J\£ 146.
Donnerstag, den 1. Juli
1886.
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Deutsches Reich.
Berlin, 30. Juni.
** Beide Häuser des preußischen Landtags hielten heute ihre Schlußsitzungen ab. Das Herrenhaus nahm ohne Debatte die Weichsel- nothstandsvorlage, sowie in zweiter Abstimmung das Volksschullehreranstellungsgesetz und ferner den Gesetzentwurf betr. die Pensionirung der Beamten des Kunstgewerbemuseums zu Berlin an. Ein Antrag, die Berathung des Antrags von Kleist. Retzow, betreffend größere Freiheit und Selbst, ständigkeit sowie bessere Dotirung der evangelischen Kirche abzusetzen bezw. den Antrag an eine Kom- Mission zu verweisen, wurde abgelehnt. Graf v. Zielen-Schwerin befürwortete den Antrag, nach- dem die anwesenden Minister v. Puttkamer, Dr. Lucius und Dr. Friedberg den Saal verlassen hatten. (Kultusminister v. Goßler war nicht an- wesend.) Es handle sich um keinen Feldzug gegen das Summepiskopat; das wäre ebenso unklug als undankbar gegen die Hohenzollern. Die evangelische Kirche sollte nur von der Vormundschaft des Ministers und der Kammer befreit werden. Die evangelische Kirche muffe direkt mit ihrem obersten Bischof verkehren, auch bezüglich der Erziehung der Geistlichen mehr Freiheit haben, v. Kleist- Retzow findet es unerhört, daß die preußischen Kammern, in denen auch Katholiken, Juden und Diffidenten sitzen, an der Leitung der evangelischen Kirche mitwirken sollen. Oberbürgermeister Struck- mann bekämpfte den Antrag, der ein einseitiges Parleiregiment. besonders in Hannover, und die Bildung von Secten zur Folge haben würde. Nachdem noch Graf v. d. Schulenberg für den Antrag eingetreten, wurde derselbe angenommen. Nach Erstattung der Geschäftsübersicht und nachdem das Haus dem Präsidenten Herzog von Ratibor den Dank für seine umsichtige Geschäftsleitung ausgesprochen, wurde die Sitzung mit einem dreifachen Hoch auf S. M. den König geschloffen. — Das Abgeordnetenhaus, welches vor Eintritt in Vie Tagesordnung das Andenken des verstorbenen Abg. Kleist von Bornstedt durch Erheben von den Plätzen geehrt, erledigte nur die Interpellation, betreffend
Die Tochter des Geigers. 18
Roman von C. Armand.
„Lia!" — brach es dann stürmisch von seinen Lippen, — doch nein — jetzt noch nicht, gewaltsam bezwang er sich — „wenn dort die Myrthe an Ihrem Fenster blüht, kehre ich zurück," rief er, dann stürzte er fort.
Unten traf er den Förster, der nicht wenig erstaunt war über die aufregenden Neuigkeiten, die er erfuhr.
„Also die Prinzeß liegt verwundet oben, und Sie wollen fort? Na, da sind die schönen Tage von Aranguez hier wohl auch für's Erste vorüber. Aber ich rechne bestimmt darauf, daß Sie in kürzester Frist wieder bei uns sind, ich glaube fast, wir können gar nicht mehr ohne Sie fertig werden."
Edgar versprach es und eilte dann in den Hof hinab, wo er sich den Almansor satteln ließ und alsbald in den Wald hinaussprengte.
Das Wetter war vorübergezogen, der Himmel wieder hell, die Sonne brach leuchtend durch das Gewölk und vergoldete vor ihrem Scheiden die Welt noch einmal mit abendrothen Strahlen, einen versöhnenden Schimmer über die Zerstörung breitend, die der Gewittersturm angerichtet.
