JV 132. Freitag, den 11. Juni 1886.
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Fuldaer
Zweites Blatt.
Z«m hl. Pfingstfeste.
Triumphtag, wie keinen die Welt noch geschaut, Geburtstag der Kirche, der Gottesbraut!
Du Tag, der aus Zaghaften Helden gemacht, Du schmückest die Erde mit himmlischer Pracht!
O Geist, der das Weltall im Anfang umschwebt, Der schuf und regieret, was ist und was lebt. Du Geist, der das Antlitz der Erde erneut: Dich preiset heut' jubelnd die Christenheit!
O Geist, der da ausgeht vom Vater und Sohn, Du baust in das menschliche Herz deinen Thron, Erfüllst es mit Licht und mit göttlicher Kraft, Du Vater der Weisheit und Wissenschaft!
Du kamst zu den Jüngern mit Sturmesgebraus:
Da bebten die Herzen, da bebte das Haus, Da bebte die Hölle, das nächtliche Reich, Da jubelten Himmel und Erde zugleich.
Vor Deines verzehrenden Feuers Gewalt Verschwanden des Götzenthums Wildnisse bald; Dein Licht und dein Lebensthau, himmlisch und mild, Erschuf aus der Erde ein lächelnd Gefild.
O Geist, Du Allmächt'ger wir beten Dich an; Du wirkest noch, wie Du von Anfang gethan. Vertilgst allen Trug und beschützest das Recht, Der Menschheit zum Heil von Geschlecht zu Geschlecht.
Du sendest der Wahrheit, des Lichtes Strom, Wie einst von Jerusalem, heute von Rom Hinaus zu den Völkern fort und fort. Du uns verheißener Tröster und Hort!
Bald fegest Du brausend, dem Sturme gleich,
Vom Baume der Kirche das dürre Gezweig, Bald wieder wie Lenzhauch, würzig und zart, Erzeugest Du Blüthen von himmlischer Art.
Und ob wir Dein göttliches Walten und Weh'n Hienieden int Staube, nicht immer versteh'n: Wir preisen Dich gläubig im Leid und im Streit; Denn Dein ist der Sieg einst am Ende der Zeit!
E. J. Sch.
»Die Verbrecherwelt von Berlin"
ist ein bei I. Guttentag in Berlin erschienenes Buch betitelt, besten Verfasser sich nur mit den Buchstaben 0. Z. kenntlich macht. Man hat in ihm wohl einen Beamten zu suchen, dem langjährige Erfahmng auf dem Gebiete des Polizei- wesens reiche Sachkenntniß verschafft hat. Der Verfasser geht von dem merkwürdigen Mordprozeß gegen den Kommissionär Dickhoff aus, in dessen Verlauf die Zusammenhänge und das Sonderwesen des Berliner Verbrecherthums in einer ganz neuen, überraschenden Gestalt ans Licht gezogen wurden. Hierauf kennzeichnet er die einzelnen Zweige der hauptstädtischen Gaunergesellschaft und gibt eine eingehende Kennzeichnung der Berliner Verbrecher in ihrer persönlichen Artung. Berlin kennt keine Vererbung des Verbrecherthums im Sinne von Verbrecherfamilien, welche ihre Kinder schon von frühester Jugend an zu ihrem schlechten Handwerk anlernen. Der Berliner Verbrecher sieht sogar in besonders betontem Maße, so viel er es vermag, auf den fleißigen Schulbesuch seiner Kin- der, in den meisten Fällen hält er sein ehrloses Handwerk völlig geheim vor der Familie, weiht nicht einmal die Frau in sein Treiben ein. Sehr häufig tritt dagegen die Erscheinung zutage, daß Kinder anständiger Familien auf die Bahn des Verbrechens durch Verführung gelangen und ihre ehrlichen Eltem tief betrüben. Obwohl als eine Vererbung der Verbrecher-Gewohnheiten nicht nachgewiesen werden kann, ergänzen sich die durch lange Freiheitsentziehungen sowie durch Tod entstehenden Lücken in der Verbrecherwelt sehr rasch. Es wird dies bedingt durch die Wohnungsverhält- niffe der nieder« Bevölkerung, die hier eine aus- '
