N 139
Montag, den 21. Juni
1886.
JidNrr IM Ieituna.
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❖ Das Ministerium Lutz.
II.
Allem Anschein nach wittern Viele in der Veröffentlichung d.s ganzen und vollständigen Materials eine Gefahr für den Bestand des Ministeriums Lutz, und wenn jetzt in elfter Stunde auch von liberaler Seite die zuerst von katholischen Blättern erhobene Forderung nach öffentlicher Verhandlung des traurigen Gegenstandes unterstützt werden sollte, so fügt man sich eben dem unwiver- stehlichen Drucke der Volksstimmung, welche namentlich in Oberbayern, aber auch in der Pfalz und anderswo einen gefahrdrohenden Charakter ange- nommen hat. In der nationalliberalen Presse beginnt unterdeflen ganz unverhohlen der Kampf gegen das neue Regiment in Bayern, gegen den gegenwärtigen Repräsentanten der Krone, den Prinzen Luitpold. Es gehört eine gehörige Portion nationalliberaler Dreistigkeit dazu, wenn Blätter dieser Partei ihr Mißtrauen gegen das Luitpold'- sche Regiment offen auf die „Sorge um den Bestand des Reichsganzen" gründen. Prinz Luitpold soll einer angeblich „reichsfeindlichen Hofpartei" nicht unfreundlich gegenüberstehen, durch das Ableben Ludwig's II. sollen die Fäden, welche Bayern mit Preußen verbinden, gelockert sein, diese und ähnliche Phrasen findet man fitzt schon in nationalliberalen süddeutschen Blättern, und es wundert uns nur, daß noch keiner von diesen nationalliberalen Deutschthums-Pächtern an die neue „Braunschweiger" Theorie appellirt hat. Auch läßt man in „nationalen" Blättern schon ohne Bedenken das katholische Haus Wittelsbach für die Folge als möglichen Widersacher gegen das protestantische Hohenzollernhaus aufspazieren. Wenn nun demnächst die katholische Presse diese Ungebührlichkeiten in ihre Schranken zurückweist, so wird man gewiß aus nationalliberalem Munde den salbungsvollen Vorwurf hören müssen, die Ultramontanen trieben konfessionelle Verhetzung. Wir beeilen uns deshalb, die nationalliberale Hetzerei bei Zeiten festzunageln. Daß es sich hierbei lediglich und allein um national- liberale Hetzerei handelt, geht schon daraus hervor, daß gleichzeitig von derselben Presse dem „beruhigenden" Gedanken Ausdruck gegeben wird, eine Loslösung Bayerns von der deutschen Reichspolitik
Die Tochter des Geigers. 11
Roman von C. Armand.
Der Fürst warf ihm einen dankbaren Blick zu und trat dann zum Klavier. Seine Finger jagten m rasendem Tanze durch die Tasten, er wußte kaum, was er spielte, aber es gewährte ihm Ec- ieichterung, die gewaltige innere Aufregung so ausstürmen lassen zu können. Erst allmählich trat dann aus dem schier unentwirrbaren Chaos von Akkorden und Tönen klar und faßlich Konradin Kreuzer's ewig frische Melodie hervor:
„Wär ich ein Schütz in diesem Thale
ttnb mein dies Mädchen und mein Feuerrohr!
Arn Morgen zog ich heiter fort
Und kehrte wieder mit der Abendröthe;
Da fänd ich sie wohl meiner harrend,
Es grüßte mich so rein uud hell ihr Blick, Ich tief: Da bin ich wieder — und sie sänk In meinen Arm!------"
es in stürmischer Sehnsucht von den Lippen Des .Fürsten. Worte und Melodie hatten sich ihm ^willkürlich als der wahrste und überzeugendste Ausdruck seines innersten Empfindens aufgedrängt, und so wahr uns überzeugend war dieser Ausguck, daß er urplötzlich den Schleier vor Walters , "gen Hinwegriß, der ihm bi» dahin den Seelen« Mand des Freundes verhüllt. —
Betäubend und überwältigend kam die Erkennt« über ihn, es litt ihn nicht mehr im Zimmer,
sei undenkbar. Für den Fall, daß eine solche Sonderpolitik versucht würde, stellt die nationalliberale Bescheidenheit schon heute „die Gefährdung des Bestandes des bayerischen Staates" in Aussicht. In der That, eine liebenswürdige Deutlichkeit!
