JV 152. Donnerstag, den 8. Juli 1886.
Fuldaer
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Deutsches Reich.
Berlin, 7. Juli.
** Der Bundesrath tritt morgen zu einer Sitzung zusammen. Die Tagesordnung ist sehr umfangreich, doch hofft man dieselbe bewältigen zu können. Andernfalls würde noch in nächster Woche eine Sitzung stattfinden muffen. Nach Erledigung der noch restirenden Arbeiten ist eine Pause in den Sitzungen von 3 Monaten in Aussicht genommen.
** Die .Germania' berichtet, daß in der Anzeige frage die päpstlichen Schreiben an die Bischöfe expedirt seien. Der Papst habe nach längerer Erwägung der Anzeige-Angelegenheit sich entschieden, die Angabe der Stelle, für welche die Bischöfe die Priester berufen wollen, bei der Anzeige an die Regierung zu gestatten. Genanntes Blatt faßt die Quintessenz ihrer bezüglichen Nach richt dahin zusammen, daß die Schreiben an die Bischöfe nunmehr expedirt seien und im Sinne des Einzelverfahrens lauten würde, und glaubt zum Schluffe noch folgende 3 Punkte hervorheben zu sollen: 1) end giltige Regelung von Anzeige und Einspruch steht, wie das z. B. auch .Köln. Z;g.' und .Allgem. Ztg.' zugeben, noch bevor; 2) indem Rom erst nach längerer Erwägung entschieden hat, liegt ein neuer Beweis vor zu den vielen schon vorhandenen, dab Rom bezüglich der Form der Anzeige keine Verpflichtung übernommen hat, sondern frei entscheidet, aber auch bei der endgiltigen Revision; 3) die Frage der Form der Anzeige ist durchaus nicht unwichtig, wichtiger ist die Bestimmung des Umfangs der Anzeige und noch wichtiger die über Art des „Einspruchs".
** Das angekündigte protestantenver- einliche Manifest ist erschienen. Wer von dem in der ,Voff. Ztg.' so emphatisch angekündigten „Aufruf an das deutsche Volk" weittragende und neue Ideen, große Gesichtspunkte in origineller Form und Deutung erwartet hat, findet statt deffen die alten Kulturkampsphrasen, die die größte Thcil selbst des protestantischen Volkes Heuer für einen überwundenen Standpunkt hält. Diese abgestandenen Wendungen von den „ungemessenen Machtansprüchen der römischen Kirche", von dem
Die Tochter des Geigers. 24
Roman von C. Armand.
Der Baron Holts tief Athem, dann fuhr er hastiger fort: „Ich komme aus der Residenz, vom Hofe zu S. — es ist dort ein großes Unglück geschehen: gestern Morgen ist Seine Durchlaucht Fü st Eberhard ganz plötzlich infolge eines unglücklichen Sturzes vom Pferde, gestorben."
Er sah sie an, als erwarte er von diesen Worten eine ganz außerordentliche Wirkung auf sie. Auf ihren Zügen spiegelte sich indeß nur natürliche Theilnahme, die fremdes Unglück stets auf den edeldenkenden Menschen hervorruft. „Ich beklage dieses traurige Ereigniß aufrichtig, Herr Baron", sagte sie, „aber — ich begreife noch immer nicht, wie dasselbe Sie gerade hierher — zu mir führen kann . . ."