führliche Schilderung erfahren, und durch den großen Zuzug von Arbeitsuchenden, die leider, wenn sie nicht schnell genug Unterkunft finden, nur zu oft der Verführung unterliegen. Kapitalverbrechen sind im Verhältniß zur Größe Berlins selten. Die Eigenart des Berliner Verbrecherthums liegt im Diebstahl, und zwar namentlich im Einbruchsdiebstahl. Listige, kühne, allen Schwierigkeiten Trotz bietende Einbrecher sind die Helden und die bezeichnendsten Elemente der Berliner Gaunerwelt. Ueberaus bedacht und scharfsinnig in den Vorbereitungen, verwegen in der Ausführung des Einbruches, selbst die neuesten Errungenschaften zur Sicherung gegen Diebesgefahr erfolgreich zu Schanden machend, sind die Berliner Einbrecher doch, wenn sie ertappt werden, keine allzu gefährlichen Menschen, setzen sich nur selten zur Wehr und schreiten fast nie zur Tödtung eines Menschen. Eine besondere Eigenschaft des Berliner Verbrechers ist die Schlauheit, mit welcher er sich vor Gericht loszulügen oder wenigstens zu mildernden Umständen zu gelangen sucht. Er hat einige Gesetzeskenntnisse und besitzt die Gabe, während der Verhandlung aus den Reden des Staatsanwalts, der Stimmung der Richter und Geschworenen seine Lage zu berechnen und sich darnach einzurichteu, dreist zu leugnen oder den Reumüthigen zu spielen, und zwar verfährt er dabei mit der größten Verstellungsgabe und der tückischsten Schlauheit. Dabei ist er im Grunde genommen gutmüthig, benimmt sich vor Gericht höflich und anständig, wie er auch im Leben, so viel er kann, auf saubere Kleidung sieht und keineswegs sich besonders auffällig in seinem Aeußern macht. Die sogenannten Verbrecherphrffiognomieen sind durchaus nicht so häufig, wie man glaubt, die kühnsten Einbrecher haben vielmehr das Aussehen ehrsamer Handwerker oder Kleinkrämer. Die Leute kennen sich untereinander und halten treu zusammen. Sie haben ihre Zusammenkünfte, aber viel weniger als früher, in den vielgenannten Verbrecherkellern, die immer mehr verschwinden. In den ehrbarsten Gast- und Kaffeehäusern treffen sie sich vor den Augen des Publikums und der Polizei.
Zwei Umstände sind es besonders, die in Berlin diese traurige Erscheinung wesentlich fördern helfen. Der eine Grund liegt in den Berliner Wohnungs- Verhältnissen, die in den ärmeren Klassen ein eigenes, behaglich bescheidenes Heim zu den größten Seltenheiten gehören lassen. Unter den 40,000 Gebäuden sind 2500 Gebäude mit je 16 bis 20 Wohnungen, mehr denn 20,000 Gebäude mit je 20 bis 30 und mehr als 800 Gebäude mit je über 30 Wohnungen vorhanden. Von den Wohnungen besteht die sehr statttliche Anzahl von 75,000 nur aus einem einzigen Zimmer und beherbergt nahezu 270,000 Bewohner; etwa die gleiche Summe Wohnungen hat je 2 Zimmer und dient ca. 360,000 Menschen zum Aufenthalt, und fast 30,000 Wohnungen zu je 3 Zimmern nehmen annähernd 140,000 Bewohner auf. Und wie sehen diese sechs- und siebenstöckigen Miethskasernen in den armen Stadtvierteln aus! Sie sind zugleich mit der Grund für die zweite Erscheinung, welche wesentlich dazu beigetragen hat, vas Berliner Ver- brecherthum großzuziehen, das ist die ganz außerordentliche Frequenz von Schankwirthschaften. Das Heer dieser Wohlthätigkeitsanstalten für den menschlichen Durst übersteigt die Ziffer von 6000, was folglich auf je 200 Einwohner (nicht etwa Männer, sondem Einwohner, Weiber, Kinder, Säuglinge mitgerechnet) und auf noch nicht das dritte bebaute Grundstück eine Wirthschaft ausmacht. Es kommt in Berlin vor, daß in einem und demselben Wohnhause sich drei Restaurationen befinden, und
daß in einem zusammenhängenden Straßenab' schnitt von zehn Häusern ebensoviel Kneipen ihre Existenz fristen.
