Freitag, den 18. Juni
1886.
Fuldaer
,3 8 8^ erscheint .Feiertage aulgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk 50 Pfa
belletristischen «0,4«»beiläge »Sterne und Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 Mk. 75 Pia. 8"
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auf die
Fuldaer Zeitung'
für das III. Quartal 1886.
Einziges Organ der Centrumspartei in der Diözese Fulda und dem Regierungsbezirk Cassel.
Erscheint täglich und kostet pro Quartal nur Mk. 1,50; mit dem illustrirten Sonntagsblatt ,S t e r n e und B l u m e n', r- digirt von PH. Wasserburg (Laicus), Mk. 1,75 (ohne Bestellgeld).
Die .Fuldaer Zeitung' bringt Leitartikel über alle wichtigen politischen und socialen Fragen, kurzgefaßte Uebersichten über die Landtagsund Reichstagsverhandlungen mit Einschluß hervorragender Parlamentsreden, politische Rach- richten aus dem I n - und A u s l a n d, alle wissens- werthen Mittheilungen aus Stadt, Provinz und Nachbargebiet, ferner Vermischtes, Marktberichte 2c. und ein sittlich gutes Feuilleton.
Annoncen finden durch die »FuldaerZeitung', welche unter den in Fulda erscheinenden Blättern den größten Leserkreis besitzt, die weiteste Verbreitung. Bei öfterm und wiederholtem Einrücken wird entsprechender Rabatt bewilligt.
Freunden unserer Zeitung, welche bereit sind, durch Empfehlung für weitere Verbreitung der- selben zu wirken, stellen wir zu diesem.Zweck auf Verlangen eine Anzahl von Probe-Nummern zu? Verfügung.
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Redaktion und Verlag der ,Fnld. Ieitang'.
Die Königs-Katastrophe in Bayern.
II.
Demgegenüber sieht ein Gutachten von Aerzten, von welchen zwei den excentrischen König nur flüchtig beobachten konnten, und welche ihn in einer Situation beobachteten, wie sie durch die Kabinetskaffen-Kalamität geschaffen wurde, demgegenüber steht ferner diese Kabinetskassen-Krisis selbst, welche ohne jeden Zweifel den Anstoß zu
Die Tochter des Geigers. 9
Roman vonC. Arm and.
„Gewiß, Onkel Moritz, ich fürchte mich auch nicht, wie Du weißt, und dort drüben liegt schon das Häuschen der Anna Lindner, die ich besuchen wollte, um Mittag bin ich zurück," und mit leichtem Gruß schritt sie vorwärts
Schon von weitem bemerkten ein paar Kinder, die vor der Hütte spielten, die Nahende, deren blaues Kleid hell durch die Büsche schimmerte und begrüßten sie mit jubelndem Zuruf.
f/, Drinnen in der Hütte sah es ärmlich aus. Auf einem elenden Lager ruhte mit geschlossenen Augen eure bleiche junge Frau, neben sich ihr wenige Tage altes Knäblein, daß jämmerlich schrie.
Die junge Murter aber war wohl zu schwach um sich mit dem Kinde zu beschäftigen. Ein dank- ^sres Lächeln glitt um ihren Mund bei Lia's Eintritt, freudig streckte sie ihr die magern Hände Mtgegen.
Es war aber auch, als wenn mit der Er- Ichemung des jungen Mädchens ein Sonnenstrahl m die dürftige Kammer glitt; mit gewinnender 'Freundlichkeit neigte sie sich über die Kranke. „Wie gehr esJhnen, Frau Anna," fragte sie theilnahm- u«U, „Sie sind gewiß recht schwach und müde, »>o ist denn Ihr Mann?
