1886.
Montag, den 28. Juni
Fuldaer
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□ Die Prinzenausweisung in Frankreich.
Der französische Senat hat am letzten Dienstag einen entscheidenden Schritt gethan. Die endgiltige Annahme der PrinzenauSweisungS« Vorlage war ein verhängnißvoller Moment für die dritte Republik; die Geschichte der Zukunft wird, davon sind wir fest überzeugt, den übermüthigen Republikanern ' und Radikalen den greifbaren Beweis liefern, wohin es führt, wenn man im Namen der Freiheit zur größten Willkür, im Namen der Gleichheit zu den schlimmsten Ausnahmegesetzen greift. Mit 137 gegen 122 Stimmen wurde im Senat der erste Artikel des Ausweisungsgesetzes votirt, und mit einer noch etwas größeren Mehrheit erfolgte in namentlicher Abstimmung mit 141 gegen 107 Stimmen die Annahme der ganzen Vorlage. In Folge" diese« denkwürdigen Beschlusses vom 22. Juni mußten dre französischen Prätendenten, das Haupt der Familie Orleans, der Graf von Paris, und das Haupt der Familie Bonoparte, Prinz Jerome mit seinem Sohne Victor, den ungastlichen Boden der Republik verlassen. Die Orleans begaben sich nach England, die Napoleoniden nach. Belgien.
Wir haben keinerlei persönlich-voreingenommene Sympathien weder für Vas gegenwärtige Haus Bonaparte, noch für die Familie Ser. Orleans; , das kann also nicht der Grund sein, weßhalb wir die Ausweisung bekämpfen. Ja, wir glauben sogar, " < daß.die Republik den Prätendenten für die Zukunft ■ feinen besseren Dienst erweifim.künnte, als durch diese allen Freiheitsbegriffen hohnsprechende Zwangs- Verbannung, welche den" ^Betroffenen die volle
Air Tochter des Geigers. -
Roman von C. Arm-an-d.
■ ^Hoheit wollen ausgehen — jetzt'?" — fragte die Dienerin besorgt, wir bekommen sicher vor ' ‘ Abend noch ein Gewitter, sehen Sie nur, dort hinten braut's wie in einem Hexenkessel, wenn das losbricht, wird's sicher furchtbar nach 1>er Gluth der letzten Tage."
In der That ballten sich- auch am äußersten Rande des westlichen Horizontes dunkle Wolken- maffen zusammen, die ein fahler schwefelgelber Streifen umsäumte; sonst aber war der ganze Himmel noch blau und heiter. —
Die Prinzessin hatte einen schnellen Blick durch das nächste Fenster geworfen; „bis das heraufgezogen ist bin ich längst wieder hier," sagte sie ' sorglos.
„Aber, wollen Euere Hoheit denn nicht wenigstens den Diener Frederik milnehmen?"
„Nein, ich möchte allein gehen", entschied.Prinzeß Therese, „wir sind ja hier nicht am Hofe".
„Ihre Durchlaucht die Frau Fürstin wird sich sicher ängstigen, wenn sie erwacht und hört, daß " die gnädige Prinzeß draußen sind", machte Susanne, einen letzten Versuch, ihre junge Herrin zurückzuhalten.
„Aber Susanne, was fällt Dir nur ein? Du
Aktionsfreiheit zurückgibt und namentlich die Orleans vermöge ihrer verwandtschaftlichen Verbindung mit so vielen in Europa regierenden Herrscherfamilien in den Stand setzt, mit größerem Nachdruck das Streben nach der französischen Krone zu betreiben. Die französische Geschichte der letzten 100 Jahre ist reich an Beispielen dafür, daß Machinationen gegen die bestehende Regierung sich recht gut vom Auslande leiten laffen.
Zwar bietet das Gesetz der Regierung die Möglichkeit, nach den Kronprätendenten und ihren Erben auch die übrigen Angehörigen der ehemals regierenden Familien auszuweisen, sobald sie irgend- wie der Republik gefährlich werden. Aber, wenn auch alle Glieder der Prätendentenfamilien ausgewiesen, oder, — was sogar wahrscheinlich ist — freiwillig das Exil ihrer Familienhäupter theilen werden, so bleiben doch ihre zahlreichen Anhänger im Lande und die Republik mag sich über die geschickt verhüllten wahren Gesinnungen mancher hoher, wie niederer Beamten und Militärs in einem sehr verhängnißvollen Jrrthurn vorfinden. Mit einem Worte: mit der Prinzenausweisung ist die legitimistische und bonapartistische Agitation in Frankreich noch nicht beseitigt, und unter der Herrschaft des Preßgesetzes vom 27. Juli 1881, nach welchem weder der Angriff auf die Republik, noch die Propaganda in Wort und Schrift strafbar ist, ist der Propaganda der antirepublikanischen Parteien auf gesetzlichem Wege nicht beizukommen.
Freilich scheint es so, als ob die „Freiheits"« Helden bei diesem Willkürakt- ,,»um Schutze der Republik" nicht stehen bleiben wollten. Vielleicht wird nächstens auch die Preß- und Versammlungsfreiheit sich eine reaktionäre Korrektur „im Namen der Freiheit" gefallen laffen müßen; jedenfalls, trägt man sich offen mit der Absicht, das Beamtenpersonal in ganz Frankreich auf sein politisches Gewissen zu prüfen und nur echte und rechte Vollblutrepublikaner die Staats- und Kommune- Aemter verwalten zu lassen. Die Republik wird die Folgen einer solchen Zwangsfürsorge für ihr augenscheinllich stark gefährdetes Dasein schon bald zu kosten bekommen; je stärker der Druck geübt wird, um so stärker wird die Unzusriedenheit in den weitesten Kreisen, und die nächsten Wahlen werden dann zeigen, wohin eine Politik führt, die
thust ja gerade, als ob ich mich anstatt auf einen harmlosen Spaziergang in die größte Gefahr begeben wollte", sagte diese jetzt mit leichter Unze- duld im Ton, „geh nur jetzt und hole meinen Hut, ich bin bald zurück." —
Die Dienerin entfernte sich seufzend, den erhaltenen Auftrag auszuführen. „Wenn das nur kein Unglück giebt" murmelte sie vor sich hin.
