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JW 142

Freitag, den 25. Juni

1886.

Di« ,Fulda er Zeitung' erscheint titglich, Sonn« und Feiertag« ausgenommen. Bierteljährlicher Abonnementspreis ohne Brmgerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfg., — mit der hellenistischen Wochenbeilage .Sterne und Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 Mk. 75 Pfg.

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Der neue Telegraphentarif.

(Schluß.)

Die zukünftige Verth euerunq der Depeschen trifft demnach die Depeschen von 3 bis zu 7 und von mehr als 20 Worten, also die kleinen und die großen Depeschen, während die mittleren von 8 bis 20 Worten entweder auf gleicher Preis- Höhe bleiben oder um ein Minimales wohlfeiler werden. Wie will nun die Telegraphenverwaltung diese einschneidende Maßregel rech.fertigen, wie will sie es namentlich monviren, daß der Verkehr mit kurzen Depeschen, wie sie im täglichen Leben und im kleinen Geschäftsverkehr üblich sind und ohne Zweifel bisher namentlich an kleineren und mittleren Telegraphenstationen die überwiegende Regel bilden, zum Nachtheil des kleinen Mannes so erheblich vertheuert wird? Es wäre von großem Interesse, Einblick in die statistischen Erhebungen zu gewinnen, welche über die Wortzahl der Depe­schen angestellt worden sind. Eigenthümlicher Weise macht die der Bekanntmachuna des neuen Tarifs beigefügten Denkschrift des Reichspostamts diese Frage wie auch die ganze Materie äußerst lakonisch ab. Die Denkschrift will sogar das Publikum glauben machen, das Durchschnittstelegramm, also nach gewöhnlichem Sprachgebrauch diejenige Wortzahl, welche im Depeschenverkehr am ge­bräuchlichsten ist, werde in Zukunst billiger. Die bezügliche Stelle der Denkschrift lautet: „Das Durchschnittstelegramm hat eine Länge von 13 Worten und kostet jetzt 85 Pf., künftig 80 Pf. Es ist also offenbar, daß eine Ermäßigung für das Durchschnittstelegramm eintritt." Wir sind dieser kühnen Behauptung gegenüber etwas skeptisch und fragen deßhalb: was versteht das Reichspostamt unter „Durchschnittstelegramm?" Das kann zweierlei bedeuten: entweder, wie oben gesagt, die gangbarste und gebräuchlichste Wort­zahl eines Telegramms, oder aber diejenige Wort­zahl, welche unter Berechnung aller aufgegebenen Depeschen, von den kleinsten bis zu den längsten, den relativen Durchschnitt darstellt. Ist die letztere Auffaffung hier zutreffend — und bei der be­stimmt normirten Faffung: „das Durch­schnittstelegramm hat eine Länge von 13 Worten", muß dies angenommen werden —, so vt durch-

Air Tochter -es Geigers. 14

Roman von C. 21 r m an b.

Aber sei es, daß des Mädchens lauter Schrei ihn stutzig machte, sei es, daß der dumpfe Laut, mit dem der Körper seines Herrn auf den Boden fchlug, ihn erschreckte — genug, der Rappe stand! Mit zitternden Flanken und weiten Nüstern stand er neben dem Fürsten, während Schaumflecken ihm vom Gebiß herunterflogen.

In wenigen Minuten waren Walter und Lia Rose zur Stelle. Lautlos, ohne Hülfe, glitt letz­tere aus dem Sattel und warf sich über die am Boden liegende, regungslose Gestalt Edgars, von dessen wachsbleicher Stirne einzelne Blutstropfen über die geschlossenen Lider herabrannen.

In wahnsinniger Angst legte sie das Ohr auf seine Brust — sie vernahm keinen Schlag — lang­sam richtete sie sich auf, ihre Züge schienen gleich- sam in Schmerz zu erstarren.

„Ist er tobt?" war die unausgesprochene Frage, die in ihren geisterhaft weit geöffneten Augen lag, als sie jetzt den Blick auf Walter richtete; es war ein Blick, der diesen an den des sterbenden Rehes erinnerte, dessen Anblick sie vorhin so erschüttert.

