151. Mittwoch, den 7. Juli 1886.
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* Die Völker und ihre Tagesprefse. in.
Dänemark. Schweden und Norwegen haben ihre Presse recht ländlich eingerichtet. Politisches und Unpolitisches ist nicht scharf gesondert, die Lokalnachrichten stehen vielfach an leitender Stelle, auch das unbedeutendste wird zu langen Artikeln aufgebauscht, wenn es das Inland betrifft; für das Ausland hat der abgeschloffene Nordländer wenig Sinn, aber die Schiffsnach- richten dürfen viele Spalten füllen. Dem localterritorialen Character der Blätter entspricht der Eifer und die Geschicklichkeit im Jnseriren. Mit Hofbericht, Locales, Schiffsbericht und Inseraten ist das Blatt im Wesentlichen fertig; das Uebrige ist Knochenbeilage.
Der Russe wird am Gängelbande geführt, seine Presse auch. Oder vielmehr die Presse ist eines von den Gängelbändern, welche die Regierung benutzt. Für einen Politiker gibt es nichts langweiligeres, als eine russische Zeitung; entweder stnd die Nachrichten belanglos oder sie sind officiös. Das Wort „Majestät" kommt so oft vor, daß die Officinen es zweifellos maffenhaft stereotypirt vor- räthig haben muffen. Die Annoncen verrathen vielfach GefchäftSgewandtheit, aber dann steht ein deutscher oder orientalischer Name darunter; der autochthone Inserent ist an der knappen, des Schliffes entbehrenden Form kenntlich.
In Oesterreich-Ungarn ist die Preffe zu 4/5 in nicht christlichen Händen, und im politischen Tyeile treibt der orientalische Schwulst, im Börsen- theil die Gaunerei ihre „schönsten" Blüthen. Windbeutelei und Bauernfängerei im lieblichsten Verein. Das Feuilleton ist vielfach zweifelhafter Natur, in den Annoncenspalten stehen Dinge angepriefen, von denen wir nicht einmal zu sprechen wagen. Die conservative, christliche Preffe in Oesterreich- Ungarn macht Fortschritte, aber nur langsam, nach Art der Echternacher Procession; sie hat die günstige Zeit des entstehenden Lesebedürfnisses verpaßt und nun hält es schwer, das Versäumte nachzuholen. Die Wiener „Witzblätter" sind zumeist eine traurige Nachahmung der französischen Frivolitäten, ungefähr so, als wenn ein tolles
Air Tochter des Geizers. 28
Roman von C. Armand.
Er sah auf die duftige Gabe nieder — heiß überfluthete ihn der ungeheure Schmerz des Gedankens, daß alle Blüten der Welt ihm nicht die liebliche Waldblume ersetzen konnten, die er heute für immer verloren — aber welche Kraft mußte in dieser breiten ManneSdrust wohnen! Nicht ein einziger der wilden Herzschläge, die sie zu sprengen drohten, zitterte in seiner Stimme, die ruhig freundlich wie gewöhnlich klang, als er erwiderte:
„Mein Schwesterchen weiß doch immer eine zarte Überraschung zu ersinnen." —
Die kleine Scene währte nur wenige Minuten — doch welche Fülle von Glück auf der einen und wie viel großmüthige Selbstverleugnung auf der andern Seite drängte sich in dieser kurzen Spanne Zeit zusammen! —
„Ich denke, es wird Zeit, daß wir uns zum Kirchgänge rüsten," mahnte der Förster, als das Frühstück beendet war.
Lia Rose flog hinauf in ihr stilles Stübchen und riegelte die Thüre hinter sich zu, sie mußte einen Augenblick allein sein.
In überströmendem Gefühl warf sie sich auf die Kniee und hob die aus gebreiteten Arme zum Himmel auf, als ob sie ihn an ihre Brust ziehen
Bürgermädchen die Cancansprünge einer Balleteufe nachahmen will.
