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1886.

Juli

Sonnabend, den 10

V 154.

B

SU ,Fulda« gritatf erschau t«,lich, Bonn, und Feiertag, angenommen. Bi-rteljährlich« «bonnementspreis ohne Br'ngerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Psg.. mit der W ,ö bülLtsttschen »ochenbeilage .Sterne und Blumen' in Fulda 1 Mk. <0 Pfz., auswärts 1 Mk. 7-, Pfg.

Inserate: Die einfpettige Jene oder deren Raum 15 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Erstes Blatt.

* Rußland und Bulgarien.

Nun wird klar, was Rußland mit seinem Auf­treten gegen den Fürsten von Bulgarien zunächst bezweckte: Es lärmt über dess.-n Verletzung euro­päischer Verträge, um sich selbst wieder einmal über einen wichen Vertrag Hinwegsetzen zu können. Rußland hat nämlich diesen Anlaß benutzt, um die Freihafenstellung der russischen Stadt Batum am schwarzen Meere aufzuheben, die übrigen Völker dort auszuschließen und den Handel mit dem persisch armenischen Hinterlande, so weit er von jener Stadt aus betrieben wird, ganz in russische Hände zu legen. Wie Rußland während des letzten deutsch-französischen Krieges die Gelegenheit benutzte, um sich von den ihm lästigen, die Entwicklung seiner Kriegsflotte im Schwarzen Meere hinderlichen Bestimmungen des Pariser Ver­trages von 1856 einseitig zu befreien — ein Vor­gehen, welches auf der Londoner Pontus-Konferenz vom März 1871 die nachträgliche Gutheißung der Mächte sand — so benutzt es auch den unzweideu­tigen Friedenswunsch aller Großmächte, um sich von einer weiteren ihm durch den europäischen Willen aufgezwungenen Fessel zu befreien. Was Europa dem kleinen Fürsten Alexander gegenüber zugelas­sen, kann es jetzt dem mächtigen Czaren gegenüber nicht abschlagen, und aus dieser Forderung heraus erklärt heute Rußland den Artikel 59 des Ber­liner Friedens von 1878 für aufgehoben, wo­nach Batum in Zukunft ein Freihandelshafen fein soll. Im Frieden von San Stefano verpflich­tete sich nämlich die Pforte zur Zahlung einer Kriegsentschädigung von 1410 Millionen Rubel. Aus Rücksicht auf den schlimmen Zustand ihrer Finanzen willigte die Pforte ein, an Stelle der Zahlung von 1100 Millionen in Armenien Arda- han, Kars, Batum, Bajazio und das Gebiet bis zum Soghanligebirge an Rußland abzutreten. Diese Bestimmung des Vertrages von San Stefano war neben derjenigen über die Ausdehnung eines unab­hängigen bulgarischen Reiches bis zum ägäischen Meere diejenige, welche den meisten Zorn Englands erregte. Lange Verhandlungen zwischen Lord Bea­consfield und dem Fürsten Gortschakoff hatten end­lich die Vereinbarung vom 30. Mai zur Folge,

Die Tochter de« Seigers.

Roman von C. Armand.

(Forts, aus dem heutigen 2. Blatte.)

„So, laß mich Deine Lippen auf den meinen fühlen und sprich zu mir, daß ich Deine Stimme höre, meine kleine Cacilia," flüsterte er: „ich bin ja blind und kann Dich nicht sehen. O, daß ich nur einmal, nur für die Dauer einer Sekunde Dein süßes Antlitz schauen könnte, mein Liebling, dann wollte ich mein Schicksal ruhig tragen." —

Es war gut, daß der Arme jetzt nicht sah — nicht die schmerzliche Anstrengung gewahrte, mit der sie den Jammerlaut zurückhielt, der ihm auf'» Neue die ganze Größe seines Verlustes zum Be­wußtsein gebracht hätte!