Weit dehnte sich die Brust des Fürsten. Auch kr mußte ja zerstören, mußte Vorurtheile und Pläne zertrümmern, doch ein Gewittersturm rei- W die Luft, der Sonnenschein, der ihn zum Ab-
die schlesischen Ueberschwemmungen. Abg. Halberstadt motivirte dieselbe unter Hinweis auf die Schäden, welche die Fluthen angerichtet. Minister v. Puttkamer erwiderte daß glücklicherweise die entstandenen Schäden keine so schweren seien, als Anfangs angenommen wurde. Die eingegangenen amtlichen Berichte ließen erkennen, daß Staatshülfe im Allgemeinen nicht nothwendig sei. In Einzel- fällen würden Anträge auf Unterstützung wohlwollende Prüfung sinden. Abg. Eberty dankte als Mitinterpellant dem Minister für seine Mittheilungen. Nach kurzer Diskuffion wurde der Gegenstanv verlassen und nach Vortrag der Ge- schäftsübersicht seitens des Präsidenten und der Abstattung des Dankes an das Präsidium seitens des Hauses die Sitzung unter lebhaften Hochrufen auf Se. Majestät ven König geschloffen. — In einer sich anschließenden gemeinschaftlichen Sitzung beider Häuser wurde die Session durch den Vize-Präsiventen des Sta atsministeri- ums v. Puttkamer im Auftrage des Königs geschloffen.
* Dem Bundesrath ging eine Vorlage des Reichskanzlers betreffend Ausprägung neuer Nickelmünzen m Zwanzigpfennigstücken im Betrags von fünf Millionen Mark zu.
* Die neulich wegen der angeblichen Gegen- Proklamation des Königs Ludwig von Bayern beschlagnahmte Nummer des „Berliner Tageblattes" ist jetzt wieder freigegeben worden.
* Der sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete und Stadtverordnete Singer ist aus Berlin ausgewiesen worden. Demselben wurde bis zum Sonnabend Frist zur Ordnung seiner Angelegenheiten gegeben. AuSgewiesen wurde ferner der Restaurateur Jacobi, dessen Lokal den Hauptsitz der Sozialdemokratie bildete.
** In Bremerhaven fand heute die feierliche Eröffnung der Fahrten der neuen deut- ! schen Dampferlinien nach Ostasien und Australien statt. Staatssekretär von Bötticher sagte in seiner Rede als Vertreter des deutschen Reiches den Wünschen, welche heute an dieser Stelle laut werden, schließt das gesammte deutsche Volk an. Der heutige Tag ist ein ehrenvoller für Deutsch-
schied grüßte, sollte ihm Bürgschaft fein, daß auch er über Zerstörung und Trümmer zu Glanz und leuchtendem Glück schreiten würde.
Am Ausgange des Waldes angekommen, hielt er sein Pferd an und wandte sich dann noch einmal zurück. Weit breitete er die Arme aus, dem grünen Dickicht entgegen, in dem er seinen höchsten Schatz zurückließ, und während der purpurne Wiederschein der Abendröthe seine in stolzer Zuversicht leuchtenden Züge verklärte, rief er mit hallender Stimme:
„Auf Wiedersehen!" und leise klang aus dem Walde das Echo zurück, „auf Wiedersehen."
XIII.
Als Prinzeß Therese aus langen Fieberträumen wieder erwachte, saß Lia Rose an ihrem Lager. Dieselbe hatte sie unermüdlich gepflegt und die ganzen Nächte hindurch bei ihr gewacht. Der Arzt, den man herbeigerufen, hatte zwar erklärt, daß eine direkte Lebensgefahr nicht vorhanden, aber größte Vorsicht geboten sei und vor Allem ein Transport nach Hubertusburg in den ersten Tagen wenigstens sich noch nicht ausführen lasse.
Die Fürstin war durch die Nachricht von dem Unglücksfall so angegriffen, daß an einem Besuch ihrerseits im Forsthause nicht zu denken war, aber Susanne und Frederic kamen täglich, um sich nach dem Befinden ihrer theuren Prinzeß zu erkundigen.
land und so Gott will ein glücklicher für b*e Zukunft des deutschen Reiches.
