Einzelbild herunterladen
 

1886.

D» ,Fuldaer ßtihmg' erscheint täglich, vorm- und Feiertage aulgenommen. Bierkeljithrlicher Abonnementsprels ohr

LelletrW'chm Wochenbeilage ,Sterne -Md Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 Mk. 75 Pfg. 3n<etBt = : Di, einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

., — mit der

* Die Völker und ihre Tagespresse.

I.

Der alte Göthe liebte bekanntlich die Zeitungen nicht, weil sie „der Zeit dienten", und gab bei mehreren Gelegenheiten seinem Widerwillen gegen diese „Papiere" Ausdruck, was ihn allerdings nicht hinderte, die ihm von den Zeitungen gespendeten Lobsprüche mit besonderem Behagen entgegen zu nehmen. Daß die Zeitungen „der Zeit dienen", isi unbestreitbar richtig, und diejenige Zeitung, welche am besten ihre Zeit erkennt und dieser am getreuesten „dient", d. h. für das eintritt, was die Zeit fordert, erfüllt ihre Aufgabe am vollkom­mensten. Flüchtige Kinder der Zeit, vom nächsten Morgenwinde verweht, haben die Zeitungen den­noch, wenn man sie als Literaturzweig in iqrer Gefammtheit übersieht, ausgeprägte Charaktere, welche in den verschiedenen Ländern verschieden sind und vom Charakter des Volkes in manchen Stücken ein Spiegelbild geben.

Das bedeutendste Land der Publizistik in Europa ist unstreitig England. Die größten englischen Zeitungen, allen voran die Londoner, haben eine Auflage, gegen welche die Verbreitung der deut­schen Blätter mit wenigen Ausnahmen sehr gering­fügig ist. Von der Auflage ist das Abonnement wohl zu unterscheiden; die Zahl dec Abonnenten ist bei den englischen Blättern selten sehr hoch; dieselben rechnen wesentlich auf den Einzel-Verkauf. Die meisten englischen Blätter haben den Quartal­preis nicht einmal am Kopfe verzeichnet, wohl aber schaut Einem von jeder copy (Exemplar) das un­vermeidliche „One Penny“ entgegen. Der ge­schäftsmäßige Engländer rechnet mit dem gegen­wärtigen Moment, seine Zeitungen ebenso. Der ganze Inhalt der englischen Tageszeitungen dreht sich um die news (Neuigkeiten), und zwar die daily news (Tagesneuigkeiten). Der Leser will zunächst Thatsachen erfahren: die neuesten Ereig- nisie auf dem Erdball findet er im Telegramm nach Rubriken geordnet. Um dem eilfertigen Leser die Sache noch zu erleichtern, ist aus diesen tele­graphischen Meldungen zu Anfang des redaktionel­len Theiles noch ein knapper Auszug, eine Art „Tagesbericht" hergestellt, eine Einrichtung, dis zweifellos als praktisch belobt werden muß. Die

Die Tochter des Seigers.

Roman von C. Armand.

„Also doch den Kampf", murmelte Edgar, den Brief zusammenfaltend, „ich hätte ihn gern ge­mieden — aber wenn es denn sein muß." Seine stolze Gestalt reckte sich höher empor, die Bewe­gung ergänzte den unvollendeten Satz: er war ihm gewachsen. —

Der Gedanke an seine eigene Angelegenheiten wurde indeß bald wieder vollständig von der Sorge um seinen Freund in den Hintergrund ge­drängt, und seinen Lippen entschlüpfte ein Laut freudiger Ueberraschung, als er nach beendigter Fahrt beim Verlaffen des TrainL die bereits »artende Postkutsche erblickte und in dem Postillon einen Bekannten entdeckte; es war derselbe der die drei Pferde besorgt hatte, der konnte ihm wahr- scheinlich Auskunft über Walters Zustand geben. Er eilte lebhaft auf ihn zu und wurde von dem biedern Burschen mit treuherziger Freundlichkeit begrüßt.

