüht, gute österreichische Gesinnung zu be­kunden und auf diese Weise mehr Fühlung mit der Regierung zu erhalten. Das Kabinet Taaffe kommt diesem Bestreben sichtlich entgegen, es hat auch durch die beiden letzten Ministerernennungen, wo­bei politisch farblose, aber trotzdem den Rechts­liberalen weit näher als den Konservativen und Nationalen stehende Beamte wichtige Portefeuilles erhielten, ein gewisses Entgegenkommen gezeigt und es scheinen in nächster Zeit nach dieser Richtung noch weitere Schritte bevorzustehen. Es ist die Bildung einer Mittelpartei im Zuge, bei der die Großgrundbesitzer von rechts und links das Ausschlag gebende Element bilden, und damit ist auch in gewiffer Beziehung eine Verständigung zwischen der Regierung und den Rechtsliberalen gegeben. Das Versöhnungsprogramm des Grafen Taaffe bekundet sich darin, daß es nunmehr auch die auf der deutsch-liberalen Seite befindliche Oppo­sition für den Reichsgedanken zu gewinnen sucht und dasür sorgt, daß nicht große Parteigruppen tn eine dauernde Opposition aus nationalen Grün­den getrieben werden. Wie das Kabinet s. Z. die Slaven zu versöhnen suchte und dort, wo ihnen bisher ihre nationalen Rechte verkümmert wurden, ein Entgegenkommen bewies, so will das Kabinet auch jenen Deutschen, die im liberalen Lager stehen, augenscheinlich die Hand bieten und sie dadurch von der extremen und ultranationalen Richtung trennen. Diese hat übrigens das Ihrige beigetragen, daß eine Schwenkung unter den Rechtsliberalen eintrat. Je unverhüllter die ex­tremen Deutschthümler ihre antiösterreichischen Ten­denzen bloslegten und den Anschluß an die All­mutter „Germania" predigten, destomehr sahen sich die Rechtsliberalen veranlaßt, ihr Oestreicherthum zu bekunden und darzuthun, daß sie mit dem über

Die Tochter des Seigers. 34

Roman von C. Armand.

(Fortsetzung aus dem heutigen 2. Blatt.)

Der junge Fürst weilte seit einigen Tagen an dem besreundeten Hofe zu R. und man hoffte und erwartete allgemein, daß dieser Besuch zur offiziel- len Proklamirung seiner längst geplanten Verlo­bung mit der Prinzessin Therese führen würde, ein Ereigniß, das von der ganzen Bevölkerung mit lebhafter Sympathie begrüßt werden würde.

Die glänzenden Räume des alten Fürstenschlos­ses zu R. strahlten in lebhafter Beleuchtung, zu Ehren des erlauchten Gastes wurde ein großer Hosball gegeben.

Im Glanze der kostbaren Lüstres, deren zahllose Flammen von deckenhohen Spiegeln blendend zu- ruckgeworfen wurden, bewegte sich eine auserlesene Gesellschaft, deren Mittelpunkt das junge fürstliche Paar bildete. Als Prinzeß Therese vorhin an der Seite ihres fürstlichen Gastes eingetreten, deffen hohe Gestalt in der Gala-Uniform der Garde- Husaren — feines Lieblingsregiments — noch im­posanter erschien als gewöhnlich, sagte sich im Stillen ein Jeder, daß die muthmaßlichen Berlob- len wie für einander geschaffen seien. Prinzessin Thereses EN'cheinung zeigte die edle Einfachheit, dir sie stets auSzeichnere: sie trug ein schleppendes