Lind und zärtlich strich ihre Hand Über seine lichtlosen Augen. „Deines Kindes Augen sind fort­an die Deinen, mein Vater," hauchte sie in den weichsten Tönen der Liebe und schlang ihre Arme fester um seinen Nacken. —

Er schüttelte leise das Haupt. „Das kann nicht sein, mein gute» Kind," sagte er traurig, „ich bin nicht gekommen, um dich aus dem Frieden in mein Elend hineinzuziehen; nein! gieb nicht in großmüthiger Aufwallung ein vorschnelles Ver­sprechen," wehrte er ihrem leidenschaftlichen Protest,

nach der u. A. das Thal von Alaschkert und die Stadt Bajazio wegen ihrer Wichtigkeit für den Handelsverkehr zwischen der Türkei und Persien an die Pforte zurückgegeben, der Hafen von Batum aber ohne weitere Beschränkungen Rußland belassen wurde. Trotz dieser Zugeständnisse versuchte aber Lord Beaconsfield auf dem Berliner Kongresse noch eine weitere Beschränkung Rußlands in Bezug auf das letztere Gebiet zu erzielen, und die Verhand­lungen vom 6. Juli brachten ihm denn auch den erwünschten Erfolg. Fürst Gortschakoff erklärte in dieser Sitzung, daß sich der Kaiser entschlossen habe, Batum zum Freihafen zu machen, um auf diese Weise den uneingeschränkten Handelsverkehr mit Persien zu sichern, den die Hauptkarawanen über Batum nehmen. Beaconsfield nahm dieses Zugeständniß dankend an, wenn er auch nicht ver­hehlte, daß er Batum lieber türkisch gesehen hätte und die Hoffnung aussprach, daß der Freihafen im Interesse Rußlands, der Türkei und aller Völ­ker ein gemeinsamer Mittelpunkt für ihre vereinigte Thatkraft und Unternehmungslust werden möge. Für die Stadt Batum, welche unteer der türkischen Herrschaft sehr heruntergekommen war, hat dieser Wechsel der Zugehörigkeit vorzügliche Früchte ge­tragen; ihre Einwohnerzahl hat sich in den acht letzten Jahren fast verdoppelt. Inzwischen ward Batum durch eine Zweigbahn mit der russischen Eisenbahnstrecke Poti-T'flis verbunden, welche jetzt als Vermittlerin des Verkehrs nach Persien an Stelle d r alterthümlichen Karawanenstadt durch das türkische Armenien getreten ist. Diese Ersetzung des türkischen Gebiets durch russisches Gebiet als Hinterland für den Absatz war so vorbereitet.

Rußland wird diesmal wieder durchdringen. Die Politik des deutschen Reichskanzlers ist darauf ge­richtet, mit Rußland, so lange es irgend geht, in einem erträglichen Verhältnisse zu bleiben. Aber da» deutsch-österreichische Bündniß soll nicht leiden. Die Interessen Oesterreichs und Rußlands kreuzen sich im Orient und es gewinnt daher den Anschein, als ob die Verständigung des Fürsten Bismarck mit Herrn von Giers auf Kosten Kalnoky's erfolgt wäre. Immerhin rechtfertigt die Schwierigkeit der hierbei in Betracht kommenden Verhältnisse, daß die beiden leitenden Staatsmänner Mittel-Europas persönliche Fühlung nehmen, um allen Eventuali­täten gegenüber gerüstet zu sein. Mit Rußland ist „höre mich an," und er zog sie mit sanfter Ge­walt neben sich auf den Hügel. —

„Sieh', meine Cäcilia, ich bin kein berühmter Mann geworden, wie wir beide damals beim Ab­schied geträumt; mir hat der liebe Gott noch gar das Augenlicht genommen und ohne die Hülfe mitleidiger Menschen hätte ich mich weder auf der langen Reise zurechtfinden, noch den Weg zu Deiner Wohnung und hier im Walde finden können."

Ich bringe keine Schätze mit zurück aus der neuen Welt: ich habe auch dort kein Glück ge­habt. Wenn zuweilen Sonnenblicke kamen und meine Kunst mir einmal einen Erfolg errang, so ernteten Andere den Vortheil davon. Ich habe den Menschen stets zu viel geglaubt und vertraut, ich verstehe nun einmal nicht, mir in der Welt einen Platz zu erobern, vielleicht weil ich zuviel in meiner Idealwelt gelebt und darüber verlernt habe, mich in der wirklichen zurecht zu finden. Wer aber erwerben will, besonders da drüben, der muß mit Beiden Füßen auf dem Boden de» realen Leben» stehen. Ich habe gearbeitet und mich redlich gemüht, aber die FruA meiner Arbeit zu ernten, das habe ich nicht verstanden, weil ich es verschmähte, meine Kunst nach dem Geschmack des Publikums zu verändern. Meine Lieder, die

