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155. Montag, den 12. Juli 188ö.

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Deutsches Reich.

Berlin, 11. Juli.

* Zu der Meldung des ,Czar' von einer bevor­stehenden Zusammenkunft der Kaiser von Deutschland, Oesterreich und Rußland in deren Gefolge sich die Minister des Aeußern befinden würden, bemerkt die ,Nationalzeitung': man kann für den Fall, daß eine Zusammenkunft stattfinden sollte, annehmen, daß dieselbe auf deutschem Boden gehalten werden würde, und würde vielleicht in einem solchen Falle an Kiel oder Königsberg gedacht werden. Nach dem ,Czar' würde es sich bei dieser Zusammenkunft um die Erneuerung der Vereinbarungen von Skierniewicn, deren Frist im nächsten Jahre abläuft, handeln.

* Auf der Werft „Vulcan" in Stettin ist gestern der erste große Subventions-Dam­pfer „Preußen" in Anwesenheit der Minister v. Puttkamer und v. Bötticher sowie anderer hoher Würdenträger glücklich vom Stapel gelau­fen. Den Taufact vollzog die Gemahlin des Ober­präsidenten Gräfin von Behr-Negendank.

* Die Kaiser!. Normalaichungs-Com- missi on erläßt neue Bestimmungen über die Be­glaubigung der Schmelzpunkte leichtflüssiger Me- talllegirungen für D a m p f k e s s e l - S i ch e r h e i t S- apparate. Darnach werden zur Beglaubigung nür Legirungen für solche Apparate zugelaffen, welche vom Staatssecretär des Innern für geeig­net erachtet werden. Die Legirungseinsätze muffen in Reihen von mindestens 50 Stücken eingesendet werden. Ergibt die Prüfung, daß die innerhalb einer Reihe zusammengehöriger Stücke ermittelten Schmelzpunkte um nicht mehr als 2 Centigrade von einander abweichen, so wird die Reihe zur Beglaubigung zugelaffen. Als Beglaubigungs­zeichen dient der Reichsadler. An Gebühren wer­den für jedes Stück einer zur Prüfung eingesen- beten Reihe 10 Pfennig erhoben.

* Das Hirschberger Thal ist von einer

Nie Tochter des Seigers.

Roman von C. Armand.

„Gott segne Dich, mein theures Kind, meine geliebte, kleine Cecilia," flüsterte er mit fast ver­sagender Stimme und liebkosend glitten seine zittern­den Finger über ihren lockigen Scheitel.

„Mir wird so wohl in Deiner Nähe, so leicht wie noch nie, ich glaube, ich kann jetzt schlafen, ich bin so müde und seit mancher Nacht habe ich die Wohlthat des Schlummers entbehrt."

In der That, er sah auch sehr blaß und müde aus. — Lia Rose erschrack, als fie ihn betrachtete. Er war zu schwach, die Wiedersehensfreude zu er- tragen, sein Kopf sank schwer auf die Brust, lang­sam glitt er aus ihren Armen zum Boden und seine Augen schloffen sich in tiefer Ohnmacht.

Voll verzweifelter Angst warf sich Lia Rose über ihn und preßte ihren warmen Mund auf seine kalten Lippen, ihm Lebensodem einzuhauchen. Wäre es möglich? wäre dies der Tod, dem er sich so nahe geglaubt? Würde sie nie mehr ein Liebes­wort von diesen kalten Lippen hören?

Nein — nein, so grausam konnte das Schick­sal nicht sein, es konnte ihr den kaum Gefundenen nicht wieder entreißen. Aber was sollte sie ihun? — woher die Mittel zu einer Belebung nehmen, hier allein mitten im Walde? Da fiel ihr dar

neuen Ueberschwemmung heimgesucht worden, die theilweise noch größer sein soll als die letzte. Namentlich steht das Zackengebiet unter Wasser. Die niedriger gelegenen Stadttheile Hirschberg's und die umliegenden Ortschaften sind gleichfalls überschwemmt.

