J\$ 143.
Sonnabend, den 26. Juni
1886
Fuldaer
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Zweites Blatt.
Die Sichter ter Seigers.
Roman von E. Armand.
XI.
In dem kleinen halbverfallenen Jagdschlößchen Hubertusburg, da» sich im Besitz des Fürsten von R. befand, waren außer der großen, reich mit Jagdemblemen dekorirten Halle, in der sich einst zahlreiche Jagdgesellschaften zum fröhlichen Bankett zu versammeln pflegten, nur noch ein runder Seitenthurm bewohnbar.
Das Schlößchen hatte längst aufgehört seiner ursprünglichen Bestimmung zu dienen, der jetzige Fürst war kein Jagdliebhaber. Dagegen war es wegen seiner schönen Lage, mitten im Walde, ein Lieblingsaufenthalt der fürstlichen Damen, die fast in jedem Sommer einige Wochen darin verlebten. Die Fürstin Agnes holte sich in der reinen stärkenden Luft stets Kräftigung für ihre schwache Gesundheit, und ihre Tochter, Prinzeß Therese, freute sich nach ihrem eigenen Ausspruche da« ganze Jahr hindurch kindisch auf ihr Waldschlößchen, wo sie einmal nur ganz ihren Neigungen leben konnte, die sie weit ab von dem geräuschvollen Treiben des Hofes führte. Beide Damen hatten nur einfache Bedürfnisse und pflegten auch keinen überflüssigen Troß von Lakaien rc. mitzubringen, für einen solchen hätten auch die beschränkten Räumlichkeiten des alten Schlößchens wohl kaum Platz geboten, hatte es doch schon Mühe genug gekostet, Wagen und Pferde der Prinzessin noth- dürftig unterzubringen.
Es war kurze Zeit nach den im vorigen Kapitel geschilderten Ereignissen. Die letzten Tage hindurch war es fast unerträglich schwül gewesen; auch heute lag die Luft wie eine kompakte, flimmernde und kochende Masse über der vertrockneten Erde, auf die der Himmel aus wolkenloser Bläue seine sengenden Strahlen gleich spitzigen Pfeilen herniedersandte.
Die fürstlichen Damen befanden sich in dem runden Thurmgemach, das ihnen zum Wohnzimmer diente, und das verhältnißmäßig kühl zu nennen war. Durch die bunten, gemalten Bogenfenster floß das Licht nur gedämpft in gebrochenen Strahlen über den parquettirten Fußboden und die bis zur Hälfte der Höhe in Eichenholz getäfelten Wände, was den anheimelnden Eindruck des mit kunstvoll geschnitztem Möblement ausgestatteten Raume« noch verstärkte.
Die Fürstin lag auf den grünen Seidenpolstern einer Chaiselongue und hörte mit halbgeschlossenen Augen ihrer Tochter zu, die ihr gegenüber in einem tiefen Armsessel ruhend, mit wohlklingender Stimme aus einem Buche vorla».
Prinzeß Therese stand in ihrem zwanzigsten Lebensjahre, doch ein gewisser sinnender Ernst, der auf den feinen etwas blaffen Zügen lag, ließ sie eher älter erscheinen. Das längliche, auffallend schmale Gesicht war keineswegs schön zu nennen, dazu war die Stirne zu niedrig und der Mund entschieden zu groß, doch wußte sie ihn beim I Sprechen anmuthig zu bewegen. Schön waren nur das leichtgewellte Haar, das sie in reichen ' Flechten am Hinterkopf aufgesteckt trug und die 1 großen grauen Augen.
Wie sie so dasaß in dem einfach grauen Seidenkleide, das keine andere Verzierung zeigte, als am 1 Hal» eine fein gefaltete Krause und an den feinen ' Handgelenken breite, umgelegte Spitzenmanchetten i hatte ihre ganze Erscheinung, die sich so harmonisch in den Rahmen de» Zimmers einfügte, etwas unleugbar Anziehendes, was vielleicht gerade in ihrer Anspruchslosigkeit seinen Grund hatte.
