JV 150
Dienstag, den 6. Juli
1880
Fuldaer
©te ,Fuldaer flethmg' erscheint tt,lich, Bonn» und Feiertag« ausgenommen. Bierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfg., — mit der belletristischen «ochenbeilage ,Sterne UN» Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 Mk. 75 Pfg.
Inserate: Die einspaltige Zeil« oder deren Raum 15 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
* Die Völker und ihre Tagespreffe.
II.
DerFranzose liebt weder die trockene Reuig. keitSkrämerei der Engländer, noch die politische Philosophie der deutschen Blätter; er will unter- halten sein, und zwar möglichst leicht und angenehm. Für große Probleme und tiefe Spekulationen har er kein Temperament; der Stoff zu den französischen Artikeln kann lumpig sein, wenn nur die Anfertigung elegant und namentlich modern, das Ganze chic ist, so ist der Franzose entzückt. Deshalb ist seine Zeitung durchaus feuilletonistisch zugestutzt, vom Leitartikel an bis zu den „Nou- velles ä la main“ (Witze und Kalauer aus dem Boulevard. Esprit) ist Alles nach dem Wahlspruche der fei. .Spener'schen Ztg.' zugestutzt: „In erster Linie interessant zu sein!" Unser „Onkel Spener" ging bei diesem „intereffanten" Experiment zu Grunde; in Frankreich aber erzielen diejenigen Blätter die größten Erfolge, welche die leichteste Waare in der elegantesten Verpackung liefern. Der.Figaro' ist nicht republikanisch und hat doch im republikanischen Frankreich eine viel größere Verbreitung, als die ungleich ernster gehaltene ,Republique franfaise1, der .Figaro' versteht sich aber auch auf die Mischung des Ragom's: auf einen Leitartikel, der in den schwungvollsten Redewendungen für „Thron und Altar" eintritt, folgen pikante Geschichtchen und zweideutige Scherze, welche in Deutschland keinen Drucker finden würden. Heute prangt an der Spitze de» Blattes rin Artikel über die „sagefemmes“ (Hebammen) und morgen eine fulminante (und äußerst erfolgreiche!) Aufforderung zu einer Kollekte für ein Unternehmen der Kranken- oder Ecziehungsorden. Dem modernen Pariserthum, das jetzt für Frankreich tonangebend ist, steht eine alte konservative Garde gegenüber, deren Organe in zwei Klaffen zerfallen: eine fortgeschrittenere und im Aeußern sich der Gegenwart anschmiegende, welche z. B. der .Univer»' vertritt und die in den alten Formen erstarrte, in den legitimistischen Traditionen ei sterbende, als deren Repräsentant besonders die .Gazette de France' gelten kann, die seit mehr als einem Jahrhundert in demselben Formate erscheint, es herzlich gut meint und herzlich langwellig ist. So berühren
Air Tochter de» Geiger». 22
Roman von C. Armand.
Auch die Seele schwingt sich in solcher Stunde leichter und freier zum Himmel auf. Sie fühlt sich ihm näher als in dem lauten und oft so kleinlichen Getrtebe des täglichen Lebens, das der Erhabenheit der ganzen Natur gegenüber nichtig und bedeutungslos erscheint. Das allgemeine Erwachen ringsum füllt das Herz mit Auferstehensahnen — es ist fast, als ob Der Geist Gottes sichtbar über seiner Schöpfung schwebte.
Unter der Rothbuche am Waldsee lag Fürst Edgar ausqestreckt im weichen Moose. Der Gedanke an Lia Rose hatte ihn nicht schlafen lassen, und mit dem ersten Morgengrauen hatte es ihn herausgetrieben zu der Stelle, wo sie ihm zuerst erschienen mit all' der bestrickenden, jungfräulichen Lieblichkeit.
