J\£ 145.
Mittwoch, den 30. Juni
1886.
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* Der sechste deutsche Lehrertag, der kürzlich zu Hannover ziemlich unbeachtet tagte, bedarf als Symptom, daß der in der Aera Falk herrschende Geist in einem Theile der Jugenderzieher noch immer spukt, doch einiger Erwähnung. Der Besuch war nicht so zahlreich, als in früheren Jahren, doch behaupteten die 85 Delegirten gegen 40,000, selbstverständlich meist protestantische Lehrer, zu vertreten. Die katholischen Lehrer halten sich ja bekanntlich meist von diesen Versammlungen fern.
Zur Berathung kamen auf dem Lehrertage 7 Hauptthemata: 1. soll die Schule Sache der Reichsgesetzgebung sein; 2 der Religionsunterricht nach den Grundsätzen Pestalozzi's; 3. Stellung des Lehrers in der Schulverwaltung und 4. die Bedeutung der pädagogischen Tagespresse.
Schon die Auswahl dieser Themata zeigt, daß der Lehrertag das Politisiren und Lideralisiren aüf religiösem Gebiete mehr liebt, als die Erörterung wichtiger Schulsachen. Das erste Thema ist um so auffälliger, als die Schule ja nicht Reichssache ist und sich überhaupt ein Bedürf- ni ß zu Aenderungen in dieser Beziehung in keiner Weise geltend gemacht hat. Die Politikaster des Lehrertages erwiesen sich also durch unmotivirte Aufwerfung der Frage nur als Centralisa- tionsfana'.tiker. Zum Glück trat der Referent als vernünftiger Mann und als erfahrener Pädagog auf. Er verneinte die Nothwendigkeit und Nützlichkeit einer Reichsfchußzesetzgebung, 4« der deutsche Geist der Uniformirung abhold und die Stammeseigenthümlichkeiten zu respektiren seien, ja er war einsichtig genug, unter der Reichsschulgesetzgebung sowohl eine Verschlechterung der Schule wie der Lehrerverhältniffe zu befürchten.
Uebrigens verriethen die Fanatiker der Reichsschutzgesetzgebung offen genug, was hinter ihrer Forderung stecke. Für dieselben wurden die „konfessionellen Verhältnisse" und die „deutsche Zer- riffenheit" in's Feld geführt. Also die Simultanschule und politische Einheitszwangsjacke sind das Ziel der liberalen Schulhelden. Roch greller witrde diese verderbliche Richtung gleich durch den nächsten Vertrag über den „Religionsunterricht" nach Pestalozzis Grundsätzen illustrirt. Erstaunt wird sich Mancher
fragen: wie der liberale schweizer Pädagog als Autorität in Sachen des Religionsunterrichts gelten könne? Indessen der Lehrertag beurtheilt die Sache vom Standpunkt der preußischen Regierung, die ja auch die Ertheilung des Religionsunterrichts als Staatssache betrachtet. Hat man diesen falschen Standpunkt einmal acceptirt, so kann ja auch ein Laie als höchste Autorität in Sachen des Religionsunterrichts gelten. Am grellsten trat der unselige Geist der Versammlung in der Forderung an den Tag, es soll in der Schule bloß „ein sittlich-religiöser Religionsunterricht" ertheilt werden, wohingegen der konfessionell-dogmatische Unterricht Sache der Kirche sei " Also so ein Allerweltsreligionsunterricht ist das Ziel! Aber Consequenz war nicht die starke Seite der in Hannover Tagenden. Der Referent, Schmarje-Altona will bei diesem Allerweltsreligionsunterricht das neue Testament als Lehrmittel benützen. Was werden die Juden dazu sagen? Da sind die atheistischen Schuityrannen Belgiens und Frankreichs, die mit allem Christlichen in der Schule auf räumten, doch konsequenter. Doch der Prophet für den Religionsunterricht pro Christen, Juden und Heiden will auch nicht das ganze neue Testament gebrauchen, denn die Wunder will er nicht gelten lassen.