Die italienische Preffe hat sich wesentlich nach der französischen gebildet, doch ist die Ausstattung, wie die Sprache weniger elegant. Die Romanschriftstellerei ist in Italien in Zola's Fuß- stapfen getreten und deren Spuren begegnet man überall in den Zeitungen quirinalischer Richtung. Das „Vermischte" und die „Cronaca cittadina“ (Lokal-Chronik) sind reichhaltig; eine besondere Vorliebe für Kunst und Archäologie erklärt sich in Italien von selbst. Mil Anzeigen sind die italienischen Blätter meist schwach versehen; den größten Antheil daran stellen literarische Empfehlungen, Hotel-Anzeigen, Wohnungs-Gesuche und Angebote. Der hohe Abonnementspreis, der in allen romanischen Ländern üblich ist, auch in Holland sich noch geltend macht, läßt den Mangel an Inseraten weniger fühlbar werden. Die Auflage mancher italienischer Blätter ist ziemlich hoch, aber im Ganzen zeigt die dortige Presse etwas Unfertiges, Unselbstständiges, wie das ganze Staatswesen im „einigen Italien" überhaupt.
Das wenig entwickelte und fast nur von Ausländern kultivirte Zeitungswesen in den Balkan- staaten, von denen der eine morsch und mürbe, die andern alle noch nicht ausgewachsen und in sich ausgestaltet sind, können wir wohl übergehen. Das Vorstehende genügt, um zu erkennen, daß das Preßwesen in den einzelnen Ländern mit dem Volkschacakter in engster Wechselwirkung steht und deffen E.genthümlichkeften recht deutlich wieder- spiecelt. (Corr. Nienk.)
deutsches Reich.
Berlin. 6. Juli.
* Der russische Ministerpräsident v. Giers, der heute auf der Reise nach Cannes hier eintreffen sollte, hat seine Reise verschoben und roirb Berlin erst später passiren.
• Aus dem auf der Kreissynode Berlin- Land erstatteten amtlichen Berichte über die sittlichen und kirchlichen Zustände ist folgende Mittheilung interessant: „Die Kinder zeigen außer der Schulzeit vielfach ein rohes Betragen. Der Kirchenbesuch an den gewöhnlichen Sonntagen ist nicht sehr erfreulich. Theils liegt die Schuld
wollte. Es war ihr eine süße Gewohnheit all' ihr Empfinden, fei es Glück oder Schmerz, vor Gottes Ange zu tragen: so hatte die Mutter ste's gelehrt. „Sei fromm, mild und stark, meine Lia," hatte sie noch auf dem Sterbebette gesagt, das sind des Weibes schönste Tugenden, ein Weib ohne Glauben und Religion ist wie ein verwehtes Blatt, mit dem die Winde ihr Spiel treiben."
Lia Rose gedachte der Todten, sie hielt geheime Zwiegespräche mit ihr wie sie oft zu thun pflegte. Das Band zwischen Mutter und Kind ist ja das stärkste und unzerreißbarste auf Erden und selbst der Tod vermag es nicht ganz zu lösen. Lia Rose oemabm der Mutter Stimme aus dem Rauschen ihrer geliebten Bäume und als sie jetzt zum Himmel aussah, meinte sie in ihr sanftes blaues Auge zu schauen. „Mutter, siehst Du Dein Kind?" flüsterte sie leise, „Du hast mir dieses Glück droben erfleht, bitte Du für mich, daß ich seiner würdig werde."
Sre neigte das Antlitz über ihr Myrthendäum- chen, das seine Knospen zu reichster Blüte erschlossen. Wie geheimnißvoll verheißend schimmerten die weißen Blüten aus dem dunklen Grün. Braut — seine Braut, war es möglich,-daß ihr kleines Menschenherz solches Glück fassen konnte? Mit scheuem Finger berührte sie einen der blühenden Zweige und drückt ihre Lippen darauf. „Wenn
daran an der Nähe Berlins, theils aber auch an der Gleichgültigkeit der Bevölkerung selbst: der Kirchenbesuch beträgt von 16 bis zu 1 pCt. der Bevölkerung. Missionsfeste sind mehrfach gefeiert worden, aber die Missionsstunden wurden schlecht besucht. Eine allgemeine Ä(aae ist bte über die Sonntagsentheiligung durch Arbeit und Vergnügen, welche in den Vorstadtbezirken Berlins am schlimmsten ist. Fast der 6. Theil der im vorigen Jahre gebotenen Kinder ist ungetauft geblieben, der 3. Theil der neuen Ehepaare hat die kirchliche Trauung verschmäht, es geschehen viele Sünden gegen das 6. Gebot. Schöne Zustände!