„Wie? so hätte er Ihnen noch immer nichts gesagt?" entschlüpfte es im höchsten Erstaunen den Lipp.n des BaronS. —
Seine räthselhaf.en Andeutungen, die sie sich vergebens zu verstehen bemühte, weckten in ihr ein dumpfes Angstgefühl — sie ahnte instinktiv, daß sie vor einem dunklen Verhängniß stand, ohne doch im Stande zu sein den Schleier zu lüften, der es ihr verbarg — Der ungekannten Gefahr gegenüber drohte ihr Muth sie zu verlaffen —
„Kampf der Jesuiten gegen die religiöse und bürgerliche Freiheit", von dem Papstthum als dem „alten Erbfeind deutscher Freiheit und Macht" haben j tzt nur eine analoge Bereicherung gefunden durch die momentanen Zeitumstände und durch den Kampf gegen die neuerdings kraffer als bisher in die äußere Erscheinung getretenen Bestrebungen der positiven, orthodox • protestantischen Richtung. Und so enthält auch das ganze Manifest einen doppelten Protest, nicht nur gegen die „verhängnißvolle Wendung in der Politik des leitenden deutschen Staates gegenüber der römischen Kirche", sondern auch gegen die „augenblicklich so einflußreiche" evangelische Partei, „welche die Gewissensfreiheit auch innerhalb der evangelischen Kirchen bedroht" und „die Kirchen der Reformation nach römischem Muster umgestalten" möchte. Der .Aufruf' hat deshalb auch ein schmähliches Fiasco erlitten. Bis jetzt hat nur der national-liberale .Hannov. Cour.' sich desselben angenommen. Eine große Anzahl liberaler Blätter hüllt sich in ein leicht zu deutendes Schweigen, während ein Theil der freisinnigen Presse im Anschluß an das Organ Eugen Richter's offen das kulturkämpferische Machwerk bekämpt. So bemerkt u. A. die ,Berl. Ztg.': „Der Aufruf enthält in seinem ersten Theile nur Kulturkampfphrasen; das Feldgeschrei „Gegen Rom" zieht nicht mehr. Es wäre gescheidter gewesen, wenn der Protestanten- Verein die Mühe sich gespart hätte." Sogar der ,Berl. Böiser-Courr.' will von dem Anruf nichts wissen. Er versichert zwar, daß der Pcotestanten- Verein als Mauerbrecher gegen die evangelische Orthodoxie immer seine Sympathie gesunden habe; allein er kann auch „vor der in dem Ausruf zu Tage tretenden Halbheit und Unklarheit nicht die Augen verschließen."
** Der Antrag Hammerstein auf größere Selbstständigkeit der protestantischen Kirche gegenüber dem Staate erweist sich immer mehr als ein Stich in's Wespennest. Während alle Pastoren-Kon- ferenzen, jüngst noch die Kößliner, ihm zujubeln, fallen die Mittelparteiler, die Pcotestantenverein- ler und die Offiziösen um die Wette über den Antrag her. Namens der Mittelparteiler hat Herr v. Eynern gegen den Antrag losgeschlagen, Namens des Prolestantenvereins deffen Vorsitzender unwillkürlich stützte sie die Hand auf die Tischplatte. — Ich bitte Sie, reden Sie deutlich", bat sie tonlos.
Um seinen Mund legte sich ein Zug bedauernden Mitleidens; in nervöser Erregung zerpflückte er eine der Blumen, die er vorhin achtlos ergriffen — dachte er vielleicht daran, daß er im Begriff stehe, die zarte Menschenblume da vor ihm auch erbarmungslos zu knicken? . . . doch — es mußte ja einmal sein — stramm richtete er sich empor.
„Was mich hergesührt ist meine Ergebenheit für das Fürstenhaus S. dem ich mein Leben lang treu gedient habe. Nrcht wahr, dieses Haus beherbergt seit fünf Wochen einen Gast, — darf ich fragen, Mademoiselle, in welchen Beziehungen Sie zu demselben stehen?"
lieber ihre feinen Züge breitete sich tiefes Roth, aber sie erwiderte einen scharf gespannten Blick mit stolzer Ruhe. „Sie haben kein Recht, danach zu fragen, mein Herr." — D:e Worte wurden ohne Erregung gesprochen, aber es klang eine deutliche Abweisung hindurch.
„Mein Recht ist unzweifelhaft: ich beschwöre Sie, Mademoiselle, beantworten Sie meine Frage — es hängt viel davon ab."
