Einzelbild herunterladen
 

JW 138.

Sonnabend, den 19. Juni

1886.

Tit ,Fulda« Scthntg* «schrtnt t««lich, Sonn» und Fttrrtag« eulgenemmen. Bierteljithrlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 M. 50 Pfg., — mit der brllrtrtftischen »ochenbeilag« .Sterne and Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 Mk. 75 Pfg.

Jnieritr: Di« einfpaltige Zeit« »brr deren Raum 15 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Julbacr

____Erstes Blatt.____

❖ Das Ministerium Lutz.

Die grausige Katastrophe, welche durch den frei­willigen Sturz de» Königs in den Starnberger See über Bayern hereingebrochen ist. hat zum reellen Hintergründe jene schon seit vielen Jahren sich ent­wickelnde, dm Augen der Welt ängstlich verhüllte Katastrophe, welche zuerst in den bis en die Pfor­ten der Gerichte gedrungenen fabelhaft angewach­senen Finanzkalamitäten des Königs hervortrat, und jetzt durch ärztliche Gutachten, durch den amt­lichen Leichm- (Schädel- und Gehirn-) Befand und durch zahllose, mehr oder minder verbürgte Mit­theilungen über die Leben»- und Regierungsgewohn­heiten des Königs in die hellste Beleuchtung zu treten beginnt. E» steht jetzt unwiderleglich fest, daß schon seit einer langen Reihe von Jahren die­ser dem monarchischen Prinzip sowohl al« auch der bayerischen Staatsehre nicht zum Vottheil ge­reichende Zustand bestanden hat. Wenn man nun bedenkt, daß währmd dieser ganzen Zeit das libe­rale Ministerium Lutz das Staatsruder in der Hand behalten hat, und daß e» ohne irgend einen kräftigen und energischen Schritt zur verfaffungs- mäßigm Regelung die Dinge hat gehen, sich ent- wickeln und zu dem höchsten Grade unglaublicher Verwirrung und Zerrüttung ausarten lasten, so läßt e« sich begreifen, wenn ein katholische« Blatt meint, das liberale Ministerium müsse von der Verantwortlichkeit geradezu erdrückt werden. Mag es nun Schwäche, Mangel an persönlicher Energie und an zäher Konsequenz gewesen fein, oder mag lediglich das persönliche Streben, die Zügel der Regierung in der Hand zu behalten und das libe­rale System gegen den ausgesprochenen Willen der Kammermehrheit fortzusetzen, das Verhalten des Ministeriums Lutz bestimmt haben, soviel steht fest, daß heute, nachoem das so lange Zeit künstlich aufrecht erhaltene Truggebäude in Trümmern am Boden liegt, die 3Jiärmer, welche dem Bayernvolke den wahren Zustand am Königshofe geflissentlich verschwiegen und verschleiert und dadurch, wenn auch wider Willen, so doch fahrlässiger Weise den Keim zu der großen weltgeschichtlichen Tragödie am Pfingsttage des Jahres 1886 gelegt haben,

Die Tochter des Setzers. 10

Roman von®. Armand.

So war's denn eine schöne, genußreiche Zeit, die das kleine Haus an feinen Mauern vorüberrau­schen sah; jeder junge Morgen kündete seinen Be­wohnern einen frohen Tag, und an jedem Tage freuten sie sich bereits auf den Abend, den die Kunst so anmuthig ausfüllte. Der Fürst und Lia Rose musizirteu viel; sie fangen auch häufig zu- sammen, und da sie Beide das gleiche Gefühl seli- gen Glücke« in Tönen ausströmten, so war es kein Wunder, daß ihre Stimmen harmonisch zu­sammenklangen. Wenn dann noch Walter sie auf dem Waldhorn begleitete, dem seine Kunstfertigkeit zauberische Töne zu entlocken verstand, so hatte der Fürst nicht Unrecht, wenn er fast stets nach solchen Abenden versicherte, daß man schönere Konzerte lelbst in der Residenz nicht zu hören bekäme.

