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J\§ 130.

Mitwoch, den 9. Ium

1886

Fuldaer

vt, ,Fulda Stfamg* «f4«nt tätlich. Sonn« und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 M. 50 Pfa., — mit der dMetrijkschen »ochenbeilage ,Sterne »ns Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 Mk. 75 Pfg. Inserate: Die einspaltige Zelle oder deren Raum 15 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

* Der Branntweinsteuer, welche bekanntlich von der Kommission eingesargt wurde, widmet die Preffe jetzt die üblichen Nekro- löge. Wirklich aufrichtige Tyränen weint der Tobten Niemand nach, sie stand eben bei Niemand in gan; gutem Andenken. Was ihr bei den Einen zur Em- pfehlung diente, gereichte ihr in den Augen Anderer zum Tadel; daher rührt da» allgemeine „non placet“ über das Ganze. Die Jntereffen, welche Jeder daran direkt Berührte verfolgte, Harmonik- ten eben zu wenig. Der Regierung ging es in erster Linie um hohe Einnahmen für’S Reich, den Konservativen um gewaltige Privilegien für die Brennereien, Anderen um die Ablehnung allzu hoher Belastung der Steuerzahler. Die letztere Richtung hat gesiegt, namentlich in Folge der Hal­tung der Centrumsmitglieder, die zur Bewilligung des Erträglichen und Nothwendigen bereit waren, aber keinen Pfennig darüber hinaus ausgeben woll­ten. Wie jedesmal, wenn etwas schief gegangen ist, beginnen auch jetzt die Rekriminationen. Ratür- lich sucht Jeder dem Andern die Schuld an dem Falle der Steuer zuzuschreiben. Die Organe der beiden konservativen Parteien suchen besonder» das Centrum zum Sündenbock zu machen. Die,Kreuz- ztg.' unterscheidet, sie macht den „liberalistrenden Theil des Centrums" und ganz besonders die „liberalisirende Centrumspresse" für das Scheitern des Werkes verantwortlich. Wer also für offene oder verschleierte Monopole nicht eintritt, sondern solche als gefährliche und folgenschwere sozialistische Projekte bekämpft, der „liberalisirt" in den Augen der »Kreuzztg/. Solchen Liberalismus wird sich aber das Centrum und die auf dem Boden des Centrums stehende Presse stets zur Ehre anrechnen, und die katholische Preffe hätte sich der gröbsten Pflichtverletzung schuldig gemacht, wenn sie nicht die koloffale Höhe der «Steuer in der Regierungs­vorlage und die monopolartigen Auswüchse in dem konservativen Gegenentwurf auf's Entschiedenste be- kämpft hätte. Für staatssozialisttsche Gedanken, mögen sie nun nackt ober maskirt auftreten, wird das Centrum nie zu haben fein. Wollen sich die Brenner genossenschaftlich koaliren, so mögen sie es unter sich thun; dem steht ja nichts entgegen. Aber für diese Koalition, die Privatsache ist,

Die Tochter des Geigers*) 2

Roman von C. Armand.

II.

Während dessen wollen wir einen kurzen Blick auf ihr vergangenes Leben und die Ereignisse wer- fen, die sie trotz ihrer so verschiedenen Lebensstel- lung einander so nahe gebracht.

Walter Erkens, dessen Vater Förster im fürst- lich R.'schen Revier war, hatte als der einzige Sohn seiner Eltern von diesen eine sorgfältige Er- Ziehung genossen, und was etwa noch daran fehlte, das ergänzte der ernste, dunkle Wald, in dem er aufwuchs und der ein wunderbarer, guter Erzieher ist. Da er einen offenen Sinn für alle Zweige des Wissens besaß, so beschlossen seine Eltern, nach beendigter Schulzeit, daß er, bevor er auf der Forstakademie sich für den Stand seines Vaters vorbereite, verschiedene Universitäten besuchen sollte, um sich dort eine umfassende Bildung zu erwerben und gleichzeitig Welt und Menschen kennen zu lernen.