Auf seine besorgten Fragen erhielt er reichliche und sehr beruhigende Auskunft:

„Ja, Herr, das hätte schlimm genug «erden können", erwiderte der Gefragte wichtig, „der junge Herr ist den Schurken, die gewaltige Heber« macht hatten, etwas tollkühn zu Leibe gegangen

Leitartikel, meist 3 oder 4 Stück, behandeln stets Tagesfragen, jedoch nicht bloß rein poli- tische; auch das Derby Rennen ist nicht ausge- schlofien von der Rubrik, in welcher die Homerule- Frage behandelt wird. Im Allgemeinen sind die Artikel der englischen Blätter sachlich, nüchtern, weniger geistreiche Phrasen, als packende Argu­mente vorbringend. Die englischen Parlaments- Berichte sind die objektivsten, welche existiren; die Redner für und wider werden mu gleicher Sorg­falt behandelt Ein laufendes Feuilleton „unter dem Strich" kennt die englische Tagespresse nicht, ebensowenig feuilletonistische Beigaben, wie sie bei uns mehr und mehr Sitte werden; dagegen wird über Festlichkeiten, Konzerte, Rennen rc. ausführ­lich referirt, selbst die Nationalspiele (Football, Lawn-Tennis rc.) haben ihre Rubriken. Im „Vermischten" sieht man vergeblich nach platzfül­lenden Kalauern, auch hier ist Alles auf den Tag zugeschnitten. Daß die Börsen-, Handels- und Verkehrs-Nachrichten ausgiebigste Berücksichtigung finden, versteht sich für John Bull von selbst. Echt englisch ist bei den newspapers (oder papers, wie man gewöhnlich kurz sagt), daß nicht der Leitarti­kel an der Spitze steht, sondern die Annonce. Die Annonce ist ja auch für den materiell denkenden Engländer die Hauptfache; sie weiß sich sogar mit­ten zwischen den redaktionellen 2>xl einzuschmug­geln, meist am Ende durch ein „Advt.“ (Adver­tisement) kenntlich gemacht.

W.e der derbe Pankee zu dem würdigen John Bull, so verhalten sich die amerikanischen Zeitungen zu den englischen: eine Volksausgabe auf grobem Papier, ohne Zier und Chic. In den amerikanischen newspapers findet die politische Reflexion keine Stätte, wenige Ausnahme, z. B. den ,New-Aork Herald' abgerechnet; nur in der Wahlperiode übersteigen sich die politischen Aus­einandersetzungen, und in der Regel sind es Besen­stiel-Artikel, denen gegenüber selbst das ,Bayer. Vaterl.' noch als matte Limonade erscheint. Die tägliche Zeitungskost des Amerikaners sind Berichte über Skandal, Ünglückssälle, Versammlungen, Ver­eine, Reisen, Unternehmungen, Geschäfte und vor Allem — Rcklamen, in denen Amerika bekanntlich ganz Erstaunliches, und zwar nicht bloß in Zn- tungen, zu leisten weiß.

und die Kerls haben ihn auch ordentlich gepfeffert, ihre Schuld ist's nicht, daß der Herr Erkens nicht tobt auf dem Platze geblieben ist; die eine Kugel ist ihm nahe genug am Leben vorbeigegangen, aber er hat so ein Etui oder wie sie , das Ding heißen, in der Tasche gehabt, daran ist sie abge­glitten und hat ihm nur die Haut gestreift, die andere Kugel ist ihm freilich durch den Arm ge­gangen, doch das ist nicht gefährlich. Er hat's den Schuften aber auch ordentlich gegeben, denen wird wohl für's Erste die Lust zum Wildem vergangen sein."

„Ich danke Ihnen", schnitt Edgar den bedenk­lich werdenden Redestrom des Burschen ab, indem er ein reichliches Trinkgeld in die Hand desselben gleiten ließ, „ich gebe Ihnen das Doppelte, wenn Sie mich so rasch wie möglich in’S Dorf hinüber­bringen."

„Das thue ich auch umsonst," lachte der Bursche, „Sie sind wohl heute mein einziger Paffagier?"

Der Fürst bejahte, er stieg ein, und in scharfem Trabe fuhr die Post davon, während der junge Postillon ein lustiges Liedchen blies.

Die Sonne neigte sich bereits zum Untergange, al« endlich die grünen Waldhallen ihn aufnahmen und er den oft betretenen Weg zum Forsthause einschlug.