dem gegenwärtigen Vorgehen gegeben hat, endlich wird durch die Presse eine Reihe unverbürgter Nachrichten aus den letzten Tagen bekannt, wonach der König durch absonderliche Maßregeln seine königliche Macht um jeden Preis zu wahren und zu retten gesucht hat. Nähere Einzelheiten werden wohl die nächsten Tage an's Licht bringen müssen. Wie man selbst in den dem Ministerium Lutz befreundeten Kreisen über die Sache denkt, geht aus dem naiven Geständniß eines süddeutschen nationalliberalen Blattes hervor, daß ohne die Kabinetskassen-Krisis, also ohne die Schuldenlast des Königs, wohl kein Mensch in Bayern daran gedacht haben werde, den König für regierungsunfähig zu halten. Wir müssen die Vertretung dieser Ansicht, welche für das Ministerium Lutz das schlimmste Verdict enthält, dem nationalliberalen Blatte selbst überlassen, besonders nachdem durch die Unfähigkeitserklärung die gräßliche Katastrophe herbeigeführt worden ist. Richtig ist, daß sich, soweit bekannt geworden, im Geisteszustände des Königs in letzter Zeit nichts wesentlich geändert hat. Die Excen- tricitäten und Seltsamkeiten des Monarchen, na- mentlich seine überspannte Baulust, sind nicht neueren Datums, auch die Schuldenlast von 16 Millionen ist nicht in einem Jahre, sondern im Laufe vieler Jahre entstanden. Die verantwortliche Regierung hat alle diese Verhältnisse gekannt, und wenn auch nicht gerade dazu geschwiegen, so doch nicht die rechten und durchgreifenden ^Mittel ,.uui. Junen -g steuern. Wenn
daher das Ministerium irgend eine Mstschulv an der ganzen Katastrophe trifft, so ist es die, daß cs zu lange gewartet hat, daß es die Sachen hat aus die Spitze treiben lassen, daß es nicht srüher mit einer energischen Alternative das Schlimmste abgewendet hat. Die nationalliberale Partei hat es in diesen Tagen offen herausgesagt, daß sie sich mit dem Gedanken einer Regentschaft des Prinzen Luitpold erst von dem Augenblicke an befreundet habe, als sich herausgestellt, daß der Prinz kein Ultramontaner sei. Dieser Einblick in die Parteirücksichten, welche gewisse Leute selbst in einer für das ganze Land so hochwichtigen Frage bewegen und bestimmen können, bedarf kaum eines KommentareS, er mag es aber einigermaßen erklären, weßhalb die liberale Presse
„Der Kaspar hat heute wieder arbeiten können, er ist wieder gesund, gottlob, ach Fräulein Lia ich bin so glücklich darüber, nun wird wohl alles wieder gut werden. —"
„Sehen Sie nun, daß ich Recht hatte damals, als Sie bei dem großen Unglück ganz verzagen wollten und ich Ihnen Muth einsprach? Es geht roch alles besser als man denkt und der liebe Gott verläßt keinen. —"
Die junge Frau zog im überströmenden Gefühl des Mädchens Hand an die Livpen.
„Mir hat er ja sichtbar einen Engel in Ihnen geschickt," flüsterte die junge Frau, „ich bin Ihnen auch so dankbar, wenn ich Ihnen nur vergelten könnte. Nein, Sie dürfen mir nicht wehren, die Hand zu küssen, die meinen Mann gepflegt, als er mir halb erschlagen vom Holzhacken in'S Haus gebracht wurde, und ich, selbst krank, nicht Hand und Fuß rühren konnte," fuhr sie fort, als Lia Rose ihr abwehrend die Hände entziehen wollte, „was wäre aus uns geworden ohne Hülfe und —"
„Nein, nun ist's aber genug, Sie dürfen nicht so viel sprechen," rief Lia Rose und machte sich mit der Ordnung des Zimmers zu schüfen, bereitete von den mitgebrachten Sachen ein kräftiges Essen und wickelte das kleine Kind in ebenfalls milgebrachtes reines Leinen.