Auch der Malerei hatte Lia Rose, angeregt durch des Fürsten Lob, wieder mehr Aufmerksamkeit zu­gewandt. Sie bat ihn einmal, seine Skizzenmappe sehen zu dürfen, und erklärte ihn nach Durchsicht derselben für einen Künstler, dem gegenüber sie nur schüchtern den Wunsch auszusprechen wage, ihr

Vervollkommnung ihre» kleinen Talentes be- hmflich zu sein, eine Bitte, auf die Edgar natür» lt$ voll Entzücken einging. Seitdem malten sie

nicht länger mehr an der Spitze der Regierung de« so schwer geprüften Landes bleiben dürfen. Der Sturz des Ministerium« Lutz ist nur noch eine Frage der Zeit, und wenn die bisherige Re­gierung nicht sofort nach dem 13. Juni demissto- nirt hat, wenn sie auch vielleicht in der gegenwär­tigen Uebergangs- und Verlegenheitsperiode noch weiter funktionirt, so ist das sehr erklärlich. Es wäre höchst unbillig, einem andern Ministerium zuzumuthen, für die Herren Lutz und Genossen die glühend heißen Kastanien aus dem Feuer zu holen, auch ist es durchau» in der Ordnung, daß das Ministerium zunächst die trüben Konsequenzen seines langjährigen Glanzes voll und ganz genießt.

Wenn das Ministerium für sein bisheriges falsches System auch nur einigermaßen Milde­rungsgründe hätte beanspruchen wollen, so hätte es selbst darauf bringen müssen, daß dem Volk durch Klarlegung aller thatsächlichen Beweismomente alsbald ein vollständiges Bild von dem Zustande des verlebten Königs geboten würde. Eine Pub­likation des einschlägigen Materials wäre auch das beste Mittel gewesen, viele thörichte und leiden­schaftliche Gerüchte abzuschneiden, welche theilweife übertriebener Loyalität, theilweife auch der regie­rungsseitig künstlich gezüchteten völligen Unfennt« niß der that Schlichen Umstände entsprungen sind. Denn es ist in der That nicht zu verwundern, wenn der einfache Durchschnittsbürger es nicht fassen will, daß der König, der vor 8 Tagen noch offiziell für vernünftig galt, der am 8. Juni noch militärische Ordres unterschrieb, für dessen geistige Gesundheit und Regierungsfähigkeit am 1. Juni noch ein entrüstetes Rundschreiben der Münchener Polizeidirektion amtlich eintrat, nun mit einem Male „seit Jahren" geistesgestört sein sollte. Statt aber der durch die heillose Schweig- und Ver­tuschungstheorie entstandenen imenfen Gefahr in etwa zu steuern und jetzt gerade und offenheraus dem Volke die ungeschminkte Wahrheit darzulegen, machte zuerst die regierungsfreundliche und offiziöse Presse auf das „Unschickliche" und „Verletzende", „das monarchische Prinzip Schädigende" einer solchen öffentlichen Darlegung aufmerksam, bann trat auch Minister Lutz selbst in der ReichSraths- fammer mit großer Geflisfentlichkeit für eine Ge­heimhaltung des ben Kammern, unb zwar seiner

öfters zusammen, unv es war ersichtlich, welche Fortschritte bas junge Mädchen dabei machte.

Eines Abends schnitt der Förster, der später als gewöhnlich nach Hause kommend, die Familie schon um den Theetisch versammelt antraf, die scherzenden Vorwürfe Frau Martha's sogleich da­durch ab, daß er schon von der Thür her rief:

„Nun, ich bringe Euch auch eine Neuigkeit mit heim, unser Prinzeß ist mit Hoheit ihrer Mutter gestern im Jagdschlößchen eingetroffen, um längere Zeit daselbst zu verweilen."

Diese Nachricht erweckte, wenn auch aus sehr verschiedenen Gründen, das höchste Interesse des kleinen Kreises und ward während der Theestunde lebhaft diskutirt.

„Prinzeß Therese hat ganz ihrer einfachen Ge­wohnheit gemäß außer der für Reitpferd und Wagen nothwendigen Bedienung fast gar keine Domestiken mitgebracht", warf der Förster hin, „ich freue mich ordentlich daraus, sie soll noch ebenso natürlich und liebenswürdig sein, wie sie als Kind gewesen; nun, man wird ihr wohl hin und wieder im Forst be­gegnen, sie hat ja eine sehr große Vorliebe für lange, einsame Spazierritte."

