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Sonnabend, den 10. Juli

1886.

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Zweites Blatt.

* Die Berliner Börse bisindet sich, wie Otto Glogau im .Kulturkämpfer' schreibt, seit Wochen in einem höchst unbehaglichen Zustande. Sie scheint an einer Art von Wechsel- Fieber zu leiden; man kann beobachten, wie fliegende Hitze und Schüttel-Frost in kurzen Zeit­räumen bei ihr abwechseln; bald lauten die Bulle­tins: „Belebt!" „Steigend!" „Fest!" „Sehr fett!" — und dann wieder: „Schwankend!" „Er- mattend!" „Schwach!" „Flau!" — Die Börse klagt über Appetitlosigkeit, und ohne Frage hat sie sich den Magen überladen. Mit einer wahren Gier hat sie seit Neujahr und länger die Renten-Titel aller möglichen und unmöglichen Staaten ausgenommen, schwelgte sie in der Ein­führung von Anleihen fremder Gemeinden, brachte sie die Akten der fragwürdigsten Jndustrie-Gesell- schäften mit einem unverschämten Agio zu Markt. Die Berliner Börse gedachte das Deutsche Kapital zum Gläubiger des ganzen Auslandes zu machen, die englische und französische Kapital-Macht aus dem Felde zu schlagen. In ihrem Größenwahn meinte sie, Berlin, das gegenwärtig das „Cen- trum der „Europäischen Politik" bildet, auch zum Mittel-Punkt für die Finanz-Geschäfte des Kontinents hinaufschrauben zu können. London sollte seiner Herrschaft über den Geld-Markt ent­setzt werden, und dieses Monopol auf Berlin übergehen. Effekten, die an der Pariser und Son- doner Börse nicht unterzubringen waren, nahmen ihren Weg nach Berlin und fanden hier bereit­willige „Hände"; Serben, Italiener, Portugiesen, Egypter und andere „Sicherheiten" wurden in Berlin zu Preisen ausgenommen, welche in Paris und London unmöglich gewesen wären. Diese Unmenge von neuen Papieren liegt der Berliner Börse wie ein Stein im Magen, und sie harrt sehnsüchtig der Tage und Umstände, wo sie sich erleichtern und reinigen könnte. Seit Herbst 1884 schwere den leitenden Finanz-Mächten in Deutsch­land ein rosiges Bild vor: die Umwandlung sämmtlicher rusiifchen Anleihen in eine einzige Renten-Schuld, mit herabgesetztem Zins-Fuß. Sie wollten die Zinsen und Amortisationslast, welche die russische Staatskasie zu tragen hat, um ein Fünftel verringern ; ja, sie erboten sich, die ruffische

Pie rochier der «ei-rrs.

Roman von C. Armand.

„Was hatte nur das Fräulein?" murmelte Babette kopfschüttelnd, „sie war ja ganz verstört und das Körbchen hätte sie sicher vergeffen - da werde ein Anderer klug daraus."

Lia floh indeffen wie gehetzt in den Wald hinaus — immer weiter und weiter. Sie achtete nicht auf den Weg; es war ja einerlei, wohin sie ging, nur allein wollte sie sein — ganz allein.

Endlich hielt sie inne — sie war an einer ein- samen Stelle angekommen. Die Füße trugen sie nicht wefter, sie kniete neben einem der hohen Bäume nieder in'« blumige Moor — und beide Arme um den epheuumrankten Stamm schlingend, drückte sie wie todtmüde das Gesicht in die kühlen Blätter.

Ihre zarte Gestalt erbebte in krampfhaftem Schluchzen, sie weinte die schmerzlichsten Thränen ihres Lebens, bitterer und schmerzlicher noch al« die, die sie am Sarge der Mutter geweint, damals war sie ein Kind gewesen und der Tod, der uns ein treue« Leben entreißt ist ein unabänderliche« Schicksal, das getragen werden muß und das direkt von Gott kommend von dem gläubigen Herzen fromme Ergebung fordert, jetzt aber, jetzt sollte