Uns Deutschen kann eine solche Zeitung«- schrciberei am allerwenigsten gefallen; das „Volk der Denker" hat in seinen Blättern den Leitartikel an der Spitze; die Parteistellung kommt täglich zum Ausdruck, die Polemik beansprucht ein weites Feld. Im Uebrigen verlangen wir von unseren Zsitungen nicht mehr als Alles: Politik und Ro­man, Wissenschaft und Lokalklatsch, Erbauliches und Humoristisches, Landwirthschaftliches und Küchen - Rezepte, Börsen - Berichte und Ver­einskalender, sogar Bilder und Karrrkaturen — es kann ja kaum ein Blatt mehr ohne illustrirte „Sonntags-Beilage" oder bergt, in bie Welt hinauS- gehen! Der Deutschs erhöht fortwährenb die An­sprüche an „sein Blatt" und hält es dabei für ein unveräußerliches Recht, ja eine Pflicht, aus „sein Blatt" von Zeit zu Zeit zu schimpfen; nur eins vergißt er gar zu oft: das Annonciren. Wenn er darin fleißiger wäre und seine Inserate nicht in Blätter anderer Richtung trüge, so würde „fein Blatt" ihm mehr bieten können.

Deutsches E<erch.

B e r'.< n . 4 Juli.

* Der Generaladjutant des Kaisers Fürst Anton Radziwill hat sich zu längerem Aus- enthalt nach Rußland begeben. Es handelt sich bei dieser Reise um einen Besuch der ausgedehnten russischen Besitzungen des Fürsten.

* Der Reichskanzler Fürst Bismarck ist gtftern mit dem Schnellzuge der Anhalter Bahn um 8 Uhr 40 Minuten in Begleitung seiner Gemahlin und des Chefs der Reichskanzlei, Geheimen Ober- Regierungsrathcs Dr. Rottenburg nach Kis sin­gen abgereist. Der Fürst macht die Reise wie gewöhnlich in seinem Salonwagen, welcher in den Zug eingestellt war.

* Der ausgewiesene socialdemokratische Reichs­tagsabgeordnete Singer hat gestern vom Schle­sischen Bahnhof aus Berlin verlaffen. Auf dem Bahnhofe hatten sich mehrere hundert Arbeiter meist mit rochen Nelken im Knopfloch eingesunden, um dem scheidenden Führer eine kleine Ovation zu bereiten. Vom Schlesischen Bahnhofe fuhr Singer mit der Stadtbahn durch die ganze Stadt. Auf allen Stadtbahnhöfen wiederholten sich die Ovationen in steigendem Maße. Ein großer Theil

Dasselbe strahlende Abendroth, das ihm bei seiner Abreise geleuchtet, begrüßte den Heimkehren« den; es küßte über ihm die rauschenden Wipfel und streute ihm zu Füßen purpurne Rosen auf das weiche Moos. Bedeuteten sie die Rosen der Liebe, die fortan seinen Weg betreten sollten? —

Es grüßte ihn Alles so lieb und vertraut, und doch — er hatte sich seine Heimkehr anders aus- gemalt. Er hatte so zuversichtlich auf die Ein­willigung feines Vater« gerechnet; die Fürstenkrone, auf die er nun verzichten mußte, erschien ihm plötzlich doch begehrenswerth; es wäre so schön gewesen, Lia's reine Stirn damit zu schmücken, und wenn er mit dem geliebten Mädchen das Glück in lieblichster Verkörperung an seine Seite gefesselt, wie hätte er da sein Volk beglücken wollen!" —

Auch nicht mit leichtern, freudig schlagendem Herzen, wie er geträumt, war er heimgekehrt: er war ja ganz ersüllt gewesen von banger Sorge um ein theures Leben und auch nicht bie Liebe, bie Freunbschaft hatte ihn zurückgeführt. Es war eben alles anders gekommen, als er in feiner stolzen Zuversicht erwartet, und für den oerföhn- ten Liebling des Glücke« hatte das Wort „Enttäuschung" einen gar häßlichen Klang — er mußte unwillkürlich an bas zerbrochene Glas denken.