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J\£ 135.

Mittwoch, den 16. Juni

1886.

Fuldser

vt« ,Fulda« Stttimg' «scheint tLxlich, Sonn, und Feiertag« autgenemmen. W«teljShrlich« Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfg., — mit der belletristischen »ochenbeilag- »Sterne null Blume«' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 Mk. 75 Pfg.

Inserate: Di« «inspaMge Zeil« »d« deren Raum 15 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

** Eine erschütternde Tragödie.

König Ludwig II. von Bayern ist, wie wir gestern möglichst ausführlich mittheilten, freiwillig in den Tod gegangen, wenn man die That eines geistig Umnachteten, besten Wille nicht unter der Herrschaft der Vernunft steht, als eine freiwillige be­zeichnen kann. Prinz Otto, der Bruder des verstorbenen König«, ist zu seinem Nachfolger proklamirt worden. Auch Prinz Otto ist unheil­bar krank, auch sein Geist ist umnachtet, weshalb nicht er, sondern Prinz Luitpold zum Regen­ten bestellt wurde, als sich ergab, daß König Ludwig zur ferneren Regierung seines Landes nicht mehr fähig war. Das Thronfolge- und Regentschaftspatent, welches gestern Nachmittag in München publizirt wurde, lautet:

Im Namen Sr. Majestät de» Königs. Baiern» königliches Haus und sein in Glück und Unglück treu zu demselben stehendes Volk ist vom schwersten Schicksalsschlage getroffen. Nach Gottes unermeß­lichem Rathschluffe ist Se. Majestät König Lud- wig II. au« dieser Zeitlichkeit geschieden. Durch diesen da« ganze Vaterland in schmerzlichste Be- trübni« versetzenden Todesfall ist das Königreich Baiern in der Gefammtoereinigung aller seiner filtern und neuern Gebietstheile nach den Be­stimmungen der Verfaffungsurkunde auf Grund der Haus- und StaatSverträge unferm vielgeliebten Neffen, dem Bruder weiland Sr. Majestät, Sr. Königlichen Hoheit dem Prinzen Otto, jetzt Majestät, al» nächstem Nachfolger nach dem Recht der Erstgeburt und der agnatisch-linealen Erbfolge angefallen. Da Allerhöchstderselbe durch ein schon länger andauerndes Leiden verhindert ist, die Re­gierung Allerhöchstselbst zu führen, so haben wir als nächstberufener Agnat nach den Bestimmungen der Verfaffungsurkunde in Allerhöchstdeffen Namen die R ichsverwefung zu übernehmen. Die nach der Verfassung erforderliche Einberufung des Land­tags ist bereits verfügt. Indem wir, im Namen Sr. Majestät de« Königs die Reichsverwesung hiermit übernehmen, versehen wir uns zu allen Angehörigen der bairischen Erblande, daß sie Se. Majestät den König al« ihren rechtsmäßigen und einzigen Landesherrn so willig als pflichtmäßig erkennen und Allerhöchdemselben und uns, als dem

Nie Tochter des Geisers. 7

Roman vonC. Armand.

Droben aber im Fremdenzimmer fiel der Fürst seinem Freund stürmisch um den Hals und dankte ihm wiever und roieoer, daß er ihn hierher ge­bracht. Wohl noch eine Stunde saßen sie am offenen Fenster und blickten in den mondhellen, schweigenden Wald hinaus, und in Beider Augen stand eigentlich dasselbe, nur daß sie es selber gegenseitig noch nicht verstanden. Sie sprachen von Vielem, nur den Namen sprachen sie nicht aus, der doch auf Beider Lippen brannte. —

Was Wunder, daß die Traumgöttin, die sich endlich über Beider Lager neigte, die gleichen Züge trug? und wer sich ganz tief über den Fürsten gebeugt hätte, der würde leise wie ein Hauch ihren Namen vernommen haben: — Lia- Rose. —

VI.

Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als der Fürst am andern Morgen erwachte. Schnell machte er seine Toilette und trat ans Fenster, welches ihm die Aussicht in den Hof bot, von wo sich augenblicklich ein für seine Ohren sehr ungewohntes Geräusch vernehmen ließ. Das war ein Glucksen, Schnattern und Gackern, das gar kein Ende nehmen zu wollen schien.

durch die Verfassung berufenen Regenten, unver­brüchliche Treue und unweigerlichen Gehorsam leisten. Damit der Gang der Staatsgeschäfte nicht unterbrochen werde, befehlen wir, daß sämmtliche Stellen und Behörden ihre Verrichtungen bi« auf nähere Bestimmungen wie bisher nach ihren Amts­pflichten fortsetzen. die amtlichen Ausfertigungen von nun an im Namen Sr. Majestät des Königs Otto von Baiern, wo solches vorgeschrieben ist, erlassen, bei der Siegelung aber sich der bisherigen Siegel so lange, bis ihnen die neu zu fertigenden werden zugestellt werden, bedienen sollen. Wir wollen alle Bediensteten an den von ihnen geleisteten VerfaffungS- und Diensteseid besonders erinnert haben uns versehen uns gnädigst, daß alle Unter- thanen Sr. Majestät dieser unserer im tiefen Schmerz im Namen des Königs an sie gerichteten Aufforderungen in Treue folgen.

Gegeben zu München, den 14. Juni 1886. Luitpold, Prinz von Baiern.

Dr. Frhr. v Lutz. Dr. v. Fäustle. Dr. v. Riedel. Frhr.v. Crailsheim. Frhr. v. Feilitzsch.

v. Heinleth.

An das vorstehende offizielle Aktenstück schließen wir heute eine kurze zusammengefaßte Darstellung der Katastrophe, soweit sich über dieselbe nach den vorliegenden Berichten ein Ueberblick gewinnen läßt. König Ludwig verließ am ersten Feiertag Nachmittags 1/26 Uhr in Begleitung des leitenden Arztes Gudden Schloß Berg, um in dem anstoßen­den Parke einen Spaziergang zu machen. Nachts r/,12 Uhr waren beide noch nicht zurückgekehrt, der Park wurde durchsucht und beide, der König wie Gudden, im See ertrunken aufgefunden. Wiederbelebungsversuche blieben, obgleich anfangs noch schwache Lebenszeichen vorhanden waren, er­folglos. Nur die Fußspuren im Ufersande ge­währen einige Anhaltepunkte für das, was vorge­gangen. Sie beweisen, daß ein heftiger Kampf stattgefunden haben muß, Kratzwunden an der Nafe und Stirn Guddens bestätigen dies. Man schließt aus letzterem Umstande, daß Gudden ge­waltsam untergetaucht worden sei. Die Fußspuren des Königs gehen weiter als die Gudden's. Es wird hiernach angenommen, daß sich der König ins Wasser stürzen wollte, daß Gudden gewaltsam ihn daran verhindern suchte, daß beide den Kampf

Der Fürst trat in das nebenanliegende Zimmer des Freundes, da er diesen aber bereits nicht mehr dort fand, begab er sich hinunter und fand bald die kleine nach dem Hofe führende Thür.

Sie war nur angelehnt, er klinkte sie auf und trat hinaus, blieb aber überrascht auf der Schwelle stehen, gefesselt von dem Bilde, das sich ihm darbot.

Wenige Schritte feitwärts von ihm stand Lia Rose, umgeben von der ganzen Schar des lärmen­den Hühnervolkes. — Statt des festlichen, weißen Gewandes von gestern, trug sie ein langes licht­blaues Mouffelinkleid. Ein blaues Band schlang sich durch ihre Locken — sie sah womöglich noch liebreizender aus, wie am gestrigen Tage, so dachte wenigstens Fürst Edgar, als sie jetzt mit einem Lächeln unschuldiger Freude, auf ihre sanften Lieblinge die Tauben blickte.

Der Fürst wäre gern noch länger ungesehener Zuschauer des reizenden Genrebildes gewesen, ndes des Hundes augenfällige Unruhe verrieth Lia Rose die Gegenwart eine« Fremden und sich umwendend bemerkte sie ihn. Es war ein sekunden- anges bewunderndes Anschauen der Beiden. Auch Edgars Erscheinung zeigte sich jetzt noch vortheil- ijafter wie am gestrigen Tage in Dem Kostüm aus dunkelbraunem Sammt.

