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J\£ 153.

Freitag, den 9. Juli

1886.

Fuldm

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- Das protestantenvereinliche Manifest.

Die protestantenvereinliche Richtung, der frei« gläubige, nicht orthodoxe Protestantismus erblickt ganz mit Recht seine Gegner in Allem, was positiv gläubig ist und an gewissen Grund­prinzipien des Christenthums, namentlich an der Gottheit Cstristi, imbedingt festhält. Daher richteten sich die pcotestantenvereinlichen Angriffe von jeher am schärfsten gegen die römisch-kathollsche Kirche, während die Protestantenvereinler die altkatholische, in ihrer Zügellosigkeit ihnen verwandte Strömung lebhaft unterstützten und befürworteten. In der katholischen Kirche erblickte die Freigläubigkeit und Ungläubigkeit stets mit Recht den schlimmsten, weil konsequentesten Feind, den sie weit mehr fürchtete, als die positiv-gläubige Richtung im eigenen protestantischen Lager. Darum verfolgte die protestantenvereinliche Richtung auch mit wach- sendern Unwillen jeden Anlaß, der die orthodoxe, die hochkirchliche, altkonservative Richtung des Protestantismus mit den Katholiken zu gemein­samer Aktion zusammenführte. Und heute, nachdem mit Hilfe der Konservativen im preußischen Land­tage die sog. „verhängnißoolle Wenvung in der preußischen Politik gegenüber der römischen Kirche" eingetreten ist, nachdem die konservativen Prote­stanten geholfen haben, einige der drückendsten Fesseln der katholischen Kirche abzunehmen, sind die Protestantenvereinler in Helle Angst gerathen, weil sie sehen, daß nun die orthodox-protestantische Richtung mit Hilfe der Katholiken der evangelischen. Kirche größere Freiheit unv Selbstständigkeit ver­schaffen will.

Das eben veröffentlichte Manifest des Prote- stanten-VereinS scheint uns deßhab auch in erster Linie und recht eigentlich gegen die den Prote- stantenvereinlern allerdings an Kopf und Kragen gehende neue protestantisch-konservative Bewegung, gegen den sogenannten Antrag Hamm er­ste rn zu gehen und die Tiraden gegen die römische Kirche und Hierarchie, gegen die Jesuiten und die Unterjochung der Gewissensfreiheit sind nicht viel mehr als eine Folie zu dem eigentlichen Haupt­thema und ein Mittel, den protestantischen Brüdern einen gewaltigen Schrecken einzujagen vor den Plänen derer, welche die evangelische Kirche nach katholisch-hierarchischem Muster einrichten möchten.

Nie Tochter des Seigers. 25

Roman von C. Armand.

Auch er war aufgestanden, einen Moment maßen sich ihre Blicke — bann senkte er die seinen zu Boden, während die Röthe der Verlegenheit in seine Wangen stieg: Der Adelige schämte sich vor dem Bürgerkinde, besten weibliche Würde er so tief verletzt und das nun mit dem stolzen Muthe der Unschuld den feigen unritterlichen Angriff zurückwies.

„Vergeben Sie mir, ich wollte sie nicht kränken," stammelte er dann verwirrt.

„Ich verlaffe Sie jetzt," sagte sie ruhig, ohne seine letzten Worte zu beachten, „was ich zu thun habe nach den Enthüllungen, die Sie gemacht, muß ich mit mir selbst und mit Demjenigen ausmachen, dem ich mein Wort verpfändet, wie die Entschei­dung aber auch fallen möge, feien Sie überzeugt, daß sie seiner und meiner würdig fein wird."

Sie neigte mit leisem Gruße das Haupt und ging sicheren Schrittes voll edler Faflung an ihm vorüber zur Thür hinaus. Der Saum ihres weißen Gewandes schleifte die Blumenreste mit fort, die der Baron vorhin auf bett Teppich gestreut — welche Last von geknickten, zertretenen Blüthen mochte dieses junge Herz, das unter dem Gewände schlug, wohl mit sichln die Einsamkeit tragen? . .