* Bei dem neuen Jnfanteriegepäck handelt es sich nicht nur um eine den Mannschaften zu gewährende Gewichtserleichterung, welche übrigens sehr beträchtlich ist, da dieselbe für die Ausrüstungsgegenstände der Infanterie circa drei Kilogramm (bei der Kavallerie circa sechs Kilogramm) beträgt, sondern besonders auch um eine gleichmäßigere Vertheilung und eine bequemere Tragart der Gepäckstücke. Sämmtliche Ausrüstungsgegenstände haben dementsprechend eine zierlichere Form erhalten, ohne deßhalb an ihrer Handlichkeit und Dauerhaftigkeit Einbuße zu erleiden. Befonders ins Auge fallend ist die Sorgfalt, mit welcher man es vermieden hat, die Brust durch darüber hinlaufende Riemen und Gurte zu beengen; Brod- beutel, Feldflasche und das kleine Schanzzeug werden direkt an der Koppel befestigt. Eine weitere Neuerung sind die drei (früher zwei) Patronentaschen, von denen zwei wie bisher vorn, die dritte unmittelbar unter dem Tornister getragen werden; dieselben hängen nicht mehr an Schlaufen lose an Leibriemen, sondern sind fest an denselben geschnallt, und zwar so, daß ihre obere Kante über der des Leibriemens liegt. Jeder, dem die mit Feld- chargirung gefüllten Taschen beim schnellen Laufen schon auf dem Leibe herumgeklappert sind, wird die Vortheile der neuen Befestigungsart zu schätzen wissen. Eine gründliche Aendeiung hat auch der Tornister erfahren, der, wie bekannt, zweitheilig ist. Das soll nun nicht heißen, daß der Tornister an sich zerlegt werden kann, derselbe enthält vielmehr nur einen sogenannten Lebensmittelbeutel aus braunem Segeltuch, welcher unter der Klappe feinen Platz hat und, wenn bei starken Märschen
Du wieder blühst, meine blaffe Myrthe bann — bann flechte ich mir aus Deinen Zweigen ben Brautkranz in's Haar," hauchte sie leise über bie Blüten hin, bann eilte sie hinunter, wo sie bereits erwartet würbe.
An Edgars Seite schritt sie in bie kleine Dorf- kirche hinab. Er kniete neben ihr in bem alten, geschnitzten Kirchenstuhle. Die andachtsvolle Gluth ihres Blickes ging auch auf ihn über. Die schlanken, weißen Männerhänbe falteten sich in einanber unb bie stolzen Lippen sprachen leise ein heißes Gebet.
Nach ber Messe vollzog ber alte Pfarrer bie Trauung eines schlichten jungen Paares und sprach habet einfache, ergreifenbe Worte. Die Augen beS Fürsten tauchten in bie Lia's unb süße Träume umgautelten ihre Seelen. Sie gedachten des Zeitpunktes, wenn sie dort tmeen würden vor dem blumengeschmückten Altar unb ber alte ehrwürbige Priester mit bem Silberhaar ihre Hänbe ineinan- berfügen würbe zum ewigen Bunde.
Wie eine Vision stieg ein ähnliches Bild auch vor Walters Augen auf, der allein im Forsthause zurückgeblieben. Er sah eine holde, bräutlich geschmückte Gestalt und an ihrer Seite — sich selbst. Vorbei — vorbei: Es war ein schöner Traum gewesen, aber eben nur ein Traum. — —
Wie ein Märchen ging der Tag den beiden Glücklichen vorüber. Es «ar ein Tag voll Licht