Die Hände unter dem Lockenhaar verschlungen, schaute er durch das purpurne Blätterdach über seinem Haupte dem Sonnenaufgang zu — ein unbeschreibliches Glücksgefühl durchströmte ihn — ihm war, als ob die Sonne sich in feine Brust herab- gefenkt, als ob all' die schimmernde Lichtfluth rings- um, in der seine trunkenen Augen sich badeten, von dort ausginge. — Aus dem blauen Himmel über ihm, wie aus dem See zu feinen Füßen,
sich in Paris die Gegensätze, wie wir auch in Berlin die systematisch langweilige .Kreuzztg.' neben einem nur der Sensation dienenden ,Berl. Tagebl.' haben. Viel gibt der Franzose auf klaren, scharfen Druck und fehlerfreien Satz; das französische Zeitungspapier ist dem deutschen überlegen, besser noch ist das englische, da in England kein Stroh- und Holzpapier gemacht werden darf. Die Amerikaner sehen blos auf die Größe, nicht auf die Schönheit des Druckpapiers.
Die belgischen Blätter sind meist den französischen nachgeahmt, jedoch hat das vlämisch-deutsche Element insofern eingewirkt, daß sie im Allgemeinen ernster sind und tiefer gehen; dagegen ist ihre Ausstattung, von einigen hervorragenden Organen abgesehen, meist um einige Grad schlechter, als die der französischen Organe. Die „Romane der ersten Autoren" sind in Belgien ebenso unentbehrlich, wie in den Pariser Blättern; die liberalen Organe wetteifern auch vielfach im „Naturalismus" mit ihren würdigen Kumpanen im Seine-Babel. Die Organe beider Länder haben die Eigenschaft gemein, daß sie meist über wenig Inserate verfügen, aber sich eine Extra-Einnahme verschaffen durch Verpachtung ihres Börsentheils an Spekulanten, welche mit ihren Referaten ungenirt den Bauernfang betreiben.
Echte Holländer sind die Zeitungen unserer niederländischen Sprachvettern. Im politischen Theile ruhig, bedächtig, aber wenn es zur Fehde kommt, auch gelegentlich recht klobig, in Vielseitigkeit den Deutschen ähnelnd, mit großer Vorliebe für snippers (Witze und solche, die es sein wollen) ; Handelsrubrik musterhaft. Er muß den Holländern wie den Engländern besonders nachgerühmt werden, daß sie in ihren Tagesblättern dem Sittenlosen keinen Boden gewähren.
Deutsches Reich.
Berlin, 5. Juli.
• Die am Donnerstag abgehaltene mehrstündige Sitzung despreußischenStaatsministe- r i u m s betraf, der ,Nat. Ztg.' zufolge, Festsetzungen bezüglich der Ausführung mehrerer wich- tigen Beschlüsse des Reichstags und des Landtags und Anordnungen der Verwaltung für die nächste Zeit. Die preußischen Minister werden nun nach-
der sie strahlend zurückwarf, grüßten ihn ein paar süße blaue Augensterne, und in seinen Ohren klangen die Worte, die Lia's weiche Stimme ihm oft gesungen: „Der liebe Gott geht durch den Wald." — Er fühlte überwältigt, daß der heutige Tag ihm die Entscheidung seines Schicksals bringen mußte.
Da — war es Täuschung 2 — Ueberrascht wandte er den Kopf: was er nur im Geiste vernommen, wurde nicht weit von ihm wirklich in den Wald hinausgeflüstert: „Der liebe Gott geht durch den Wald!" summten leise mit halber Stimme ein paar fromme Mädchenlippen; er war nicht allein! Einige Schritte von ihm entfernt lehnte halb verborgen von einem Jasminstrauch Lia's zarte Gestalt an einem der breiten Stämme. Es sah fast aus, als ob der Strauch all' seine weißen Blumensterne über sie ausgestreut hätte, so dicht besäet war der lichtgrüne Grund ihres duftig leichten Sommergewandes mit eingewirkten weißen Blüthenbüfcheln. In dem schmalen, grünen Sammt- gürtel steckte ein Sträußchen Waldblumen, die sie soeben gepflückt. Die grünen Sellenbänder ihres Strohhutes hatte sie um den Arm geschlungen und die herabhängenden Hände in einander gefaltet.
