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136.

Donnerstag, den 17. Juni

1886*

Fuldaer

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Die Königs-Katastrophe in Bayern. I.

Schwere Schicksalsschläge sind es, welche Bayerns königstreues Volk betroffen haben. War schon der lange Jahre andauernde unselige Zustand, daß König Ludwig, der Welt entfremdet, ein in geheim- nißvolles Dunkel gehülltes Dasein führte und vor jeder Annäherung an die Außenwelt zurückscheute, für den größten Theil des bayerischen Volkes eine Ursache stiller Betrübniß und Sorge gewesen, so mußten diese Gefühle mit erhöhter Macht und Bit­terkeit hervortreten, als mit einem Male das so lange gerüchtweise Vorhergesagte zur Thatsache wurde, als durch einen feierlichen Staatsakt König Ludwig der Regierung für unfähig erklärt, eine Regentschaft eingefitzt unv die Person des Königs in Irrenhaus-Behandlung genommen wurde. Und dennoch hat selbst nach diesen Schicksalsschlägen wohl Niemand geahnt, daß noch Schlimmeres ein« treten, daß etwas Entsetzliches sich ereignen würde, ein Ereigniß, von dem die Geschichte dereinst wie von einer jähen Schrcckensihat melden wird. Drei Tage nachdem ihm die über ihn verhängte Aber­kennung der königlichen Machtvollkommenheiten be­kannt geworden, hat König Ludwig den freiwilligen Tod in den Wellen gesucht und gefunden. Der Starnbergersee, besten Reiz den König seit seiner Jugend so oft gefesselt hatte, war bestimmt, ihm den Tod zu bringen. Sonst, wenn ein bedeuten­der Mann, wenn ein Fürst aus dem Leben geschie­den ist, beeilt sich die Mitwelt, in warmem Nach­rufe die Ereignisse seines Lebens bis in die klein­sten Details an ihrem geistigen Auge vorüberziehen zu lasten. Diesmal wird von dieser Regel vielfach abgewichen, man wirft zwar einen Nückdlick^auf das Leben des Königs, aber erst, wenn der Stürm der Erregung sich g legt Hai, wird sich die nöthige Muße finden, des Königs Leben als Ganzes und in seinen Einzelheiten eingehender uno, wie es sich gebührt, zu würdigen. Heute beherrscht noch der erschütternde Gevanke an das tragische Ende des Monarchen das ganze Jntereste, und tausend Fra­gen drängen sich Demjenigen auf, der es versucht, in Ruhe und Objektivität Umschau zu halten in dem Gewirr der sich drängenden Nachrichten, und Klarheit zu gewinnen über die verschiedenartigen

Urtheile und Auffaffungen. Es hieße, ein Unrecht gegen das Volk und ein knoch größeres Unrecht gegen den nun Verlebten begehen, wenn man die mit Macht sich hervordrängenden Erwägungen aus dieser oder jener übel angebrachten Rücksicht zum Schweigen verurtheilen wollte. Solche Stimmun­gen dürfen nicht künstlich unterdrückt werden, sie müssen sich Luft machen, damit sie, wenn haltlos und unbegründet, ebenso offen und frei widerlegt werden können.

Fassen wir das, was ein großer Theil des Vol­kes, und zwar nicht etwa sensationslüsterne oder überspannte Köpfe, sondern ruhige besonnene Leute über die jüngsten Ereignisse denken, fühlen und sprechen, in zwei großen Fragen zusammen, so lau­tet die erste Frage: Seit wie lange ist der König derart geistesgestört, daß er zur Regierung unfähig wurde? Vor wenigen Tagen unv Wochen hat er noch der Verfassung gemäß Verordnungen unter­zeichnet und Gesetze sanktionirt, war er damals gei­stig gesund und fähig zur Regierung? Und wenn nicht, weshalb hat man nicht viel früher die nöthigen Schritte gethan? Wir nehmen gerne an, daß die offizielle Rechtfertigung des Ministeriums vor den Kammern Manches von diesen Bedenken auSräu- men wird, indessen ist es gewiß nicht unbillig, wenn das Volk volle und gründliche Klarheit for­dert, ohne jede Geheimthuerei und Vertuschung. Ob der bis jetzt noch in den bekannten tatsäch­lichen Verhältnissen liegende Widerspruch durch die Aufklärung der Minister völlig gelöst werden wird, möchten wir.sehr bezweifeln. Selbst liberale, dem Ministerium Lutz befreundete Blätter, wie die ,Köln7 Ztg.' brachten die bestimmte Meldung, ein großer Theil des Volkes glaube nicht an die Verrücktheit des Königs, daß ferner die Gebirgsbewohner, die allein Gelegenheit hatten, bisweilen den einsamen Träger der Krone zu beobachten, geg n die An- nähme eines wirklichen Irrsinns durch Wort und That lebhaft protestirten, ist bekannt, endlich ver­lautet auch bestimmt, daß der bisherige langjäh­rige Leibarzt des Königs, Dr. v. Schleiß, eine Geistesgestörtheit desselben durchaus bestritten habe.