* Der würtembergische und der badische Finanz Minister (v. Renner und v. Elstätter) batten dieser Tage in Pforzheim eine Zusammen­kunft, über deren Zweck nichts bekannt ist. (Brannt­weinsteuer?)

* Aus Limburg, 8. Juli, wird der ,Germ.' geschrieben: Der gestrige Tag wird in den Annalen unseres Bisthums stets ein bedeutungsvoller bleiben. Es ist bekannt, wie dürftig die Diözese Limburg bei ihrer Errichtung in den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts ausgestattet worden und wie es hier namentlich an einem Pensionssonds für emeritirte Geistliche fehlte. Wohl hat der katholische Centralkirchenfonds unter den vielen anderen Zwecken, für die er gegründet worden, auch den, dienstunfähig gewordene Geistliche zu unterstützen. Allein bei den sehr beschränkten Mitteln, die ihm zu Gebote standen, ist gar nicht daran zu denken, daß derselbe in dieser Hinsicht etwas Nennenswerthes leisten könne. Faktisch sah sich deßhalb auch die bischöfliche Behörde in der Regel genöthigt, die aus ihm zu bewilligenden Unterstützungen auf ein Minimum zu reduziren, während die Benefizien selbst, falls ihr Inhaber dienstunfähig wurde, den größten Theil der Pen­sion zu bestreiten hatten. Zu welchen beklagens- werthen Mißständen das führen mußte, braucht nicht gesagt zu werden, da die meisten Pfarreien des Bisthums kaum das Nöthige zum standes­gemäßen Unterhalte eines Geistlichen eintragen, geschweige denn die Sustentation von zweien in genügender Weise bestreiten können. Oft und oft wurde daher die Gründung eines Pensionsfonds für Geistliche besprochen; aber es kam nicht dazu, weil es an reichen Wohlthätern fehlte, die einen ausreichenden Grundstock hätten spenden können. Dieser Roth soll nunmehr gesteuert werden. Der hochwürdige Herr Pfarrer Schenk zu Edders­heim, bekannt durch die von ihm gegründete groß­artige Meßweinkellerei zu Hochheim, hat der bischöflichen Behörde mittelst Schenkungsurkunde Körbchen mit den Vorräthm für ihre Kranken ein — sie sprang auf und flog schnell wie die flüch­tige Gazelle nach dem Platze, wo sie es vorhin zu- rückgelaffen. Es stand noch dort — sie griff es auf — und eilte in athemlosen Laufe zu dem Bewußtlosen zurück.

Der Korb enthielt alles was sie brauchte. — Sie wusch ihm die Schläfe mit Wein und flößte ihm einige Tropfen eines belebenden Trankes ein. — Ihre Bemühungen hatten Erfolg; die Ohn­macht begann zu weichen — langsam schlug er dir Augen auf, Lia Rose füllte ein Glas mit feurigem Tokayer und gab es ihm zu trinken, während sie dann mit der Linken sein Haupt stützte. Die Lebensfarbe kehrte wieder in seine Wangen zurück: „Ah, wie das kräftigt — Dank Dir „Cecilia. mia“ flüsterte er — dann sanken die Lider wieder matt über seine Augen.

Lia Rose sah es jetzt ohne Schrecken — es war ja nicht Betäubung mehr, die sie schloß, es war der Schlaf, nachdem er sich so sehr gesehnt und der ihm eine wohlthuende Erquickung sein würde.