Edgar'» Herz schlug schneller. „Waldfee" hatte er sie damals beim ersten Erblicken genannt. „Meine säße Waldblume", bebte es jetzt lrise wie ein Hauch
einander ihre Urlaubsreifen antreten, so daß immer nur zwei Mitglieder des Staatsministeriums hier anwesend sein werden. Erft in der zweiten Hälfte des September dürfte das Ministerium wieder vollzählig in Berlin versammelt sein und an die Arbeiten für die nächsten Parlaments- Sitzungen herantreten.
* Wie die ,Post hört, hat sich in vielen Kreisen das Bedürfniß einer Verstärkung der den Landräthenzur Verfügung stehenden Beamtenkräfte fühlbar gemacht, und es sind deshalb Informationen eingezogen worden, in wie weit diese Zustände als allgemein anzusehen sind. Hoffentlich stehen nicht Wahlen in Aussicht!
* Ems, 4. Juli. Der Kaiser wohnte heute Nachmittag mit dem Großherzog und der Großherzogin von Mecklenburg-Schwerin und deren Gefolge, sowie andern hervorragenden Badegästen von der Veranda des Kursaales aus der Ruder- Regatta bei. Der vom Kaiser gestiftete Ehrenpreis wurde von der Frankfurter „Germania" gewonnen.
* Au» der Nähe von Hohenschwangau wird dem ,Naff. B.' über die kirchlichen Verhältnisse in der Umgebung des verstorbenen Bayernkönigs geschrieben:
Das Benefiziurn in Schwangau, welches der König zu besetzen hat und am Fuße des Schlosses liegt, ist feit vielen Jahren nicht besetzt, weil es zu gering fundirt ist. Wenn die Königin Mutter anwesend war, fand täglich hell. .Messe statt, der auch das Personal anwohnte. Se. Majestät der König ließ nur Sonntags eine heil. Messe lesen durch Franziskaner aus Füssen. In der letzten Zeit besuchte der König allein die Messe und dursten nur der Celebrant und Meßdiener anwesend ft in. Nach langem Warten wurde auch zuweilen die Messe ganz abbestellt. Einerseits ist es ganz gut, daß kein Schloßgeistlicher ständig in der Nähe war, sonst wäre zu leicht diesem jetzt Manches in Die Schuhe geschoben worden, vielleicht gar Der Wahnsinn. Andererseits ist es bedauerlich, daß ein KönigS-Benefizium nicht ausreichend botirt ist. Schwangau gehört zur Pfarrei Waltenhofen.
— Die bayerischen Schlösser, welche lange Zell unzugänglich waren, werden jetzt von den MügUe- dern der Kammer der Abgeordneten besichtigt. So über seine Lippen und unwillkürlich breitete er die Arme aus.
Sie hatte ihn nicht bemerkt. Sie richtete sich auf und trat bis an den Rand des Weihers zu dem kleinen Nachen, der dort angebunden lag.
Im Nu war Fürst Edgar auf den Füßen und an ihrer Seite. — „Guten Morgen, Fräulein Lia," sagte er, seine hohe Gestalt zu ihr herabbeugend, „hat es Sie auch schon so früh hinausgezogen in den Wald.
Sie erschrak, daß sie zitterte; ihre Hände ließen die Kette fahren, die sie eben zu lösen versucht. „Ich — ich wollte ein wenig auf dem See fahren," stammelte sie verwirrt.
„Darf ich Sie rudern?"
Stumm nickte sie Gewährung. Ein unbeschreiblich süßes Bangen lähmte ihre Zunge. Sie war so glücklich gewesen all' die Zett hindurch in dem unausgesprochenen und doch so beseligenden Geheimniß ihrer Siebe, daß sie eine fast scheue Furcht empfand vor dem, was kommen mußte: vielleicht fürchtete sie, daß die Seligkeit, der ihr Herz ahnend entgegenschlng, zu überwältigend groß sei für diese Erde, um von Dauer sein zu können.
Schon hatte der junge Fürst die leichte Gestalt in den Kahn gehoben und sich dann gewandt selbst hineingeschwungen. Rasch löste er den Rachen vom