Valuta mittels des ausländischen Kapitals zu reguliren und wesentlich zu heben. Aber merkwür­diger Weise sträubte sich die öffentliche Meinung in Rußland gegen diese, dem Staate zugedachten Wohlthaten; "die ruffische Preffe warnte die Re- gierung vor solch' gewaltsamen Finanz-Operationen, und daraufhin erklärte auch der russische Finanz- Minister Bunge öffentlich, er sei entschieden gegen die künstliche Steigerung des Kredit Rubels. Dessen ungeachtet gab die Börse die Hoffnung auf das riesige Konvertirungs-Geschäft nicht auf; von dieser Hoffnung lebte und zehrte sie, ließ sie sich zu einer Reihe von fast ununterbrochenen Emissionen, Gründungen und anderen Spekulationen begeistern. Die -Börsen-Presse' fuhr fort, die russische Re- gierung liebreich zu ermahnen, Letztere möge doch Vernunft annehmen, und die dargebotene Freundes- Hand nicht zurückstoßen. Herr von Hansemann, der Chef der Diskonto-Gesellschaft, und andere Finanz-Magnaten fuhren fleißig nach Petersburg, um den russischen Finanzminister persönlich zu be­arbeiten. Als Herr Bunge zögerte, brachen die Jobber gleich nach dem vorjährigen Osterfest in den Ruffen-Markt ein. Der Zusammenstoß russi­scher Truppen mit den Afghanen bot ihnen die willkommene Veranlaffung, eine sogen. „Panik" herbeizuführen, den Kours der Ruffeu-Werthe in wenigen Tagen um 10-15 Prozent herunter zu reißen. Der Einbruch geschah unter Anführung großer Berliner Bankhäuser, und sie machten da­bei einen Schnitt von mehreren Millionen, natür­lich aus Kosten des armen dummen Publikums. Die Konvertirung der russischen 5prozentigen Me- lall- und Papier-Anbiheu, welche zusammen einen Betrag von V]2 Millionen Mark erfordern würde, blieb aber nach wie vor auf der Tagesordnung der Berliner Börse stehen, und im März d. I. wußten die Börsenblätter zu melden, daß mit dem großen Geschäft endlich der Anfang gemacht wer- den solle. Jndeß, wenn Hr. Bunge auch wollte: er könnt- und durfte nicht. Professor Katkow, der Leiter der Moskauer Ztg ' ist dagegen; Herr Kat- kow, nach dem Kaiser der mächtigste Mann in Rußland, litt es nicht. Vielmehr geschah nun etwas, was die Börse ziemlich außer Fassung setzte und ihr einen dicken Strich durch die Rechnung machte. Der russische Finanzminister legte eine neue 5prozentige steuerpflichtige Anleihe von 100

sie selbst das Trennungswort sprechen, das sie für immer von dem Geliebten auf Erden schied!

Wie jammerte ihr Herz in dieser Stunde nach der Mutter. Eine unnennbare Sehnsucht «füllte sie den müden Kopf an ihre treue Brust legen und flüstern zu können: „Entscheide Du für mich." Fester umschlangen ihre Arme den rauhen Stamm, als ob es die theure Gestalt der Todteu sii, die sie umklammert hielte.

Und der Vater! Warum mußte er so fern sein, so unerreichbar für ihren sehnsuchtsvollen Ruf? Wenn er wüßte, wie seine Tochter nach ihm ver­langte in ihrem Schmerz! doch das Meer lag ja zwischen ihnen, das weite, endlose Meer.

Da — war war das: Süße zauberhafte Klänge schwebten zu ihr herüber, gleich Aeolsharfentönrn drangen sie in die Seele der regungslos Lauschen­den. Es war eine wundervolle meisterhaft gespielte Geige, die da so herzerschütternd jubelte und klagte und sanft mit beschwichtigender Gewalt ihren Schmerz zur Ruhe sang. —

So konnte nur einer spielen! Sie kannte diese Töne, die der Morgenwind wie den sehnenden Ruf eine« Herzen« zu ihr herübertrug - sie sprang empor — „ich komme, ich komme. , flau; es fast jauchzend von ihren Lippen und wie von