XII.
Die Prinzessin befand sich tief im Walde. In Gedanken verloren vorwärts- schreitend, war sie viel weiter gegangen, als sie beabsichtigt; sie bemerkte auch nicht, daß es um sie her dunkler und dunkler wurde, bis sie an einem Kreuzweg angekommen, plötzlich stehen blieb und sich ganz erschrocken umsah.
War es möglich ? konnte es schon so spät sein? Sie zog die kleine, brillanrenbesetzte Uhr aus dem Gürtel. — Erst fünf Uhr? — unmöglich! was war denn die Ursache dieser schwarzen Finsterniß, die sie umgab? —
Sie sah prüfend zum Himmel auf; da fand sie nun zwar die Erklärung, aber beruhigend war dieselbe eben nicht. — Das drohende Wolkengebirge, das vorhin in der Ferne aufgestiegen, hatte sich, riefenhaft wachsend, über den ganzen Horizont verbreitet, nur zuweilen unterbrochen von jenen halben, unheilverkündenden Streifen, die
nicht nur den katholischen Kultus und seine 5D*t ner mißachtet, sondern auch mit Willkür und nf Ausnahmegesetzen ihre Gegner zu bekämpfen sucht-
Es ist das denkbar größte Armuthszeugniß, wenn die Republik sich heute darauf beruft, daß auch unter früherem Regiment die Proskription ein beliebtes Mittel zur Beseitigung unangenehmer Gegner gewesen sei. Allerdings zeigt die Geschichte Proskriptionen der Bonapartes durch die Bourbonen, der Bourbonen durch die Orleans, der Orleans durch die Republik; auch die dritte Republik hat schon zweimal zu dieser Willkürmaßregel gegriffen, das erste Mal im Oktober 1872, als Prinz Jerome Bonaparte kraft eines Dekretes des Präsidenten Thiers über die Grenze fpedirt wurde, das zweite Mal int Jahre 1876, als der Befehl gegeben wurde, den Prinzen Napoleon, dessen Landung in Boulogne bevorstehen sollte, sofort aus dem Lande zu weisen. Es steht einer freien Republik wahrlich schlecht an, die Taktik absolutistischer Willkür nachzuahmen, aber auch abgesehen davon sollte nach löjähriger Dauer der Bestand der Re- pttblik so fest gegründet sein, daß es nicht mehr jener Mittelchen bedürfte, mit denen man in der Uebergangsperiode der gährenden Gefahr zu begegnen suchte.
Auch die Vertrauensseligsten hätten stutzig werden müssen, als sie sahen, daß gerade das linke Centrum, dessen Koryphäen bei Erlaß der beiden Ausweisungsdekrete 1872 und 1876 im Ministerium saßen, mit aller Entschiedenheit vor einer Riabreqel warnte, welche rucht nur unbegründet sei, sondern auch zu Verwickelungen mit dem Auslände führen könne. Und die Namen Jules Simon, Barthelemy St. Hilaire, Waddington, Leon Say, Kalmon, Renault gehören zu den besten der Republik. Wenn sie, die besonnenen Anhänger des republikanischen Gedankens, jetzt gegen die Ausweisung stimmten, so war das ein warnendes Menetekel für die Hitzköpfe, welche mit ihrem Fanatismus den Himmel selbst stürmen möchten — im Namen des republikanischen Gedankens. Jules Simon's Rede gegen die Ausweisung wies nicht mit Unrecht daraus hin, daß diese neueste Willkür« maßregel die Kette der großen politischen Fehler der Republik wieder um ein Glied vergrößert habe.
einem nahen Unwetter vorherzugehen pflegen, und diese dunkle blitzgeschwangerte Masse hatte sich schwer und bleifarben fast bis auf die Wipfel der Bäume herabgesenkt, so daß es aussah, als könne sie jeden Augenblick zermalmend aus die Erde herabstürzen. —
Das sah sich in der That bedrohlich genug an. „Ich hätte doch am Ende besser gethan, Susannens Warnung zu folgen," dachte Prinzeß Therese. Sie mußte nun wohl schleunigst an den Heimweg denken. — Ja, aber wo war sie denn nur, die Gegend war ihr völlig fremd, viele Wege liefen an dem Punkte zusammen, an dem sie stand, und so in sich versunken war sie gewesen, daß sie nicht einmal mehr.wußte, welchen Weg sie gekommen.
Wo waren nur ihre Gedanken gewesen? — Sie erröthete, trotzdem sie ganz allein war: Planeten gleich hatten sie sich um die Sonne gedreht, die ihre ganze Seele durchleuchtete — um Edgar!
Unschlüssig blickte sie umher und versuchte vergebens sich zu orientiren. Endlich schlug sie aufs Geradewohl einen der Wege ein und eilte nun beflügelten Schrittes — wie sie meinte — dem Schlosse zu, sie konnte freilich nicht wissen, daß sie sich immer weiter von demselben entfernte.
Er war fast unheimlich still um sie her, nicht Blatt noch Baum regte sich in der noch immer