die Grenze Schielen gewisser „Nurdeutscher" nicht einverstanden sind. Das mußte die Partei thun, um sich nicht für alle Zukunft jede Regierungs­fähigkeit zu verscherzen. Sie war aber auch da­zu aus taktischen Gründen gezwungen. Denn die Jungdeutschen suchten ihre Eroberungen nicht auf dem Gebiete der Majoritätsparteien, sondern in den bislang unbestrittenen Domänen der „Alten." Während die extremliberale Preffe eine leiden­schaftliche Hetze gegen die Altliberalen betrieb, suchte man auch ein Mandat nach dem andern den „Alten" zu entreißen und lohte der „Bruderzwist" in Hel­len Flammen auf. Um nicht von den „Jungen" aus den bisherigen Positionen hinausdrängt zu werden, suchte man Fühlung nach der entgegen­gesetzten Seite und der Selbsterhaltungstrieb nöthigte dazu, selbst mit dem bislang gehaßten Kabinete anzuknüpfen. Der Erfolg war der, daß die Regie­rung nunmehr beginnt, auch dieser Richtung Rech­nung zu tragen und deßhalb nicht durch Männer der Rechten, sondern durch politisch indifferente, aber erprobte und fähige Beamte das Kabinet zu ergänzen. Es ist nicht ausgeschloffen, daß viel­leicht auch mit der Zeit ein Mitglied der Rechts­liberalen in's Kabinet eintritt und man so glaubt, das Versöhnungsprinzip vollständig ausgebaut zu haben. Was angesichts dieser Verschiebung die Rechte thun wird, entzieht sich unserer Beurthei- lung, aber es scheint, daß man auch dort mit der Eventualität einer Mittelpartei zu rechnen beginnt die den zu weit gehenden Aspirationen von rechts und links namentlich m nationaler Beziehung ent­gegentreten soll. Am meisten verliert die d e u t sch- nationale Richtung, die schon jetzt völlig isolirt ist und die ihrer Auflösung entgegeneilt. Der „deutsche Club" kann sich absolut nicht mehr halten, eigene Parteigänger desselben plaidiren für Auflösung und das Finale wird sein, daß bis zum Beginn der nächsten Parlamentsseffion der­selbe von der Bildfläche verschwindet und der größere Theil seiner Mitglieder zu den Fleisch­töpfen der altliberalen Partei zurückkehrt, der kleinere aber einen Klub der „Unversöhnlichen" bildet, der nach kurzem Austoben sich unmöglich machen und ein baldiges unrühmliches Ende fin­den wird. Die Parteiverhältnisse in Oesterreich waren in letzter Zeit sehr unnatürlich und ge-

Gewand von schwerer weißer Seide, um Hals und Arme hatte sie, jede bunte Scheinpracht verschmä­hend, Schnüre von kostbaren, bläulich weißen Per­len gelegt. Eine eben solche Schnur schlang sie auch durch die reichen Wellen des aschblonden Haa­res, das an der linken Seite durch einen vollen Strauß frischer Resedablüthen emporgehoben wurde.

Fürst Edgar überkam in ihrer Nähe ein Gefühl fast friedensvoller Ruhe, die junge Prinzessin übte eine ungemein sympathische Wirkung auf ihn: er empfand mit tiefer Erleichterung, daß sie wenig­stens einen Zauber mit Lia Rose gemeinsam besaß — den Zauber echter Weiblichkeit, und indem er erkannte, daß er diesem jungen Wesen, wenn auch nicht Liebe, so doch ein Gefühl achtungsvoller Freundschaft entgegenbringen konnte, fühlte er auch den Abscheu schwinden, den er bisher gegen die geplante Verbindung gehegt.

In einer Pause des Tanzes führte er die Prin­zessin in ein für den Hof reservirtes Seitengemach, das durch eine Fülle von Blumen und Topfge­wächsen in einen blühenden Garten verwandelt er­schien.