* Gegen Herrn Miquels Kasseler Rede bringt das Organ der Kaffeler National-Liberalen, die .Hessische Morgenzeitung,, einen Artikel. Ein aufrichtiger Friede, sagt das Blatt u. A., sei durch das letzte Gesetz nicht geschlossen worden. Der Katholicismus bekämpfe den Protestantismus durch eine unablässige Propaganda, insbesonoere bei den gemischten Ehen. Selbst an den ureigenen Sitzen des Protestantismus, swie Eisenach und Hersfeld, entständen katholische Kirchen! Auf diesem Wege könne in hundert oder mehr Jahren Deutschland dem Katholicismus wiedergewonnen sein. Im freien Mitbewerb mit der katholischen Kirche sei der Untergang der protestantischen besiegelt. Nur der Staat habe die Mittel, der gewaltthätigen Abbröckelung des Protestantismus entgegenzutreten. In dem Protestantismus schütze der deutsche Staat sich selbst. Die Reformation aber würde ohne den Schutz von Fürsten niemals aufgekommen sein. Jene Fürsten erkannten die Reformation als eine nationale That. Einer vertrauensvollen Friedensseligkeit könne man sich auch nach dem abgeschlossenen Frieden nicht hingeben. „Drastischer", so fügt die ,Freis. Ztg.' hinzu, „sind wohl niemals die religiösen und politischen Aufgaben, staatlichen und kirchlichen Zwecke mit einander vermischt und verquickt worden. Nach der Auffassung dieser hessischen National-Liberalen ist der Protestantismus ohne Staatshülfe in freiem Mitbewerb mit dem Katholizismus verloren. Kläglicher könnte der größte Feind des Protestantismus diesen nicht herabwürdigen, als es derart im Organ der hessischen National-Liberalen geschieht. Nach deren Auffassung soll also ein Staat, dessen Erhaltung die opferfreudige Mitwirkung auch vieler Millionen katholischer Bürger voraussetzt, seine Macht gegen den freien Kampf der religiösen Meinungen zu Gunsten des Protestantismus in die Waagschale werfen. Wenn solche Ansichten in einem anerkannten Parteiorgan sich verlautbaren dürfen, so können die National-Liberalen sich nicht wundern, daß sie trotz Miquel's Rede immer mehr als eine anti - katholische Partei betrachtet werden. Wer eine solche
Lia Rose gab ihnen stets freundlich Bescheid. Beide waren entzückt von ihr und wußten der Fürstin nicht genug zu berichten von „dem Engel", der die gnädige Prinzeß pflege.
Es war Nacht — hell schien der Vollmond in das kleine Gemach und wob ein so magisches Licht um Lia's zarte Gestalt, daß die erwachende Prinzessin sie im ersten Augenblicke für eine überirdische Erscheinung hielt. Verwundert betrachrete sie eine Zeit lang die fremde Umgebung, dann fragte sie leise: „Wo bin ich, und wer sind Sie?"
„Sie sind im Hause des Försters Erkens und ich heiße Lia Rose Goldini, Hoheit," erwiederte diese, sich zu ihr herabbeugend.
Prinzeß Therese richtete sich lebhaft auf, hohe Röthe bedeckte ihre bleichen Wangen: die Erinnerung an die letzten Ereignisse kehrte ihr plötzlich zurück.
„Wer brachte mich hierher?" stieß sie hervor.
„Ein Gast dieses Hauses, Herr Norden," entgegnete Lia ihrerseits erröthend.
Mit einem leisen schmerzlichen Seufzer sank die Prinzeß in die Kissen zurück. „Also doch nicht er!" murmelte sie vor sich hin. Es war ja auch so unmöglich — ihre erregten Sinne hatten ihr ein Trugbild vorgegaukelt — weiter nichts. Aber ihr Herz zog sich doch schmerzlich zusammen, und fast wünschte sie sich ihreFieberträume zurück, sie war so glücklich gewesen m dem Gedanken, von ihm gerettet worden zu sein.