Deutsches Reich.

Berlin, 15. Juni.

* Der Königliche Hof legt heute für den i König von Bay ein die T r a u e r auf drei Wochen an. । ** Das Abgeordnetenhaus tritt nächsten

: Dienstag wieder zusammen. Auf der Tagesord- . nung stehen: 1) Erste Berathung des neueinge- - gangenen Gesetzentwurfes, betreff. Bewilligung von ; Staatsmitteln (740,000 Mk.) zur Beseitigung der ' im unteren Weichselgebiete durch die Frühjahrs- : Hochsluthen herbeigeführten Verheerungen; 2) erste

Berathung des Gesetzentwurfs, betreff. Abänderun- i gen der Kirchengemeind?» und Synodalordnung; : 3) dritte Berathung des Gesetzentwurfs, betreff. ’ die Kantongefängniffe in der Rheinprovinz; 4) Be- j rathung des vom Herrenhause abgeänderten Gesetz- i entwurses, betreff, den Verkehr auf Kunststraßen.

(Antrag Seer.)

I — Es wird bereits ein Versuch gemacht, . Unruhen in Bayern hervorzurufen durch die . Verbreitung eines Flugblattes, das als ' eine Gegenproclamation des Königs Lud- i wig II. bezeichnet wird. Das Machtwerk trägt das , Datum „Hohenschwangau, 9. Juni" und ist, ■ wie der Poststempel ergibt, in Basel gedruckt , worden. Es ist in dem bombastischen Stil verfaßt, ‘ der sozialdemokratische Ergüsse kennzeichnet, und enthält — ein weiterer Hinweis auf seinen Ursprung ■ aus revolutionärem Sager — Verstöße gegen Gram- ' matik und Rechtschreibung. Daß hier eine grobe . Fälschung vorliegt, wird nur von denjenigen ge« ■ leugnet werden, die grundsätzlich belogen sein wol- ■ len, sobald sie dies mit einem Vortheil für die sozialdemokratische Sache verbunden halten. Ein

' derartiger Versuch, eine Tragödie auszubeuten, ' welche die eioilisirte Welt erschüttert hat, ist eine । Schande für die Partei, von der sie ausgeht, und , wird von allen ehrlich und anständig fühlenden

Menschen mit Entrüstung zurückgewiesen werden.

। * Bischof von Kulm wird wahrscheinlich Dvm-

; Herr Dr. Redner, der jetzige Administrator der Diözese. Die preußische Regierung lehnte fünf

; vom Domkapitel auf die Liste gefitzte Kandidaten ab. j * Aachen, 15. Juni. Die dem Erzbischof Krementz gestern Abend gebrachte Serenade der

Die Tochter des Geigers.

Roman vonC. Armand.

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Vielleicht begleitet Herr Norden Dich durch den Wald, Lia, fügte sie abtenteno hinzu, „Du wolltest ja heute hinab in's Dorf und nach der Anna Lindler sehen."

„Ach ja, das hätte ich beinahe vergessen, da will ich nur schnell einige Voriäthe einpacken", und leichtfüßig eilte sie hinaus um bald darauf wieder einzutreten, ein wohlgefülltes Körbchen am Arm und einen großen italienischen Strohhut auf den vollen Locken.