Herr von Wendelstein starrte der zarten Gestalt

Die leitenden Größen der protestantenverein- lichen Bewegung brauchen ein rothes Tuch, um auch diejenigen Protestanten, welche vielleicht dem von Hammerstein'fchen Anträge geneigt fein sollten, kopfscheu zu machen, ein Feldgeschrei, um alle Protestanten unter Beiseitesetzung ihrer Differenzen unter einem gemeinsamen Banner wieder zu sammeln. Dieses rothe Tuch ist das Vordringen des römischen Einflusses in Deutschland zum Schaden des Protestantismus, uno das Feld­geschrei lautet: Kampf gegen Rom, gegen die römischen Priester, gegen Jesuiten und Orden. Der Haß gegen die Katholiken und Den Katho­lizismus soll aus's Reue angefacht werden, und im fanatischen Widerstreit gegen die „römische Kirche" soll der durch die protestantischen Reihen gehende klaffende Zwiespalt künstlich so viel als möglich zurückgedrängt werden. Von diesem Gesichts­punkte aus betrachtet, nimmt sich das ganze Mani­fest als der N o t h s ch r e i eines geängstigten Herzens aus, als der letzte verzweifelte Versuch, den eigenen Niedergang aufzuhalten. Die Tendenz des ganzen Machwerkes ist in dem einen Satze zusammengefaßt, daß „der wachsenden Macht der römischen Weltkirche der Geist und die Kraft des geeinten deutschen Protestantismus entgegen» stehen" muffe, und daß alle Protestanten sich deß- halb zu einem „großen evangelischen Bunde zu­sammenschließen „sollten".

Wir sagten vorhin, daß der eigentliche und Haupt-Zweck der ganzen Kundgebung nicht so sehr in dem Ansturm gegen die katholische Kirche, als vielmehr in dem Aufhalten und Verhüten der neuen evangelischen Bewegung zur Erlangung größerer Selbständigkeit ihrer Kirche liege. Dies ist wenigstens der aktuelle Zweck und das nächste Ziel. Daß der Kampf gegen die ver­haßte römische Kirche die eigentliche Triebfeder ist, versteht sich von selbst. Wir Katholiken brauchen die Gegnerschaft des Protestantenvereins nicht zu fürchten, sein Manifest setzt uns deshalb auch wahrlich nicht in Schrecken; aber dennoch ist es immerhin sehr interessant und nützlich, die frei» müthigen Bekenntnisse dieser Herren über ihre Empfindungen gegenüber dem Kaholizismus sich näher anzusehen. Offen wird eingestanden, daß der Kulturkampf die Bildung einer katholischen

ein paar Sekunden nach, dann warf er sich auf feinen Sitz wieder zurück und schlug sich mit der geballten Hand vor die Stirn. „Thor, der ich war," murmelte er vor sich hin, „nichtswürdiger, erbärmlicher Thor! Diesem Mädchen mit der rei­nen Stirn, mit dem frommen keuschen Blick einen Kaufpreis für feine Liebe anzubieten — pfui! wie niedrig!" — er fuhr sich aufgeregt mit der weißen Hand durch das Haar; „stand ich nicht da wie ein gemaßregelter Schulknabe? — doch, bei Gott, sie hatte Recht! — Wie sie vor mir stand! Jeder Zoll eine Fürstin! Jetzt begreife ich Edgar! Hätte der alte Fürst sie gesehen, wahrhaftig, ich glaube, er hätte anders geurteilt. Wie Unrecht thue ich ihr: ich glaubte eine Sirene zu finden — und finde einen Engel, von deffen Schwanenfittichen der ge» meine Staub, mit dem ich ihn zu bewerfen ge­wagt, auf mich selbst zurückfällt."

Diefe Selbstgespräche oder vielmehr Selbstvor­würfe des Baron» wurden durch das Oeffnen einer Thür unterbrochen und sich umwendend, sah er sich Walter Erken» gegenüber, der soeben einge» treten. — Letzterer hatte, durch die Stimmen aus seinem Halbschlummer geweckt, die stattgehabte Un­terredung größtentheils mit angehört und die Wir­kung derselben war deutlich auf seinen gespenstisch bleichen Zügen in den fieberisch glühenden Augen zu lesen.