Aus einer dieser Hochschulen war es, wo er den mngen Fürstensohn kennen lernte, der sich gleich, falls zu feiner Ausbildung dort befand, in Beglei­tung feines Gouverneurs und Reisebegleiters, Herrn v. Wendelsstein, welch' Letzterer sich indeß keiner allzugroßen Autorität bei seinem Zöglinge erfreute — vielmehr durch die Macht der liebenswürdigen

Reichsgelder, und zwar in der Weife in An­spruch nehmen, das geht nicht. Die ,Post' legt, trotz ihres Hasses gegen das Centrum, da» offene Geständniß ab, daß zwei Faktoren die Steuer zu Fall gebracht haben: 1) die über- triebene Forderung des Reichsfiskus und die über­triebene Geltendmachung der Jntereffen der Brenner. Die Regierung mag ja so hohe Forderungen ge­stellt haben, um etwas nachlaffen zu können. Wie der Ausgang zeigt, hat diese Taktik aber auch ihre mißliche «Seite: wer zu viel fordert, erhält schließlich gar nichts. Ebenso ging es dem Antrag Mirbach; das allgemeine Aufsehen, das deffen Forderungen hervorriefen, war der beste Beweis für den begangenen Fehler. Aber das Uebertriebene hier und dort hat das Gute, allen, die Augen haben, sie zu öffnen. Die ,Post' räth nun der Regierung und den Brennern Mäßigung an. Da- mit verurtheilt ja das freikonservative Blatt die Forderung beider. Der .Post' sollte es also auch von Anfang an klar sein, weshalb das Centrum beide Forderungen abwies. Aber ihr fanatischer Haß gegen das Centrum verhindert das Aufdäm­mern dieser Erkenntniß, sie spricht von einem „zweideutigen Benehmen" des Centrums und kann es nicht begreifen, weshalb dasselbe 25 Pfg. pro Liter bewilligen wollte, dann aber gegen die von den Nationalliberalen vorgeschlagenen ErhebungS- fornt sich erklärt. Das geschah, weil diese Er« Hebungsform nichts tauchte und weil das Centrum diese Steuerfrage für viel zu wichtig hält, al» daß sie in einer Nacht von den Nationalliberalen gelöst werden kann. Das Centrum bricht solche Sachen, bei denen da» Volk jährlich etwa 45 Millionen bezahlen soll, nicht übet’» Knie; das mögen die Nationalliberalen thun, die sich wieder als Helfer der Regierung aufspielen konnten, da „das ja nichts schadete." Die Kommiffion wird ich nur noch einmal zur Fertigstellung des Be- richts versammeln und müßte dann mit leeren Händen vor’s Plenum treten. Der Finanzminister erblickte darin gleichsam ein testimonium pauper- tatis der Komimsswn. Indessen ist es besser, die Kommission tritt mit Nicht» als mit etwas Schlech­tem vor’s Plenum des Reichstages. Bedauerlich st es allerdings, daß in der Kommiffion auch keine Basis für die Grundsätze einer weiteren Vor-

Persönlichkeit desselben vollständig beherrscht wurde.

Fürst Edgar gehörte uun einmal zu jenen Men­schen, denen Alles sich freiwillig unterordnet, denen Niemand etwas abschlagen kann und die in Folge dessen eine unbegrenzte Gewalt über ihre Mitmen­schen ausüben. Er war eine» der Sonntagskinder der Natur und des Schicksals; mit den glänzend- sten Eigenschaften des Körpers und des Geistes verschwenderisch ausgestattet, war er der Liebling aller seiner Kameraden, und es hätte nicht seines Namens bedurft, um ihn zum Mittelpunkt eines jeden Kreises zu machen, in dem er sich bewegte. Es gelang ihm Alles, was er begann.