Aber nur die selbstsüchtigste Angst um den Bestand des Ministeriums Lutz diktirt der national- liberalen Presse solche gehässige Insinuationen in die Feder. Es geht wieder, wie so oft, Alles, was nicht nationalliberal ist und nicht nach nationalliberaler Pfeife tanzen will, wird in contumaciam zur „Reichsfeindschaft" verurtheilt. Aber die nationalliberale Partei wird sich doch schließlich zur Entsagung entschließen müssen. Unserer Ansicht nach ist ein Ministerium Franckenstein in Bayern nicht mehr so weit. Selbst in Kreisen, welche der preußischen Regierung nahe stehen, fängt man schon an, sich mit dem Gedanken zu befreunden. Ein katholisch-konservatives Kabinet wird die Pflichten gegen das Reich mindestens ebenso treu wie ein liberales Ministerium erfüllen. Sogar die freikonservative Berliner .Post' tritt, freilich mit einigen vorurtheiligen Verbrämungen, dem Gedanken an die Gefährlichkeit eines Ministeriums Franckenstein entgegen, und selbst die kulturkämpferische,Augsb. Abendzeitung' schreibt, alle Parteien in Bayern seien der Ueberzeugung, daß eine dem Reiche grundsätzliche feindliche Regierung in Bayern ein Unding sein würde. Möge daher schon bald in Bayern dem unhaltbaren Zustande ein Ende gemacht wer« den, daß in einem fast ganz katholischen Lande und unter einer katholisch-konservativen Kammermehrheit ein liberales Ministerium am Ruder bleibt, und zwar ein solches, dessen Name mit den Anfängen des jetzt zu Ende gehenden Kul- turkampfes so unangenehm verknüpft ist und in der schrecklichen Königskatastrophe eine so bedenk- liche Rolle gespielt hat. Von der Loyalität der Landes- und Kammermehrheit in Bayern ist ganz gewiß nur das Beste für Staat und Reich zu erwarten.
Deutsches Reich.
Berlin, 20. Juni.
* Der Kaiser hatte heute eine längere Gon» er mußte fitzt hinaus in die freie Luft, um nicht zu ersticken an dem dumpfen Schmerzgefühl das sich ihm auf Hirn und Herz gelegt hatte. Wie ein Trunkener schwankte er hinaus und lehnte sich wie todmüde an den breiten Stamm des Lindenbaumes.
In seiner Brust war es mit einem Mal leer und kalt und öde. Die Entdeckung, daß er der Nebenbuhler des theuern Freundes fei, legte sich wir ein Reif auf feine warme junge Liebe. Er war so unbeschreiblich glücklich gewesen in dieser Liebe, aber das Weh das er empfand, galt weniger den eigenen in Frage gestellten Hoffnungen, als dem Umstande, daß er den Fürsten, der die gleichen Hoffnungen hegte, zur Entsagung verurtheilt sah.
Das war ja unmöglich — der Fürst und die Tochter des Geigenspielers! — es konnte nicht fein, das war der einzige Punkt, der mit grausamer, unumstößlicher Klarheit vor seiner Seele tand in dem Chaos sich kreuzender Gedarcken. — Was aber sollte nun werden? — Wenn das Ende nur Schmerz und bittere Entsagung sein konnte, so war es Pflicht, dieses Ende rasch, jetzt gleich herbeizuführen, jetzt, wo sie wenigstens viel« leicht noch zu retten war vor einem zerstörten Leben. — Edgar mußte fort, mußte das Forsthaus und Lia Rose verlaffen, um nicht sich selbst und sie unrettbar in den Netzen einer hoffnungslosen Liebe zu verstricken. Aber wie war e» mög«
serenz mit dem Reichskanzler Fürsten Bismarck. Abends ist der Kaiser nach Bad Ems abgereist, woselbst die Ankunft morgen Vormittag erfolgt. — Die Kaiserin trifft am Montag von Baden- Baden zum mehrwöchigen Aufenthalt in Cob« lenz ein. — Der Kronprinz kehrt morgen von den Beisetzungsfeierlichkeiten aus München zurück.