Seine Brust hob sich in leisen ruhigen Arhem- zügen, sie schob das Tuch von dem die Magd gesprochen — es war ein abgelegter Plaid, den sie für eine kranke Frau bestimmt — als Polster

vom 30. Juni l. I. die Summe von fünfzig- tausend Mark behufs Gründung eines Pen­sionsfonds für emeritirte Geistliche zur Verfügung gestellt und diese Summe in Werthpapieren nebst der Schenkungsurkunde unter Vorbehalt der landes­herrlichen Genehmigung gestern Nachmittag in seiner Wohnung zu Frankfurt a. M. (Gärtner­weg 55), wo er sich zum Gebrauche einer Kur aushält, Herrn Domkapitular Dr. Höhler als Vertreter der bischöflichen Behörde übergeben. In der bezüglichen Urkunde hat Herr Pfarrer Schenk unter Anderem auch bestimmt, daß die Verwaltung des Fonds ausschließlich in geistliche Hände gelegt und dabei einer von der Pfarrgeistlichkeit der Diözese zu wählenden Vertretung eine Mitwirkung eingeräumt werde. Die Kunde von diesem erheben­den Akte priesterlicher Großmuth wird nicht ver­fehlen, in weiten Kreisen große Freude hervorzurufen. Sie wird bei der zunächst betheiligten Diözesan­geistlichkeit aber auch gewiß das Gefühl wärmster Dankbarkeit gegen den greifen Wohlthäler rege machen, und gehen wir wohl nicht irre, wenn wir annehmen, daß diese Dankbarkeit sich auch im Aeußeren in entsprechender Weise kund geben werde, zumal Herr Pfarrer Schenk noch weitere Spenden für den von ihm gegründeten Fonds Herrn Dr. Höhler in Aussicht gestellt und wiederholt seiner lebhaftsten Befriedigung darüber Ausdruck gegeben hat, daß es ihm vergönnt sei, seinen theuren Kon­fratres in solcher Weise zu Hilfe zu kommen. Wir zweifeln aber auch daran nicht, daß im Diözesan­klerus selbst sich jetzt ein reger Eifer entfalten wird, den nunmehr gebildeten Fonds, an deffen landesherrlicher Genehmigung wohl nicht zu zweifeln ist, durch weitere Zuwendungen auf die dem Be­dürfnisse genügende Höhe zu bringen. Wir schließen unseren Bericht mit dem innigen Wunsche, daß Gott Herrn Pfarrer Schenk seine Wohlthaten in reichstem Maße vergelten wolle. Vivat sequens!

* München, 8. Juli. Unter scharfem Tadel gewisser auf Sensation berechneter Korrespondenzen ist die „Allg. Ztg." in der Lage, über das Befinden des Königs Otto folgende authentische Mittheilungen zu machen: „Der König erfreut^ sich ganz normaler körperlicher Gesundheit. Von Seite der Kuratoren ist Alles aufgeboten worden, um den Kranken mit all dem der königlichen Würde

unter seinen Kopf und setzte sich dann still neben ihm nieder um feinen Schlummer zu bewachen.

Hinter den Bäumen kamen zwei Bäuerinnen im Gespräch über den Waldweg gegangen. Neu­gierig blickten Sie im Vorüberschreiten durch das blühende Strauchwerk auf die Gruppe unter der Rothbuche. „Ei, sieh' doch nur, was thut denn das Waldfräulein dort bei dem Landstreicher?" sagte die Eine — dann gingen sie weiter, die Antwort verlor sich bereits in der Ferne.

Lia Rose hatte die Worte vernommen — sie zuckte zusammen, als ob ein schmerzender Stich sie getroffen. „Ein Landstreicher — ach mein Gott!" sie rang in stummer Qual die feinen Hande ineinander. — Ja, — sie hatte es bis jetzt nicht bemerkt — feine Kleidung rechtfertigte das häßliche Wort, und seine Wangen — ach wie hohl und eingefallen waren sie! wie mochte er gedarbt haben, um bis hierher zu gelangen: vielleicht hatte er sogar der Nahrung entbehrt! — Und dieser Mann mit dem Silberhaar, mit der müden, gebrochenen Gestalt, zählte erst 48 Jahre, im besten Mannesalter war er ein Greis! O es war hart, bitter hart, für der Tochter liebendes Herz, zu denken, daß er es um ihretwillen ge­worden.

Mit bebendem Finger zog sie das Medaillon unter dem Gewände hervor und blickte mit über-