Sie legte jetzt das Buch wieder bei Seite. „Willst Du nicht lieber schlafen, Mutter, sagte sie dann, „Du siehst wieder recht müde und abge- spannnt au»."
„Das macht nur die Hitze liebes Kind, sorge nicht um mich, ich fühle mich schon merklich gekräftigt, seit wir hier sind", entgegnete die Fürstin, „schade, daß diesem stillen Aufenthalt, der mir fo wohl thut, eine so geräuschvolle Zeit folgen muß," fuhr sie seufzend fort, „doch verzeih, ich wollte nicht klagen, es ist ja Dein Glück, was uns in S. erwartet und Du weißt ja, wie ich mich freue, meine Therese als Braut zu sehen.
In die Wangen der Prinzessin war eine hohe Röthe gestiegen, sie stand auf und trat dann an eines der Fenster, ein Blatt von dem davorstehenden Epheugitter brechend, das ihre Finger in nervöser Erregung zerpflückten.
„Ob wohl Prinz Evgar noch immer nicht an den Hof znrückgekehrt ist?" setzte die Fürstin ihren Gedankengang fort, „es ist doch sonderbar, daß er sich fortwährend auf Reisen befindet."
„Ich kann das nicht sonderbar finden", liebe Mutter, entgegnete die Prinzessin, „Fürst Edgar ist eine feurige, hochstrebende Natur, die kleinlichen Verhältnisse am Hofe zu S. mit ihrer lächerlichen Etiquettenstrenge können ihm unmöglich genügen; ich kann es ihm nicht verdenken, daß er aus dem starren Formenwesen zu dem ewig jungen und reinen Quell der Künste und Wissenschaften flüchtet."
„Du scheinst ihn ja sehr genau beobachtet zu haben, während unseres damaligen Aufenthaltes in S.", neckte die Mutter. „Freilich, Ihr paßt gut zusammen, Du und er, Du bist ja auch eine halbe Gelehrte und kennst nichts Höheres als Deine Bücher. — Es ist aber doch schon eine ganze Weile her, daß wir dort waren", fuhr sie sinnend fort, „Du warst fast noch ein Kind und Edgar, wenn auch in dieser Erscheinung bereit» männlich und voll entwickelt, doch den Jahren nach noch ein Jüngling; Ihr werdet einander doch sehr verändert finden." —
Ihr Auge ruhte dabei mit dem Ausdrucke zärtlicher Sorge auf der Tochter, die noch immer abgewandt am Fenster stand.
lieber Prinzeß Theresen's Antlitz zuckte e« wie heimlich nagender Schmerz, ein tiefer Schatten hatte sich bei den letzten Worten der Fürstin auf ihre klare Stirne gelegt. Die Wendung, die das Gespräch genommen, schien ihr unbeschreiblich peinlich. —
Plötzlich wandte sie sich hastig um, ein Lächeln auf ihre Lippen zwingend eilte sie zu der Mutter und neben ihr nieberfriieenb küßte sie ihr zärtlich die Augen zu.
„Sprich nicht mehr davon, Mütterchen," bat sie, „es regt Dich auf und Du mußt Deine Kraft schonen, schlaf lieber ein wenig, dann bist Du heut' Abend wieder frisch." —
„Das werde ich ja wohl müssen", lächelte die Fürstin.
Es währte nicht lange, bis dieselbe wirklich in sanften Schlummer sank. Leise trat die Prinzessin von ihr weg zu dem Tisch, der die Mitte des Zimmers einnahm. Hastig zog sie ein feines Elfenbeinetui aus ihrem Kleide, das, al» sie e» öffnete, da» Bild eines jungen Mannes zeigte, strahlend in der Fülle jugendlicher Kraft und Schönheit.