Der Verfasser kommt in der Schilderung der verschiedenen Abarten des Diebeshandwerkes u. A. auch auf die G a u n e r s p r a ch e zu reden, welche eine aus Deutsch, Hebräisch und einigen Spuren des Zigeuneridioms zusammengesetzte Geheimsprache ist. Er erklärt dieselbe aus dem Umstande, daß das Berliner Diebeshandwerk, das jetzt allerdings ausschließlich von Christen betrieben wird, in den dreißiger Jahren aus Polen durch eine verzweigte jüdische Verbrecherfamilie eingeführt wurde. Ohne letztern Umstand in Zweifel ziehen zu wollen, müssen wir doch darauf Hinweisen, daß nach den mitgetheilten Proben diese Berliner Gaunersprache nichts anderes ist, als die in ganz Deutschland und Oesterreich bei Verbrechern und mit gewissen Aenderungen bei Landstreichern übliche Geheim- fprache, durchaus keine Sonderart des Berliner Verbrecherthums. Der wesentliche Antheil des Hebräischen an der Gaunersprache und die Verbreitung derselben erklären sich nicht nur dadurch, daß in frühern Zeiten die Juden am Verbrechertum eine sehr große Betheiligung hatten, sondem ganz besonders durch die Art des Hausirhandels, der die wandernden Juden in Schenken und Herbergen aller Orten mit Landstreichern und Gaunern in engste Berührung brachte. Letztere nahmen gewisse Wendungen und Ausdrücke jener im Osten wohlbekannten jüdisch-deutschen Redeweise an, welche an sich gar nicht den Charakter einer Geheimsprache trug, aber allerdings allen Jenen fremd und unverständlich blieb, welche nicht Gelegenheit hatten, sich häufiger des Umgangs mit Hausirjuden zu erfreuen. Ist also die Gaunersprache nicht ausschließlich Berlinisches, sondern eine weit verbrei- tete Erscheinung, wie schon Avs-Lallemant in seiner Geschichte des Gaunerthums zeigt, so finden wir auch an anderen Stellen des Buches, z. B. bei der Schildemng einzelner Kniffe und „Arbeitsweisen" der Verbrecher, daß der Verfasser Dinge als Berliner Eigenart in Anspruch nimmt, welche eine allgemeinere Verbreitung haben. Es ist dies übrigens eine Erfahrung, die man bei vielen Schilderungen des Berliner Lebens macht; die betreffenden Schilderer geben sich nicht genaue Rechenschaft darüber, was in ganz Deutschland oder wenigstens Norddeutschland und eben deshalb auch in Berlin sich vorfindet und was der Reichshauptstadt allein eigenthümlich ist. Sehr lesenswerth ist, was der Verfasser über den ausschließlich in jüdischen Händen befindlichen schwungvollen Vertrieb falscher russischer Rubelnoten erzählt. Man hat es hier mit einer ganz großartig entwickelten, in Berlin, Paris und London wirkenden Gaunergemeinschaft zu thun, welche, trotz aller Anstrengungen der russischen Regierung und trotz wiederholter Entdeckungen, niemals ihre Thätigkeit unterbricht, weil eben der Vortheil so groß und die Fälschung so leicht ist. Nach einigen Streiflichtern auf sittenpolizeiliche Verhältnisse rühmt der Verfasser die Berliner Polizei als die beste der Welt. Sie ist dies namentlich auch der vielgerühmten englischen gegenüber. Die dortige staatliche Polizei ist sehr schlecht, und jene Geheimpolizisten, von welchen in den Zeitungen oft so staunenSwerthe Meisterstückchen erzählt werden, sind Angestellte von Privatanstalten, welche nicht bloß Verbrecher aufspüren, sondern auch mit größter Rücksichtslosigkeit gegen Bezahlung noch andere Dienste leisten, zu denen eine staatliche Polizei überhaupt nicht gebraucht werden kann.