Millionen Papier-Rubel im eigenen Lande aus! und diese Anleihe ward dreißig Mal überzeichnet, Das war eine schlagende Antwort auf die Kon- vertirungr-Gelüste, denn sie lautete: es liegt nicht ,m Interesse des russischen Kredits, die augenblick­liche Fülle ves Geldmarktes zu benutzen, um einen niedrigeren Zinsfuß als 43/4 Prozent für die ruf- rfchen Anleihen durchzusetzen. Aber jener unver- muthete Schritt hat noch eine weit größere Bedeu­tung. Herr Katkow ist ein so entschiedener und zielbewußter Patriot, daß er Rußland von der Herrschaft der Börse und aus den Klauen der gol­denen Internationale überhaupt befreien und er­retten möchte. Rußland soll auch in Betreff feiner Finanzen endlich aus eigene Füße gestellt werden. Da der Versuch mit der letzten inneren Anleihe so glänzend ausgefallen ist, wird man den eingefchla- genen Weg verfolgen, und auch in Zukunft auf )ie Mitwirkung der Börse zu verzichten suchen. Das sind schlechte Aussichten für die europäische Groß-Finanz, welche bisher an Rußland Hunderte von Millionen verdient hat. Aber von Hrn. Kat­kow könnte auch die deutsche und die preußische Regierung lernen. Jndeß hat es bei uns wohl noch gute Weile damit. Es stehen noch mancherlei dunkle Punkte a-n politischen Horizont, auf welche hinzuweisen selbst Fürst Bismarck im offe­nen Reichstsge sich veranlaß: sah. Niemand wundere sich also, wenn an der Börse nächstens ein Un- wett er ausbricht, und die Kourse wieder purzeln und stürzen.

Literarisches.

DieKaltwasserbehandlung zu Hause und in der Anstalt. Mit einem Anhang: Elektrotherapie. Eine ge­meinverständliche Abhandlung von Dr. E. Maienfisch. 2. Auflage. 8'. 70 S. Preis Mk. 1.30. Dem Verfasser ist es trefflich gelungen, das Wesen der Kaltwasserbehand­lung im Ganzen, wie der einzelnen Prozeduren dieses Heil­verfahrens, die Art der Ausführung, gemeinverständlich darzustellen. Das kleine Werk darf dem gebildeten Publi­kum warm empfohlen werden.

Nervosität und Nervenschwäche. Eine gemein­verständliche Abhandlung von Dr. E. Maienfisch. 2. Auf­lage. 8°. 41 S. Preis Mk. 1. Das Thema des oben­genannten Büchleins ist gewiß zeitgemäß, besonders für Städter. Nervosität ist ja der Schrecken so mancher Fa­milie, der Störenfried so manches häuslichen Glückes und die wirkliche Ursache vielen Unglückes. Dec Verfasser gibt uns eine Schilderung des Wesens und der in ihrem Aus- treten verschieden gestalteten Art der Nervosität, ihrer Ur­sachen und der Mittel zur Abhülfe.

unsichtbaren Schwingen getragen flog sie dahin — dem Schalle nach.

Näher und näher hörte sie die wunderbare Musik — endlich stand sie still, vor ihren um- schleierten Blicken blitzte der Waldsee auf und dort — auf dem Hügel unter der Rothbuche saß ein Mann — ein alter Mann, der eine Geige in den Händen hielt. Ueber feine Stirne siel eine dunkle Locke, aber zum Nacken floß das Haar in langen silbernen Strähnen.

Das gefurchte Antlitz war ihr zugewendet, doch er sah sie nicht — die Augen waren ja blind!

Ein Schrei der Seligkeit und Qual entrang sich ihren Lippen — der alte Mann fuhr auf, seinen Händen entsanken Geige und Bogen, „Mein Kind — meine Cacilia!" rief eine geliebte, ach so sehr veränderte Stimme — er breitete der vorwärts Stürzenden die Arme entgegen — sie lag an der Brust de« Vater« und fühlte wonne­trunken ihren Scheitel von seinen Küssen bedeckt.

Minutenlang hielten die Langgetrennten einander schweigend umschlungen — endlich hob er mit beiden Händen den lockigen Kopf seine« Kinde« empor und drückte ihn zärtlich gegen sein Gesicht.

(Fortsetzung im 1. Blatt.)