Fast scheu blickte sie sich um, dann das Bild mit leidenschaftlicher Inbrunst an ihre Lippen pressend, flüsterte sie mit einem Tone hingebender Liebe: Edgar.--"
E» waren in der Thal Prinz Edgars Züge,
etwa» jugendlicher zwar, al» der Gast des Forsthauses sie zeigte, aber doch unverkennbar, — Prinzeß Therese hatte sich damals, als sie, selbst noch Kind, ihren Verlobten kennen lernte, das kleine Proträt zu verschaffen gewußt, und es war seitdem ihr Schatz, ihr Talisman gewesen, den sie sorgfältig vor aller Blicken behütete. In jungfräulicher Scheu verbarg sie selbst vor der Mutter ihre heiße Liebe zu dem ihr bestimmten Manne, von dem sie ja noch nicht wußte, ob er je im Stande sein würde, dieselbe zu erwidern.
Sie legte da» Bild vor sich auf den Tisch und blickte, die Hände im Schooß gefaltet, feuchten Auges darauf nieder. —
„Wird er Dich lieben können?" da» war die lange Frage, die sie sich doch zum wievielsten Male während dieses Anschauens stellte. Sie hatte ihren (Seift zu bilden gesucht in mannigfachster Weise, all die Jahre hindurch, um ihm zu genügen, sie wollte ihm ja so gerne eine ebenbürtige Gefährtin sein; doch den Funken, der zündend von Herz zu Herzen fliegt, den konnte sie damit nicht erwecken. Wenn ihm nun die aufgezwungene Gattin eine unerträgliche Last war? — War es nicht, als ob die Züge des Bildes sich belebten, als ob die Augen aufblitzten in zorniger Abwehr? — Würde sie es ertragen, wenn diese schwarzen Feueraugen kalt und abweisend, ja vielleicht voll Abneigung auf ihr ruhten? nun und nimmermehr! — Sie schüttelte heftig den blon- den Kopf und preßte wie im voraus empfundenen Schmerz die gefalteten Hände auf die zarte Brust. —
Der Förster Erkens hatte Recht gehabt; für eine Konvenienzehe war Prinzeß Therese nicht geschaffen, dazu war sie auch — zu stolz.
Lieber wollte sie dem still Geliebten entsagen. Ein Zug von Energie legte sich um ihren Mund, wie sie es dachte: ja sie war entschlossen, wenn sie erkannte, daß er sie nicht würde lieben können, ihn frei zu geben, und lieber den Zorn ihres Vaters und alle Kämpfe, die ein Widerstand ihrerseits gegen die fest beschlossene Verbindung Hervorrufen mußte, auf sich zu nehmen, als an der Seite des Mannes, für dessen Glück sie tropfenweis ihr Herzblut vergießen würde, ein liebeleere« Dasein führen. —
Sie glitt plötzlich von dem Sessel auf die Knie nieder, und die Arme über den Tisch werfend, legte sie schmerzlich aufweinend den Kopf darauf. —
Nach einer Weile richtete sie sich wieder empor. „Wie kindisch ich bin!" flüsterte sie vor sich selber erröthend; „wenn mich so Jemand gesehen hätte!"
Sie warf einen hastigen Blick nach der Mut- ter hinüber. Dieselbe schlief noch ruhig wie zuvor. —
Prinzeß Therese barg das Etui sorgfältig in ihrer Tasche und ein feines Battisttuch hervor- ziehend, hauchte sie darauf und preßte es an die gerötheten Augen. —
„Ich will hinaus in den Wald," fuhr sie dabei in ihrem Selbstgespräch fort, „hier drinnen drückt die Schwüle so beklemmend."
Geräuschlos öffnete sie die Thüre zum Vorzimmer. „Susanne", rief sie mit gedämpfter Stimme hinaus. —
Die Gerufene, eine alte treue Kammerfrau der Fürstin, erschien auf der Schwelle. —
„Susanne", sagte die Prinzessin. Die Mutter schläft, ich will einen Spaziergang in den Wald machen, bringe mir Hut und Sonnenschirm und bleib Du indessen hier bei der Fürstin." —
(Fortsetzung folgt.)