Dieser eine Blick verrieth ihm, woran er noch gezweifelt all' die Zeit hindurch, jetzt wußte er, daß sie den Fürsten liebe.

Er kniete neben dem Freunde nieder und löste

aus nicht gesagt, daß Telegramme von 13 Worten die Regel im Verkehr bilden, im Gegentheil legt diese Durchschnittsziffer uns mit Rücksicht auf die große Zahl der regelmäßigen Riesendepeschen (namentlich im Zeitungsverkehr) den Schluß nahe, daß die kleinen Depeschen unter 8 Worten die überwiegende Mehrzahl im Telegraphenverkehr bilden. Sei dem aber auch wie ihm wolle, es ist nicht zu leugnen, daß der kleine Depeschenverkehr im Inland stärker zur Ader gelassen wird um der Staatskasse einen Theil des durch die Ver­billigung des Verkehrs mit dem Auslande ent­stehenden Ausfalls zu ersetzen. Es wird in Zu- kunst dem kleinen Geschäftsmanns und Burger erheblich erschwert, von den Vortheilen des Depeschenverkehrs häu­figer und in ausgedehnterer Anwen­dung zu pr ofitiren. Während das Aus­land billigere Depeschen er hält, werden die inländischen Gebühren hinausge­schraubt, der deutsche Steuerzahler wird für dieKosten be§ internationalen Hanbels mit berangezogen, unb nur ein fehr beschränkter Bruchtheil beutscher Staatsbürger hat im Großhandels-und Börsenverkehr ben Nutzen baoon.

Die erhebliche Verteuerung ber wortreicheren Depeschen wirb am stärksten bie deutsche Zeitungs­welt treffen, unb zwar werben diejenigen Blätter am meisten in Mitleidenschaft gezogen, welche außer­halb der Reichshauptstadt liegen unb täglich eine größere Zahl längerer Depeschen beziehen, ohne einen eigenen Draht zu besitzen. Die großen Zeitungen außerhalb Berlins, welche eigene Tele­graphendrähte gepachtet haben, haben ihre Depe­schen auch in Zukunft um die Hälfte billiger, als andere Blätter, welche nach der Worttaxe zahlen müssen. Mittleren Blätter ist es heute schon schwer genug, in Bezug auf telegraphischen Nach­richtendienst den Anforderungen des Publikums zu entsprech-n. Aber während man in anderen Ländern ernstlich daran denkt, den Tarif für Zeitungsdepefchen zu ermäßigen, schraubt man ihn in Deutschland unbedenklich noch mehr in die Höhe. Wir sind überzeugt, daß sich in der Praxis die Verteuerung sowohl der kurzen wie der langen

dessen Fuß aus dem Bügel, bann untersuchte er sorgfältig bie verletzte Stirne.

„Die Verwundung fcheint mir nicht bebeutenb," sagte er enblich. Er ist wohl nur ohnmächtig, was nach dem furchtbaren Sturze leicht erklärlich, etwas frisches Wasser würde uns gute Dienste leisten."

Sie schnellte empor. Ein Schimmer wieder er­wachender Hoffnung glitt über ihr blasses Gesicht. „Ich hole Wasser," stieß sie hervor, und eilfertig Walters Hut vom Boden aufraffenb stürzte sie fort in das Dickicht hinein. Was kümmerte es sie, daß bie Zweige ihr in's Gesicht schlugen? Sie wußte, daß sie auf biefe Weife schneller zum Weiher gelangte, als wenn sie ben gebahnten Weg nahm. Es war ein unendlich beschwerliches Vorwärtsdrin­gen in bem langen Reitkleide, dessen Schleppe sie über den Arm geschlagen, aber sie ließ sich nicht aufhalten; den Schleier, der sie hinderte, riß sie vom Hute, und nach unsäglicher Anstrengung war endlich der See erreicht. Ohne Besinnen schöpfte sie den Hut voll Wasser, tränkte Tuch und Schleier mit bem belebenben Naß unb flog bann ben Weg zurück, ben sie gekommen. Erschöpft unb athemlos staub sie nach kurzer Zeit wieder bei bem Verun­glückten unb vereinte nun ihre Bemühungen mit denen Walters, den Fürsten in'» Leben zurückzu­rufen.