„Ah, hier ist es kühl und still!" sagte der junge Fürst ausathmend, indem er seine junge Begleiterin zu einer unter Palmenwedeln halb verborgenen Causeuse führte, „wollen Sie mir hier eine kurze 1 Unterredung gewähren ?"

künstelt, wenn eine Klärung eintritt, so ist dies in gereiftem Sinne wünschenswerth, denn kein ver­nünftiger Patriot wird eine Verschärfung der Parteileidenschaften, sondern ihre Milderung an- streben und jeden Schritt hierz.. ' rußen. Sache der Konservativen aber wird e« j in, dafür zu sorgen, daß sie bei der Annäherung ze schen Regie­rung und Rechtsliberalen nicht den P. 's derselben bilden und ihnen auch in Zukunft ein gewisser Einfluß auf die staatliche Entwicklung gewahrt bleibt. Im übrigen darf man der weiteren Ent­wicklung der Dinge mit Ruhe entgegensehen.

Deutsches Reich.

Berlin, 16. Juli.

** Gegenwärtig tagt in Berlin der Congreß deutscher Sattlermeister, zu dem sich etwa 100 Delegirte aus allen Theilen Deutschlands eingefunden haben. Mit dem Congreß ist eine Fachausstellung verbunden. In der heutigen Sitz­ung wurde beschlossen, bei der Regierung zu pe- titioniren, daß es dem Verbände gestattet sei, das Wort „Ta p ez ie r er" in den Verbandstitel aufzu­nehmen, da das Tapezierer mit dem Sattlerge­werbe eng verwandt sei. Aus dem Bericht über die Organisation des Jnnungswesens ging hervor, daß der Verband noch nicht 20 Innungen umfaßt und daß es ganz besonders in Süddeutsch­land schwer hält, für den Verband Boden zu ge­winnen. Im Anschluß hieran wurde beschlossen, den Centralvorstand zu beauftragen, in den ver­schiedenen größeren, zum Bunde gehörenden Orten die Bildung von Vororten behufs Errichtung wei­terer Fach-Innungen zu bewirken.

** Gelegentlich des dieser Tage in Berlin statt­gefundenen Schuhmacher-Congresses theilte der Vorsitzende desselben mit, daß der Kriegsminister einer Deputation von Schuhmacher­meistern die bestimmte Versicherung gegeben habe, daß bei Ausbruch eines Krieges die Lieferung der Militär stiefel ausschließlich den I n- n u n g e n übertragen werden würde.

* In der .Köln. Ztg/ war dieser Tage zu lesen: „Alles in allem genommen muß man den Eindruck gewinnen, daß dem Katholizismus der friedliche Modus vivendi zwischen der bayerischen Staatsregierung und Papst und Bischöfen ein

Die Prinzessin bog eine eben erschlossene Kala- blüthe zu sich nieder und neigte ihr Antlitz über den weißen Kelch, um ihm die Gluth zu verber­gen, die langsam über dasselbe aufgestiegen. „Sprechen Sie," sagte sie leise; sie fühlte instink­tiv, daß sie zu dem bevorstehenden Gespräch ihre volle Selbstbeherrschung bedürfen würde.

„Prinzessin," begann Fürst Edgar, der ihr gegenüber stehen geblieben war und die Arme über die Brust gekreuzt hatte, „ich darf wohl annehmen, daß Ihne» die Bestimmungen nicht unbekannt ge­blieben, die man über nnsere beiderfeitige Zukunft getroffen? „Was mich anbetrifft," fuhr er auf eine Bejahung ihrerseits fort, „so ehre ich diese Bestimmungen und bin gern entschlossen, sie zu erfüllen, aber ich achte Sie zu hoch, um mich nicht, indem ich Ihnen meine Hand anbiete, zu voller Aufrichtigkeit Ihnen gegenüber für verpflichtet zu halten!

„Ich werde Ihnen dankbar dafür sein," entgeg­nete sie einfach. Kein Zucken ihrer Lippen ver- rieth, daß sie litt.

„Ich weiß es und fühle es noch tiefer, seitdem ich Sie kennen gelernt, daß Sie berechtigt find, die Liebe, das volle, ungeteilte Herz Ihres künf­tigen Gatten zu fordern. Beides habe ich nicht mehr zu bieten. Das Einzige, was ich dem Weibe zu geben vermag, das sich nach die'em Geständniß