Der Fürst und Walter blickten einander er­schrocken an. Dann war es ja nicht ausgeschlos­sen, daß die Prinzessin, wenn sie ihnen einmal begegnete, Edgar erkannte, ein Gedanke, der diesen

Intention nach nur einem engeren Ausschüsse, vor­zulegenden Materials ein. Sonderbarer Weise gab sich aber gerade zu gleicher Zeit die lutz- freundliche nationalliberale Presse in Bayern und außerhalb Bayerns daran, die haarsträubensten Einzelheiten aus dem Leben des Königs zu ver­öffentlichen. Ludwig II. sollte schon seit Jahren eine sonderbare Kabinetsjustiz geübt, allen Ernstes Minister und Hofbeamte zu schrecklichen Todes­arten, zur Verstümmelung rc. verurtheilt haben, und die Befehle feien unter Täuschung und Mystifi­kation des Königs unausgeführt geblieben, der Monarch soll an hochgradiger Unmäßigkeit im Essen und Trinken gelitten, ja in den letzen Jahren immer nur mit den Händen gegessen Haden, er, der deutsche Patriot, sollte (laut ,Frks. Journ.') versucht haben, die bayerische Armee an das Ausland zu verkaufen. Diese und zahllose andere Geschichten werden in nationalliberalen Blättern erzählt zu derselben Zeit, wo es in München als eine Verletzung der dem Könige schuldigen Ehr­furcht erklärt wird, wenn dem ganzen Volke ein klarer Einblick in die Thatsachen verschafft wird. Soll es denn nicht in der That besser fein, dem Volke die volle Wahrheit mitzutheilen, statt durch Mittheilungen, die vielleicht nur theilweife wahr und verbürgt sind, der Skandalsucht freies Spiel zu lassen. Wenn einmal auch das Schrecklichste wahr fein sollte, dann ist jedenfalls die Bekannt­gabe durch offizielle, nüchterne, falte Protokolle und Dokumente der romanhaften sensationslüsternen allmähligen Entschleierung des unglücklichen Königs­bildes vorzuziehen.

Deutsches Reich.

Berlin, 18. Juni.

* Der Kaiser tritt die Reise nach Ems mor­gen Abend KP/g Uhr an.

* Der Reichstag, dem der Entwurf betr. die Errichtung einer orientalischen Akademie zuge­gangen ist, wird seine nächste Sitzung wahrschein­lich erst am 1. Juli abhalten, da am 30. Juni der Stapellauf des ersten großen Subventions- Dampfers für die Linie Bremen-Ostasien statt­findet, wozu Bundesrath und Reichstag einge­laden sind.

mit heimlichen Entsetzen erfüllte. Auf seinem Ant­litz ging und kam die Farbe in raschem Wechsel und seine Brust hob sich in stürmischen Athemzügen.

„Ihre Hoheit die Frau Fürstin soll wieder sehr leidend fein'" fuhr der Förster foit, „es ist wohl hauptsächlich um ihretwillen, daß die Damen hier sind. Die hohe Frau will wahrscheinlich hier in der stärkenden Waldluft Kräfte sammeln für die Festlichkeiten, die sie in wenigen Wochen am Hofe zu S. erwarten, wenn dort die Verlobung mit dem jungen Fürsten Edgar gefeiert wird."

„Diese Verbindung soll ja zwischen den beiden Fürstenhäusern längst beschlossene Sache sein," meinte Frau Martha, „ich möchte wünschen, daß die Neigung der Nächstbetheiligten damit überein« stimmte. Prinzeß Therese verdient Bessere», als eine bloße Konvenienz-Ehe, in der sie sich, glaube ich, unmöglich befriedigt fühlen könnte; äußerer Glanz lockt sie, wie es scheint, zu wenig, um sie für innere Leere des Herzens entschädigen zu können."

„Nun," entgegnete der Förster, „so schlimm wird's doch wohl nicht fein, Fürst Edgar ist doch ein ganz acceptabler Bräutigam, sollt' ich denken. Er ist zwar sehr viel auf Reisen, so daß nur wenige Details über seine Persönlichkeit in die Oeffentlichkeit bringen, er soll indeß viel Geist und Talent besitzen und im Volke rühmt man ihm