* Die nächste Sitzung des R e i ch s t a g s findet bereits Freitag den 25. Juni statt. Auf der Tagesordnung stehen: erste und eventuell zweite Be- rathung der Literarkonvention zwischen Deutschland und England, sowie erste und eventuell zweite Berathung des Gesetzentwurfs betreffend die Errichtung eines Seminars für orientalische Sprachen.
* Das Künstlerfest anläßlich der Jubiläums- Kunst ausstellung ist abermals des ungünstigen Wetters wegen verschoben worden und soll nun in der nächsten Wochen stattfinden.
* Die .Darmstädter Zeitung' meldet die nach vorgängiger Verständigung zwischen der Regierung und der Curie durch den Papst erfolgte Ernennung Dr. Haffner's zum Bischof von Mainz.
"Paderborn, 19. Juni. Der jeitherige Subregens des hiesigen Priesterseminnars, Dr. Rintelen, ist von dem hochwürdigsten Herrn Bischof Dr. Drobe zum Regens ernannt worden. Der Herr Regens war zuerst als Kaplan in Brakel thätig, worauf er vom hochseligen Bischof Martin als Repetent in das Priesterseminar berufen ward. — Hier schreibt' man der ,Germ.': Sie brachten vor längerer Zeit die Bitte eines süd- amerikanischen Bischofs zum Abdruck, welcher für die Seelsorge deutsche Mitarbeiter wünschte. Ich kann Ihnen die Mittheilung machen, daß dieser Hilferuf nicht ungehört verhallt ist, indem am 5. d. M. in Antwerpen sich zehn Jünglinge eingeschifft haben, um sich dem Dienste der Kirche zu weihen. Zwei dieser jungen Männer find aus Westfalen, acht gehören der Provinz Preußen an. Möge Gott sie auf ihrer Reise beschützen und ihre Arbeit im Weinberge des Herrn gesegnet sein!"
* Ems, 20. Juni. Zum Empfang des Kaiser s, der mittelst Extrazuges im besten Wohlbefinden hier eingetroffen ist, waren am Bahnhofe anwesend: der Oberpräsident v. Bardeleben, der Regierungs-
lich von dem Freunde, dessen leidenschaftliche Natur er kannte, solches zu fordern? — er mißtraute dem eigenen Herzen, war es nicht vielleicht elende, niedrige Selbstsucht, die dieses grausame Urtheil diktirte? Er stöhnte laut aus tiefer Brust und preßte die Hände vor das zuckende Antlitz. —
Wie lange er so gestanden wußte er selbst nicht. Er bemerkte es nicht, daß drinnen die Lichter gelöscht wurden, daß Mond und Sterne heraufgezogen und der Lindenbaum ihm mit einem duftenden Blütenschauer überschüttete. Er bemerkte es auch nicht, daß die Thüre sich leise öffnete und des Fürsten hohe Gestalt hinaus auf den Vorplatz trat.
Plötzlich fühlte er, wie ihm die Hände vom Antlitz gezogen wurden, wie zwei Arme stürmisch seinen Hals umschlangen und des Freundes Haupt auf seine Schulter sank. —
„Walter", „Edgar!" sie lagen einander in den Armen, Brust an Brust und jeder fühlte, daß sie diesen Platz nicht verlieren konnten und dursten, daß sie, was auch kommen würde, zusammenstehen müßten in fester, treuer Freundschaft. —
Man hatte drinnen Walter» Verschwinden nicht sogleich bemerkt und nachher angenommen, er habe sich auf sein Zimmer begeben. Edgar war, al» die Familie sich trennte, um zur Rrche zu gehen, dort hinanfgeeist, weil e» drängte, dem Freunde sein Herz zu öffnen, und hatte ihn, al» er chn