Dabei umfaßte er Kunst und Wissenschaft mit gleicher Liebe, und diesem Umstande dankte er die Erlaubniß seines Vaters, des regierenden Fürsten von S., bis zu seinem 25. Lebensjahre sich in der Welt umsehen und auf den besten Hochschulen seine Talente ausbilden zu dürfen, dann aber an den Hof zurückzukehren, wo mit seinem 24. Ge­burtstage seine Verlobung mit der Prinzessin The- refe R. gefeiert werden sollte, die ihm von den beiderseitigen Eltern schon von Kindheit an zur Gemahlin bestimmt war. —

Im Gegensatz zu seinen fürstlichen Eltern, die alle Vorurtheile ihres Standes befaßen, war Edgar nicht im mindestens stolz, wenigstens nicht auf fei« nen fürstlichen Namen.

läge genommen wurden, wenigstens, was die Aus­führungsbestimmungen angeht. Indessen in Be­zug auf die Höhe der Steuer hat die Regierung ja doch vom Centrum einen Fingerzeig erhalten, der hoffentlich beachtet werden wird. In der Zwischenzeit kann die Regierung etwas Besseres vorbereiten, das dann größere Befriedigung erweckt und die widerstreitenden Interessen aus­gleicht.

Deutsches Reich.

Berlin, 7. Juni.

* Der Kaiser beabsichtigt dem Sultan von Sansibar mit mehreren durch besonders elegante Ausstattung ausgezeichneten zum Salutschüßen be­stimmten Geschützen ein Geschenk zu machen. Die Herstellung derselben wird thunlichst beschleunigt.

* Der .Reichsanzeiger' publicirt das Zucker - steuergesetz. Dasselbe ist vom 1. Juni d. I. datirt.

* * Das Herrenhaus nahm heute das Lehrer- anstellungsgesetz für Posen und Westpreußen sowie das Offiziercommunalsteuergesetz unverändert nach den Beschlüssen des Abgeordvetenhauses an. In der Generaldebatte zu dem ersteren Gesetz prote« flirten die Polen v. Koscielski und v. Toltowski gegen das Gesetz, welches die kommenden Gene­rationen schädigen und eine verhängnißoolle Wir­kung auf die ganze Monarchie äußern werde. Die Herren v. Kleist-Retzow, Frhr. v. Mirbach, sowie der Referent v. Maltzahn und der Cultus- Minister v. Goßler traten für die Vorlage ein. Ein Antrag des Grafen v. d. Gröben-Neudörfchen aus Uebernahme der den ländlichen Schulpatronen obliegenden Lasten auf den «Staat wurde zurück­gezogen. — Morgen: Kreis- und Provinzialord­nung für Westfalen, Antrag Kropatscheck.

* Se. Excellenz der General der Kavallerie, Freiher von Schlotheim, kommandirender General des XI. Armee-Corps, ist von Cafl.l hier eingetroffen.

• In Posen ist heute die Inthronisation >es Erzbischofs Dinder in glänzender Weise »er« auf en. Der Feier wohnten ca. 300 Geistliche, Mitglieder der polnischen Aristokratie und etwa 10,000 Gläubige bei.

Sein scharfer Verstand hatte trotz seiner Jugend ialb das Lächerliche herausgefunden, das in der Existenz der kleinen Fiustknthümer liegt, an deren Höfen Formen und Eiiquetten ffo sirrflg gehandhabt werden, als gelte es, dadurch die fehlende Macht« lellung zu ersetzen.

Der junge Fürst erblickte daher in seiner Stel« lung keinen Vorzug vor seinen Kameraden, denen er sich in jeder Beziehung vollständig gleich stellte. Er nahm Theil an ihren Streichen wie an ihren Vergnügen und war daher auch bei einer großen Eisparthie gegenwärtig, welche im Laufe des Wintersemesters von verschiedenen Studentenver« bindungen veranstaltet wurde, bei denen sich auch diejenige befand, welcher Walter Erkens angehörte.

Dieser achtete im Elfer des Laufens nicht auf die Grenze, welche die sichere Eisbahn abschloß, schoß darüber hinaus und brach an einer beson­ders gefährlichen Stelle durch das hier nicht mehr feste Eis, unter dem er sofort verschwand.

Dieses sehen, und dem Verunglückten nachstürzen, war für den jungen Fürsten, der sich in der Nähe befand, das Werk eines Augenblickes. — Nach unsäglicher Anstrengung und nicht ohne eigene Lebensgefahr gelang es ihm, den Försterssohn zu retten, der, momentan betäubt vvn der Gewalt des Sturzes, ohne Edgars muthige That, unfehl- bar ertrunken wäre.