Ein Zeichen eintret nder Besserung war es nun, daß dem konfusen Kops aus Altona mehrere Kollegen, darunter die Lehrer Böttcher aus Posen und Wohl aus Breslau, entgegentraten. Letzterer erklärte, viele Wunder des neuen Testaments, seien geradezu Grundlagen oes Cynstenthums; solle man sie blos als historische Thatsachen vortragen, an welche die Kinder nicht zu glauben hätten, so bekämen wir einen Neligionsunterricht ohne Glauben, etwa nach französischem Muster. Dieser Protest verdient als Anfang einer Gesundung alle Anerkennung, aber es war nur ein Zeichen weiter Inkonsequenz, daß die Versammlung von dem gänzlich verfehlten Vortrage des Referenten doch „dankbar Akt nahm." Allerdings lag darin, daß über die Thesen kein Beschluß gefaßt wurde, schon eine indirekte Verurtheilung derselben, aber die Versammlung hätte bester daran gethan, wenn sie die durch den Altonaer Referenten vorgeschlagene Religionsmengerei als Nachäffung französischer Schultyrannen energisch verurtheilt hätte.
Air Tochter des Geigers. 17
Roman von C. Armand.
Flammende Blitze, die fast unaufhörlich gleich züngelnden Schlangen aus dem nachtschwarzen Gewölk hernieder suhren, schienen die Finsterniß nur zu zerreißen, um auf Momente die Zerstörung ringsum zu beleuchten. Dazwischen krachte der Donner, als ob das Welttall aus den Fugen gehen wollte, und nun öffnete auch der Himmel seine Schleußen.
Ein wolkenbruchartiger Regen strömte hernieder und verwandelte in Zeit von fünf Minuten den grünen Waldbnden in eine schlammige Maste, die vom Sturm getrieben sich langsam fortzuwälzen begann. —
Prinzeß Therese gab sich verloren. Der Sturm und die auf sie stürzenden Wafferfluthen raubten ihr den Athem. Ihr Gewand klebte sich fest um den zitternden Körper, ihre Arme hatten kaum noch die Kraft, sich an den Stamm zu halten und wenn sie los liefe, sank sie in den tiefen Schlamm. Schaudernd schloß sie die Augen, dann rief sie um Hülfe, aber ihre Stimme erstarb in dem Tosen und Brausen um sie her.
Plötzlich brach der Ast an dem sie sich gehalten, sie schrie aus, gellend, verzroeffeld — da — «ar
es eine Täuschung der Sinnen? laut und vernehmlich klang es: „Hier!"
Welche Stimme? sie rief auf einmal alle Lust des Lebens in ihr wach. Eben schlug der Blitz in eine Eiche, daß sie wie eine Riesenfackel weithin die Gegend beleuchtete. In dem rothen Feuerschein sah sie eine hohe Männergestalt, die, quer durch das Dickicht mit übermenschlicher Anstrengung sich durchkämpfeud, schnell auf sie zukam.
Ihre letzte Kraft zusammenraffend, suchte sie sich aufrecht zu erhalten und ihm einige Schritte entgegenzugehen. Der Sturm liefe einen Augenblick nach, wie wenn er Athem schöpfen wollte zu neuem Stoß, schon war der Retter ihr ganz nahe — da — ein Krachen, wenn zwanzig Kanonen zumal abgeseuert würden, mit erneuter Wuth warf sich der Orkan auf den gewaltigenBaum neben ihr — er barst, brach, sie fühlte einen schmetternden Schlag gegen Stirn und Schlafen und dann einen warmen Strom ihr Antlitz herabrinnen. Vor ihren Blicken wurde es wieder Nacht — sie taumelte, sank, doch zwei starke Arme fingen sie auf, sie sah noch rote eine Vision ein paar schwarze Feueraugen auf sie gerichtet, dann schwanden ihre Sinne — ohnmächtig lag sie — an Eogarr Brust. —
Der Fürst war aus einem Spaziergang eben- salls von dem Urwetter überrascht worden und
Deutsches Reich.