Sie wuschen ihm die Schläfen mit bem kalten Wasser unb preßten ohne Unterlaß die nassen Tücher

Depeschen noch viel empfindlicher geltend machen wird, als Mancher sich heute einreden mag. Demgegenüber ist die vom Reichspvstamt gepriesene Ermäßigung der mittleren Depeschen (durchschnitt­lich um ganze 5 Pfg.!) ein höchst wohlfeiler Trost, dessen Bedeutung in der Praxis geradezu auf Null herabsinken wird. Dem Reichspostamt soll bei Aufstellung des neuen Tarifs auch die Rücksicht auf die Klarheit unb Berstänblichkeit ber Depeschen, welche bei geringer Wortzahl Schaben leiben soll, am Herzen gelegen haben. Wir finb bem Herrn Fiskus für diese zarte Sorge um das Wohl der Bürger sehr dankbar, indessen wird er uns im Vertrauen gewiß ohne Umschweife ein» räumen, baß bie Sorge um einen möglichst großen Profit bes Staatssäckels ihm noch weit mehr am Herzen gelegen hat. Sinb wir doch in Deutsch­land soweit gekommen, daß alljährlich eine Un­summe von geistiger Kraft allein auf das Ersinnen neuer Mittel zur Erhöhung ber Staatseinnahmen verwanbt wirb. Unb am letzten Enbe muß ber steuerzahlenbe Bürger stets bie Prämie für solche neuen Elfinbungen bezahlen. Aber was verschlägt bas? „Wir haben's ja!"

Deutsches Reich.

Berlin, 24. Juni.

* Der Kaiser empfing gestern ben Besuch I. M. ber Kaiserin in Ems. Das Befinden des Monarchen wirb als ein Vorzügliches be­zeichnet ; leider ist bie Witterung andauernd un­günstig.

* Fürst Bismarck hat sich nach Varzin be­geben.

** Der Bunbesrath überwies gestern bie Vorlage, betreffenb bie Veranstaltung einer All­gemeinen Deutschen Industrieausstellung zu Berlin im Jahre 1888, ben Ausschüssen für Handel und Verkehr und für Rechnungswesen. Dem Entwurf einer Verordnung zu dem Gesetz über die Aus­dehnung der Kranken- und Unfallversicherung vom 28. Mai 1885 wurde die Zustimmung ertheilt. Der Antrag Sachsens wegen erneuter Anord­nungen auf Grund des Gesetzes gegen die gemein­gefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie und der Ausschußbericht über den Gesetzentwurf,

auf feine blutende Stirne. Sie wechselten kein Wort, aber Lia bewegte unaufhörlich die Sippen in stummem, heißen Gebet.

Gott erhörte ihr Flehen. Nach Verlauf einer Stunde hob ein tiefer Athemzug die Brust des Bewußtlosen, und allmählich kehrte die Lebensfarbe in sein bleiches Antlitz zurück.

„Mein Gott, ich danke Dir," flüsterte Lia Rose aus tiefster Seele, bann verließ sie bie Kraft, mit krampfhaftem Aufschluchzen sank sie in Walters Arme unb ließ wie tootmübe einen Moment ihr Haupt an seiner Brust ruhen.

Wortlos hielt er bas roeinenbe, ach so heiß ge­liebte Mädchen umfangen, bas für ihn unwieder­bringlich verloren. Was er gelitten während die­ser Stunde, in der er für des Freundes Leben zitternd, doch alle Stadien qualvollster Eifersucht durchmessen gegen ihn, dem er sie lassen mußte, läßt sich mit Worten nicht beschreiben.

Solche Stunden sind Marksteine auf dem Wege unseres Lebens, dem sie einen neuen Abschnitt be­zeichnen. — Walter hatte diese Stunde zum Manne gereift.

Lia faßte sich rasch, und Beider Aufmerksamkeit wandte sich wieder dem Fürsten zu, ber jetzt bie Augen ausschlug.

Zuerst blickte er roie abroefenb um sich her, bald aber erinnerte er sich bes Geschehenen. Dort fein Pferd — der Abgrund — ein Schauer bebte