Ec sprach so dringend — warum es auch verschweigen? es war ja nichts Unrechtes dabei. —
Schröder und an der Spitze f der Offiziösen marschirt die .Norddeutsche Allgemeine Zeitung'. Das ist nämlich der Dank für die treuen Dienste, welche die orthodoxe Partei während des „Kulturkampfes" erwiesen hat: sie wird dem Liberalismus zu Liebe nicht nur verlaffen, sondern geradezu verstoßen, und den Herren bleibt als einzige Stütze für ihre Bestrebungen nur die C e n t r u m s p a r t e i übrig, gegen welche einst vor fünfzehn Jahren in der .Kreuzzeitung' der „Kulturkampf" war eingeläutet worden!!
* Die Kommission für Ausarbeitung eines bürgerlichen Gesetzbuchs für das deutsche Reich hat seine Sitzungen am Sonnabend auf mehrere Wochen unterbrochen.
* Zu der am Sonnabend in Stettin stattfinden den Feier des Stapellaufes des Subventionsdampfers „Preußen" werden sich Staatssekretär von Bötticher, mehrere andere Bundesrathsbevollmächtigte, sowie der R.ichstagspräsident von Wedellkiesdorf nach Stettin begeben.
** VomRhein, 7. Juli. Die Protestanten- vereinler der preußischen Landeskirche haben vor einigen Tagen bei einer Delegirten-Versammlung Folgendes des Näheren in Erörterung gebracht: „Die sichtbare Begünstigung der päpstlichen An- spräche müffe mit Nothwendigkeit die protestantische Sache gefährden. Nach der Lage der Dinge sei es durchaus geboten, alles Nebensächliche bei Seite zu schieben und in einem Aufruf an das deutsche Volk (Die katholischen Soldaten und Steuerzahler scheinen nach diesen Aeußerungen nicht zum deutschen Volke zu zählen) gegenüber dem Nomanismus eine geschloffene Frontstellnng zu nehmen." Fast zu gleicher Zeit erschien in protestantischen Blättern ein Nothruf aus den baltischen Provinzen, wie dort die seit Jahrhunderten anerkannte rechtsbeständige lutherische Kirche schwer leide unter den Bedrückungen der griechisch-katholischen Neichskirche. Es heißt: „Der Rücktritt oder Uebertritt von dieser zu jener ist unzuläffig, die Belehrung von den Kanzeln wird bestraft, Gesuche zum Schutz werden überhört, Kinder aus Mischehen fallen immer der griechischen Kirche zu, so daß die lutherische Kirche kaum noch als geduldet gilt. Sechzig Prediger sind dieserhalb vor Gericht gestellt." Wir sind entschiedene Gegner jeglicher Intoleranz;
Aus den bis dahin so angstvollen Augen brach ein Strahl himmlischen Glückes und ein fast kindliches Lächeln huschte um ihre Lippen, als sie klaren Tones erwiderte: „Seit gestern bin ich seine Braut, mein Herr," aber fuhr sie wieder ernst fort, „ich muß Sie noch einmal bitten, mir zu sagen, mit welchem Recht Sie diese Frage stellen?"
„Also doch —" murmelte er zwischen den Zähnen; laut erwiderte er dann: „Ich bin, oder war vielmehr der Gouverneur und Reisebegleiter seiner Durchlaucht, des nunmehrigen jungen Fürsten — zweifeln Sie nun noch an meinem Rechte?"
„Ich — ich — verstehe — nicht —" krampfhaft stützte sich die kleine Hand auf den Tisch, auf dem die Vasen und Gläser leise zu klirren begannen.
„Sie werden mich sogleich bester verstehen — darf ich fragen, wie — Ihr Verlobter sich nennt?"
„Edgar Norden."
„Sie täuschen sich — oder vielmehr man hat Sie getäuscht, Edgar Norden ist ein fingirter Mann — der wirkliche lautet: „Edgar, Fürst von S. —"
Langsam, mit schwerer Betonung sprach er die Worte, die für ein junges, vertrauendes Hrz einen tödtlichen Pfeil enthielten, jetzt wischte er mit dem Tuche über die feuchte Stirn, man sah