Berlin, 29. Juni.
** Das Abgeordnetenhaus beriech heute die Kreisordnung für Westfalen in der vom Herrenhaufe beschlossenen Fassung. Der Unterschied zwischen den Beschlüssen beider Häuser besteht darin, daß nach dem früheren Beschluffe dieses Hauses der Amtmann auf Vorschlag der Amtsversammlung ernannt werden sollte, während das Herrenhaus das Vorschlagsrecht in den Kreisausschuß darlegte. Abg. o. Heeremann beantragte Aufrechterhaltung des früheren Beschlusses, während Minister v. Puttkamer und mehrere Redner der Rechten im Interesse des Zustandekommens des Gesetzes für die Annahme des Herrenhausbeschlusses plaidirten. Der Antrag v. Heeremann wurde vom Zentrum und den Freisinnigen unterstützt. Mit 141 gegen 139 Stimmen trat das Haus schließlich dem Beschlüsse des Herrenhauses bei. Hierauf begründet Abg. v. Strombeck die von ihm gestellte Interpellation betreffend Staatshülfe für die durch Wolkenbrüche Geschädigten des Eichs- feldes. Minister v. Puttkamer erwidert, daß offizielle Anträge auf Staatshilfe nicht gestellt seien und daß es auch zu bedenklichen Consequenzen führen würde, wenn der Staat durch Elementarereignisse verursachten Schäden vergüten wollte, ohne daß eine allgemeine Landeskalamität kon- ftatirt sei. Wo es sich darum handle, einzelne Geschädigte, in ihrem Nahrungsstande zu erhalten, werde etwaigen Anträgen nach Möglichkeit entsprochen werden. An diese Beantwortung schließt sich eine längere Diskussion, in welcher die Interpellanten sich nicht für befriedigt erklärten. Schließlich wurden Wahlprüfungen und Petitionen erledigt. — Mittwoch: Interpellation betreffend Neberschwemmnngen in Schlesien, Petitionen.
* Schlesische Abgeordnete haben im Abgeordnetenhause folgende Interpellation eingebracht: „Ist die königliche Staatsregierung über den Umfang der durch Ueberschwemmungen in den Kreisen Hirschberg, Löwenberg, Landeshut, Görlitz, Lauban und Burzlau und anderen geschädigten schlesischen Distrckten verursachten Verheerungen unterrichtet? Welche Maßregeln gedenkt eventuell die königliche Staatsregierung zur Linderung des Nothstandes in den erwähnten Gegenden zu thun?"
hatte das Forsthaus, dem die Prinzessin ohne es zu wissen ganz nahe gekommen, schon fast erreicht, als er ihre Hilferufe vernehmend, dem Schall nacheilte und sie eben in dem Momente erreichte, als ein Ast, des stürzenden Baumes sie getroffen.
Mit einer aus natürlichem Mitgefühl und peinlichem Schrecken gemischten Empfindung erkannte er Prinzeß Therese. — Was sollte er beginnen? — sie schien schwer verletzt — es blieb ihm keine Wahl, er mußte sie ins Forsthans bringen — zu Lia Rose, die wie er wußte, mit dem Förster allein zu Hause war, da Frau Martha schon cm Morgen ins Dorf gegangen, um Einkäufe zu machen, wohin Walter sie begleitet. —
Er preßte ein Tuch gegen die heftig blutende Stirnwunde der Prinzessin und bettete ihr Haupt sorglich an seiner Brust; das aufgelöste blonde Haar hing schwer und lang über seiner Schulter, er schlug seinen Mantel um sie und trat dann mit seiner Last den beschwerlichen Weg an, langsam Schritt vor Schritt, es gehörte seine Kraft und Gewandtheit dazu, um überhaupt vorwärts zu kommen.
Zum Glück für ihn schien der Orkan mit jenem letzten gewaltsamen Stofe, der den starken Baum entwurzelt, seine Wut erschöpft zu haben. Er liefe ein weniz nach. Auch Blitz und Donner