Wenige Minuten später schritten sie unter den grünen Bäumen hin, gefolgt von Waldmann, der feiner jungen Herrin den Korb abgenommen, den er ganz stolz und vergnügt im Maule trug.

Sie redeten mit einander, als ob sie sich schon Jahre lang gekannt hätten, so ungezwungen und vertraut; sie sprachen von allem was junge und warm empfindende Herzen bewegt, von Natur und Kunst und Leben.

Es war ein Seelenaustausch, wie er genuß­reicher nicht gedacht werden konnte; zum ersten Mal seit der Trennung von ihrem Vater, mit dem sie eins gewesen in jedem Pulsschlag, fühlte sich Lia Rose wieder so ganz in ihrem inner» neu Empfinden verstanden, und der Fürst, her so arm an Siebe und Familienglück ausgewachsen,

der so vereinsamt unter seinen Standesgenvssen gewesen mit seiner warmen phantasiereichen Natur, er empfand ein nie gekanntes Glücksgefühl in der Atmosphäre von Poesie und Frieden, die das Forsthaus durchwehte und ihn an der Seite dieses jungen Wesens mit noch verstärktem, bestrickenden Zauber umfing.

„Nicht wahr? Sie haben den Wald auch schon lieb gewonnen", sagte Bia, die in seinen Augen fein Empfinden lesen mochte, mir ist er eine theure : Heimath geworden. Wenn ich die Wipfel rauschen , höre, meine ich meines Mütterchens Stimme zu i vernehmen; durch alle Märchen, die sie mir er» j zählte, wehte ja Waldesluft und Waldesrauschen, i Sie kannte ihren geliebten Thüringer Wald nicht vergessen und davon ist sie gestorben." Sie ; schwieg, die schönen Augen standen voll Thränen. ! „Sie haben Ihre Mutter früh verloren," sagte Sogar voll Theilnahme, Sie haben wohl sehr da­durch gelitten?'

„Ja, aber ich mußte den Vater trösten". Sie ■ wußte nicht wie rührend aus den einfachen Worten ! die ganze Selbstverleugnung und Opferwilligkeit des Weibes sprach. —

„Der arme Vater", fuhr sie fort, „er bedurfte fo sehr jemandes, der um ihn sorgte, und als die Mutter nicht mehr war, mußte ich sie zu ersetzen suchen, so gut als möglich. Kennen Sw die Ge­schichte meiner Eltern?" frug sie plötzlich. —

\ „Frau Erkens sagte mir davon."

i „So wissen Sie auch, daß mein Vater über's , Meer gezogen ist, „um meinetwillen", sagte er . beim Abschied. Wer wird nun dort für ihn ■ sorgen und ihn lieb haben?" Es lag eine schmerz- liche Klage in den Worten und Edgar fühlte sich . tief ergriffen von der heißen Kindesliebe, die aus ■ ihnen sprach.

i „Ihr Vater wird nicht immer fern bleiben", ' tröstete er, „wenn auch gegen feine Ueberzeugung."

„Ja, wenn ich berühmt geworden, komme ich ' wieder", hat er gesagt, und mein Vater ist ein ■ Künstler, die Welt muß ihm den Sorbeer reichen", : entgegnete sie mit stolzer Zuversicht, „und wenn ; er wieder kommt, bann soll meine Siebe ihm ■ vergelten, was er um meinetwillen ertragen hat." ! Feierlich, fast wie ein Gelöbniß, klangen die | Worte, und die sie gesprochen, war nicht mehr ' das Kind, sie war eine Jungfrau mit mil- ; dem frommen Herzen und hoher starker Seele. — i Sie blieb stehen und griff nach dem Goldkett» ; chen, das sich auch heute um ihren Hals schlang ' und zog das daran hängende Schmuckstück aus \ dem Gewände; es war ein herzförmiges Medaillon ‘ aus blauer Emaille, auf dem wie eine darauf ■ hingeweihte Thräne eine einzige Perle glänzte. - „Mein Talismann", sagte sie, als sie es geöffnet ■ Sogar hinreichte.

} Er erblickte zwei auf El senk einplatten gemalt