jetzt einem Plane Beifall klatschte, den sie bis vor kurzer Zeit noch als eine Art Majestätsverbrechen schroff von der Hand wies. Soviel scheint uns aber klar zu sein, daß wenn wirklich die Excen- tricität des Königs förmlicher Irrsinn gewesen ist — das ärztliche Gutachten spricht von einer „schon sehr langen, über eine größere Reihe von Jahren sich erstreckenden Dauer" der Geisteskrank, heit — die Unfähigkeitserklärung schon vor Jahren hätte erfolgen müssen, in welchem Falle vielleicht die schauerliche Katastrophe vom Pfingst- sonntage dem Lande erspart geblieben wäre. Das ist unsere offene, freie Meinung zu der ersten Frage; wir möchten hoffen und wünschen, daß das officielle Aktenmaterial unsere Anschauung Lügen strafen könnte.
Die zweite Frage, bie, von Tausenden aufgeworfen wird, ist die, weßhalb man auf der einen Seile den bisher noch in voller Freiheit regierenden König so urplötzlich wie einen total Verrückten behandelte, den Königspalast in ein Irrenhaus mit Irrenärzten, Wärtern und Zwangsmaßregeln verwandelte, auf der andern Seite dagegen die in einem Jcrenhause üblichen Vorsichtsmaßregeln der- art außer Acht ließ, daß der König mit seinem ersten Irrenarzt Stunden lang allein promeniren und so den Selbstmord ungehindert hat vollbrin- können. Für BAoes trägt die Hauptveranlwor- tung der Mann, der mit dem Könige in den Fluthen des Starnbergersees seinen Tod gefunden hat. Wenn ihn hierin irgend eine Schuld trifft, so hat er sie durch Die Aufopferung seines eigenen Lebens für die Rettung des Königs für seine Per- son hinreichend gesühnt; jedoch wird cs erlaubt sein, nachdem fern für kompetent geltendes Urtheil sich in solch' drastischer Weise als unzureichend erwiesen hat, auch seine sonstigen Beobachtungen und Begutachtungen, welche die eigentliche Basis des vorliegenden ärztlichen Bffundcs bilden, in ihrer Autorität anzuzweifeln. Die seelischen Affekte, welche dey so plötzlich von der Höhe des Thrones in die Willenlosigkeit des Irrenhäuslers gestürzten Monarchen zu dem Entschlüsse des Selbstmordes getrieben Haden, sind leicht zu erklären; gegen diese Affekte reichte die Weisheit eines irdischen Arztes nicht aus. Uebrigens sollen ja die Aerzte gewußt haben, daß der König schon vor der lieber»
Als sie endlich sich zum Aufbruche anschickte konnte die junge Frau des Dankes kein Ende finden, obschon Lia sich bemühte, ihr klar zu machen, ^daß alles was sie gethan, ihr selbst die größte Freude bereitet. Sie versprach in den nächsten Tagen noch einmal wiederzukommen, und im Dorfe nach einer weiblichen Hülfe für Frau Anna suchen zu wollen, damit sie nicht so allein und die Kinder versorgt seien, bis sie selbst wieder schaffen könne.
Dann ging sie noch weiter in's Dorf hinein zu diesem und jenem ihrer Schützlinge; ihr Korb, den Waldmann wieder nebenher trug, enthielt noch manche Labung und überall, wohin sie kam, spen- bete sie Trost und thatkräftige Hülfe. Sie hatte immer Freude am Wohlthun gesunden, aber heute empfand sie ein so unaussprechliches Glücksgefühl, daß sie von dem reichen Schatze nothw.ndig auch Anderen mittheilen, und um sich her frohe und glückliche Menschen machen mußte.
Sie wußte selbst nicht, was es war, das so übermächtig in ihr Leben getreten, aber als sie nachher wie in wachem Traum durch den Wald nach Hause schritt, da war es ihr, als ob aus Bäumen und Blumen ein paar tiefe schwarze Augensterne sie anblickten, und das Gefühl, das dabei ihre Seele durchströmte, das war wie eine Fluth von Licht und Seligkeit.