„Nationalkirche" bezweckt habe, daß jedoch nach der Wendung in der preußischen Kirchenpolitik' die „Keime zu dieser Nationalkirche zertreten zu wer» den in Gefahr sind". Sonderbarer Weise sprechen dieselben Leute, welche in den Kulturkampfgesetzen der Glaubens- und Gewiffensfreiheit die schlimm­sten Ketten anlegten, deren Werk die Katholiken im Namen der religiösen und bürgerlichen Freiheit mit Erfolg bekämpft haben, von der „Gewiffens­freiheit" die sie jetzt gegen uns Katholiken schützen müßten. Das päpstliche Schiedsrichteramt in der Karolinenfrage hat die Protestantenvereinler arg verschnupft; darüber und Über die Üblich gewor­denen Toaste auf Kaiser und Papst, als die Ver­treter der beiden göttlichen Institutionen, führen sie lebhafte Klage; endlich wittern sie Gefahr von einer beabsichtigten Rückberufung der fogenannten „streitenden" Orden, vornehmlich der Jesuiten, und von der auffallenden Vermehrung der dienen­den Orden.

Ob der Nothschrei in protestantischen Kreisen Erfolg haben wird? Wir möchten es sehr be­zweifeln, obgleich wir nicht verkennen, daß mancher schlummernde Funke des konfeffionellen Fanatismus wieder neu angefacht werden wird. Wrr glauben, daß gerade der gegenwärtige Augenblick sehr un­geeignet ist, um in Preußen gegen die Regierung und den leitenden Staatsmann kirchliche Hetzpolitik auf eigene Faust zu treiben. Nichtsdestoweniger kann man auf den Verlauf der außerordent­lichen Versammlung des Protestan­ten o e r e i n s , der berchsichügten eigentlichen Mobilmachung des gefammten Pro­testantismus, welche in dem Manifest offiziell angekündigt ist, einigermaßen gespannt sein. Dort wird es gewiß lustig herzehen und im Kampf gegen Rom werden die Funken nur so sprühen. Aber, lieb' Vaterland kannst ruhig fein, der Protestantenverein wird in kirch­lichen Dingen niemals Berge versetzen, seine Kraft liegt nur in der Negation, und wenn die kirch­liche Negation die imposanten katholischen General- Versammlungen zu kopiren versucht, dann wird sie gerade durch ihre Unfähigkeit zu positivem Schaffen und durch ihre Disharmonie ein klägliches Fiasko erzielen.

Erschrocken sah der Baron ihn an. „Ah, Herr Walter —Sie — Sie haben sich sehr verändert — Sie sind verwundet, ich sehe, Sie tragen den Arm in der Binde —"

Walter winkte abwehrend mit der Hand. „Las­sen wir das, Herr Baron, sagte er ungeduldig, wir haben Wichtigeres zu reden."

„Sie wissen bereits."

„Ich hörte zufällig Ihr Gefpräch mit — mit Fräulein Goldini auch mit an."

„Ja, das ist ein trauriges Wiedersehen!" seufzte der Baron.

„Sie haben ihr Alles gefügt?'^

„Ich war leider dazu gezwungen."

„Sie hätten diese Mittheilung dem Fürsten über­lassen ober wenigstens eine schonendere Form da­für wählen sollen."

„Ich weiß, ich weiß — ich habe mir das schon soeben selbst gesagt — doch die Alteration' Sie begreifen: ich bin noch gar nicht zu mir selbst ge­kommen — doch — wo ist Edgar — feine Durch­laucht?" verbesserte er sich.

„Im Walde mit meinem Vater, er wird schwer­lich bald zurückkehren. — Dürfte ich Sie bitten, ihn auf meinem Zimmer zu erwarten. Meine Eltern haben keine Ahnung von Ihren Beziehungen zu Edgar Norden, da sie ja nicht roiffen, daß dieser