Aber nur einen Augenblick dauerte dieses gegen-

im Wasser fortsetzten, denn auch im Wasser finden sich die Eindrücke der Füße, und daß der König Gudden schließlich in die Fluth hinabriß und so lange unter das Wasser drückte, bis der Wider­stand Guddens geschwunden war, und daß bann enblich ber König weiter in ben See hinein­ging, um hier ben Tob zu suchen und zu finden.

Die Leiche des Königs Ludwig traf in der Nacht zum Dienstag 1 Uhr 20 Min. im Residenz« schlosse zu München ein. Da die Ankunft nicht so früh erwartet worden war, so fand keine An­sammlung des Publikum« statt. Gestern (Montag) Abend halb neun Uhr war die Leiche im Vorhofe des Schlosses Berg durch den Stiftsdekan Türk und drei andere Geistliche auSgefegnet worden. Die in Feldafing weilende Kaiserin von Oester­reich hatte einen prächtigen Kranz nach Schloß Berg gesandt. Heute (Dienstag) hat die Sektion ftattgefunben. lieber den Sektionsbefund wird mitgetheilt: Die Sektion der Leiche Sr. Majestät des Königs Ludwigs II. hat hochgradige Ver­änderungen begenerattoer Natur am Schabet, sowie am Gehirn unb seinen Häuten ergeben. Dieselben finb theils auf abnorme Entwickelung, theils auf chronische Entzünbungs - Vorgänge älteren unb jüngeren Datums zurückzuführen. Die Sektion rouroe von Professor Dr. Vübinger, Professor Dr. Grashey unb Hosstabsarzt Dr. Halm, unb mit Zuziehung bes Obermebizinalrathrs Dr. v. Kerschensteiner vollzogen.

* * ♦

Es liebt bie Bolksphantasie mit dem Tragischen bas Gräßliche zu oerbinben, was sich auch ange­sichts bieser Katastrophe roieber zeigt. Es ist schwierig, etwas zu entkräften, was man auszu­sprechen berechtigtermaßen Anstand trägt. Es fehlt nicht an äußerlichen Momenten, welche ber Volksphantasie Nahrung zu geben geeignet finb. Auffallenb ist, baß ber König auf seinem Spazier­gange mit Gubben ganz allein war. In ber Regel finb fürstliche Personen aus ihren Spazier­gängen von Dienern begleitet, bie in angemessener Entfernung folgen. Um wieviel mehr hätte man bas angesichts des Krankheitszustandes bes Königs erwarten sollen. Der König war nicht mehr frei, seine Umgebung war zu seiner Hut bestellt. Kürzlich würbe berichtet, baß er Tobsuchtsanffille

festige Anschauen bann nickte Lia einen fröhlichen Morgengruß hinüber und rief scherzend: „Nun, endlich ausgeschlafen? Der Onkel und Walter sind schon lange im Wald. Sie haben wohl etwas ganz besonders hübsches geträumt, das Sie mir nun auch zur Strafe für Ihr Zuspätkommen er­zählen müssen."

@)gar war jetzt herangetreten. „Etwas sehr seltsames war es allerdings" gestand er, „ob schön? das kann ich nicht so unbedingt bejahen. Schade, daß ich keinen Traumdeuter zur Hand habe," fügte er lachend hinzu. —

„Nun wer weiß, vielleicht kann ich Traumdeuter spielen, entgegnete sie, aber nun geschwind, er­zählen Sie."

„Wenn Sie es hören wollen, warum nicht?" er lehnte sich gegen die Mauer, indes sie er­wartungsvoll zu ihm aufblickte.

„Mir roar’s" begann er, „als ging ich durch einen dunklen Wald; da that sich plötzlich ein tiefer Abgrund von mir auf, und an feinem Ab- fang erblickte ich eine Blume, so schon unb wunber- Ijolb, wie ich niemals eine Blüthe gesehen, unb ein wunberbares Licht, bas von ihr ausströmte, machte urplötzlich ben düstern Wald sonnig unb jefle. In meiner Brust erwachte ber leibenschaft- iche Wunsch, bie Blume zu besitzen! aber sie blühte weit unten und wenn ich sie erreichen