eben fein dauernder Friede zu schließen, so lange es nicht im Besitze Konstantinopels ist ober in anderer Weise eine beherrschende Stellung am Mittelmeere gewonnen hat. Rußland traut weder Deutschland noch Oesterreich und umgekehrt ist es nicht anders. Vorläufig herrscht Ruhe. In Berlin würde man es aber, wie es scheint, heute hier nicht mehr in demselben Maße beklagen, wie im Vorjahre, wenn Rußland im Orient sich enga - girte. um bann desto freiere Hand Frankreich gegenüber zu erhalten. __

Deutsches Reich.

Berlin, 9. Juli.

* Die Abreise S. M. des Kaisers aus Ems erfolgt dem Vernehmen nach bereits am Sonntag. Das Befinden des hohen Herrn wird als vorzüglich bezeichnet. Von Ems begiebt sich der Kaiser nach der Insel Mainau, woselbst der Großherzog und die Großherzogin von Baden bereits vorgestern angekommen sind, um den Besuch des Kaisers zu erwarten.

* Ueber die Opposition, welche der bekannte Antrag Hammer st ein findet, wird katholischen Blättern geschrieben: „Was ist nun der eigentliche Grund der Opposition gegen die Forderung einer größeren Selbstständigkeit und Freiheit der prote­stantischen Kirche gegenüber dem Staate? Die Offiziösen führen in erster Linie das politische Bedenken dagegen an : Der* Antrag bringt 1. eine neue kirchenpolitische Frage auf's Tapet, nachdem der erste Schritt zum Ende des Kulturkampfs ge­schehen ist, und er droht 2. durch die Einigkeit der „nationalen Mittelpartei", also durch die Stütze der Regierungspolitik, einen Riß zu machen. Beide Gründe, die man gegen den Antrag anführt, ver­schleiern nur den tiefsten, den ausschlaggebenden Gnmd. Das Aufwerfen einer neuen kirchen- politischen Frage, wie sie der Antrag Hammerstein enthält, bringt ja an und für sich nicht die geringste Gefahr. Stimmt die Regierung ihr zu, so ist sie mit Hilfe des Centrums und der Konservativen sofort gelöst. Auch der momentane Riß durch die Mittelparteien hat nichts zu bedeuten. Die Abstimmung über das erste Friedensgesetz spaltete die Mittelparteien ja ebenfalls momentan, das hinderte sie aber nicht, sich Tags darauf im ich komponirte, gefielen nicht: sie waren zu ernst und ihr Vortrag forderte zu viel Seele. — Noch einmal schöpfte ich neue Hoffnung; ich sammelte alle meine Kräfte zu einem größeren Tonwerk, von dem ich hoffte, daß es mir Bahn brechen sollte. Ich legte mein bestes Können hinein und darf wohl sagen: ich habe es mit meinem Herzblut geschrieben. Dazwischen verdiente ich meinen Unter­halt durch Notenschreiben und des Abends spielte ich als Orchestermitglied in einem New-Dorker Theater. In jener Zeit habe ich wohl meine Augen zu sehr angestrengt: sie wurden schwächer und schwächer, und als meine Komposition fertig war, hatte ich das Augenlicht gänzlich verloren. Es war eine schwere, schwere Zeit. Was soll ich Dir von all den Enttäuschungen berichten, die ich erduldet, genug, Niemand wollte das Werk des blinden, namenlosen Künstlers aufführen. „Es ist nicht zeitgemäß." — „Wenn wir biblische Oratorien wollen, so haben wir Bach und Händel und viele berühmte Namen", — das waren die Redensarten, mit denen man mich achselzuckend überall abfertigte. Zuletzt hielt ich's nicht mehr aus — es zog mich mit Allgewalt zurück in Deine Nähe, ich fühlte auch, daß meine Zeit bald abge­laufen : meine schwache Brust ist durch die ewigen Aufregungen vollends ruinirt, ich werde nicht lang